Von der lautesten Jukebox El Centros über Gottes buntesten Berg bis zu Leitern mitten im Nirgendwo
Der Jetlag hatte offenbar beschlossen, uns am ersten Morgen gleich einmal zu zeigen, wer in diesem Urlaub das Sagen hatte. Entsprechend waren wir zu einer Uhrzeit wach, zu der vernünftige Menschen noch nicht einmal darüber nachdenken, ob sie schon wach sein könnten. Vor allem ich hatte allerdings ein Problem, das sämtliche Diskussionen über Schlafrhythmus zuverlässig beendete: Hunger. Und zwar richtigen Hunger. Also saßen wir bereits um halb sechs im Auto und fuhren durch El Centro zu Denny’s.
Die Stadt lag noch komplett im Tiefschlaf, die Straßen waren leer und selbst die Ampeln wirkten, als würden sie nur aus Pflichtgefühl ihren Dienst verrichten. Im Restaurant sah es ähnlich aus. Außer uns war niemand da, womit wir vermutlich Anspruch auf den Titel „Frühstücksgäste des Monats“ hatten. Entsprechend schnell stand das Essen auf dem Tisch: für Stefan ein Santa Fe Skillet, für mich French Toast. Genau die Art Frühstück, bei der man spätestens nach dem ersten Bissen wieder weiß, warum man in Amerika ist. Kaffee, Eier, Speck, Kartoffeln, süßes Brot – kalorisch betrachtet hatten wir damit vermutlich schon vor sechs Uhr morgens einen kompletten Wandertag finanziert.
Während Stefan anschließend bezahlte, entdeckte ich im Eingangsbereich eine wunderschöne alte Wurlitzer. Und bei einer Jukebox kann ich natürlich nicht einfach vorbeigehen. Ich blätterte durch die Titel, fand Journey mit „Don’t Stop Believin’“ und dachte mir, dass dies doch eine ausgesprochen passende musikalische Untermalung für den ersten richtigen Urlaubstag wäre. Also Nummer und Buchstaben gedrückt, erwartungsvoll gewartet – und wenige Sekunden später festgestellt, dass diese Wurlitzer offenbar nicht dafür gebaut worden war, ein Restaurant dezent zu beschallen.
Das Ding brüllte los, als sollte nicht nur Denny’s, sondern gleich der gesamte Imperial County geweckt werden. Zu allem Überfluss gehörte das Restaurant direkt zu einem Hotel. Ich sah innerlich bereits Menschen in angrenzenden Zimmern senkrecht im Bett sitzen und sich fragen, warum Journey um sechs Uhr morgens persönlich in El Centro aufgetaucht war. Wir beschlossen deshalb, dass dies ein hervorragender Zeitpunkt zur Flucht sei. Noch auf dem Parkplatz hörten wir die Musik durchs Gebäude dröhnen. Unser Urlaub hatte also kaum begonnen und ich hatte bereits erfolgreich einen Hotelkomplex beschallt. „…strangers waiting / up and down the boulevard….. don’t stop beliving…“ Läuft.

Unser eigentliches Ziel für heute waren zwei Canyons, doch vorher wollte ich unbedingt zum Salvation Mountain. Er lag zwar nicht ganz exakt auf dem Weg, aber bei uns sind solche Begriffe ohnehin dehnbar. „Fast auf dem Weg“ kann je nach Attraktivität eines Ziels durchaus bedeuten, dass man dafür eine halbe Stunde in die falsche Richtung fährt. Und der Salvation Mountain gehörte definitiv in die Kategorie „Das müssen wir uns ansehen“.
Schon von weitem war klar, dass hier jemand den Begriff dezente Farbgestaltung sehr großzügig ausgelegt hatte. Leonard Knight hatte diesen künstlichen Berg aus Lehm, Stroh und Unmengen Farbe geschaffen, um seine Botschaft „God is Love“ in die Welt zu tragen – und falls irgendjemand diese Botschaft übersehen sollte, lag es jedenfalls nicht an mangelnder optischer Unterstützung. Der Berg leuchtete in Rot, Blau, Gelb, Grün, Rosa und allem dazwischen, übersät mit Herzen, Bibelsprüchen, Blumen und riesigen Schriftzügen. Das Ganze sah aus, als hätte eine Walmart-Geburtstagstorte bei vierzig Grad Außentemperatur aufgegeben und sei anschließend in der Wüste zerlaufen.
Natürlich mussten wir hinauf. Über die gelbe Linie, die sich als „Yellow Brick Road“ über den Berg schlängelte, liefen wir Richtung Gipfelkreuz, während ich nicht wusste, wohin ich zuerst fotografieren sollte. Überall gab es irgendetwas noch Absurderes zu entdecken. Rund um den Berg standen bunt bemalte Autos, Lastwagen und andere Fahrzeuge, die offenbar ebenfalls beschlossen hatten, ihr früheres Dasein in nüchternen Serienfarben hinter sich zu lassen.
Rechts neben dem eigentlichen Berg ging es dann in eine Art künstliches Höhlenlabyrinth hinein, und dort wurde es endgültig surreal. Äste, Baumstämme, Autotüren und weiß der Himmel was noch waren eingearbeitet, überzogen, bemalt und zu einer Landschaft zusammengefügt, bei der Salvador Dalí vermutlich anerkennend genickt hätte. Ich konnte mich kaum entscheiden, ob ich das Ganze faszinierend, völlig verrückt oder einfach großartig finden sollte. Wahrscheinlich alles gleichzeitig. Der Salvation Mountain war definitiv einer der schrägsten Orte, die wir bisher gesehen hatten – und genau deshalb liebte ich ihn.

Nachdem wir uns an Farben sattgesehen hatten, fuhren wir weiter Richtung Norden am Salton Sea entlang. Der Kontrast hätte kaum größer sein können. Eben noch standen wir vor einem Berg, der aussah, als hätte jemand einen Farbkasten gesprengt, jetzt lag vor uns dieses riesige, ruhige Wasser unter einem strahlend blauen Himmel. Immer wieder hielten wir am Ufer an, weil überall Vögel unterwegs waren. Pelikane glitten übers Wasser, ganze Schwärme zogen durch den Himmel, und natürlich musste ich jedes Mal die Kamera auspacken.
Man könnte meinen, dass ein Pelikan nach dem fünften Foto immer noch genauso aussieht wie beim ersten. Das ist grundsätzlich richtig. Es hindert mich nur nicht daran, trotzdem noch zwanzig weitere Aufnahmen zu machen. Das Wetter war fantastisch, die Sicht klar und der See wirkte in diesem Licht fast idyllisch. Wer nur die Bilder gesehen hätte, wäre vermutlich niemals auf die Idee gekommen, dass wir eigentlich auf dem Weg zu einer Wanderung durch staubige Wüstencanyons waren.
Wir folgten dem Highway 111, bogen kurz vor Mecca auf die 66th Avenue ab und gelangten schließlich auf die Box Canyon Road. Fünf Meilen später endete der Asphalt und vor uns lag die Painted Canyon Road. Eine breite Schotterpiste führte immer tiefer zwischen die Mecca Hills hinein, und schon die Anfahrt war spektakulär. Rechts und links erhoben sich kahle, zerfurchte Hügel, deren Farben irgendwo zwischen Beige, Grau, Orange und einem leicht schmutzigen Rosa wechselten.
Die Landschaft wurde mit jeder Meile enger und gleichzeitig wilder. Unser Dodge meisterte die unbefestigte Straße problemlos, und irgendwann standen wir gegen neun Uhr am Parkplatz des Painted Canyon. Dass der hier verlaufende Weg auch Ladder Canyon genannt wird, hatte einen ziemlich einfachen Grund: Im Canyon stehen Leitern. Nicht metaphorisch. Richtige Leitern. Spätestens damit war klar, dass dies keine dieser Wanderungen werden würde, bei denen man entspannt mit den Händen in den Taschen über einen breiten Weg spaziert.
Vom Parkplatz aus liefen wir zunächst durch ein trockenes, breites Flussbett. Einen klassischen Trailhead mit hübschem Schild, Karte und Pfeil suchte man hier vergeblich. Stattdessen lag irgendwann ein riesiger, aus Steinen geformter Pfeil auf dem Boden und zeigte auf etwas, das beim besten Willen nicht wie ein Wanderweg aussah. Zwischen gewaltigen Felsbrocken öffnete sich eine enge Spalte. Offenbar sollten wir da hinein. Natürlich gingen wir da hinein. Schließlich waren wir nicht bis hierher gefahren, um vor einem Loch im Felsen plötzlich Vernunft zu entwickeln.
Zunächst mussten wir uns zwischen haushohen Steinblöcken hindurcharbeiten, über Geröll steigen und uns durch schmale Durchgänge zwängen. Dann wurde die Schlucht immer enger und plötzlich standen die Canyonwände hoch über uns. Teilweise war der Durchgang nicht einmal einen Meter breit, an anderen Stellen mussten wir uns ducken oder seitlich durchschieben. Genau mein Geschmack. Das hatte etwas von Abenteuerfilm, nur ohne Stuntdouble und ohne jemanden, der vorher überprüft hatte, ob das alles eine gute Idee war.
Wenig später tauchte tatsächlich die erste Leiter auf. Sie lehnte zwischen den Felsen und führte hinauf in den nächsten Abschnitt des Slot Canyons. Wir kletterten hoch und folgten weiter dem schmalen Verlauf, während sich hinter jeder Biegung neue Formen auftaten. Wind und Wasser hatten die Wände über Jahrtausende ausgewaschen, rundgeschliffen und teilweise so eng zusammengedrückt, dass man unweigerlich den Bauch einzog – völlig unabhängig davon, ob das überhaupt nötig war. Dann kam die nächste Leiter. Und noch eine. Drei waren es sicher. Vielleicht vier. Irgendwann hört man bei solchen Touren auf zu zählen und konzentriert sich lieber darauf, oben anzukommen, ohne dabei rückwärts wieder herunterzufahren.
Von den Leitern aus ergaben sich jedenfalls fantastische Perspektiven auf den Canyon. Unten nur ein schmaler Streifen Boden, links und rechts die hohen Felswände und darüber dieses intensive Blau des kalifornischen Himmels. Ich war begeistert und entsprechend häufig blieb Stefan irgendwo stehen, weil ich schon wieder „Warte mal kurz!“ rief und fotografieren musste.
Irgendwann teilte sich der Weg. Wir überlegten kurz, entschieden uns und nahmen selbstverständlich die falsche Richtung. Das gehört bei uns offenbar zu einer gelungenen Wanderung dazu. Ein richtiger Weg wäre schließlich viel zu einfach. Erst nach einer Weile merkten wir, dass wir nicht mehr durch den Canyon liefen, sondern plötzlich oben auf den Hügeln standen. Das war zwar geographisch nicht exakt das gewesen, was wir geplant hatten, landschaftlich allerdings überhaupt kein Problem. Von hier oben hatten wir einen herrlichen Blick über die zerklüfteten Mecca Hills, hinüber zum Salton Sea und bis zu den San Jacinto Mountains. Unter uns lag der Big Painted Canyon wie eine riesige zerfurchte Schneise in der Wüste. Wenn man sich schon verläuft, dann bitte wenigstens mit Aussicht.
Zurückgehen wollten wir trotzdem nicht. Das wäre ja langweilig gewesen. Also holten wir das iPhone heraus, bemühten unsere GPS-App und stellten fest, dass der eigentliche Trail irgendwo unter uns verlaufen musste. Die logische Konsequenz lautete daher: Wir klettern einfach wieder runter. Dass „einfach“ bei einer zerklüfteten Wüstenlandschaft ein relativ optimistisches Wort ist, merkten wir unterwegs, aber irgendwann landeten wir tatsächlich wieder im Canyon und fanden den richtigen Weg. Moderne Navigation trifft auf Steinzeitlandschaft – irgendwie funktionierte es. Kurz darauf weitete sich die Schlucht wieder zu einem breiten Wash, und dort fanden wir einen perfekten Platz für unser kleines Picknick. Nach der Kletterei schmeckte ohnehin alles gut, selbst wenn man es vermutlich unter normalen Umständen als „Proviant aus dem Walmart“ bezeichnet hätte.
Danach ging es weiter durch den Canyon, wobei sich die Farben der Felsen deutlich veränderten. Das Beige und Rot wich immer mehr grauen und bläulichen Tönen, und vor uns erschienen erneut Leitern – diesmal ging es allerdings hinunter. Teilweise ziemlich steil. Wir kletterten von Absatz zu Absatz, zwängten uns durch weitere Engstellen und landeten schließlich wieder im großen Wash. Von dort führte der Weg zurück Richtung Parkplatz. Als wir noch einmal an jener unscheinbaren Felsspalte vorbeikamen, durch die wir am Morgen in den Canyon verschwunden waren, konnte ich kaum glauben, dass sich hinter diesem kleinen Eingang ein derartiges Labyrinth versteckte. Nach dreieinhalb Stunden und rund 9,5 Kilometern standen wir wieder am Auto. Staubig, zufrieden und mit einer Speicherkarte, die vermutlich unter akuter Überarbeitung litt.
Damit hätte ein normaler Mensch für diesen Tag vermutlich genug Canyon gehabt. Wir nicht.

Also weiter zum Anza-Borrego Desert State Park, denn dort wartete noch ein zweiter Slot Canyon auf uns. Die Zufahrt erfolgte vom Highway 78 über eine kleine Schotterpiste beim Buttes Pass. Auch hier gab es keinen großen Parkplatz mit Besucherzentrum und Wegweiserparade. Man fuhr einfach über die Piste, stellte irgendwann das Auto ab und suchte sich einen geeigneten Abstieg in die Landschaft. Das war alles etwas improvisierter als in einem klassischen Nationalpark – und genau das machte den Reiz aus. Unser Dodge war für die Strecke ohnehin mehr als ausreichend. Wahrscheinlich hätte es ein normaler Pkw ebenfalls geschafft, solange dessen Fahrer nicht glaubte, eine Schotterstraße müsse zwingend mit Rallyetempo bewältigt werden.
Der Borrego Slot war deutlich kürzer als unser Abenteuer am Vormittag, dafür aber noch enger. Die hellen Felswände rückten stellenweise so dicht zusammen, dass man beinahe beide gleichzeitig berühren konnte. Der Canyon wand sich in engen Kurven durch die trockene Landschaft, und immer wieder öffneten sich kleine Kammern, nur um wenige Meter später erneut zu einem schmalen Spalt zusammenzulaufen. Das Highlight war ein natürlicher Felsbogen, der sich über eine besonders enge Stelle spannte. Hier konnte man wunderbar sehen, was Wasser aus einer scheinbar massiven Landschaft machen kann, wenn man ihm nur genügend Zeit gibt. Der ganze Spaziergang hatte etwas von einem natürlichen Irrgarten – nur dass niemand Eintritt verlangte und die Kulisse deutlich besser war.

Nach einer Weile weitete und verzweigte sich der Canyon, und wir kehrten auf demselben Weg zurück. Unterhalb des Parkplatzes liefen wir noch ein Stück in die andere Richtung, weil man, wenn man schon einmal dort ist, selbstverständlich auch noch nachsehen muss, was hinter der nächsten Kurve liegt. Insgesamt waren wir etwa eine Stunde unterwegs und kamen auf gut 2,6 Kilometer. Verglichen mit den spektakulären, farbintensiven Slot Canyons in Utah war dieser hier vielleicht nicht ganz so dramatisch, aber nach dem Ladder Canyon am Vormittag war er ein wunderschöner Abschluss unseres Wüstentages. Vor allem hatte ich inzwischen genug Felsstaub an Schuhen und Kleidung, um zuhause vermutlich ein kleines Stück Kalifornien aus dem Koffer schütteln zu können.

Die Sonne stand inzwischen deutlich tiefer, also machten wir uns auf den Rückweg nach El Centro. Dass wir dort gleich zwei Nächte eingeplant hatten, war übrigens durchaus Absicht. Von Los Angeles aus waren wir am Vortag praktisch schon an einigen unserer heutigen Ziele vorbeigefahren, aber anschließend sollte es weiter nach Phoenix gehen, und von El Centro aus waren wir dafür schon wieder ein Stück näher dran. Außerdem kosteten die Hotels hier deutlich weniger als in Palm Springs oder Indio. Manchmal besteht ausgeklügelte Reiseplanung eben darin, ein bisschen hin und her zu fahren und sich anschließend einzureden, dass dies logistisch höchst raffiniert war.
Zum Abendessen probierten wir zum ersten Mal Sizzler aus. Die Restaurantkette war für uns Neuland, was selbstverständlich untersucht werden musste. Stefan nahm einen Burger, ich blieb nach knapp zehn Kilometern Canyon und diversen Leitern lieber bei der bewährten Methode Steak. Nach einem Tag zwischen Jukebox-Terror, Salvation Mountain, Pelikanen, Schotterpisten, Leitern, falschen Abzweigungen und zwei Slot Canyons schmeckte ohnehin alles hervorragend. Unser erstes Urteil über Sizzler fiel jedenfalls positiv aus: gar nicht schlecht.
Und damit endete endlich der erste richtige Urlaubstag. Morgens um sechs hatte ich noch versehentlich ein halbes Hotel mit Journey geweckt, einige Stunden später standen wir auf einem quietschbunten Berg der Liebe, verliefen uns anschließend irgendwo über einem Canyon und kletterten zum Abschluss durch Felsspalten in der Wüste. Genau deshalb liebe ich Roadtrips. Man weiß morgens nie so genau, was man abends zu erzählen hat.



















































