
Die Coyote Buttes North / The Wave: Eine Naturschönheit die sprachlos macht
Es gibt Momente im Leben, die man nie vergisst – und das hier ist einer davon. Seit Jahren träumen wir davon, die Wave mit eigenen Augen zu sehen, haben unglaubliche 17 Mal an der Lotterie teilgenommen – online, vor Ort, mit Hoffnung, mit Frust, mit unerschütterlichem Optimismus. Und dann, eines Tages im September, während wir mitten in der heimischen Renovierungs-Chaos steckten, öffnete ich mein E-Mail-Postfach und sah sie: Die eine Mail, die alles veränderte.
„Congratulations! You have won The Wave Lottery.“
Ich musste den Text mehrmals lesen, weil mein Gehirn erst mal in eine Art Freudenschock verfiel. Konnte das wirklich sein? War das kein Irrtum? Musste ich mich jetzt kneifen? Nein, es war echt. Nach so vielen gescheiterten Versuchenwar das Glück endlich auf unserer Seite! Stefan und ich tanzten durch das Wohnzimmer, während irgendwo im Hintergrund noch ein halbfertiges Möbelstück auf seinen Zusammenbau wartete – völlig egal, das hier war größer als jede Renovierung!
Und nun, ein halbes Jahr später, ist es soweit. Heute ist DER Tag. Die Wave ruft – und wir sind bereit.
Natürlich beginnt ein besonderer Tag wie dieser mit einem besonderen Frühstück. Und wenn es um nostalgischen Western-Charme geht, gibt es in Kanab keinen besseren Ort als die Parry Lodge. Die Lodge, in der einst John Wayne und Clint Eastwood ihren Morgenkaffee schlürften, ist für uns heute der Schauplatz eines ausgedehnten, genüsslichen Frühstücks.
Das historische Speisezimmer versprüht diesen typischen Old-Hollywood-Charme: Holzvertäfelungen, Schwarz-Weiß-Fotografien von Filmlegenden, eine Atmosphäre, als könnte jeden Moment ein Regisseur um die Ecke kommen und „Action!“ rufen. Doch in diesem Moment interessiert uns vor allem eins: Essen.
Die Auswahl ist typisch amerikanisch – Pancakes, Eier, Speck, frischer Kaffee. Und heute gilt das Motto: Energie tanken für den großen Tag. Während wir uns durch die köstlichen Pancakes mit Ahornsirup schlemmen, zieht sich ein breites Grinsen über unser Gesicht. Heute ist der Tag, auf den wir so lange gewartet haben.
Jeder Bissen, jeder Schluck Kaffee, jede Sekunde in dieser Lodge fühlt sich an wie eine Szene aus einem Western, nur dass die Cowboys von damals wohl kaum so aufgeregt in ihre Sättel gestiegen sind wie wir gleich in unseren Jeep. Dann ist es soweit. Die Teller sind leer, der Kaffee ausgetrunken – es gibt keine Ausreden mehr. Wir werfen einen letzten Blick auf die Hollywood-Fotos an der Wand, schnappen unsere Rucksäcke und machen uns auf den Weg. Die Wave wartet – und wir kommen!


Die Vorfreude steigt mit jedem Kilometer, den wir der Wave entgegenfahren. Und ehrlich gesagt? Ein kleiner Zweifel schwingt mit. Ist sie wirklich so atemberaubend, wie alle sagen? Ist sie schöner als White Pocket oder die Coyote Buttes South, die wir bereits erkundet haben? Ist dieser ganze Hype gerechtfertigt? Nach 17 gescheiterten Versuchen hat die Wave in meinem Kopf fast schon mythische Ausmaße angenommen. Ich habe sie auf tausenden von Fotos gesehen, jede Schattierung, jede Windung, jede dieser perfekten Wellenformationen. Aber wir alle wissen: Bilder sind eine Sache – live vor Ort stehen eine ganz andere.
Die Fahrt führt uns von Kanab aus über den Highway 89. 50 Meilen pure Landschaftsmagie ziehen an uns vorbei: Endlose Weiten, zerklüftete Hügel, rote Felsen, und diese unglaubliche Stille. Irgendwo da draußen, versteckt in dieser Wildnis, wartet sie auf uns.
Dann kommt der Moment: Wir biegen auf die House Rock Valley Road ab. Eine Straße, die offiziell als “Road” bezeichnet wird, aber in Wahrheit irgendwo zwischen Schotterpiste und Abenteuerparkour liegt. Zehn holprige Meilen später, Staubwolken hinter uns, Adrenalin in uns, erreichen wir endlich den Wire Pass Trailhead. Die Uhr zeigt 9:00 Uhr – höchste Zeit, das Auto zu verlassen und das Abenteuer zu starten.

Erstmal müssen wir uns in das Trailregister eintragen – eine Formalität, aber auch ein unmissverständlicher Hinweis darauf, dass dieser Ort kein Spaziergang im Stadtpark ist. Dann geht es los. Die ersten Schritte über den Sand, die Sonne auf der Haut, die Stille der Wüste – es fühlt sich fast surreal an.
Den ersten Abschnitt kennen wir bereits gut. Vor einem halben Jahr waren wir mit unserer Tochter, unserem Schwiegersohn und dem Baby hier unterwegs, um den Wire Pass und die Buckskin Gulch zu erkunden. Doch heute ist alles anders. Heute dürfen wir nach ungefähr der halben Strecke zur Wave abbiegen – dorthin, wo die meisten Wanderer nicht hinkommen.
Ein kleines Schild markiert den entscheidenden Moment: „Coyote Buttes Permit Area Ahead.“
Wir stehen kurz davor, einen Ort zu betreten, den nur wenige sehen dürfen. Einen Ort, der auf jedem Reise-Bucket-List-Ranking weit oben steht. Mein Herz klopft schneller. Und jetzt? Los gehts!


Wir setzen einen Fuß vor den anderen, den Blick konzentriert auf den steinigen Pfad, der sich steil den Berg hinaufwindet. Der Aufstieg ist schweißtreibend, die Sonne brennt auf unsere Schultern, und unsere Waden melden sich mit jeder weiteren Stufe zu Wort. Aber was ist schon ein bisschen Anstrengung gegen die Aussicht, die uns erwartet? Die Vorfreude treibt uns an, mit jedem Schritt steigt die Spannung.
Je höher wir kommen, desto spektakulärer wird das Panorama. Die Landschaft verändert sich mit jedem Meter, als würde jemand an einer unsichtbaren Farbpalette drehen. Plötzlich erstreckt sich vor uns eine weite Ebene, gesäumt von niedrigen Sträuchern, die in leuchtendem Grün und sattem Blau schimmern. Fast unwirklich, wie die Farben hier mit dem Licht spielen. Wir können den Blick nicht abwenden – und dabei haben wir unser eigentliches Ziel noch gar nicht erreicht.
Doch die wahre Überraschung ist der Weg selbst. Schon jetzt ist klar: Selbst wenn wir die Wave nicht erreichen würden, wäre diese Wanderung ein Erlebnis für sich. Ich halte die Kamera kaum still, überall rufen unglaubliche Formationen danach, festgehalten zu werden. Mein Finger zuckt unkontrolliert am Auslöser – es könnte gut sein, dass meine Speicherkarte ihr Limit erreicht, bevor wir überhaupt an der berühmtesten Sandsteinformation der USA angekommen sind.
BILDERGALERIE: Weg zur Wave
Die Natur scheint sich hier in einem Wettbewerb der Farben und Formen zu befinden. Überall tauchen kleinere und größere Felsformationen in den unterschiedlichsten Gelb-, Orange- und Rottönen auf. Diese skurrilen Steinhügel, die „Teepees“ genannt werden, ragen wie alte Indianerzelte in die Luft. Jeder dieser Felsen hat eine eigene Geschichte, gemeißelt durch Jahrtausende von Wind und Wetter. Die Sonne lässt die Oberflächen leuchten, die Farben wirken fast übertrieben intensiv – wie mit Photoshop bearbeitet, nur dass hier die Natur selbst den Pinsel führt.
Dann führt uns der Weg in einen trockenen Wash, ein ausgetrocknetes Flussbett, in dem sich unser Pfad immer wieder neu durch den Sand schlängelt. Die Füße sinken leicht ein, die Schritte werden schwerer – und dann steht sie vor uns: Eine steile Slickrock-Wand, glatt und herausfordernd.
Ein letzter großer Anstieg. Ein Blick nach oben, ein tiefer Atemzug. Wir wissen, dass wir es schaffen müssen. Die Hände suchen Halt auf dem warmen Fels, die Sohlen greifen in das sandige Gestein, und Schritt für Schritt arbeiten wir uns nach oben. Es kostet Kraft – aber der Lohn ist gewaltig.
Von hier oben entfaltet sich eine der spektakulärsten Landschaften, die wir je gesehen haben. In der Ferne erkennen wir die unverwechselbare Silhouette der Twin Buttes, zwei perfekt geformte Felsen, die wie Wächter über das Gebiet der Coyote Buttes North thronen. Die Aussicht ist nicht einfach nur schön – sie ist erhaben. Und das Beste? Wir sind noch nicht einmal am Ziel.

Unbeirrt setzen wir Schritt für Schritt fort, die Landschaft wird mit jedem Meter dramatischer, farbenfroher, surrealer. Die Twin Buttes, diese zwei markanten Felsen, stehen jetzt direkt vor uns – unser nächstes Etappenziel. Sie wirken wie riesige Sandsteinwellen, deren Farbschichten von Jahrmillionen geformt wurden: leuchtendes Gelb, intensives Rot, strahlendes Weiß – ein wahres Feuerwerk aus Stein. Wir umrunden sie, während der Wind sanft über den kargen Boden streicht. Jede Kurve offenbart eine neue Farbkomposition, jedes Lichtspiel macht den Moment noch eindrucksvoller.
Und dann – endlich – geschieht es. Der Blick öffnet sich, und vor uns erhebt sich der Top Rock. Der legendäre Felsriese, der die berühmteste Sandsteinformation des amerikanischen Westens bewacht. Dort unten, direkt zu seinen Füßen, liegt die Wave. Unsere Herzen schlagen schneller – vor Aufregung, vor Unglauben – oder einfach, weil unsere Kondition sich langsam zu Wort meldet.
Doch bevor wir unser Ziel erreichen, gibt es noch eine letzte Herausforderung. Der Weg führt nun abwärts, erst über festen Slickrock, dann in tiefen, weichen Sand. Und jeder, der schon mal durch pudrigen Sand gewandert ist, weiß: Das fühlt sich an wie das Finale eines Marathons – nur ohne Zuschauer, die einen anfeuern. Jeder Schritt kostet doppelt so viel Kraft, jede Bewegung hinterlässt eine kleine Staubwolke.

Wir überqueren einen weiteren Wash, das Tal öffnet sich ein wenig – und dann liegt sie vor uns: eine fünf Meter hohe Sanddüne. Sie thront vor uns wie eine letzte Prüfung, ein Hindernis, das es zu bezwingen gilt. Kein Weg führt daran vorbei, also bleibt nur eins: Augen zu und durch. Mit kräftigen Schritten kämpfen wir uns nach oben, der Sand gibt unter den Füßen nach, und jeder Meter fühlt sich wie zwei an. Aber dann – nach knapp zwei Stunden Wanderung – sind wir fast da.
Wir stehen vor einer letzten Anhöhe. Von hier aus soll er sein: DER Blick. Der eine, der uns seit Jahren in den Bann zieht. Es ist kaum vorstellbar, dass direkt hinter diesem unscheinbaren Hügel eine der spektakulärsten Felsformationen der Welt auf uns wartet. Die Spannung ist fast greifbar.
Wir gehen weiter, unsere Füße tragen uns über den letzten Anstieg. Zwischen zwei Felsen tut sich eine Szenerie auf, die uns den Atem raubt: wunderschön gestreifte Felswände, geschwungene Linien, hypnotisierende Farben. Ist das etwa schon die Wave?
Noch ein paar Schritte, noch ein paar Sekunden des Wartens. Dann betreten wir eine kleine Schlucht. In ihrer Mitte ein Wasserpool, so ruhig und klar, dass er die bizarren Sandsteinformationen spiegelglatt reflektiert. Die Szenerie hat etwas Magisches. Wir bleiben stehen. Halten inne. Die letzten Meter trennen uns von einem Ort, auf den wir so lange gewartet haben.
BILDERGALERIE: Coyote Buttes North / The Wave!
Nach all den Jahren des Wartens, nach 17 gescheiterten Versuchen in der Lotterie, nach all der Aufregung, den Anstrengungen und den unzähligen Schritten durch Sand und Stein – wir stehen endlich hier. Vor uns erstreckt sich die legendäre Wave, dieser magische, fast unwirklich wirkende Ort, den wir so oft auf Fotos gesehen haben. Doch jetzt sind wir nicht nur Betrachter – wir sind mittendrin.
Doch wie es das Schicksal so will, sind wir nicht die Einzigen, die sich heute diesen Traum erfüllt haben. Eine Gruppe von vier anderen Permit-Gewinnern ist bereits vor Ort und mitten in einer ausgiebigen Fotosession. Und weil wir wissen, wie kostbar die ersten Momente an einem so besonderen Ort sind, halten wir uns zurück. Statt uns in den perfekten Bildausschnitt zu drängen, treten wir wieder ein Stück zurück, in einen kleinen Seitencanyon, lassen die Kamera erst mal in der Tasche und genießen stattdessen den Augenblick der Ruhe.
Dieser unerwartete Moment des Innehaltens tut gut. Es gibt uns Zeit, tief durchzuatmen, den Staub der Wanderung abzuschütteln und uns bewusst zu machen, wo wir gerade stehen. Wir sind tatsächlich hier. Wir haben es geschafft.
Kurz darauf nähert sich uns einer der Fotografen – doch es ist nicht einfach nur ein Wanderer, sondern ein Parkranger in Zivil. Freundlich bittet er um unsere Permits und gleicht unsere Namen mit seiner Liste ab. Kein Grund zur Sorge – schließlich haben wir unser goldenes Ticket längst sicher in der Tasche. Doch dann folgt eine Überraschung: Er bietet an, ein paar Fotos von uns zu machen.
Ein Parkranger als persönlicher Fotograf? Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen! Ich reiche ihm meine Kamera, und mit geübtem Blick fängt er diesen einzigartigen Moment für uns ein. Wir stehen mitten in der Wave, umgeben von den geschwungenen Sandsteinwänden, die wie Wellen aus rotem, weißem und goldenem Stein wirken. Das Sonnenlicht spielt mit den Farben, und für einen kurzen Moment scheint die Welt stillzustehen.

Dann sind wir endlich allein. Nur wir und die Wave.
Wie beschreibt man diesen Anblick? Die Wände um uns herum leuchten in warmen Rottönen, durchzogen von feinen, wellenförmigen Linien in Weiß und Gelb. Es ist, als hätte jemand den Stein mit einem riesigen Pinsel in perfekten Schwüngen bemalt. Die geschwungenen Formen, die sanften Schatten – nichts hier wirkt zufällig, alles ist perfekt.

Doch die Wave selbst ist nur ein Teil des Erlebnisses. Die Umgebung steckt voller versteckter Wunder. Wir ziehen weiter, erkunden die Second Wave, eine kleinere, aber nicht minder beeindruckende Version der Hauptformation. Dann stolpern wir fast über den Cheeseburger Rock, eine perfekt geschichtete Felsformation, die tatsächlich aussieht wie ein überdimensionierter Burger. Und dann die Brainrocks – Sandsteinstrukturen, die aussehen wie ein riesiges, zerfurchtes Gehirn.
Jede Ecke hält eine neue Überraschung bereit, jedes Lichtspiel macht den Ort noch unglaublicher. Die Kamera klickt unermüdlich, aber irgendwann wird uns bewusst: Wir könnten hier Stunden verbringen, Tage sogar – aber die Zeit rennt uns davon.
Die Wave ist nicht der Ort, an den man einfach morgen wieder zurückkehrt. Die Permit-Lotterie sorgt dafür, dass nur 20 Menschen pro Tag dieses Wunder bestaunen dürfen – und wir wissen, dass dies unsere einzige Chance ist, jeden Winkel, jedes Detail in uns aufzusaugen.
Also nehmen wir uns noch einmal Zeit. Wir setzen uns, lehnen uns zurück, lassen die Stille auf uns wirken. Kein Geräusch außer dem sanften Wind, der über die Felsen streicht. Kein Gedanke an das Morgen, keine Ablenkung. Nur dieser Moment, dieser eine, einmalige, kostbare Moment.

Dann wird es Zeit. Mit einem letzten Blick verabschieden wir uns von der Wave. Und wissen, dass wir etwas erlebt haben, das wir niemals vergessen werden.
Trotz Ende September brennt die Sonne gnadenlos vom Himmel. 33°C, kein Schatten, kein Lüftchen, nur wir und die endlose Weite. Wir wussten, dass der Rückweg kein Spaziergang werden würde, aber jetzt – mit müden Beinen und einer Speicherkarte voller Erinnerungen – wird er zur echten Herausforderung.
Gegen 14:00 Uhr machen wir uns auf den Weg. Langsam, Schritt für Schritt, denn obwohl die Euphorie über unser Erlebnis noch in uns brodelt, sind unsere Körper anderer Meinung. Jeder Meter auf dem heißen Sand fühlt sich doppelt so lang an wie am Morgen. Doch selbst jetzt, auf dem Rückweg, bleibt die Landschaft atemberaubend. Wir zögern immer wieder, lassen den Blick schweifen, entdecken noch einen faszinierenden Felsen, noch ein Spiel aus Licht und Schatten, das wir unbedingt festhalten müssen.
Schritt für Schritt kämpfen wir uns durch den Sand, über die Felsen, durch den Wash – und mit jedem Kilometer wächst die Vorfreude auf das Gefühl, endlich ins Auto zu sinken.
Um 16:30 Uhr erreichen wir den Parkplatz. Erschöpft, durchgeschwitzt, staubig – aber überglücklich. Ich trage uns sorgfältig aus dem Trailhead-Register aus, eine kleine Geste, die offiziell das Ende unseres Abenteuers markiert. Dann lassen wir uns in die Sitze unseres Autos fallen, atmen tief durch und lassen alles sacken.
Wir haben es wirklich geschafft. Nach all den Jahren, nach all den vergeblichen Versuchen, nach 17 gescheiterten Lotterien – heute war UNSER Tag. Wir haben nicht nur die Wave mit eigenen Augen gesehen, wir haben sie gespürt und bewundert. Und jetzt, wo ich endlich hier war, wo ich jede Kurve, jede Linie, jede Schattierung mit eigenen Augen gesehen habe, kann ich mit voller Überzeugung sagen: Ja, es hat sich gelohnt.
Und nicht nur das: Ich werde weiterhin an den Lotterien teilnehmen. Weil manche Orte es einfach wert sind, sie wieder und wieder zu erleben – und dieser hier gehört ganz klar dazu.
Doch für heute ist unser Abenteuer noch nicht ganz vorbei. Diese Landschaft lässt uns einfach nicht los. Ich sehe zu Stefan rüber und bitte ihn, nicht den direkten Weg nach Norden zu nehmen. Ich will noch nicht zurück. Noch nicht raus aus dieser Welt. Stattdessen soll es über die 89A nach Süden gehen, auf Umwegen nach Page. Einfach, weil wir nicht genug von dieser atemberaubenden Natur bekommen können.

Nach der Hitze und den schier endlosen Sanddünen des heutigen Hikes sind wir fix und fertig. Unsere Beine protestieren bei jeder Bewegung, die Gesichter glühen von der Sonne, und die einzigen Worte, die uns gerade noch einfallen, sind: „Klimaanlage. Essen. Bett.“
Doch bevor es soweit ist, gönnen wir uns die Landschaft noch ein letztes Mal – diesmal ohne auszusteigen. Kein hektisches Fotografieren mehr, kein zielloses Umherlaufen auf der Suche nach dem besten Winkel. Wir lehnen uns einfach zurück, lassen die Fenster ein Stück offen und genießen die vorbeiziehenden Szenerien. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, dieselben Orte wiederzusehen, die wir erst vor sechs Monaten so ausführlich erkundet haben. Aber heute? Heute sind wir einfach nur dankbar, dass wir sie noch einmal erleben dürfen – ganz ohne Anstrengung.

Gegen 17:30 Uhr rollen wir endlich in Page ein, und ohne groß zu überlegen, steuern wir direkt unser Lieblingsrestaurant an: die State 48 Tavern. Nach einem Tag wie diesem gibt es nichts Schöneres, als sich an einen gemütlichen Tisch zu setzen, ein eiskaltes Getränk in der Hand zu halten und auf ein köstliches Abendessen zu warten. Und genau das passiert jetzt.
Während unsere Energie langsam zurückkehrt, blättern wir durch die Speisekarte. Wir kennen sie inzwischen fast auswendig, aber das hindert uns nicht daran, so zu tun, als würden wir noch überlegen. Am Ende wird es – wenig überraschend – wieder Burger, Steak und ein großes Bier. Wenn man schon völlig erledigt ist, dann wenigstens mit vollem Magen und bester Stimmung.
Danach sind es nur noch ein paar Meter bis zum Page Boy Motel, unserer Unterkunft für die Nacht.
Normalerweise meiden wir die teuren Hotels in Page, denn die Preise hier sind oft jenseits von Gut und Böse. Doch weil wir morgen den Antelope Canyon-X besichtigen wollen, brauchen wir eine Unterkunft in der Nähe – und die Optionen waren entweder unbezahlbar oder fragwürdig.
Dann passierte das Unerwartete: Ich fand ein Angebot bei Neckermann. Ja, Neckermann. Bis zu diesem Moment wusste ich nicht mal, dass ich jemals dort ein Hotel buchen würde. Doch siehe da: Das Page Boy Motel für exakt 100 Euro, inklusive Frühstück. Immer noch kein Schnäppchen, aber immerhin 50 Euro günstiger als alles andere in dieser Gegend an diesem Wochenende.
Beim Check-in erwartet uns keine Überraschung: Das Motel ist in die Jahre gekommen, aber sauber. Unser Zimmer?Klein, aber mit allem Nötigen ausgestattet – und sogar mit einer Küchenzeile. Oder sagen wir, mit einer Attrappe einer Küchenzeile. Denn es gibt zwar Schränke, eine Arbeitsfläche und eine Spüle, aber keine Elektrogeräte.
Beim Check-in müssen wir eine Vereinbarung unterschreiben, dass Kochen verboten ist. Kein Herd, keine Kochplatten – aber bloß nichts warm machen. Wir lachen kurz über die Ironie, unterschreiben und fragen uns insgeheim, wie oft hier wohl Gäste versucht haben, mit Campingkochern oder improvisierten Herdplatten heimlich zu brutzeln.
Dann inspizieren wir das Badezimmer. Die Handtücher? Sagen wir mal so: sie haben schon bessere Zeiten gesehen.Zerfetzt, dünn, aber immerhin sauber. Und für eine einzige Nacht werden sie wohl reichen.
Jetzt bleibt nur noch eine Frage offen: Wie wird wohl das Frühstück morgen? Wir lassen uns überraschen – aber die Erwartungen sind vorsichtshalber niedrig angesetzt.

