Peschiera, Sirmione und die brillante Entdeckung, dass man Akkus auch mal laden sollte
Tag drei am Gardasee. Venedig lag hinter uns wie ein schöner Traum, aus dem man nicht aufwachen will – und trotzdem war da schon wieder diese Vorfreude auf den nächsten Tag. Denn der Gardasee hat eine Art, einen ständig mit neuen Möglichkeiten zu locken, als hätte er einen unsichtbaren Vorrat an schönen Überraschungen, der einfach nie leer wird.
Aber bevor irgendetwas passierte, gab es erst Frühstück. Das ist bei uns ein unverhandelbares Naturgesetz, und am Gardasee nimmt es besondere Formen an.
Wir spazierten gemütlich zum kleinen Supermarkt auf dem Campingplatz, der uns mit dem Duft frischer Brötchen empfing, bevor wir überhaupt die Tür geöffnet hatten. Die Auswahl an italienischen Leckereien war – wie immer in diesem Land – eine einzige süße Versuchung. Was als Pflichtprogramm gedacht war, wurde zur Genussrunde: Neben den Brötchen wanderten Croissants mit Pistaziencreme in den Einkaufskorb. Und ein Stück würziger Käse. Und weil wir schließlich in Italien waren und es eine moralische Verpflichtung gibt, das zu würdigen: eine Packung Mortadella. Wer in Italien am Gardasee Camper-Frühstück macht und keine Mortadella dabei hat, hat irgendwo einen Fehler gemacht.
Zurück am Camper übernahm Stefan. Und hier möchte ich kurz pausieren und eine Tatsache festhalten, die nicht oft genug erwähnt wird: Stefan ist in der Disziplin des Camper-Frühstücks eine eigene Liga. Während ich den Tisch deckte – mit Blick auf den Gardasee, weil es keinen anderen Blick gab und der auch vollkommen ausreichend war –, brutzelte er Speck, schnitt Käse, arrangierte Mortadella und zauberte eine Frühstücksplatte, die man auch in einem guten Bistro hätte servieren können. Ohne Hektik. Mit der ruhigen Effizienz eines Mannes, der weiß, was er tut.
Die Sonne spiegelte sich glitzernd auf der Wasseroberfläche. Ein leichter Wind wehte vom See herüber. Der Kaffee war heiß, die Brötchen knusprig, und der Blick auf das Wasser war ein Geschenk, das keinen weiteren Kommentar brauchte. Wir frühstückten. Schweigend, manchmal. Genießend, immer. So soll ein Urlaubsmorgen aussehen. Genau so.
Nach dem Frühstück: Fahrräder raus, Wasserflaschen anschnallen, Sonnenbrillen auf. Heute Richtung Süden. Erstes Ziel: Peschiera del Garda.
Fünf Kilometer. Ein Katzensprung. Und dank des gut ausgebauten Radwegs, der sich direkt am Seeufer entlangzieht, wurde die Strecke zu einem angenehmen Warm-up für den Tag. Kein Verkehr, keine Schlaglöcher. Rechts von uns der Gardasee in sattem Blau, links grüne Wiesen und vereinzelte Zypressen, die Italiens Talent für dramatische Vegetation demonstrierten. Fast kitschig schön – aber auf die Art, die man sich nicht wünscht, sondern einfach bekommt.
Dann: Peschiera del Garda.
Man betritt die Stadt und versteht sofort, warum sie manchmal als eines der versteckten Juwele des Gardasees bezeichnet wird. Historische Festungsmauern – UNESCO-Weltkulturerbe, man merkt es an der Sorgfalt ihrer Erhaltung –, die sich direkt am Wasser entlangziehen, als hätten sie beschlossen, das Beste aus beiden Welten zu nehmen: Geschichte und Seeblick. Verwinkelte Gassen voller kleiner Boutiquen, Cafés mit Tischen unter blühenden Oleanderbäumen, Menschen, die in der Septembersonne sitzen.

Wir parkten die Räder und schlenderten los. Hier ein Laden mit handgefertigten Ledertaschen – wirklich handgefertigt, nicht der Touristenmarkt-Handgefertigt-Aufkleber, sondern ein Handwerker im Hinterraum. Dort ein Geschäft voller bunter Keramik in den typischen Gardasee-Blau- und Weißtönen. Es war die Art von Stadt, in der man eigentlich gar nichts kaufen wollte und dann doch mit vollen Taschen nach Hause geht. Wir hielten uns tapfer – diesmal.
Am Mincio blieben wir stehen. Der Fluss ergießt sich hier malerisch in den Gardasee und schafft eine Szenerie, die fast surreal schön ist. Leichte Wellen, die die Farben der pastellfarbenen Häuser spiegeln. Boote, die sanft über den Fluss schippern. Das alte Steinmäuerchen, an dem man sich anlehnt und einfach schaut. Eine Weile.
Es war gerade mal Mittag, Peschiera ausgiebig erkundet, und die entscheidende Frage stand im Raum: Was tun mit dem restlichen Tag? Eigentlich: entspannt weiterbummeln, nicht allzu weit fahren, den Nachmittag am See ausklingen lassen. Ein vernünftiger Plan für Menschen mit vernünftigen Gewohnheiten.
Und dann fiel uns ein – oder besser: dann fiel MIR ein, und ich teilte es Stefan mit der beiläufigen Nonchalance von jemandem, der hofft, dass die Erkenntnis möglichst unspektakulär klingt –, dass wir aus reiner Bequemlichkeit am Abend zuvor vergessen hatten, die Akkus unserer E-Bikes aufzuladen. Stefan schaute mich an. „Wie viel ist noch drin?“
Ich schaute auf die Anzeige. Ungefähr die Hälfte. Vielleicht. Wenn man optimistisch rechnet. „Ach wird schon gehen!“, sagte ich, mit dem unerschütterlichen Selbstvertrauen von jemandem, der das Wort Selbstüberschätzung nicht kennt oder zumindest ignoriert. „Sirmione ist gar nicht so weit.“ Stefan schaute nochmal auf seine Akkuanzeige. Dann auf meine. Dann sagte er nichts. Das war seine Art zu sagen: Wir werden sehen.
Was in unserer Vorstellung eine gemütliche Tour entlang des Sees werden sollte, entpuppte sich recht bald als Hindernisparcours mit eingebauten Überraschungen. Der direkte Weg am Seeufer entlang war – wie sich herausstellte – keine zusammenhängende Radstrecke, sondern ein durchgehend unterbrochenes Stückwerk aus Öffentlichem, Privatem und Undefiniertem.
Immer wieder mussten wir unsere Räder über private Strandabschnitte schieben. Vorbei an Liegestühlen. An sonnenbadenden Menschen, die uns mit einer Mischung aus Mitleid und Belustigung ansahen – dem Blick, den man Radfahrern zuwirft, die offensichtlich auf dem falschen Weg sind, aber entschlossen genug aussehen, um nicht angesprochen zu werden. Stefan schob stoisch voran. Ich schob und überlegte innerlich, ob man diesen Abschnitt als „abenteuerlich“ oder als „eindeutig falsch abgebogen“ bezeichnen sollte.
Nach einer Weile: genug. Schieben, Hüpfen, Slalomfahren zwischen Strandliegen – das war kein Radweg, das war ein Improvisationsmarathon ohne Bewertungsjury. Also: Plan B. Die Straße. Parallel zum See, mit ordentlichem Asphalt unter den Rädern und einem vernünftigen Vorwärtsgefühl.
Und genau dort, auf der Straße, mit noch etwa zehn Kilometern bis Sirmione, geschah es. Mein Fahrradakku gab auf.
Nicht graduell. Nicht mit einer freundlichen Warnung. Einfach: aus. Komplett. Die Anzeige: tot.
Ich schaute Stefan an. Stefan schaute die Anzeige an. Dann schaute er mich an.
„Na super“, sagte ich – was in diesem Fall als vollständige Analyse der Situation galt.
Und dann wurde mir noch etwas klar, was den Moment vollständig machte: Der Weg nach Sirmione führte ab hier bergab. Was bedeutete – und dazu brauchte man keine großen Rechenoperationen –, dass der Rückweg bergauf führen würde. Ohne Motor. Mit eigenen Beinen. Über eine Distanz, die mit Akku-Unterstützung angenehm und ohne dieselbe Unterstützung sportlich ambitiös war.
Stefan schwieg. Das war weise. „Jetzt machen wir erstmal Sirmione“, sagte ich. Mit der Entschlossenheit von jemandem, der das Problem für später aufhebt. „Das andere lösen wir hinterher.“

Als wir endlich im historischen Stadtkern von Sirmione ankamen, war der Akku-Ärger wie weggeblasen. Buchstäblich. Denn Sirmione ist eine dieser Städte, bei denen man aufhört, über alles andere nachzudenken. Die schmalen Gassen voller üppig blühender Bougainvillea – tiefes Violett gegen alten Kalkstein, das geht nicht besser. Die pastellfarbenen Häuser. Die kleinen Plätze mit plätschernden Brunnen. Und über allem das Castello Scaligero, diese mittelalterliche Wasserburg, die über dem See thront als hätte sie beschlossen, dass sie diese Position für die nächsten Jahrhunderte hält – was sie auch tut, seit dem 13. Jahrhundert.
Wir stellten die Räder ab und gingen zu Fuß. Über eine Hängebrücke, direkt ins Herz der Altstadt.
Und da war es. Das erste Schild. Die erste Theke. Der erste verführerische Duft.
Gelato.
Sirmione scheint das Konzept „Eisdiele auf Zeit beschränken“ vollständig abgelehnt zu haben. Stattdessen: überall Gelato. Jeder zweite Laden eine Eisdiele, jede einzelne überzeugt davon, die beste zu sein. Riesige Theken mit Dutzenden von Sorten – klassisch Pistazie, Stracciatella, dunkle Schokolade; exotisch Mango-Basilikum, Lavendel-Honig, Feige-Ricotta. Wir brauchten genau fünf Sekunden, um jede Form von Selbstbeherrschung aufzugeben.
Stefan: Schokolade und Amarena. Ich: Pistazie und Stracciatella. Der Klassiker, auf den man sich immer verlassen kann. Ein Becher, der so voll war, dass man kurz zweifelte, ob man ihn einhändig halten konnte.
Mit den Bechern in der Hand schlenderten wir durch Sirmione, das sich mit jedem Schritt mehr als eines jener Städtchen entpuppte, die man kennenlernen muss, um zu verstehen, warum der Gardasee so besonders ist. Nicht laut. Nicht aufdringlich. Einfach: schön. Auf eine Art, die man nicht erzwingen kann.
Das Castello Scaligero begleitete uns durch die Gassen als ständige Kulisse – mal aus einer Ecke sichtbar, mal hinter einem Torbogen versteckt, mal spiegelnd im Wasser des Hafenbeckens davor. Eine Burg, die nicht prahlt, sondern einfach da ist. Seit dem 13. Jahrhundert. Das reicht.
Dann, am Hafen, während wir die restlichen Löffel Gelato genossen und die Szenerie betrachteten, fiel mein Blick auf einen Ticketstand. Und dann auf ein Schild. Bootstouren. Lazise.
In diesem Moment war alles klar. Die Erleuchtung kam schnell, vollständig und mit großer innerer Freude: Wir würden nicht mit dem Fahrrad zurückfahren. Wir würden zurückfahren wie Menschen, die den Gardasee verstanden haben. Auf dem Wasser. Sitzend. Mit Wind im Gesicht und ohne einen einzigen Tritt in die Pedale.
Stefan war sofort einverstanden. Mit einer Geschwindigkeit, die zeigte, dass auch er innerlich bereits Varianten durchgerechnet hatte, bei denen Bergaufstrampeln ohne Akkuunterstützung nicht vorkam. Tickets gekauft. Abfahrt: in 1,5 Stunden. Was bedeutete: noch anderthalb Stunden Sirmione. Kein Problem. Sirmione hatte genug zu bieten.
Wir schlenderten durch die engen Gassen, ließen uns von Schaufenstern ablenken. Traditionelle italienische Handwerkskunst – handgenähte Ledertaschen, kunstvoll bemalte Keramikteller, Leinenkleider in Sommerfarben, Schmuck mit venezianischen Glasperlen. Die Plätze waren erfüllt von diesem angenehm trägen Treiben, das man im September am Gardasee findet: Touristen, aber nicht zu viele. Sonnenschein, aber nicht mehr brutal heiß. Aperol Spritz an kleinen Tischchen. Menschen auf Steinbänken mit Gelatobechern, das goldene Nachmittagslicht auf den alten Mauern.
Wir setzten uns auch kurz. Schauten. Ließen Sirmione auf uns wirken. Dann war es Zeit.
Das Boot wartete. Wir sicherten uns einen Platz auf dem Oberdeck – natürlich, denn wenn schon Bootsfahrt, dann mit vollem Panorama und maximalem Windgenuhl. Die 45-minütige Fahrt nach Lazise war das, was eine Rückfahrt sein sollte: ein Erlebnis für sich.
Der warme Septembernachmittag über dem See, das Wasser in diesem charakteristischen Gardasee-Türkis, die Berge im Hintergrund die langsam blauer wurden in der Nachmittagsluft, die kleinen Dörfer am Ufer, die wie hingetupft wirkten. Wir zogen an Ortschaften vorbei, die wir noch nicht besucht hatten, und machten insgeheim neue Listen. Stefan sah mich dabei an. Er kannte den Blick.
„Da müssen wir überall hin“, sagte ich. „Ich weiß“, sagte er.
In Lazise angekommen: die unvermeidliche sportliche Herausforderung. Fünf Kilometer zurück zum Campingplatz, ohne Akku-Unterstützung, mit Beinen, die nach einem langen Tag bereits ihre eigene Meinung hatten.
Während Stefan entspannt neben mir herschwebte – seine Akkuanzeige noch immer im grünen Bereich, weil er auch beim Fahren mehr Vernunft walten lässt als ich –, trat ich tapfer in die Pedale und fokussierte mich auf das Wesentliche. Die Fahrradgötter bekamen an diesem Abend ein paar Worte zu hören, die ich hier nicht protokolliere. Aber ich schaffte es. Ohne Schieben. Ohne Dramatik. Und mit dem stillen inneren Triumph von jemandem, der weiß: Das war das letzte Mal, dass wir die Akkus vergessen haben.
Da für den nächsten Morgen Regen angesagt war, beschlossen wir noch am Abend: alles wetterfest verstauen. Fahrräder rein, Tisch und Stühle verstaut, Camper auf Abreise-Modus. Das fühlte sich an wie eine kleine Melancholie – das Ende des letzten richtigen Tages einläuten, bevor der Urlaub in die Heimreise übergeht.
Das letzte Abendessen: wieder die Pirata Stube Pacengo. Weil man, wenn man das Beste gefunden hat, kein schlechtes Gewissen dabei haben muss, es zu wiederholen. Ich bestellte erneut die Rinderrippe. Weil sie beim ersten Mal so gut war, dass einmal schlicht nicht gereicht hatte. Kein Experiment, keine Neugier – einfach die Gewissheit, dass man sich damit keine falsche Entscheidung einhandelt.
Stefan: diesmal Spaghetti Carbonara. Perfekt al dente, ohne Sahne, weil es in Italien nie Sahne in der Carbonara gibt, und wer das im Restaurant bestellt, hat die falsche Wahl getroffen. Stefan hatte die richtige. Laut ihm: genauso gut wie mein Fleisch. Was ich sportlich als Einschätzung stehen lasse.
Dazu ein Glas kühlen Weißwein. Und draußen: die ersten Tropfen Regen, die leise auf die Terrassenbestuhlung klopften und uns daran erinnerten, dass das Wetter tatsächlich plante, seinen Auftritt zu haben. Dunkel wurden die Wolken über dem Gardasee. Das Wasser nahm eine andere Farbe an – nicht mehr das strahlende Blau des Tages, sondern ein tiefes, ruhiges Grau, das seinen eigenen Charme hatte.
Wir saßen. Aßen. Schauten. Und wussten beide: Das war definitiv nicht unser letzter Besuch hier.
Zurück am Camper: Plan für den Morgen. Aufwachen im Regen, nass Packen und dann losfahren – das ist keine attraktive Vorstellung. Also: direkt losfahren. Irgendwo auf der Strecke Frühstück suchen. Flexibel bleiben bis zum Ende.
Während draußen der Regen sanft auf das Dach trommelte, lag ich im Bett und dachte an die letzten vier Tage. Lazise und Bardolino und der Limoncello-Wahnsinn. Venedig und die Gassen und das Selfie in der Fenice. Sirmione und die leere Akkuanzeige und das Boot, das uns gerettet hat.
Gardasee, wir kommen wieder. Das ist keine Frage.

































