Taos, die Enchanted Road und das beste Essen der Reise

Der Tag beginnt ganz entspannt im Silver Saddle Hotel. Das Frühstück nehmen wir in einem kleinen, gemütlichen Bereich direkt neben der Rezeption ein – einem Ort, der weniger nach Frühstücksraum und mehr nach Souvenir-Wunderland aussieht. Schmuck funkelt in allen Ecken, T-Shirts hängen dicht an dicht, dazwischen Vasen, Puppen und allerlei Dinge, von denen man vorher nicht wusste, dass man sie nicht braucht. Ein gefährlicher Ort am frühen Morgen.

Das Frühstück selbst ist überschaubar, aber völlig ausreichend. Kein Luxus-Buffet, kein Schnickschnack – dafür alles, was man braucht, um wach zu werden und den Tag anzugehen. Dazu diese entspannte Stimmung, die irgendwie sofort entschleunigt. Während wir essen, gesellt sich die Besitzerin des Motels zu uns, erzählt von der Gegend, von Straßen, die man fahren sollte – und von denen, die man besser nicht ignoriert. Genau diese persönliche, ungefilterte Art macht den Moment besonders. Kein Reiseführer der Welt ersetzt so ein Gespräch.

Gut gestärkt rollen wir schließlich los. Ziel: Farmington. Aber natürlich nicht auf dem direkten Weg. Wir wären ja nicht wir, wenn wir einfach den schnellen Highway 285 nehmen würden. Stattdessen entscheiden wir uns bewusst für den Scenic Byway 76 – die legendäre High Road to Taos.

High Road To Taos

Etwa zwanzig Minuten nach Santa Fe biegen wir ab, und ab hier übernimmt die Landschaft die Regie. Die Straße windet sich durch die Sangre de Cristo Mountains, vorbei an kleinen Orten, Kirchen, alten Siedlungen. Schon im 17. Jahrhundert ließen sich hier die ersten Spanier nieder – und irgendwie spürt man das noch heute. Geschichte liegt hier nicht im Museum, sie steht einfach am Straßenrand.

Die Ausblicke werden mit jedem Kilometer spektakulärer. Berge, Wälder, zugefrorene Seen, vereinzelte Häuser, die aussehen, als hätten sie sich bewusst diesen abgelegenen Platz ausgesucht. Es ist kalt, richtig kalt sogar. Kein Wunder – wir bewegen uns konstant zwischen 2.500 und 3.000 Metern Höhe, mitten in den südlichen Rocky Mountains. Aber genau das macht den Reiz aus. Diese Straße ist keine Verbindung, sie ist ein Erlebnis.

High Road To Taos

Kurz vor Taos wechseln wir auf den Highway 64, besser bekannt als der Enchanted Circle – der „verzauberte Kreis“. Ein Name, der nicht zu viel verspricht. Der 84 Meilen lange Rundkurs gehört zu den schönsten Strecken New Mexicos und zeigt die Bergwelt von ihrer besten Seite. Hier thront auch der Wheeler Peak, der höchste Berg des Bundesstaates, über allem.

Die Route führt uns über den Palo Flechado Pass auf knapp 2.800 Metern, mit herrlichen Blicken über endlose Wälder. Danach geht es hinab ins Moreno Valley, wo sich die Landschaft öffnet und fast schon sanft wirkt. Ein starker Kontrast zu den rauen Höhen zuvor.

In Eagle Nest stoppen wir am gleichnamigen See. Die Ufer sind noch von Eis umschlossen, alles wirkt ruhig, beinahe eingefroren. Entlang der Straße tauchen plötzlich Präriehunde auf – neugierige kleine Gesellen, die aus ihren Löchern lugen und blitzschnell wieder verschwinden. Mit etwas Glück gelingt mir ein Foto, bevor sie sich kollektiv in Luft auflösen.

Wir passieren die Geisterstadt Elizabethtown, ein Ort mit dunkler Vergangenheit, verbunden mit dem Namen eines Serienmörders aus längst vergangenen Zeiten. Heute wirkt hier alles friedlich. Geschichte, ja – Bedrohung, nein.

Red River

Über den Bobcat Pass geht es weiter nach Red River. Ein kleiner Ort mit Bilderbuch-Main-Street, perfekt für Winterprospekte. Skilifte laufen, Skifahrer sind unterwegs – aber wir bleiben Zuschauer. Heute nicht. Ein kurzer Blick, ein paar Fotos, dann zieht es uns weiter.

Durch Questa fahren wir schließlich Richtung Taos, während die Landschaft langsam wieder weiter wird und wir merken: Dieser Tag war kein Fahrtag. Er war eine Reise durch Höhenmeter, Geschichte und winterliche Stille. Und Taos wartet bereits.

Red River

In Taos angekommen, meldet sich zuverlässig der Hunger. Nicht dieses freundliche „Wir könnten langsam mal“, sondern die entschlossene Variante. Ich habe vorgesorgt und bereits zu Hause ein Restaurant ausgesucht: La Cueva Café. Das Navi führt uns brav hin – und bleibt vor einem kleinen, flachen Häuschen stehen, das ungefähr die Größe einer gut gelaunten Doppelgarage hat. Stefan schaut aus dem Fenster, dann mich an.

„Dein Ernst?!“

Ich verteidige mich routiniert mit meinem stärksten Argument: TripAdvisor-Bewertungen. Die wählt man schließlich nicht aus Jux und Tollerei. Stefan und Bianca bleiben skeptisch. Sehr skeptisch. Aber ich weiß: Irgendwann, irgendwo, muss ich mir ja mal etwas dabei gedacht haben, dieses Café auf die Liste zu setzen. Also raus aus dem Auto, rein ins Abenteuer.

La Cueva

Drinnen: Wir sind allein. Vier Tische, sonst nichts. Wir dürfen uns den größten aussuchen – der Vorteil, wenn man die komplette Gästeliste stellt. Schick ist anders. Sehr anders. Sagen wir es diplomatisch: Ein Eimer Farbe hätte hier Karrierechancen. Aber hey, wir sind nicht wegen der Einrichtung hier.

Ein gut gelaunter Kellner mit mexikanischen Wurzeln bringt die Speisekarten und nimmt die Getränke auf. Bianca flüstert mir zu, dass sie kurz überlegt, ob wir hier gleich entführt werden. Stefan murmelt etwas von „Das ist doch kein richtiges Restaurant“. Ich schiebe das auf zu viele Horrorfilme und bleibe entspannt.

Wir bestellen. Stefan und Bianca gehen auf Nummer sicher: Burger, Sandwiches – das Übliche. Dann fragt der Kellner, warum wir nichts Typisch-Mexikanisches wollen. Und in diesem Moment passiert es. Ich werde mutig. Oder leichtsinnig. Oder beides.

Ich bestelle das Tagesgericht: „Chicken Fajita Mole mit irgendwas“. Was genau dieses Irgendwas ist, kann ich nicht sagen. Ich habe aufgehört zuzuhören, als Mole fiel.

Die Blicke am Tisch sagen alles.
„Wolltest du nicht was Normales?“
Ja. Wollte ich.
„Und was hast du jetzt bestellt?“

Keine Ahnung. Irgendwas Mexikanisches mit Hühnchen.

Dann kommt das Essen. Und ab diesem Moment ist alles egal. Es ist unfassbar gut. Wirklich unfassbar. Saftig, würzig, perfekt. Mole, Fajitas, Aromen, die man nicht auseinanderklamüsert, sondern einfach genießt. Selbst meine beiden Skeptiker hören auf zu reden – ein sicheres Zeichen für kulinarische Zustimmung. Am Ende wird auf meinem Teller mitgegessen. Solidarisch. Begeistert.

Fazit dieses Stopps: Das beste Essen der ganzen Reise. In einem Café, das wir fast nicht betreten hätten. Wieder einmal bestätigt sich eine alte Roadtrip-Wahrheit: Die besten Erlebnisse stehen selten in Hochglanzprospekten – sie stehen in kleinen Hütten mit schiefem Schild, vier Tischen und einem Kellner, der einfach weiß, was er tut.

Downtown Taos

Nach diesem überraschend großartigen Essen machen wir uns noch auf zu einem gemütlichen Spaziergang. Die Plaza von Taos liegt nur ein paar Schritte entfernt und erinnert stark an Santa Fe – überschaubar, ruhig, fast ein bisschen zeitlos. Das Auto darf stehen bleiben, wir sind ab jetzt im Bummelmodus.

Taos liegt am Fuß der Sangre de Cristo Mountains, und genau diese Kulisse verleiht der Stadt ihre besondere Wirkung. Die Berge wirken nah und präsent, der Rio Grande irgendwo im Hintergrund, dazu diese faszinierende Mischung aus spanischer, indianischer und angloamerikanischer Kultur, die hier nicht erklärt wird, sondern einfach da ist. Man spürt sie in den Farben, den Formen, den Materialien.

Wir schlendern durch die Straßen und bleiben ständig stehen, weil wieder ein Haus im Adobe-Stil um die Ecke lugt, das fotografiert werden will. Warme Erdtöne, runde Kanten, Holz, Lehm – nichts wirkt aufgesetzt, alles passt zusammen. Taos fühlt sich nicht an wie eine Kulisse für Touristen, sondern wie ein Ort, der seinen Charakter einfach behalten hat.

Es ist ein Spaziergang durch eine Stadt, in der Geschichte, Natur und Kultur ganz selbstverständlich ineinandergreifen. Kein großes Spektakel, keine laute Inszenierung – eher leise, authentisch, angenehm unaufgeregt. Genau richtig nach diesem Tag.

Ein schöner, runder Abschluss. Und während wir langsam zurückgehen, ist klar: New Mexico hat noch einiges vor mit uns.

Die Fortsetzung unseres Roadtrips ruft, und wir schlagen den Highway 64 Richtung Westen ein. Auf dem Plan steht ein kurzer, aber obligatorischer Fotostopp an der Rio Grande Gorge Bridge – so ein Ort, den man nicht einfach links liegen lässt, selbst wenn man eigentlich schon genug gesehen hat.

Rio Grande Gorge Bridge

Wir überqueren zuerst die Brücke und landen auf der anderen Seite auf einem großzügig angelegten Parkplatz. Von dort spazieren wir zurück zur Mitte der Brücke, dahin, wo der Blick automatisch etwas ehrfürchtiger wird. Tief unter uns schneidet sich der Rio Grande durch die Schlucht, die Luft ist klar, der Wind leicht unangenehm – perfekte Bedingungen für Fotos, bei denen man versucht, nicht allzu offensichtlich über das Geländer zu spähen.

Rio Grande Gorge

Danach wird die Strecke… sagen wir: funktional. Landschaftlich solide, fahrerisch eher Kategorie Kilometer sammeln. Und als hätte die Straße selbst beschlossen, ein bisschen Drama zu brauchen, kommt ab Amarillo das nächste Highlight in Form eines schlichten Schildes: ROAD CLOSED. Ende. Aus. Feierabend.

Ärgerlich? Ja. Überraschend? Nein. Willkommen im Roadtrip-Alltag.

Also Plan B. Wir drehen ab und fahren erst einmal gute 40 Meilen nach Süden, bis wir am Abiquiu Lake vorbeikommen – immerhin ein Umweg mit Aussicht. Von dort geht es weiter über den Highway 96 und später die 550, bis wir schließlich unser Tagesziel erreichen: Farmington. Punktlandung um 18 Uhr.

Nach dem Einchecken im Farmington Inn folgt eine Premiere dieser Reise: Wir bleiben zwei Nächte. Am selben Ort. Ein Novum. Fast schon luxuriös. Keine Koffer-Tetris-Übung für den nächsten Morgen – allein der Gedanke daran entspannt.

Aber der Abend ist noch jung. Also ab in die Animas Valley Mall. Und hier schlägt unser Roadtrip-Herz gleich mehrfach höher: Texas Roadhouse. Fuddruckers. Zwei kulinarische Fixpunkte, die man nicht ignoriert. Und weil Ausgewogenheit wichtig ist, findet auch Bianca ihr persönliches Highlight direkt nebenan: Ross – Dress for Less.

Damit ist alles gesagt. Der Abend ist gerettet.

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