Kofferchaos, Steakdeals und Streifzüge durch Las Vegas

Pünktlich um 6:30 Uhr stehen wir geschniegelt, wach und erstaunlich gut gelaunt an der Rezeption. Mrs. Supervisor strahlt uns an, als hätten wir gemeinsam gerade ein kleines Hotel-Krisenabenteuer überlebt – was ja auch stimmt. Mit professioneller Freundlichkeit und einem sehr amerikanischen Lächeln versichert sie uns: Um 14 Uhr ist die Suite bereit. Jackpot. Das Gepäck können wir bis dahin problemlos einlagern. Deal.

Zurück im Zimmer verwandle ich mich in eine Mischung aus Logistikmanagerin und Zirkusdompteurin. Koffer auf den bereitgestellten Gepäckwagen, alles fein säuberlich gestapelt, nichts kippt – eine rollende Meisterleistung. Stolz schiebe ich unsere mobile Habe Richtung Lobby, während Bianca und Stefan gedanklich schon beim nächsten Programmpunkt sind.

Gerade als wir Richtung Auto aufbrechen wollen, fällt Bianca ein, dass da ja noch eine Tasche wäre. Natürlich. Also neuer Plan: Sie bleibt kurz zurück, wir holen sie gleich vorne am Haupteingang ab. Stefan startet den Motor, ich gebe Anweisungen, alles läuft… bis es das nicht mehr tut.

Ein dumpfes Klonk. Stille.
Diese Art Stille, in der man sofort weiß: Das war nicht gut.

Stefan ist beim Rangieren gegen einen Hydranten gefahren. Für eine Sekunde sehe ich innerlich schon eine meterhohe Wasserfontäne, Sirenen, Chaos, YouTube-Video mit Titel „Tourists cause Las Vegas flood“. Ich steige aus, schaue erst nach links, dann nach rechts – und atme tief durch. Der Hydrant steht. Unbeeindruckt. Unverletzt. Souverän wie ein Westernheld.

Unser Auto? Nur ein leicht verbogenes Nummernschild. Nichts Dramatisches. Sagen wir: Charakter. Mit unschuldigem Gesichtsausdruck fahren wir zum Haupteingang, um Bianca einzusammeln. Kaum steigt sie ein, mustert sie das Auto skeptisch.

„Was habt ihr denn mit dem Auto angestellt?“
Stefan und ich, synchron wie ein gut geübtes Duo:
„Äh… nichts?! Keine Ahnung, wovon du redest.“

Las Vegas, Tag zwei. Und wir waren noch keine zehn Minuten unterwegs.

Jeep Grand Cherokee

Wir starten den Tag standesgemäß – mit einem Frühstück im New Orleans, genauer gesagt im legendären French Market Buffet. Und was sollen wir sagen: Vielfalt? Ja. Auswahl? Ja. Selbstkontrolle? Nein. Dank unserer Playerscard kostet das All-Inclusive-Buffet sagenhafte 8,99 Dollar – ein Preis, bei dem man sich automatisch verpflichtet fühlt, mindestens drei Nationen kulinarisch zu vertreten. Wir nehmen diese Verantwortung sehr ernst. Als wir das Buffet verlassen, sind wir nicht satt. Wir sind pappsatt mit Auszeichnung.

Mit leicht verlangsamtem Gang bewegen wir uns Richtung Auto, denn ein bisschen Bewegung schadet jetzt sicher nicht. Nächster Programmpunkt: Las Vegas Fashion Show Mall. Bianca hat Einkaufspläne. Konkrete. Ambitionierte. Während sie zielstrebig von Laden zu Laden zieht, schlendern Stefan und ich eher… philosophisch. Wir schauen hier, gucken da, verlieren uns kurz in Auslagen, die wir weder brauchen noch verstehen, und landen – wie immer – irgendwann bei Starbucks. Bewährte Strategie: Kaffee in der Hand, Welt in Ordnung.

Fashion Show Mall

Gegen 12 Uhr machen wir uns auf den Weg Richtung südliches Ende des Strips. Und wieder heißt es: Trennung auf Zeit. Bianca verschwindet für mehrere Stunden bei Ross – diesem magischen Ort, an dem scheinbar alles gleichzeitig unsortiert, reduziert und extrem begehrenswert ist. Ich werde nie verstehen, wie man in diesem textilen Minenfeld freiwillig so lange überlebt. Aber gut. Jeder hat sein Hobby.

Wir parken bei Planet Hollywood und erkunden währenddessen die Miracle Mile Shops. Es wird gebummelt, geschaut, gelacht. Ein kurzer, aber wichtiger Boxenstopp bei Ben & Jerry’s sorgt für zusätzliche Lebensfreude. Danach ein Abstecher in den M&M Store – ein Laden, der exakt das tut, was er soll: bunt sein, laut sein und einen glauben lassen, man müsse dringend Schokolade in allen Farben kaufen.

Zum Abschluss spazieren wir durch „The Park“, die Anlage zwischen New York New York und dem Monte Carlo. Erst letztes Jahr eröffnet, wirkt sie wie eine kleine grüne Verschnaufpause mitten im Beton-, Glas- und Neonmeer von Las Vegas. Palmen, Sitzgelegenheiten, entspannte Atmosphäre – fast schon idyllisch. Ein Ort, an dem man kurz vergisst, dass man sich in einer Stadt befindet, die sonst nie schläft und ständig „mehr“ ruft.

Es ist 14:30 Uhr, höchste Zeit, das Kapitel „Wo ist eigentlich unser Zimmer?“ endgültig zu schließen. Also machen wir uns auf den Weg zurück zum Hotel, schlendern entspannt durchs MGM, vorbei am Hooters – und stehen plötzlich schon vor der Tür. Lagecheck: sehr gut. Fußläufig, stripnah, genau unser Ding.

An der Rezeption dann endlich die erlösende Nachricht: Das Zimmer ist bereit. Halleluja. Schlüsselübergabe, keine Diskussionen, kein Stirnrunzeln – es fühlt sich fast surreal an, wie reibungslos das plötzlich läuft. Jetzt fehlt nur noch unser Gepäck. Ich reiche die Quittung fürs eingelagerte Gepäck rüber, und die Dame an der Rezeption lächelt professionell entspannt: Wir müssten nichts weiter tun, das Gepäck werde direkt aufs Zimmer gebracht. Jackpot.

Bevor wir uns wieder ins Getümmel des Strips stürzen, wollen wir natürlich wenigstens kurz einen Blick auf unsere Suite werfen. Und dann: Wow. Nicht „oh, ganz nett“, sondern wow-wow.

Zwei separate Schlafzimmer, ein großzügiger Wohn- und Essbereich, zwei Badezimmer – endlich keine morgendlichen Logistikbesprechungen mehr – und obendrauf sogar ein kleiner Balkon. Das Ganze wirkt nicht nur groß, sondern richtig wohnlich. Genau die Art Unterkunft, bei der man sofort denkt: Hier könnten wir es eine Weile aushalten.

Und dann kommt das Sahnehäubchen: Unser Parkplatz liegt direkt vor dem Balkonfenster. Besser geht’s nicht. Einkäufe, Koffer, Getränke – alles später einfach direkt vorfahren, Tür auf, reintragen. Kein Hotelflur-Marathon, kein Koffer-Tetris im Aufzug.

Kurz gesagt: Wir sind angekommen. Im Hotel. In der Suite.
Und irgendwie auch im kleinen persönlichen Las-Vegas-Wohntraum.

Wir entscheiden uns also, noch kurz auf unser Gepäck zu warten. Zeit haben wir genug – und ganz ehrlich: Es beruhigt ungemein, wenn man sicher weiß, dass die eigenen Koffer nicht gerade ein Eigenleben entwickeln.

Und wir warten. Und warten.

Irgendwann gehe ich vor die Tür, setze mich auf eine kleine Bank und warte… weiter. Da taucht plötzlich auf der anderen Seite der kleinen Gartenanlage eine Mitarbeiterin mit unserem Gepäck auf. Erleichterung! Offenbar kommt sie mit dem großen Gepäckwagen nicht durch die kurvigen Wege, aber hey – sie ist da. Also nur noch eine Frage von Sekunden.

Voller Zuversicht gehe ich zurück ins Zimmer und verkünde Stefan: „Unser Gepäck ist unterwegs. Jeden Moment.“
Und wir warten.
Und warten.

Ein ungutes Gefühl beschleicht mich. Ich schaue wieder hinaus – und sehe dieselbe Mitarbeiterin zurückgehen. Ohne Koffer.

Moment. Was?!

Ich eile ihr hinterher und frage, wo sie unser Gepäck denn hingebracht habe. Ihre Antwort kommt völlig selbstverständlich:

„Back there. Room 2110.“
Äh… nein. Wir haben Zimmer 2120.
„No, no“, sagt sie freundlich, „this is correct.“

In exakt diesem Moment marschiert eine größere Familie in unser vermeintliches Zimmer. Und ich höre, wie sie begeistert feststellen, dass bereits Gepäck im Zimmer steht. Aha. Jetzt wird’s interessant.

Ich bitte die Mitarbeiterin, die Koffer wieder herauszuholen.

Ihre Gegenfrage:
„Are you sure this is not your family?“

An dieser Stelle beginne ich ernsthaft zu überlegen, ob wir Teil einer sehr aufwendig produzierten Versteckte-Kamera-Show sind. Vielleicht sollen wir jetzt einfach das Zimmer nehmen – inklusive fremder Familie. All-inclusive mal anders.

Der Mann der anderen Familie kommt heraus und sagt:

„This is not our luggage.“
Danke. Genau das sage ich hier seit Minuten. Das sind meine Koffer.
Aber selbst das überzeugt sie noch nicht.
Sie ruft schließlich einen Kollegen. Der schaut, hört sich alles an – und bestätigt trocken:

Ja. Falsches Zimmer.

Erst jetzt dämmert es ihr. Sie sammelt das Gepäck wieder ein und erscheint wenig später vor unserer Tür.

„Good afternoon. This is your luggage.“

Ach was?!

Wir haben uns gerade eine halbe Stunde lang intensiv darüber unterhalten.

Es wirkt, als hätte sich ihre interne Festplatte auf dem kurzen Weg von Zimmer zu Zimmer komplett gelöscht. Sie begrüßt uns, als sähen wir uns zum ersten Mal, stellt den Trolley ab und verschwindet. Ende der Vorstellung.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass heute Abend irgendwo im amerikanischen Late-Night-TV ein Beitrag läuft über eine deutsche Touristin, ihr Gepäck und ein Hotel mit Orientierungsschwäche.

Inzwischen meldet sich ein anderes Problem sehr deutlich: Hunger. Es ist bereits 16 Uhr, Lunch hatten wir noch keinen. Also beschließen wir auf dem Rückweg zum Strip, bei Hooters eine kleine Portion Chicken Wings zu teilen. Nach diesem Gepäckabenteuer haben wir uns das mehr als verdient.

Wir gehen zurück auf den Las Vegas Boulevard, schlendern entspannt durchs City Center und lassen uns noch einmal von Glas, Stahl und Designer-Schaufenstern blenden, bevor wir langsam Richtung Planet Hollywood zurücktreiben. Dort sammeln wir Bianca wieder ein – frisch aus dem Shopping-Einsatz, sichtbar zufrieden und erstaunlich ausdauernd.

Gegen 18 Uhr steht der nächste Pflichtpunkt auf unserer ganz persönlichen Vegas-Liste an: Ellis Island Casino. Wer diesen Ort nicht kennt, würde niemals vermuten, welches kulinarische Juwel sich hier versteckt. Im Village Pub & Café gibt es nämlich einen dieser Deals, die man eigentlich nur flüsternd weitergibt:

$9,99 für ein Steak. Mit Bohnen, Ofenkartoffel. Und vorher wahlweise Suppe oder Salat. Kein Haken. Kein Trick. Einfach Vegas. Der einzige „Nachteil“: Wartezeit. Mindestens eine halbe Stunde. Aber auch das ist Teil des Spiels. Wir bekommen einen kleinen Pager in die Hand – so ein vibrierendes Plastikding, das aussieht, als hätte es schon viele Abende überlebt – und wissen: Jetzt heißt es Geduld haben.

Diese überbrücken wir ganz klassisch dort, wo man in Vegas Wartezeiten überbrückt: an den Spielautomaten. Einarmige Banditen, blinkende Lichter, verheißungsvolle Geräusche. Ob das System dahintersteckt? Erst warten lassen, dann spielen lassen, dann essen? Ach was. Ganz bestimmt nicht. (Oder vielleicht doch.)

Irgendwann summt und blinkt der Pager. Unser Tisch ist bereit. Und kurz darauf steht es auch schon vor uns: das legendäre Steak. Saftig, genau richtig gebraten, ehrlich, bodenständig – kein Chichi, kein Schickimicki. Einfach gutes Essen zu einem Preis, der sich jedes Mal ein bisschen wie Betrug anfühlt. Zu unseren Gunsten.

Wir lehnen uns zurück, zufrieden, satt und einig:
Manche Dinge ändern sich nie.
Und genau deshalb kommen wir immer wieder hierher.

Ellis Island Steak Deal

Vom Ellis Island geht es zurück auf den Strip. Wir parken – mittlerweile routiniert – erneut beim Paris Hotel und machen uns auf den Weg zum Eiffelturm. Inzwischen ist es dunkel, die Stadt glüht, blinkt, pulsiert. Genau der richtige Zeitpunkt für den nächsten Höhenflug.

Keine lange Wartezeit später stehen wir auf dem Observation Deck in 164,6 Metern Höhe. Fun Fact am Rande: Der Eiffelturm in Las Vegas ist exakt halb so hoch wie sein großes Vorbild in Paris. Eigentlich wollte man ihn originalgetreu bauen, doch der Flughafen hatte etwas dagegen. Flugzeuge mögen es bekanntlich nicht, wenn plötzlich ein französisches Wahrzeichen im Weg steht.

Eiffel Tower Experience

Die Aussicht? Großartig.

Von hier oben liegt uns der Strip zu Füßen, und unser Blick fällt direkt auf die Bellagio Fountains. Von dieser Perspektive wirken sie noch eleganter, fast choreografiert für uns allein. Und ja – man hört sogar die Musik. Las Vegas versteht eben etwas von Inszenierung.

Der Abstieg bringt uns dann zurück auf den Boden der Tatsachen. Die Schlange für die Fahrt nach unten ist – wie immer – deutlich länger als die für den Weg nach oben. Logisch eigentlich: Hoch wollen alle sofort, runter haben es viele nicht eilig. Wir warten geduldig und lassen gleich drei Aufzugladungen an uns vorbeiziehen, bevor wir endlich an der Reihe sind.

Bianca ist inzwischen sichtbar erschöpft. Der Tag war lang, intensiv und vollgepackt – sie sehnt sich nach einer Pause. Also bringen wir sie zurück ins Hotel. Kurze Verschnaufpause, Füße hoch, Licht aus.

Aber für uns ist der Abend noch nicht vorbei.
Denn es gibt da noch eine offene Rechnung.

Wir setzen unsere Entdeckungstour fort und steuern – natürlich – wieder Downtown an. Der Grund ist simpel, überzeugend und flüssig: Margaritas. Und die warten bekanntlich nicht gern.

Las Vegas bei Nacht, Runde zwei.

$1,99 Margarita

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert