Vom Sand festgehalten, von Kakteen umzingelt und vom Sonnenuntergang belohnt
Wir sind immer noch fest im Jetlag-Modus und damit zu einer Uhrzeit wach, zu der vernünftige Menschen höchstens einmal kurz die Bettdecke neu sortieren. Das Frühstück im Hotel kann uns allerdings nicht dazu bewegen, länger zu bleiben, und so landen wir erneut bei Denny’s. Wenn man schon morgens zu nachtschlafender Zeit Hunger hat, dann wenigstens dort, wo Kaffee in Kannen serviert wird und niemand irritiert schaut, wenn man vor Sonnenaufgang eine Mahlzeit bestellt, die kalorientechnisch auch problemlos als Mittagessen durchgehen würde. Danach steht ein vermeintlich entspannter Tag vor uns. Ein reiner Fahrtag, wie ich damals völlig arglos in meine Planung geschrieben habe. Wir wollen von El Centro nach Phoenix, ein paar hundert Kilometer Richtung Osten, unterwegs vielleicht hier und da anhalten und ansonsten einfach Strecke machen. Eine jener Formulierungen, die bei uns ungefähr dieselbe Verlässlichkeit besitzen wie „Wir schauen nur mal kurz“.
Der Himmel über Südkalifornien zeigt sich zunächst wenig begeistert von unserem Vorhaben. Es ist grau, zwischendurch fallen sogar ein paar Regentropfen, und nach den letzten Tagen unter kalifornischer Sonne empfinde ich das beinahe als persönliche Unverschämtheit. Doch schon nach ungefähr einer halben Stunde Fahrt auf dem Highway 78 wartet der erste Zwischenstopp: die Imperial Sand Dunes. Über rund 70 Kilometer zieht sich hier ein gewaltiges Dünengebiet durch den Süden Kaliforniens, stellenweise etwa zehn Kilometer breit und nur einen Katzensprung von der mexikanischen Grenze entfernt. Vor uns liegt plötzlich eine Landschaft, die aussieht, als hätte jemand versehentlich ein Stück Sahara zwischen zwei amerikanische Highways gekippt. Sand, so weit man schauen kann, Wellen und Kämme bis zum Horizont – und mittendrin eine Straße zum Hugh T. Osborne Lookout.
Auf dieser Straße liegt allerdings eine kleine Sandverwehung. Nichts Dramatisches. Zumindest aus meiner Sicht. Ich stehe draußen, schaue mir das Ganze an und denke noch, dass wir den Dodge einfach davor stehen lassen und die paar Meter zum Aussichtspunkt laufen könnten. Das wäre vernünftig gewesen. Aber während ich diesen ausgesprochen erwachsenen Gedanken noch zu Ende denke, sitzt Stefan bereits hinterm Steuer und fährt hinein. Nicht daran vorbei. Nicht davor. Hinein. Wenige Sekunden später drehen die Räder durch und unser SUV sitzt im Sand. Großartig. Noch nicht einmal richtig in Arizona angekommen und wir haben bereits unser erstes kleines Offroad-Abenteuer auf einer befestigten Zufahrt zustande gebracht.
Also wird gebuddelt. Sand unter den Reifen weg, ein bisschen Platz geschaffen, vorsichtig rückwärts – und tatsächlich kommt der Dodge wieder frei. Damit wäre die Sache für mich erledigt gewesen. Ich stehe noch am Straßenrand und gehe selbstverständlich davon aus, dass Stefan nun rechts ranfährt, wir parken und laufen. Stattdessen sehe ich, wie er zurücksetzt. Weiter zurücksetzt. Und mir dämmert langsam, dass mein Mann aus dieser Situation offenbar eine vollkommen andere Lehre gezogen hat als ich. Er nimmt Anlauf. Wenn man beim ersten Versuch im Sand stecken bleibt, muss man schließlich nicht etwa aufgeben – man war offensichtlich einfach nur zu langsam. Mit Schwung geht es ein zweites Mal auf die Düne zu, der Dodge pflügt durch den Sand und diesmal tatsächlich darüber hinweg. Oben angekommen steht er da, als wäre genau das von Anfang an der Plan gewesen.
Vom Aussichtspunkt schweift der Blick über ein scheinbar endloses Meer aus Dünen. Der graue Himmel nimmt der Landschaft zwar ein bisschen von ihrer üblichen Wüstenpostkarten-Optik, dafür wirkt alles fast noch unwirklicher. Wir sind früh dran und haben den Platz zunächst praktisch für uns allein. Erst als wir langsam wieder zum Auto zurückgehen, tauchen die ersten Quads und Geländefahrzeuge auf. Die zahllosen Reifenspuren verraten ohnehin, dass die Imperial Sand Dunes für viele Amerikaner weniger stilles Naturerlebnis als gigantischer Motorsport-Spielplatz sind. Hier wird nicht ehrfürchtig auf eine Düne geschaut – hier fährt man darüber. Möglichst schnell und möglichst mit einem Motor, den man vermutlich noch in Mexiko hören kann. Nach Stefans kleiner Demonstration können wir uns allerdings nur eingeschränkt moralisch davon distanzieren.
Wir fahren weiter Richtung Osten, und während die Meilen unter uns verschwinden, verändert sich langsam die Landschaft. Die Wolken bleiben uns zwar noch eine Weile erhalten, aber wenigstens hört der Regen auf. Gegen Mittag erreichen wir das Sonoran Desert National Monument – und plötzlich stehen sie da: die ersten riesigen Saguaros. Genau diese Kakteen, die aussehen, als hätten sie ihr ganzes Leben darauf gewartet, in einem Western aufzutauchen. Manche stehen kerzengerade in der Landschaft, andere haben ihre Arme in alle möglichen Richtungen gestreckt und wirken, als würden sie entweder den Verkehr regeln oder gleich anfangen, mit uns zu diskutieren. Bis zu zehn Meter können diese gewaltigen Pflanzen hoch werden und weit über hundert Jahre alt – einige sogar um die zweihundert. Wenn man direkt danebensteht, bekommt man erst ein Gefühl dafür, was das bedeutet. Stefan sieht auf meinen Fotos neben manchen Exemplaren jedenfalls eher aus wie das mitgelieferte Zubehör.

Und dann kommt endlich der blaue Himmel zurück. Zwischen den weißen Wolken leuchtet dieses kräftige Arizona-Blau, die Saguaros stehen auf beiden Seiten des Highways in der Landschaft und aus unserem geplanten „wir fahren jetzt nach Phoenix“ wird zwangsläufig ein „halt mal kurz hier“. Und noch einmal. Und dort vorne auch. Die Strecke durch die Sonora-Wüste ist einfach zu schön, um sie nur durch die Windschutzscheibe anzusehen. Also stehen wir immer wieder am Straßenrand, steigen aus, fotografieren Kakteen, fahren ein Stück weiter und entdecken selbstverständlich einen noch schöneren Kaktus. Irgendwann dürfte unsere Speicherkarte mehr Saguaros enthalten als Arizona selbst.
Phoenix ist anschließend eigentlich nur eine Zwischenstation. Ein großes Sightseeing-Programm haben wir für die Stadt nicht vorgesehen, aber am Hard Rock Cafe müssen wir natürlich vorbei. Ein kurzer Abstecher nach Downtown, einmal hinein, die übliche Beute sichern, ein paar Fotos – und weiter geht es nach Mesa. Auch Superstition Harley-Davidson wird noch pflichtbewusst um ein paar T-Shirts erleichtert, bevor wir schließlich im Best Western einchecken. Mesa ist für uns vor allem deshalb interessant, weil hier praktisch der nächste Teil unserer Route beginnt: Morgen wollen wir über den Apache Trail weiter Richtung Flagstaff fahren. Für heute Nachmittag habe ich allerdings noch zwei Punkte auf dem Programm, die auf dem Papier hervorragend klingen: Goldfield Ghost Town und anschließend der Lost Dutchman State Park.
Von unserem Hotel sind es nur etwa dreißig Minuten bis Goldfield. Ich freue mich auf eine alte Ghost Town, vielleicht ein bisschen in Richtung Rhyolite im Death Valley: verlassene Gebäude, staubige Straßen, morbider Wildwest-Charme, möglichst wenige Menschen und genügend Gelegenheit, sich vorzustellen, wie es hier einmal ausgesehen haben könnte.
Wir kommen an – und ich brauche ungefähr drei Sekunden, um zu erkennen, dass meine Vorstellung und die Realität nur sehr entfernt miteinander verwandt sind. Menschenmassen schieben sich zwischen den Gebäuden hindurch, überall ist Betrieb, und über den Köpfen schweben Kinder an irgendeiner Art Seilbahn durch die Gegend. Ich schaue Stefan an. Stefan schaut mich an. Ghost Town? Das hier hat eher etwas von Disneyland mit Staub.
Wir steigen gar nicht erst richtig aus. Offenbar hätte ich mich vorher ein kleines bisschen genauer informieren können, aber man kann schließlich nicht jeden Fehler schon zu Hause machen. Manche muss man sich für den Urlaub aufheben. Also drehen wir auf dem Parkplatz wieder um und fahren weiter zum Lost Dutchman State Park. Und spätestens dort ist Goldfield ohnehin vergessen.
Schon bei der Anfahrt erheben sich die Superstition Mountains vor uns, und über ihnen hängt eine Wolkendecke, die aussieht, als würde gleich der Showdown eines Westerns beginnen. Normalerweise bin ich bei Landschaftsfotos eine überzeugte Anhängerin der Fraktion „blauer Himmel mit hübschen weißen Wölkchen“. Heute allerdings darf das Wetter ausdrücklich dramatisch sein. Die dunklen Wolken über den schroffen Felsen, dazwischen immer wieder helle Stellen, durch die die Sonne auf die Wüste fällt, und davor die Saguaros – das sieht schlicht fantastisch aus.
Wir parken und laufen auf dem Prospector’s View Trail, der später auf den Jacob’s Crosscut Trail trifft. Um uns herum stehen Saguaros, Chollas und niedrige Wüstenbüsche, dahinter ragen die gezackten Felsen der Superstition Mountains auf. Die Wolkendecke verändert sich ständig. Gerade liegt die Landschaft noch im Schatten, wenige Minuten später bricht irgendwo die Sonne durch und beleuchtet einen Berghang, als hätte jemand dort oben einen riesigen Scheinwerfer eingeschaltet. Genau dieses Licht macht die Gegend heute so besonders. Die Wüste leuchtet plötzlich goldgrün, während darüber dunkle Wolken hängen, und jedes Mal denke ich, jetzt müsse ich unbedingt noch ein Foto machen. Natürlich bleibt es nicht bei einem.
Dabei lerne ich auch wieder eine wichtige Wüstenregel: Kakteen sehen aus der Entfernung deutlich freundlicher aus als aus der Nähe. Auf einem der Fotos stehe ich neben einem kleinen kugeligen Exemplar – einem „Schwiegermutter-Sessel“ und halte aber vorsichtshalber Abstand. Eine durchaus vernünftige Entscheidung, denn diese Pflanzen haben offensichtlich über Jahrtausende ein sehr effizientes Konzept entwickelt, um Touristen vom Anfassen abzuhalten. Hübsch aussehen dürfen sie. Kuscheln ist nicht vorgesehen.

Wir laufen noch eine ganze Weile durch den Park und suchen uns schließlich einen schönen Platz mit freiem Blick nach Westen. Jetzt heißt es warten. Die Sonne sinkt langsam tiefer, und die Wolken, über die ich morgens noch gemeckert habe, übernehmen plötzlich die Hauptrolle. Erst färbt sich der Himmel zaghaft, dann ziehen dunkle Wolkenbänder über den Horizont, dazwischen glüht es orange und gold. Vor diesem Himmel stehen die Saguaros nur noch als schwarze Silhouetten – diese unverwechselbaren riesigen Kakteen mit ihren hochgereckten Armen, bei denen man sofort weiß: Arizona.
Und dann legt der Himmel richtig los. Innerhalb weniger Minuten verändert sich das Licht immer wieder. Mal verschwindet die Sonne fast vollständig hinter den Wolken, dann bricht sie noch einmal hervor und taucht den Horizont in Gold. Ich fotografiere selbstverständlich alles. Einen Saguaro vor Sonnenuntergang. Denselben Saguaro drei Minuten später. Noch einmal mit etwas mehr Orange. Dann mit dunklerer Wolke. Und selbstverständlich noch einen, falls sich der Himmel in den vergangenen 40 Sekunden entscheidend verändert haben sollte. Digitalkameras waren für Menschen wie mich vermutlich eine wirtschaftlich katastrophale Erfindung für die Fotoindustrie, für meine Speicherkarte allerdings eine Vollzeitbeschäftigung.
Als wir schließlich zurück zum Auto gehen, ist es fast dunkel und dieser vermeintliche Fahrtag hat sich als erstaunlich ereignisreich herausgestellt. Wir haben morgens einen SUV in einer Sanddüne versenkt und wieder herausbekommen, uns durch die Sonora-Wüste fotografiert, Phoenix zumindest kurz besucht, eine Ghost Town wegen zu viel Leben verschmäht und den Abend zwischen Saguaros und Superstition Mountains verbracht. Bleibt eigentlich nur noch eine angemessene Form des Tagesabschlusses.
Zum Glück liegt das Texas Roadhouse gerade einmal zwei Meilen entfernt.
Und wenn nach Sandbuddeln, mehreren hundert Kilometern Autofahrt und einer Wanderung durch die Wüste ein Ribeye vor einem steht, gibt es wirklich keinen vernünftigen Grund mehr, diesen Tag noch komplizierter zu machen.































