Letzter Cappuccino, voller Kühlschrank und zwei Kinder, die bereits warten
Der letzte Morgen eines Urlaubs hat immer diese besondere Qualität. Man ist noch mittendrin – der Geruch nach See und Sonnencreme noch in der Kleidung, das Kribbeln der letzten Tage noch im Körper – und gleichzeitig zieht Esslingen schon sanft an einem. Das eigene Bett. Die eigene Küche. Der vertraute Lärm des gemeinsamen Hauses, in dem Noah und Emilia gerade mit Sicherheit schon wach sind und zählen, wie lange es noch dauert.
7:40 Uhr. Der Camper abfahrtbereit. Die letzten Handgriffe erledigt. Der Campingplatz unter einem grauen Septemberhimmel, aus dem es leise zu tröpfeln begann. Genau zur richtigen Zeit, fand ich: Wenn der Himmel beim Abschied mitmacht, hat man keinen schlechten Grund zu gehen.
Aber zuerst: kein Aufbruch ohne letzten italienischen Einkauf.
Der Migross Superstore in Castelnuovo del Garda liegt praktisch auf dem Weg – und praktisch ist er auch: riesig, gut sortiert und vollgepackt mit allem, wofür Deutschland entweder deutlich mehr bezahlt oder schlicht keinen Platz im Kühlregal hat. Und wir haben einen Camper-Kühlschrank. Was natürlich bedeutet, dass wir ihn befüllen. Vollständig.
Schinken. Salami. Wein – natürlich Wein, und nicht zu knapp. Olivenöl in einer Flasche, die schon beim Anblick nach Toskana riecht. Pasta in Formaten, die in deutschen Supermärkten schlicht nicht existieren. Prosciutto in Mengen, über die Stefan kurz nachdenken wollte.
„Brauchen wir wirklich so viel Prosciutto?“
Die Frage. Die immer falsche Frage.
„Ja“, sagte ich. „Immer.“
Er nickte. Weil er diese Diskussion kennt und weiß, dass sie immer zu demselben Ergebnis führt: mehr Prosciutto.
Das Beste an diesem letzten Morgen in Italien – abgesehen vom Prosciutto – war das Frühstück im modernen Foodcourt des Supermarkts. Ein Cappuccino, cremig und heiß, so wie er nur in Italien gelingt. Ein Cornetto mit Pistaziencreme, das sich durch seine flaumige Textur und die großzügige Füllung von jedem deutschen Backshop-Hörnchen so weit entfernte, dass man sich fragen musste, warum diese Dinge denselben Namen tragen. Dazu ein frisch gepresster Orangensaft, der tatsächlich nach Orangen schmeckte.
Wir saßen da, tranken, aßen, schwiegen ein bisschen. Der letzte italienische Kaffee dieser Reise. Der schmeckt immer ein bisschen besonderer als alle anderen davor – nicht weil er besser ist, sondern weil man weiß, dass er der letzte ist.
Grazie, Italia. Das war gut.

Dann: Richtung Brenner. Der Regen begleitete uns auf dem Weg nach oben – nicht der aufgeregte, stürmische Regen, sondern der ruhige, gleichmäßige Herbstregen, der sich über die Alpen legt wie eine graue Decke. Die Scheibenwischer schwangen im gleichmäßigen Rhythmus. Die Berge rechts und links verschwanden hin und wieder hinter Wolkenfetzen und tauchten dann wieder auf, imposanter und dramatischer als zuvor.
Die Alpen im Regen haben ihren eigenen Charakter. Keine Postkarte, kein Instagram-Moment – aber eine Ehrlichkeit, die man an schönen Tagen manchmal vermisst. Nebelverhangene Gipfel, dunkle Wälder, tief eingeschnittene Täler, durch die kleine Bäche rauschen, die nach dem Regen der letzten Nacht ordentlich Wasser führten. Wir fuhren und schwiegen und schauten – und das war genug.
Am Brenner Outlet: eine weitere Pause. Nicht weil wir dringend etwas brauchten. Aber weil das Brenner Outlet nun mal auf dem Weg liegt und weil man dort immer irgendetwas findet, das man vorher nicht gesucht hat und das sich hinterher als vollkommen logische Entscheidung herausstellt.
Dieses Mal: eine Bialetti-Kaffeemaschine.
Für Nadine und Oli. Als Vorfreude-Geschenk für den nächsten gemeinsamen Camping-Trip, der im März anstand. Die Vorstellung: Wir alle morgens im Camper. Das vertraute Ruckeln und Zischen der Bialetti auf dem Gaskocher. Das Aroma von frisch gebrühtem Espresso, das sich durch den kleinen Innenraum ausbreitet. Kein Camping-Morgen, der besser beginnen könnte.
Stefan hielt die Kanne in den Händen und nickte zufrieden. „Gute Idee.“ Was bedeutete: Ja, das kaufen wir. Ohne weitere Diskussion.

Die letzten Kilometer: Füssen, die Schlösser im Dunst kaum sichtbar, aber da – eine schemenhafte Silhouette hinter grauen Wolken, die man kennt und trotzdem nochmal kurz schaut. Dann die Autobahn. Bayern, das sich im Regen ausnahm wie Bayern im Regen eben aussieht: grün, satt, ein bisschen melancholisch. Die Kilometer wurden weniger. Die Schilder vertrauter.
17:30 Uhr. Esslingen. Die eigene Straße. Der gewohnte Parkplatz.
Und kaum war der Motor aus, hörten wir es: ein fröhliches, lautes, vollkommen ungebremst enthusiastisches „Opa! Oma!“ aus dem Haus.
Noah. Emilia. Beide bereits in voller Begrüßungsbereitschaft. Noah mit der Energie von jemandem, der seit Stunden weiß, dass wir kommen, und der diese Information die ganze Zeit in sich aufgestaut hat. Emilia mit der Begeisterung von jemandem, der zwar nicht ganz sicher ist, wie lange wir weg waren, aber sehr sicher, dass Wiedersehen grundsätzlich eine großartige Sache ist.
Und dann das fröhliche Auspacken. Die Mitbringsel. Strahlende Kinderaugen über Kleinigkeiten, die man unterwegs für sie gefunden hatte. Dieser Moment, für den man reist – nicht nur für sich, sondern auch dafür, heimzukommen und zu sehen, wie sehr man gefehlt hat.
Beim gemeinsamen Abendessen mit Nadine und Oli wurden die Abenteuer noch einmal erzählt. Der Limoncello für 66 Euro – wir haben den beiden natürlich auch eine Flasche mitgebracht. Das Touristenbähnchen. Das Selfie im Teatro La Fenice. Stefan, der Venedig früher nicht mochte – und jetzt schweigt, wenn man ihn fragt, ob er wiederkommt. Die leere Akkuanzeige vor Sirmione. Das Boot, das uns rettete. Und das Tiramisu, das einem kurz das Sprechen verschlägt.
Dazu die mitgebrachten Spezialitäten, einer nach dem anderen auf den Tisch. Der Prosciutto – über dessen Menge Stefan noch kurz nachgedacht hatte – verschwand schneller, als man „Ciao“ sagen konnte. Der Wein war gut. Die Salami noch besser. Und spätestens beim ersten Bissen aus Italien war klar: Es hat sich gelohnt. Wie immer.
Und dann fiel es uns ein – oder vielmehr: es war uns schon die ganze Zeit bewusst, aber jetzt, an diesem Abend, mit vollem Tisch und glücklichen Gesichtern um uns herum, wurde es nochmal richtig greifbar:
In fünf Wochen geht es schon wieder los. Florenz und Rom.
Nach Italien ist bei uns immer auch vor Italien.
Ciao Bella Italia. Bis bald – und das ist keine Floskel.





