Letzter Uraubstag: Red Rock, Restglanz
und ein Flug nach Hause
Hurra, Finale!
Heute ist er da, unser letzter Urlaubstag. Der Tag, an dem man offiziell abreist, innerlich aber noch hartnäckig so tut, als wäre das hier nur ein Ortswechsel mit Frühstück. Unser Condor-Flug nach Frankfurt hebt erst um 23:55 Uhr ab – wir haben also einen ganzen, vollen Las-Vegas-Tag vor uns. Und den lassen wir uns natürlich nicht nehmen. Wer um diese Uhrzeit fliegt, hat tagsüber gefälligst noch was vor.
Es ist Sonntag. Bedeutet in Vegas: Brunch statt Frühstück. Bedeutet aber auch: Menschenmassen, Tellerstapel und diese gefährliche Situation, in der man theoretisch von Croissant zu Rippchen zu Pancakes wechseln könnte, ohne dass jemand eingreift. Wir beschließen kollektiv: Heute nicht. Wir wollen essen, nicht ein kulinarisches Projekt starten. Für solche Tage gibt es zwei verlässliche Konstanten im Universum: Denny’s oder IHOP.
Da wir unseren Urlaub mit einem großartigen Frühstück bei IHOP begonnen haben, beschließen wir, ihn stilvoll – und sehr amerikanisch – bei Denny’s zu beenden. Kreis geschlossen, alles rund.
Bevor es allerdings an Pancakes, Eggs und Coffee-Refill geht, steht noch eine kleine logistische Meisterleistung an: Gepäck verladen. Und zwar nicht irgendwie, sondern auf unsere ganz eigene Art. Unsere Suite hat einen entscheidenden Vorteil: Balkon direkt über dem Parkplatz.
Was andere Hotels nicht dürfen, machen wir einfach. Koffer für Koffer heben wir über das Geländer, unten wird gefangen, sortiert, verstaut. Kein Aufzug, kein Flur, kein „Excuse me“. Vegas-Style. Effizient. Leicht illegal aussehend, aber völlig problemlos. Zehn Minuten später steht alles im Auto – und wir fühlen uns ein kleines bisschen wie Schmuggler mit Frühstücksplänen.
Dann geht’s los. Tropicana Avenue, zwei-dreiviertel Meilen nach Westen, einmal kurz abbiegen – und da ist es schon: Denny’s. Keine Show, kein Glamour, keine Kristalllüster. Dafür Kaffee, der nie leer wird, und Frühstück, das genau weiß, was es ist.

Der letzte Tag hat begonnen. Und er startet genau richtig: entspannt, satt und mit dem beruhigenden Gefühl, dass heute noch sehr viel geht – nur eben nichts mehr muss.
Nach einem gewohnt soliden, ehrlichen Denny’s-Frühstück – kein Schnickschnack, keine Überraschungen, genau so, wie man es am Abreisetag braucht – starten wir zu unserem letzten offiziellen Las-Vegas-Abenteuer. Noch einmal Strip, noch einmal Lichter, noch einmal Klimaanlagenluft und Teppiche mit Mustern, die vermutlich in den 90ern entworfen wurden und seitdem niemand mehr hinterfragt hat.
Frühstück bei Denny’s
Gut eine Stunde später rollen wir am Strip ein, parken im Parkhaus der Fashion Show Mall und marschieren über die Brücke Richtung Wynn und Encore. Diese Casinos sind jedes Mal wieder wie ein Kurzurlaub im Kurzurlaub: viel Gold, viel Glas, viel „Hier kostet selbst der Sauerstoff extra“. Wir schlendern durch die Hallen, schauen Menschen beim stilvollen Geldausgeben zu und fühlen uns dabei angenehm underdressed.
Straßenseite wechseln, weiter ins Mirage, das langsam schon ein bisschen Abschiedsstimmung versprüht. Dann nehmen wir die Tram rüber zum Treasure Island, drehen dort eine entspannte Runde – nichts Wildes mehr, eher so ein bewusstes „Noch einmal gucken, bevor wir gehen“. Anschließend zurück zur Fashion Show Mall, wo wir bei Starbucks mit einem Frappuccino offiziell in den Modus „Was machen wir jetzt eigentlich noch?“ wechseln.

Die Antwort kommt überraschend schnell: Red Rock Canyon. Ein Ziel, das schon ewig auf unserer Liste steht und es irgendwie nie ganz nach oben geschafft hat. Heute ist der Tag. Kein großes Wenn und Aber. Wir fahren los.
Kaum haben wir den Großraum Las Vegas hinter uns gelassen, verändert sich die Welt schlagartig. Die letzten Vorstadthäuser verschwinden im Rückspiegel, die Straße wird ruhiger, der Horizont weiter. Und dann liegt er plötzlich vor uns: der Red Rock Canyon, nur rund 25 Minuten vom Strip entfernt und trotzdem gefühlt ein anderer Kontinent. Genau das macht diesen Ort so besonders – diese unglaubliche Nähe von Großstadt und Wildnis.

Der Red Rock Canyon ist keine klassische Ikone wie Zion oder Bryce, trägt kein großes „Nationalpark“-Label, sondern hört offiziell auf den etwas sperrigen Titel National Conservation Area. Klingt bürokratisch, fühlt sich aber nach ganz großem Kino an. Das Gebiet umfasst über 300 Quadratkilometer Wüste, Felsen, Canyons und Bergketten – eine Landschaft, die sich nicht anstrengen muss, spektakulär zu sein. Sie ist es einfach.
Herzstück des Parks ist der Scenic Loop Drive, eine rund 13 Kilometer lange Einbahnstraße, die sich wie ein rotes Band durch die Felslandschaft zieht. Schon nach den ersten Metern wird klar: Hier fährt man nicht einfach durch. Man fährt langsam. Sehr langsam. Weil hinter jeder Kurve ein neuer Aussichtspunkt wartet, ein anderer Blickwinkel, eine neue Farbkombination. Rot dominiert – logisch –, aber dazu kommen Ocker, Grau, fast schwarzer Basalt, grüne Kakteen, helle Sandflächen. Je nach Lichteinfall wirkt die Landschaft jedes Mal anders, mal weich, mal brutal scharf.

Entlang der Loop Road gibt es zahlreiche Parkbuchten, Picknickplätze und Aussichtspunkte. Man steigt aus, tritt ein paar Schritte vom Auto weg – und steht mitten in einer Kulisse, die aussieht, als hätte jemand bewusst jede Farbe ein bisschen zu kräftig eingestellt. Besonders beeindruckend sind die massiven Sandsteinwände der Calico Hills, deren Schichten wie übereinandergelegte Stoffbahnen wirken. Millionen Jahre Erdgeschichte, ordentlich gefaltet, geneigt, gestreift – und einfach so offen sichtbar.
Am höchsten Punkt der Strecke bleiben wir länger stehen. Von hier oben reicht der Blick weit über das Tal, über Kakteenfelder und Geröllhänge hinweg, bis in der Ferne tatsächlich die Skyline von Las Vegas auftaucht. Gläserne Hochhäuser, winzig klein, fast unwirklich. Dieser Kontrast ist es, der den Red Rock Canyon so faszinierend macht: Natur pur – mit Stadtsilhouette als Hintergrundkulisse.

Die Loop Road ist bewusst so angelegt, dass man den Park auch ohne große Wanderungen intensiv erleben kann. Für uns heute perfekt, denn die Zeit läuft, der Flieger wartet irgendwann – und trotzdem bekommen wir hier noch einmal dieses Gefühl von Weite, Ruhe und echtem Draußensein. Natürlich juckt es an jeder zweiten Stelle in den Beinen, einen Trail zu laufen. Es gibt davon reichlich: kurze Spaziergänge, längere Hikes, anspruchsvolle Routen. Aber das heben wir uns auf. Ganz klar.
Als wir den Scenic Loop schließlich wieder verlassen, sind wir uns einig: Dass wir diesen Ort so lange übersehen haben, grenzt fast an Fahrlässigkeit. Der Red Rock Canyon ist kein Lückenfüller, kein „wenn man eh schon da ist“. Er ist ein Ziel. Und beim nächsten Besuch in Las Vegas steht er ganz sicher nicht mehr am Ende der Liste – sondern ziemlich weit oben.

Für große Wanderungen reicht die Zeit heute nicht mehr. Aber das ist okay. Das hier ist eindeutig ein „Nächstes-Jahr-Ort“. Wenn nicht wieder irgendetwas dazwischenkommt. Was erfahrungsgemäß ziemlich wahrscheinlich ist.
Mit diesem Gedanken fahren wir weiter, zurück Richtung Stadt – ein bisschen staubiger, ein bisschen ruhiger, aber mit dem guten Gefühl, Las Vegas nicht nur gesehen, sondern auch noch einmal bewusst verlassen zu haben.
Die Uhr zeigt 17 Uhr. Ein Moment von existenzieller Klarheit. Nicht irgendein Zeitpunkt, sondern der Zeitpunkt. Der Körper meldet sich mit einem eindeutigen Signal: Hunger – Steak erforderlich. Und zwar jetzt. Für das letzte große Festmahl vor dem Abflug fällt die Wahl auf eine bewährte Institution unserer ganz persönlichen Abschiedsrituale: Outback Steakhouse.
Ja, es gäbe Filialen direkt am Strip. Ja, die wären näher. Aber wir sind Profis. Wir wissen: ein paar Meilen rausfahren bedeutet entspannter, günstiger – und emotional einfach der bessere Abschied.

Am Tisch ist die Entscheidungsfindung erfreulich unspektakulär. Stefan und ich teilen uns ein 20 oz Bone-In Ribeye, denn Abschiede macht man nicht halbherzig. Bianca entscheidet sich für ein 10 oz Sirloin, was wir als vernünftige, erwachsene Entscheidung respektieren. Theoretisch. Praktisch wirkt so ein 10 oz Steak neben einem 20 oz Ribeye ungefähr wie ein Beilagensalat mit Selbstzweifeln.
Dann kommt das Essen. Das Steak. Und eine mächtige Baked Potato Soup – meine ganz persönliche Schwäche. Und plötzlich herrscht Stille. Keine Gespräche. Keine Pläne. Kein Jetlag. Kein Kofferchaos. Kein verlorenes Nummernschild. Nur Steak. Perfekt gegrillt, saftig, genau auf den Punkt. So, wie Abschiede schmecken sollten.
Outback Steakhouse
Das Outback enttäuscht uns auch diesmal nicht. Freundlicher Service, entspannte Atmosphäre, Essen ohne Show, aber mit Substanz. Kein ChiChi, kein Glamour – einfach ehrliches, solides Abschlussessen. Genau das Richtige, bevor man sich wieder freiwillig in eine Aluminiumröhre setzt.
Mit gestärkten Mägen machen wir uns noch einmal auf den Weg zum glitzernden Strip. Parkplatz diesmal: Planet Hollywood. Von dort lassen wir uns ein letztes Mal von den romantischen Gondelfahrten im „Venedig“ verzaubern, bevor wir das Palazzo betreten.

Das Palazzo, Schwesterhotel des Venetian, war von 2008 bis 2015 Teil des größten Hotelkomplexes der Welt – unglaubliche 7.128 Zimmer. Inzwischen mag dieser Rekord vom First World Hotel in Malaysia knapp überholt worden sein, aber Größe, Pracht und dezenter Wahnsinn sind hier immer noch beeindruckend genug, um ehrfürchtig zu werden.

Wir schlendern durch die prunkvollen Hallen, bewundern die opulenten Details und stellen einmal mehr fest: Las Vegas schafft es immer wieder, Extravaganz und völligen Größenwahn so elegant zu kombinieren, dass man es ihm nicht einmal übelnehmen kann.
Als die Sonne untergeht, führt uns unser Weg noch zum Wynn. Dort gibt es seit diesem Jahr eine Miniaturversion der berühmten Bellagio Fountains. Klein, bunt, musikalisch – rund um die Uhr. Natürlich kommen sie nicht ganz an das Original heran, aber sie haben Charme. Und sie wissen genau, was sie sind: ein kleines, funkelndes Abschiedsgrußzeichen. Wir bleiben stehen, schauen zu, lassen die Musik und die Farben wirken. Ein letzter Zaubermoment.

Dann ist es endgültig soweit. Bye bye Las Vegas.
Um 20:30 Uhr fahren wir über den beleuchteten Strip Richtung Flughafen. Bei der Autovermietung geben wir unseren Wagen ab. Der Mitarbeiter von Alamo mustert das Auto, das fehlende Nummernschild, die leicht ramponierte Stoßstange – und zuckt nicht einmal mit der Wimper.
„You’re all set. Safe travels.“ Man liebt diese amerikanische Gelassenheit.
Um 22 Uhr stehen wir bei Condor am Gate. Boarding pünktlich um 23:15 Uhr. Der Start über das Lichtermeer von Las Vegas ist wie immer spektakulär. Den ruhigen, schnellen Nachtflug nach Frankfurt verschlafen wir komplett – Nachtflüge haben definitiv ihre Vorteile. Und wie immer bei Condor: freundliches Personal, aufmerksame Crew, überraschend essbares Essen.
Pünktliche Landung in Frankfurt. 15 Minuten Wartezeit auf den Shuttlebus. Gepäck ins Auto, ab nach Hause. Zwei Stunden Autobahn Richtung Stuttgart – und plötzlich stehen wir wieder in unseren eigenen vier Wänden.
Aber wie wir wissen: Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub. Im September wartet schon das nächste Abenteuer. Unser erster Camping-Trip nach Kanada. Mit einem Truck-Camper von Whitehorse im Yukon nach Vancouver – selbstverständlich nicht auf direktem Weg. Alaska, Inuvik, fast am Polarmeer. So ist jedefalls der Plan.
Ich bin jetzt schon aufgeregt.



