Denali im Tiefschnee, der Magic Bus und eine Aurora, die offenbar frei hatte
Unsere letzte Nacht in Fairbanks hatte sich in Sachen Nordlichter als ausgesprochen unkooperativ erwiesen. Dabei hatten wir eigentlich alles richtig gemacht: Alaska, Ende September, weit im Norden – mehr Bewerbungsschreiben kann man einer Aurora kaum zukommen lassen. Nur der Himmel hatte offenbar andere Pläne. Also wachten wir am nächsten Morgen ohne spektakuläre Fotos grüner Lichtschleier auf, dafür aber mit einem Wetter, das beinahe unverschämt schön war. Strahlend blauer Himmel, Sonne und dieser trockene, glitzernde Schnee, der unter solchen Bedingungen nicht einfach nur weiß aussieht, sondern als hätte jemand über Nacht Millionen winziger Kristalle ausgestreut. Dazu Temperaturen, bei denen man ziemlich schnell merkt, dass Sonnenschein und Wärme zwei völlig voneinander unabhängige Dinge sein können.
Nach dem Frühstück verstauten wir unser Gepäck im Auto und wollten eigentlich Richtung Süden. Unser Tagesziel war Healy am Denali National Park, und nach unserem Ausflug zum Arctic Circle stand heute der nächste große Alaska-Punkt auf dem Programm. Eigentlich. Denn bevor Stefan den Wagen endgültig Richtung Parks Highway drehen konnte, fiel mir ein, dass wir unmöglich Alaska verlassen konnten, ohne North Pole noch einmal bei diesem Wetter gesehen zu haben. Wir waren zwar schon dort gewesen, aber nun standen Sonne, Schnee und blauer Himmel zur Verfügung – und wer mich kennt, weiß, dass damit jede vernünftige Routenplanung augenblicklich ihre Gültigkeit verliert. Stefan durfte also zunächst in die falsche Richtung fahren. Nur ein kleiner Umweg. Natürlich.

North Pole sah an diesem Morgen tatsächlich aus, als hätte jemand beschlossen, Weihnachten nicht als Jahreszeit, sondern als kommunales Gesamtkonzept zu betreiben. Überall Rot und Weiß, Zuckerstangen in der Größe von Straßenlaternen und mitten im Schnee das Santa Claus House, vor dem ein gigantischer Weihnachtsmann stand und über die Landschaft wachte. Das Ganze war dermaßen amerikanisch überdimensioniert, dass ein deutscher Weihnachtsmarkt daneben vermutlich wie eine zurückhaltende Informationsveranstaltung gewirkt hätte. Selbst die Straßenlaternen machten auf Zuckerstange. Wenn irgendwo auf dieser Welt ein Rentierschlitten eine offizielle Meldeadresse haben musste, dann hier.
Also fotografierte ich. Natürlich nicht nur einmal. Der riesige Santa musste aus verschiedenen Perspektiven festgehalten werden, ebenso das Santa Claus House, die verschneiten Straßen und alles, was auch nur entfernt nach Nordpol aussah. Irgendwann hatten wir vermutlich genügend Beweismaterial gesammelt, um zweifelsfrei nachweisen zu können, dass wir tatsächlich in North Pole gewesen waren, und Stefan durfte den Wagen endlich in die ursprünglich vorgesehene Himmelsrichtung drehen. Wir hatten dadurch zwar ein wenig Zeit verloren, aber solche Details werden bei unserer Reiseplanung traditionell erst dann relevant, wenn sie anfangen, Probleme zu verursachen.
Nun ging es auf dem Parks Highway nach Süden, und spätestens hier war jeder Gedanke daran verschwunden, dass ein Fahrtag lediglich dazu dient, von A nach B zu kommen. Vor uns lag eine fast leere Straße, daneben tief verschneite Wälder, gefrorene Seen und Berge, über denen dieser unglaublich klare blaue Himmel hing. Immer wieder kamen uns Schneepflüge entgegen oder standen Fahrzeuge am Straßenrand, die unter solchen Schneemengen begraben waren, dass man sich fragte, ob sie dort seit gestern oder seit 1987 parkten.
Alaska hatte innerhalb weniger Tage komplett die Jahreszeit gewechselt. Noch kurz zuvor hatten wir Herbstfarben gesehen, jetzt fuhren wir durch eine Landschaft, die aussah, als hätte jemand über Nacht den Winterregler bis zum Anschlag gedreht. Und genau darin lag das Problem: Ich hätte am liebsten alle fünf Minuten angehalten.
Nur hatten wir uns mit unserem morgendlichen North-Pole-Abstecher bereits erfolgreich selbst unter Zeitdruck gesetzt. Denali wartete, wir wollten möglichst früh dort sein und deshalb galt nun ausnahmsweise die völlig ungewohnte Devise: fahren statt fotografieren. Ich saß also neben Stefan, betrachtete eine Postkartenlandschaft nach der anderen und musste mich damit abfinden, dass nicht jede davon sofort dokumentiert werden konnte. Eine erstaunlich harte Prüfung.
Irgendwann meldete sich allerdings eine Instanz zu Wort, gegen die selbst Denali keine Chance hatte: mein Hunger. Gegen halb zwölf tauchte am Highway die Clear Sky Lodge auf. Ein ziemlich unscheinbares Gebäude irgendwo zwischen Fairbanks und Nenana, bei dem man im Vorbeifahren vermutlich nicht automatisch denkt: Dort wartet gleich ein kulinarisches Ereignis. Aber genau solche Läden hatten wir in Amerika längst schätzen gelernt. Je weniger sich ein Restaurant darum bemüht, von außen wie ein Restaurant auszusehen, desto größer ist manchmal die Wahrscheinlichkeit, dass drinnen jemand steht, der verdammt gut kochen kann.
Schon auf dem Weg in den Gastraum mussten wir direkt am offenen Grill vorbei, und damit war jede weitere Diskussion erledigt. Dort brutzelte Fleisch, es roch nach Rauch, BBQ und allem, was einen Menschen innerhalb weniger Sekunden sämtliche guten Vorsätze vergessen lässt. Die Einrichtung passte perfekt dazu: viel Holz, ein bisschen zusammengewürfelt, ein paar Schilder an den Wänden und diese herrlich unkomplizierte Atmosphäre amerikanischer Roadhouses, in denen niemand erwartet, dass das Besteck geometrisch korrekt neben dem Teller liegt.
Wir bestellten Chicken Wings. Und die waren sensationell. Knusprig, würzig, saftig und genau die Sorte Essen, bei der man nach dem ersten Bissen kurz auf den Teller schaut und sich fragt, warum ausgerechnet mitten im Nirgendwo jemand solche Wings hinbekommt, während andere Restaurants mit drei Köchen und einer Speisekarte in Lederoptik daran scheitern. Wir saßen da mit klebrigen Fingern, Ranch-Dip und einem Korb voller Wings und waren ziemlich zufrieden mit unserer Entscheidung, den Zeitplan für eine Weile einfach Zeitplan sein zu lassen.
Beim Bezahlen kam Stefan mit der Bedienung ins Gespräch. Und natürlich stellte sich heraus, dass sie eine Zeit lang in Deutschland gelebt hatte. Ich weiß nicht, ob es eine geheime Regel gibt, aber egal wie weit wir durch die USA fahren – irgendwann steht immer jemand vor uns, der entweder selbst in Deutschland gelebt hat, dort stationiert war oder jemanden kennt, der ausgerechnet aus der Gegend kommt, aus der wir stammen. Nach ein bisschen Plauderei und einem ausgesprochen deutschen „Auf Wiedersehen“ von ihr gingen wir wieder hinaus in die Kälte.
Nur noch rund 80 Meilen trennten uns vom Denali National Park, und nachdem wir in der Clear Sky Lodge erfolgreich bewiesen hatten, dass selbst ein straffer Zeitplan gegen gute Chicken Wings keinerlei Chance besitzt, ging es nun endgültig weiter Richtung Süden. Der Parks Highway lag unter strahlend blauem Himmel vor uns, rechts und links tief verschneite Landschaft, Wälder wie frisch aus dem Tiefkühlfach und dazwischen immer wieder diese endlosen Ausblicke, bei denen man eigentlich ständig anhalten möchte. Genau das konnten wir heute aber nicht gebrauchen, denn wir hatten unser morgendliches Zeitkonto bereits in North Pole und beim Mittagessen ziemlich großzügig geplündert. Also fuhren wir weiter, während ich innerlich vermutlich an mindestens fünfzig Fotomotiven vorbeistarb.
Nach ungefähr anderthalb Stunden tauchte schließlich der Denali National Park vor uns auf. Darauf hatte ich mich ganz besonders gefreut, denn um diese Jahreszeit gab es einen kleinen Vorteil gegenüber den Sommermonaten: Normalerweise dürfen Privatfahrzeuge nur etwa 15 Meilen weit in den Park hineinfahren, danach übernehmen die Shuttlebusse. Nach Ende des Busbetriebs wird die Park Road jedoch, solange die Straßenverhältnisse es zulassen, für Besucher weiter geöffnet. Bis ungefähr Meile 30 hätten wir also mit unserem eigenen Auto hineinfahren können. Dreißig Meilen Denali ohne Busfahrplan, ohne Sitznachbarn und mit der Freiheit, dort anzuhalten, wo wir wollten. Das klang hervorragend.
Alaska hatte allerdings vergessen, sich mit unserem Reiseplan abzustimmen. Kaum waren wir am Visitor Center, wurde schnell klar, dass sich die Sache mit den 30 Meilen erledigt hatte. Der Schnee der vergangenen Tage hatte ganze Arbeit geleistet, und die Park Road war entsprechend gesperrt. Damit standen wir nun also am Eingang eines Nationalparks von der Größe eines kleinen europäischen Landes und durften praktisch nicht hinein. Ein bisschen wie eine Einladung ins Kino, bei der man nach dem Popcornkauf erfährt, dass der Film heute ausfällt.
Wir stapften durch den Schnee zum Visitor Center und fragten nach einem Plan B. Die Rangerin ließ sich von unserer dezenten Enttäuschung nicht beeindrucken und empfahl uns stattdessen einen der Wanderwege rund um das Visitor Center. Sie drückte uns eine Karte in die Hand, auf der vermutlich sehr übersichtlich eingezeichnet war, wo man entlanglaufen sollte. In der Realität bestand die Landschaft allerdings aus ungefähr zwei Kategorien: Schnee und noch mehr Schnee. Wir entschieden uns für den Taiga Trail und machten uns auf die Suche nach dessen Anfang, was bereits die erste kleine Herausforderung darstellte, weil irgendwelche Wegmarkierungen offenbar beschlossen hatten, den Winter unter einer weißen Decke zu verbringen.
Irgendwann fanden wir ein paar Fußspuren, die halbwegs glaubwürdig nach Wanderweg aussahen, und beschlossen, ihnen zu folgen. Man muss im Leben schließlich auch einmal Vertrauen haben. Im besten Fall führten sie über den Taiga Trail zurück zum Visitor Center, im ungünstigsten Fall folgten wir gerade zwei Menschen, die ebenfalls keine Ahnung hatten, wo sie waren.
Der Wald sah fantastisch aus. Auf den Fichten und Birken lagen solche Schneemengen, dass sich manche Äste bis zum Boden bogen, und rundherum war es vollkommen still. Keine Autos, keine Menschen, nichts außer unseren Schritten, die im tiefen Schnee versanken. Der Trail selbst existierte größtenteils nur theoretisch. Wir kletterten über umgestürzte Bäume, duckten uns unter tiefhängenden Ästen hindurch und kämpften uns durch Stellen, an denen offenbar seit dem letzten Schneefall niemand mehr gelaufen war. Von einer gemütlichen kleinen Wanderung konnte jedenfalls keine Rede sein. Aber genau deshalb machte sie so viel Spaß.
Irgendwann kam mir die brillante Idee, Stefan ein bisschen Schnee über den Kopf zu befördern. Über uns hing ein Ast, dick beladen mit Pulverschnee, und in meiner Vorstellung war der Ablauf denkbar einfach: Ast herunterziehen, loslassen, Stefan bekommt eine kleine Portion Schnee ab, ich habe meinen Spaß. Eine technisch überschaubare Angelegenheit. Meine Berechnung hatte allerdings einen kleinen Fehler. Als ich den Ast losließ, entlud sich der Großteil der Schneelast nicht über Stefan, sondern über mir.
Ich stand danach da wie jemand, der gerade persönlich von einer Lawine in handlicher Haushaltsgröße getroffen worden war, während Stefan sich hervorragend amüsierte. So viel zum Thema präzise geplante Attacke. Der Wald hatte seine eigene Meinung dazu, auf welcher Seite er in dieser Angelegenheit stand.

Nach ungefähr anderthalb Stunden kamen wir tatsächlich wieder dort heraus, wo wir begonnen hatten. Das war zunächst einmal erfreulich. Weniger erfreulich war der Zustand meiner Hose, die inzwischen so nass war, als hätte ich mich unterwegs spontan in einen Schneehaufen gesetzt. Wahrscheinlich hatte ich das sogar. Im Visitor Center wurde deshalb erst einmal umgezogen. Zum Glück hatten wir trockene Sachen im Auto, und wenige Minuten später war ich wieder halbwegs zivilisationstauglich. Aus unserer geplanten Fahrt tief hinein in den Denali National Park war am Ende also eine kleine Winterexpedition durch den Wald geworden – nicht das, was wir vorgesehen hatten, aber rückblickend vielleicht sogar das schönere Erlebnis.
Für den Abend hatten wir bereits einen ziemlich konkreten Plan. In Healy gab es die 49th State Brewing Company, und dort stand etwas, das ich unbedingt sehen wollte: der Bus aus dem Film Into the Wild.
Wer den Film kennt, weiß natürlich sofort, warum dieser alte Bus eine solche Faszination ausübt. Die Geschichte von Christopher McCandless ist schließlich keine erfundene Hollywood-Handlung, sondern basiert auf seinem wirklichen Leben. Der junge Amerikaner brach Anfang der 1990er-Jahre aus seinem bisherigen Leben aus, reiste durch die USA und gelangte schließlich nach Alaska. Dort lebte er mehrere Monate allein in der Wildnis und nutzte einen alten Bus als Unterkunft. Nach 113 Tagen starb er dort. Die Geschichte wurde später durch Jon Krakauers Buch und den Film Into the Wild weltbekannt.

Der Bus bei der 49th State Brewing Company war allerdings nicht das Original, sondern der Film-Bus, der für die Dreharbeiten verwendet worden war. Und trotzdem hatte das Ding eine ganz besondere Wirkung. Er stand draußen im Schnee, rostig, grün, etwas windschief und auf den ersten Blick tatsächlich so, als hätte ihn jemand einfach aus dem Film herausgenommen und hier abgestellt. Natürlich musste ich hinein.
Natürlich musste ich den Bus anschließend noch ausführlich fotografisch dokumentieren. Von vorne, von hinten, von der Seite, durch die Fenster, das alte Lenkrad, den Innenraum, Stefan davor, Stefan darin und den Bus sicherheitshalber auch noch einmal ohne Stefan – irgendwann fehlte eigentlich nur noch die Aufnahme aus Sicht des linken Hinterreifens. Aber wenn man schon einmal vor so einem Filmrequisit steht, das man sonst nur von der Leinwand kennt, entwickelt man offenbar ganz automatisch den Ehrgeiz, genügend Material für eine spätere vollständige Rekonstruktion anzufertigen. Innen wirkte der Bus noch einmal ganz anders. Das abgegriffene Lenkrad, die schmalen Fenster, der Ofen, die Schlafstelle – plötzlich bekam die Geschichte von Christopher McCandless eine ganz andere Nähe. Vieles, was im Film fast romantisch und abenteuerlich wirkt, bekam hier einen deutlich ernsteren Unterton. Diese Wildnis ist wunderschön, aber sie verzeiht einem eben nichts, nur weil man sie gerade besonders fotogen findet.
Nachdem ich den Bus dann irgendwann widerwillig aus meiner persönlichen Motivliste entlassen hatte, fuhren wir weiter zu unserem Motel, dem Nord Haven in Healy. Schon von außen machte es einen angenehm unaufgeregten Eindruck, innen wurden wir freundlich empfangen und bekamen ein überraschend großes Zimmer. Die Bettüberwürfe waren farblich irgendwo zwischen „fröhlich“ und „wir nehmen einfach alles, was das Musterlager hergibt“, aber ansonsten war es wunderbar gemütlich.

Nach den letzten Tagen mit Schnee, Hütten, Holzofen und teilweise eher rustikalen Unterkünften fühlte sich ein warmes Motelzimmer mit richtigem Bad ohnehin schon fast luxuriös an. Beim Einchecken fragte ich natürlich sofort nach dem Thema, das uns seit Fairbanks verfolgte: Nordlichter. Die Bedingungen sollten tatsächlich gut sein – klare Nacht, möglichst wenig Lichtverschmutzung und die besten Chancen angeblich irgendwann zwischen ein und vier Uhr morgens. Damit war meine Nachtruhe im Grunde schon offiziell gekündigt.
Bevor wir uns allerdings nachts irgendwo in die alaskische Dunkelheit stellten und erwartungsvoll nach oben starrten, wollten wir noch einmal zur 49th State Brewing Company zurück. Das war eigentlich schon beschlossen gewesen, bevor wir das Motel überhaupt erreicht hatten. Ich mochte diese kleinen amerikanischen Brauereien inzwischen viel zu sehr, um eine direkt vor der Nase einfach links liegen zu lassen, und außerdem war der erste Besuch am Magic Bus kulturell natürlich nur die seriöse Tarnung dafür gewesen, später dort essen zu gehen. Am Abend war der Laden rappelvoll. Draußen lag tief der Schnee, drinnen knisterte ein riesiges Feuer im Kamin, überall saßen Leute mit Biergläsern und Tellern, und die ganze Atmosphäre war genau diese Mischung aus rustikaler Lodge, Brauerei und gemütlichem Rückzugsort, die nach einem Tag in der Kälte sofort funktioniert.

Wir hatten Glück und bekamen noch einen Platz in der Nähe des Kamins. Kurz darauf erfuhren wir auch, warum es so voll war: Die Brauerei stand vor ihrer Winterpause, ein Teil der Speisekarte war bereits nicht mehr verfügbar, dafür wurden die verbliebenen Gerichte zum halben Preis angeboten. Eine ausgesprochen belastende Situation. Wir mussten uns also damit abfinden, hervorragende Burger zu einem lächerlich günstigen Preis zu essen. Irgendjemand muss schließlich Opfer bringen. Die Burger waren tatsächlich die besten unserer Reise, saftig, riesig und begleitet von einer Portion Kartoffeln, bei der man eigentlich schon beim Anblick satt werden müsste, aber natürlich trotzdem weiterisst. Dazu bestellten wir Bier aus der eigenen Brauerei, und dann geschah etwas, womit ich wirklich nicht gerechnet hatte: Stefan schmeckte es. Stefan. Amerikanisches Bier. Freiwillig. Normalerweise bewegte sich seine Begeisterung für amerikanisches Bier irgendwo zwischen „muss nicht sein“ und „haben die auch etwas Vernünftiges?“, aber das hier fand tatsächlich seine Zustimmung. Ich hätte diesen Moment vielleicht notariell festhalten lassen sollen.
Natürlich konnte ich die Brauerei danach nicht einfach mit leeren Händen verlassen. Ein Souvenirglas erschien mir absolut vernünftig, zusätzlich entdeckte ich eine riesige Dose Bohemian Pilsner, die ungefähr so aussah, als könnte man sie im Notfall auch zum Löschen eines kleineren Hausbrandes verwenden. Die musste ebenfalls mit. Souvenirs sollen schließlich Erinnerungen wecken, und bei dieser Dose bestand zumindest keine Gefahr, dass man Jahre später davorsteht und rätselt, aus welchem Urlaub sie eigentlich stammt. Satt, zufrieden und mit genügend Bier-Erinnerungsmaterial versorgt, fuhren wir zurück zum Motel. Jetzt fehlte nur noch das große Finale des Tages: die Aurora.
Also stellte ich tatsächlich den Wecker auf ein Uhr nachts. Das allein zeigt schon, wie ernst ich die Sache nahm. Als er klingelte, war mein erster Weg zum Fenster, und draußen waren tatsächlich Sterne zu sehen. Keine dichte Wolkendecke, kein Schneetreiben, sondern klarer Himmel. Also weckte ich Stefan, der vermutlich kurz dachte, dass das Hotel brannte und es wenigstens einen nachvollziehbaren Grund dafür gab, um ein Uhr morgens aufzustehen. Wir zogen uns an, packten gefühlt sämtliche verfügbaren Kleidungsschichten übereinander, schnappten die Kameras und fuhren aus Healy hinaus. Im Motel hatte man uns geraten, möglichst weit weg von Straßenlaternen und anderen Lichtquellen zu fahren, also suchten wir uns draußen in der Dunkelheit eine geeignete Stelle, parkten und standen schließlich mitten in der alaskischen Nacht.
Der Himmel war klar, die Sterne waren da, wir waren da – nur die Aurora offenbar nicht. Vielleicht hatte sie frei. Vielleicht war sie gerade über Kanada. Vielleicht hatte sie inzwischen auch einfach gemerkt, dass wir sie unbedingt sehen wollten, und entwickelte einen gewissen Ehrgeiz darin, sich konsequent zu verstecken. Wir warteten trotzdem. Ich schaute in den Himmel, Stefan schaute in den Himmel, die Kameras lagen griffbereit, und mit jeder Minute wurden meine Finger kälter, während meine Begeisterung für astronomische Naturphänomene langsam von praktisch zu theoretisch wechselte. Nach ungefähr einer Stunde mussten wir uns eingestehen, dass heute Nacht nichts mehr passieren würde. Kein grünes Leuchten, kein tanzender Himmel, nicht einmal ein kleiner heller Streifen, den man sich mit ausreichend Fantasie hätte schönreden können.
Also fuhren wir zurück ins Motel und lagen gegen zwei Uhr wieder im warmen Bett – mit exakt null Nordlichtfotos. Wirklich ärgern konnte ich mich darüber trotzdem nicht. Wir waren morgens noch zwischen riesigen Weihnachtsmännern in North Pole herumgelaufen, hatten uns durch die verschneite Taiga des Denali National Parks gekämpft, einen Astkampf gegen den Schnee verloren, im Magic Bus aus Into the Wild gestanden, die besten Burger unserer Reise gegessen und ganz nebenbei Stefan dazu gebracht, amerikanisches Bier gut zu finden. Irgendwo muss man schließlich auch akzeptieren, dass Alaska nicht jeden Programmpunkt brav nach Reiseplan abarbeitet. Die Nordlichter konnten sich heute also gerne wichtigmachen – der Rest dieses Tages war auch ohne sie ziemlich schwer zu toppen.














































