Zwischen Swirls und Fliegenpilzen: Ein Tag voller Magie in der White Pocket & bei den Toadstools
Montag.
Ein kleines Wort, große Hoffnung. Heute steht sie wieder an: die Wave-Lotterie. Unsere letzte Chance, bevor wir Kanab morgen verlassen. Der Plan ist eigentlich perfekt: morgens die Wave, nachmittags entspannt Richtung St. George rollen. Fehlt nur noch ein winziges Detail – das Permit. Also ab ins Visitor Center, geschniegelt, geschniegelt optimistisch.
Montag bedeutet normalerweise: weniger Leute. Wochenende vorbei, Touristen weitergezogen, Glück im Anflug. So zumindest die Theorie. Die Praxis begrüßt uns mit einem gut gefüllten Parkplatz und deutlich mehr Gesichtern, als uns lieb ist. Aha. Offenbar hat sich herumgesprochen, dass Montag kein schlechter Tag sein könnte. Schade eigentlich.
Ranger Kay übernimmt wie immer routiniert das Kommando und hält seine inzwischen legendäre Wave-Ansprache. Schwierig. Anspruchsvoll. Kein Spaziergang. Wir nicken wieder brav, als hätten wir nicht längst innerlich unsere Wanderschuhe geschnürt. Danach drängen sich alle in das berühmt-berüchtigte Mini-Lottery-Zimmer. Immerhin ein kleiner Vorteil: Wir waren ja am Freitag schon dabei. Kein neues Formular, kein neues Hoffen auf Papier – unser alter Antrag darf nochmal ins Rennen.
Und dann: Trommelwirbel. Kugeln. Zahlen.
Nicht unserer. Schon wieder nicht.

Kurzer Moment der Enttäuschung. Dann Schulterzucken. Wir kennen das Spiel. Wer hierherkommt und alles auf einen Slot Canyon setzt, hat das Prinzip Roadtrip nicht verstanden. Also Plan B. Und C. Und D.
Eigentlich wollten wir über die Skutumpah Road zu ein paar Slot Canyons: Willis Creek, Bull Valley Gorge, Lick Wash. Klingt gut, fühlt sich gut an – bis der Ranger trocken erklärt, dass die Straße nach den letzten Regenfällen nicht passierbar ist. Weggespült. Ende der Diskussion. Gut. Heute sammelt wirklich jemand fleißig Gründe gegen unsere ursprünglichen Pläne.
Bleiben noch die Wahweap Hoodoos. Kein großer Hike, aber hübsch. Während wir gedanklich schon die Route sortieren, hören wir zufällig, wie ein anderer Ranger von der White Pocket schwärmt. Bilder werden gezückt. Farben. Formen. Einsamkeit.
Und plötzlich ist sie wieder da, diese gefährliche Mischung aus „Das sieht machbar aus“ und „Das wollten wir doch eh schon immer mal“.
Der Zugang?
Praktisch der selbe wir vor einigen Tagen zur Coyote Buttes South.
Tiefer Sand.
House Rock Valley Road.
Kuh-Gatter. Kühe inklusive.
Bianca und ich schauen Stefan an.
Stefan schaut uns an.
Vor drei Tagen sagte er noch: „Zum Glück haben wir diese Strecke jetzt hinter uns. Der Mietwagen hat überlebt. Ab jetzt wird’s entspannt.“ Nun ja. Roadtrips haben Humor. Und ein sehr gutes Gedächtnis.

Also: wieder südwärts nach Fredonia, wieder auf die 89A, wieder hoch aufs Kaibab Plateau, wieder runter, wieder abbiegen auf die House Rock Valley Road. Sand. Spurrillen. Staub. Gatter auf. Gatter zu. Kühe, die uns ansehen, als hätten wir endgültig den Verstand verloren.

Nach etwa 25 Kilometern Sandfahrt – knapp eine Stunde konzentriertes Lenken, Ausweichen und Hoffen – erreichen wir den Parkplatz der White Pocket. Motor aus. Stille. Weite.
Wir steigen aus. Und wissen: Manchmal ist Plan E einfach der bessere Plan.
Weg zur White Pocket
Kaum haben wir den Motor abgestellt, sind es wirklich nur ein paar Schritte – vielleicht 200 Meter – und zack, wir stehen mitten in einer anderen Welt. Keine langsame Annäherung, kein vorsichtiges Herantasten. Die White Pocket fällt einen einfach an. Visuell. Ungebremst. Ohne Vorwarnung.
Vor uns breitet sich eine Landschaft aus, die aussieht, als hätte jemand sämtliche geologischen Regeln kurz außer Kraft gesetzt. Weiße, cremefarbene, orange-rote und gelblich schimmernde Felsflächen winden sich ineinander, als wären sie weich gewesen, als hätte man sie kneten, drehen, falten können. Und genau das waren sie – vor unfassbar langer Zeit. Versteinerte Sanddünen, die Wind und Wasser über Jahrmillionen modelliert haben, bis sie heute aussehen wie gefrorene Bewegung.

Schon nach den ersten Metern wissen wir: Das hier ist kein Ort zum „Abhaken“. Das ist ein Ort zum Verlieren. Verlieren im besten Sinne. Orientierung? Nebensache. Zeitgefühl? Komplett überbewertet. Man läuft los – und bleibt alle zehn Schritte wieder stehen. Weil sich die Formen ändern. Weil plötzlich ein neues Muster auftaucht. Weil der Fels unter den Füßen von glatt zu rau, von hell zu tiefrot wechselt.
Die oft zitierte Beschreibung mit dem verquirlten Pudding klingt zunächst albern – bis man hier steht. Dann ist sie erschreckend treffend. Es ist, als hätte jemand Vanille- und Schokopudding, Sahne, Karamell und einen Hauch Erdbeere in eine gigantische Schüssel gekippt, einmal ordentlich durchgezogen und das Ganze dann für ein paar Millionen Jahre in den Backofen der Erdgeschichte geschoben. Herausgekommen ist eine Landschaft, die aussieht, als würde sie sich gleich weiterbewegen – tut sie aber nicht. Sie bleibt. Und man selbst kommt ins Staunen.

Überall entdecken wir diese Brain Rocks, deren Oberflächen wie Gehirnwindungen aussehen, mit feinen Linien, Rillen und Mustern, die sich ineinander verzahnen. Daneben flache Steinplatten, auf denen sich Swirls abzeichnen, als hätte jemand mit einem riesigen Pinsel Farbe in den Stein gezogen. Dazwischen kleine Mulden, in denen sich nach Regen Wasser sammelt – natürliche Schalen, perfekte Spiegel. Himmel, Wolken, Fels – alles doppelt, alles ruhig.
Wir klettern über sanfte Wellen aus Sandstein, steigen auf kleine Rücken, schauen in schmale Rinnen, die sich wie gefrorene Lava durch die Landschaft ziehen. Mal dominiert Weiß, fast blendend in der Sonne. Dann wieder satte Rot- und Orangetöne, warm und intensiv. Kein Bereich gleicht dem anderen. Man kann hier keinen „besten Spot“ festlegen, weil hinter dem nächsten kleinen Hügel garantiert schon der nächste Kandidat wartet.
Irgendwann – und das ist hier wirklich kein Zeit-, sondern ein Erschöpfungspunkt – suchen wir uns ein schattiges Plätzchen für unser lang ersehntes „Lunch with Scenic View“. Schatten ist rar, aber wir finden eine kleine Nische, geschützt von einem hellen Felsrücken. Rucksäcke runter, Kamera kurz beiseite, Schuhe aus.
Wir sitzen da, essen, schauen – und sagen erstaunlich wenig. Weil Worte hier gerade einfach nicht nötig sind.

Nach der Pause geht es weiter. Natürlich. Man könnte sich hier problemlos einen ganzen Tag verlieren. Wir ziehen erneut los, diesmal etwas zielloser, lassen uns treiben. Immer auf der Suche nach dem einen Foto, wohl wissend, dass es das nicht gibt. Jedes Bild ist nur ein Ausschnitt. Ein Versuch. Ein Festhalten von etwas, das man eigentlich erleben muss.
Wir steigen höher, entdecken neue Perspektiven, schauen zurück auf unsere eigenen Spuren im Sand – die hier oben fast schon wieder verschwinden. Die White Pocket wirkt trotz ihrer Offenheit unglaublich intim. Kein Lärm. Kein Mensch außer uns. Kein Schild, kein Geländer, kein Hinweis, wo man gehen sollte. Nur Fels. Himmel. Licht.
Erst nach gut zwei weiteren Stunden, randvoll mit Eindrücken, Speicherkarte gut gefüllt und Beine langsam müde, treten wir den Rückweg zum Jeep an. Widerwillig, aber zufrieden.
Als wir noch einmal zurückblicken, wissen wir: Das hier war kein Ersatzprogramm.
Das war ein Hauptgewinn – ganz ohne Lotterie.

Unser Jeep und wir hatten den tiefen Sand hinter uns gelassen – und das fühlte sich an wie der Abspann eines kleinen Offroad-Films. Eine Stunde Sand, Kuh-Gatter nebst neugierigen Kühen und Fotopausen später spuckte uns die Strecke wieder auf die House Rock Valley Road aus. Staubig, zufrieden, leicht durchgeschüttelt. Und plötzlich standen wir vor dieser klassischen Roadtrip-Frage: links oder rechts, Vernunft oder Abenteuer?

Die sichere Variante lag klar auf der Hand. Nach Süden, den bekannten Weg zurück, keine Überraschungen, kein unnötiges Risiko. „Wir wissen, was uns da erwartet“, sagt Stefan, der Mann, der Reifenpannen ungefähr so sehr liebt wie kalten Kaffee. „Und auf den letzten Meilen will ich jetzt wirklich nichts mehr riskieren.“ Verständlich. Absolut. Theoretisch.
Praktisch aber liegt da dieser andere Weg. Nach Norden. Kürzer. Direkter. Und irgendwo am Horizont winken Restaurants in Page, Rauchschwaden, Fleisch, Glück. Außerdem: No risk – no fun, flüstere ich, ganz unschuldig, fast beiläufig. Ein Satz, der schon so manchen Trip in eine neue Richtung geschubst hat. Stefan seufzt. Der Jeep rollt. Entscheidung gefallen.

Die House Rock Valley Road nach Norden zeigt sich von ihrer dramatischen Seite. Weit, einsam, staubig, eingerahmt von den Vermilion Cliffs, die aussehen, als hätte jemand die Farbpalette der Wüste einmal komplett überdreht. Rot, Orange, Beige – Schicht für Schicht Geschichte. Die Straße zieht sich, mal hart gepresst, mal wieder sandig, aber fahrbar. Konzentration ist Pflicht, Romantik gibt’s gratis.
Als wir am Parkplatz der Coyote Buttes North vorbeifahren, huscht ein Gedanke durch meinen Kopf. Ganz leise. Vielleicht stehen wir hier nächstes Jahr. Vielleicht mit Permit. Vielleicht auf dem Weg zur Wave. Der Gedanke bleibt kurz hängen, dann verschwindet er wieder im Staub hinter uns.
House Rock Valley Road
Nach einer weiteren guten Stunde Abenteuerpiste erreichen wir endlich wieder Asphalt. Highway 89. Fester Boden unter den Reifen, Erleichterung im Gesichtsausdruck des Fahrers. Noch 36 Meilen bis Page – ein Klacks. Um Punkt 16 Uhr rollen wir in die Stadt ein. Hungrig. Sehr hungrig.
Und dann steht es da. Wie ein Versprechen. Wie eine Oase aus Rauch und Eisen: Big John’s Texas BBQ. Der Smoker thront direkt vor dem Laden, schwarz, massiv, ernst zu nehmen. Gestern schon gesehen, heute nicht mehr zu ignorieren. Hier wird nicht experimentiert, hier wird gegrillt.

Wir finden problemlos einen Platz draußen, Sonne im Gesicht, Staub noch an den Schuhen. Die Karte ist umfangreich, fast schon unfair. Entscheidungen fallen schwer – also treffe ich die einzig logische: Sampler Plate. Einmal alles, bitte. Bianca und Stefan teilen sich großzügige Spare Ribs, die schon beim Anblick Respekt einflößen.
Dann kommt das Essen. Und mit ihm diese ehrfürchtige Stille, die nur wirklich gutes BBQ erzeugen kann. Rauchig, saftig, ehrlich. Fleisch, das keine Erklärung braucht. Der Smoker hat nicht zu viel versprochen – das hier ist Texas BBQ, wie man es sich wünscht, selbst mitten in Arizona.
Staubige Straßen, riskante Abzweigungen, Sand, Felsen – alles vergessen. In diesem Moment zählt nur eins: Wir haben die richtige Entscheidung getroffen. Und sie schmeckt fantastisch.
Big John’s Texas BBQ
Mit vollgefutterten Mägen schleppen wir uns zurück zum Auto. Eigentlich ist der Plan klar: ab nach Kanab, Füße hoch, Feierabend. Eigentlich. Denn wie so oft sitzt da plötzlich diese Stimme auf dem Beifahrersitz – meine.
„Die Toadstools bei Sonnenuntergang … das müsste doch großartig aussehen.“
Die Reaktionen fallen überschaubar euphorisch aus.
„Was? Schon wieder laufen?“
„Och nee …“
Fünf Minuten später sitzen trotzdem alle im Auto. Diskussion beendet, Idee umgesetzt. 35 Minuten und knapp 50 Kilometer später rollen wir auf den kleinen Parkplatz der Toadstools. Manchmal braucht es einfach keine Mehrheit, sondern nur genug Hartnäckigkeit. Der kurze Hike – etwa 20 Minuten, wenn man nicht ständig stehen bleibt – beginnt hinter dem kleinen Tor am Parkplatz und führt nordwärts in eine Landschaft, die aussieht, als hätte jemand mit zu viel Fantasie und zu wenig Erdanziehung gearbeitet.
Der Pfad ist… sagen wir: interpretationsfähig. Ein paar reflektierende Markierungen helfen, ansonsten verraten die Fußspuren im Sand, dass die meisten Wanderer beschlossen haben, Kurven für überbewertet zu halten. Also machen wir es wie alle anderen: querfeldein, dem Gefühl nach.

Dann stehen wir oben.
Und ja – die Toadstools liefern.
Die „Fliegenpilze“ thronen auf dem Plateau, grotesk, elegant, völlig absurd. Wir haben Zeit. Zeit zum Fotografieren, Zeit zum Schauen, Zeit zum einfach nur Dastehen. Der Himmel färbt sich langsam um, von warmem Orange zu diesem fast schon kitschigen Pink, das man eigentlich für übertrieben halten müsste – wenn es nicht real wäre.
Toadstools
Der Sonnenuntergang zieht sich. Selbst als die Sonne längst hinter den Felsen verschwunden ist, spielt das Licht weiter. Silhouetten, Kontraste, letzte Farben. Wir haben Spaß, albern herum, fotografieren uns gegenseitig, die Hoodoos, den Himmel, alles. Und vor allem: Wir sind allein. Komplett.
Irgendwann kippt das Licht endgültig. Es wird still. Und dann ziemlich dunkel. Also Stirnlampen raus, Kameras weg, Rückweg. Trotz reflektierender Markierungen schaffen wir es, den Ausgang um gut 50 Meter zu verfehlen. Klassisch. Entlang des Zauns tasten wir uns schließlich zurück zum kleinen Tor – Abenteuerbonus inklusive.
Toadstools
Eine weitere Stunde später rollen wir durch die dunkle Wüstennacht zurück nach Kanab. Als wir das Hotel erreichen, sind wir müde, staubig, zufrieden. Die Lichter in der Lobby fühlen sich an wie ein sanfter Übergang zurück in die Zivilisation.
Im Zimmer lassen wir den Tag noch einmal Revue passieren: White Pocket, tiefer Sand, BBQ, Hoodoos im Abendlicht. Zu viel für einen einzigen Tag – und genau richtig.
Wir sagen leise „Gute Nacht, Kanab“.
Mit dem sicheren Gefühl: Das hier war nicht das letzte Mal.




























