Emilia wollte per Bus einfahren, der Bus hatte andere Pläne. Und am Ende gab es Schlumpfeis
Der Morgen begann am Camper, mit Panini aus dem Campingplatz-Store und Kaffee, und das war eigentlich schon alles, was man für einen guten Start braucht. Der kleine Laden hatte eine Theke, bei der man kurz innehalten musste: Cannoli, Croissants, süße Teilchen in allen Variationen – und daneben eine Metzgereiabteilung, an der eine Mortadella von beachtlichen Ausmaßen hing. Die Art, bei der man automatisch nachrechnet, wie viele Brote man da da wohl mit einer einzigen Scheibe belegen könnte, und bei der selbst überzeugte Vegetarier kurz ins Grübeln geraten. Wir griffen zu, was klug war.
Was ist denn eigentlich Mortadella?
(Kleine Wissenspause für alle Nicht-Italienurlauber)
Mortadella ist viel mehr als nur „irgendeine Wurst“. Sie stammt ursprünglich aus Bologna – daher wird sie manchmal auch “Mortadella di Bologna” genannt – und ist eine echte italienische Delikatesse.
Das Besondere: Mortadella wird aus fein zerkleinertem Schweinefleisch hergestellt, das so lange verarbeitet wird, bis eine fast cremige Masse entsteht. Dazu kommen kleine weiße Speckwürfel, die der Mortadella ihr typisches marmoriertes Aussehen verleihen. Gewürzt wird oft mit Pfeffer, manchmal auch mit Pistazien oder Myrtenbeeren. Anschließend wird sie sanft gegart – nicht geräuchert, wie viele andere Würste.
Das Ergebnis? Milde, feine Scheiben, die auf der Zunge zergehen und nach Sonne, Sommer und einem Hauch italienischer Marktstände schmecken.
Kurz gesagt: Wer in Italien ist und keine Mortadella probiert, verpasst ein kleines Stück Lebensfreude auf dem Teller.
Draußen saßen wir dann mit unseren Panini in der Morgenluft, das leise Klappern von Geschirr der Nachbarcamper um uns herum, der See irgendwo hinter den Bäumen. Die Luft war noch kühl, der Himmel grau, aber trocken – und nach gestern war trocken bereits ein Erfolg. Es hatte diese angenehme Stille des frühen Urlaubs-Morgens, bevor irgendwas entschieden ist und der Tag noch alle Möglichkeiten offenhält.
Der Plan für heute: mit dem Schiff nach Sirmione. Der nächste Hafen mit Schiffsverbindung lag in Garda, zwei Kilometer entfernt, direkt am Wasser entlang. Oli, Noah und ich beschlossen zu laufen. Stefan deutete an, dass sein Bein heute eher auf Pause als auf Küstenpromenade eingestellt war. Nadine ließ keinen Zweifel daran, dass sie aktuell so ziemlich alles lieber tat als zwei Kilometer am See entlang zu marschieren. Und Emilia hatte sich innerlich bereits als kleine Principessa auf dem Vordersitz eines Busses positioniert, bereit, am Hafen elegant vorzufahren und den Fußmarsch mit einem leichten Wimpernschlag hinter sich zu lassen. Also: Stefan, Nadine und Emilia warteten auf den Bus. Oli, Noah und ich liefen los.

Die Promenade zwischen Bardolino und Garda ist so schön, dass man fast vergisst, dass man eigentlich irgendwo hinwill. Sie schlängelt sich direkt am Wasser entlang, gesäumt von Palmen und Zypressen, mit weiten Blicken über den See, der an diesem Morgen ruhig und silbergrau dalag. Fischerboote dümpelten am Ufer, Möwen zogen ihre Kreise, und ab und zu wehte der Geruch von Espresso aus einem Café, das gerade öffnete. Wir liefen, schauten, redeten wenig und waren vollständig zufrieden damit. Noah hatte seinen eigenen Rhythmus gefunden – mal voraus, mal zurückgeblieben, mal intensiv damit beschäftigt, irgendetwas am Wegesrand zu untersuchen, das nur er interessant fand.
Garda empfing uns mit weißen Booten, einem kleinen Leuchtturm und pastellfarbenen Häusern, die sich im stillen Wasser spiegelten wie in einem Aquarell, das noch nicht ganz trocken ist. Die Hafengegend war lebendig ohne überlaufen zu sein – Leute beim Frühstück, ein Kellner der Stühle rausstellt, ein alter Mann mit Zeitung. Mehr sahen wir von Garda an diesem Tag nicht, aber für diesen einen Moment am Wasser reichte das vollständig.
Dann ein Anruf von Stefan. Der Bus war nicht gekommen. Gar nicht. Keine Verspätung, keine Entschuldigung – einfach nicht erschienen, wie ein Verabredungspartner der es sich anders überlegt hat und es vergessen hat zu sagen. Emilias Plan mit dem eleganten Vorfahren war damit gegenstandslos. Sie musste jetzt laufen, wie alle anderen auch. Ihre Reaktion bewegte sich irgendwo zwischen verletztem Hofstaat und aufstandswilligem Kleinkind – wobei sie beides mit beachtlicher Würde kombinierte. Oli und Noah liefen dem angeschlagenen Trio entgegen, teils aus Ritterlichkeit, teils weil es die Wartezeit bis zur Abfahrt sinnvoll füllte.

Ich nutzte die Zeit und kaufte die Tickets. Tageskarten für die Schiffsrundfahrt auf dem südlichen Gardasee – einmal lösen, mehrfach einsteigen, kein Schlangestehen mit Kindern, die bereits Eis im Kopf haben. Eine der stillsten und dabei klügsten Entscheidungen des gesamten Urlaubs, wie sich noch herausstellen sollte.
Um kurz vor halb eins bestiegen wir das Schiff. Kein Piratenfilm, keine dramatische Abfahrt – einfach einsteigen, Platz suchen, Jacke zuziehen. Das Wasser glitzerte trotz des grauen Himmels, die Möwen hielten Parallelkurs, und das Schiff schob sich mit einem gleichmäßigen Summen vom Ufer weg. Die Sonne hatte heute frei genommen. Aber es regnete nicht – und das war Grund genug für eine gewisse stille Feierlaune. Wir lehnten uns zurück und ließen den See an uns vorbeziehen. Um halb zwei liefen wir in Sirmione ein.

Sirmione ist eine schmale Halbinsel, die sich wie ein ausgestreckter Finger in den südlichen Gardasee schiebt – historisch, fotogen und sich dessen sehr bewusst. Trotzdem funktioniert der Ort. Man setzt den Fuß auf die Halbinsel und hat sofort das Gefühl, in eine Mischung aus Postkarte und echtem Leben geraten zu sein, wobei beides irgendwie gleichzeitig stimmt.
Wir starteten mit der Scaligerburg. Sie steht am Eingang der Halbinsel und hat die ruhige Überzeugungskraft eines Bauwerks, das schon alles gesehen hat und sich von nichts mehr beeindrucken lässt – Türmchen, Zugbrücke, Zinnen, massive Mauern, fotogen aus jedem Winkel. Die Kinder betrachteten sie für exakt fünf Sekunden mit aufrichtigem Interesse. Dann ging es um wichtigere Dinge.

Wir schlenderten durch den Burggarten – alte Olivenbäume, grüne Rasenflächen, Mauerreste aus anderen Jahrhunderten – und ließen uns danach einfach treiben. Ohne Plan, ohne Google Maps, einfach rein in das verwinkelte Herz von Sirmione, wo sich die Gassen winden und man hinter jeder Ecke entweder auf ein kleines Café, einen Leinenladen oder eine Boutique mit handbemalter Keramik stößt, die entsprechend bepreist ist. Wir kamen an kleinen Plätzen vorbei, über deren Pflaster schon Generationen von Flipflops getrippelt sind, an eleganten Schaufenstern mit Sonnenhüten und Seidentüchern, an Aussichtspunkten, die sich so unauffällig zwischen den Häusern versteckten, dass man fast dran vorbeigegangen wäre.
Und dann die Eisdielen. Nicht eine, nicht zwei – gefühlt jeder zweite Eingang war eine. Die Auslagen: farbenfroh, dramatisch beleuchtet, mit Obstschichten und Sahnehäubchen dekoriert, als stünde ein Fotowettbewerb kurz bevor. Die Sorten reichten weit über das Übliche hinaus – Lavendelhonig, salziges Karamell mit gerösteten Haselnüssen, Limette-Basilikum, Tiramisu mit Amaretto. Man stand davor und hatte das leise Gefühl, eine Entscheidung von gewisser Tragweite zu treffen.
Und dann entdeckte Noah das Schlumpfeis. Grellblau, leuchtend, von einer Farbe, die in der Natur nicht vorkommt – eher wie ein Unfall im Chemielabor. Noah hatte innerlich bereits entschieden – er bleibt bei Scholokalden Eis. Ich bekam eine blaue Kostprobe: süß, irgendwie undefinierbar, ein bisschen wie Kaugummi in Eisform, mit einem Hauch Nostalgie aus einer Ära, als Lebensmittelfarbe noch ein Qualitätsmerkmal war. Gut, auf diese ganz spezifische Art. Wir alle hatten irgendwann einen Becher oder eine Waffel in der Hand – Eis tropfte, Hände klebten, und niemand störte sich daran. Es war Sirmione. Das war so vorgesehen.
Ich möchte an dieser Stelle kurz zu Protokoll geben, dass ich in den nächsten zwei Stunden zweimal versprochen habe, kein weiteres Eis mehr zu kaufen. Und dass dieses Versprechen beide Male mit einer Halbwertszeit von ungefähr vier Minuten ausgestattet war. Die Beweislage in Form von Eisflecken auf meiner Jacke ist eindeutig. Sirmione macht das mit einem. Man kann sich nicht dagegen wehren, und nach einer Weile hört man auch auf es zu versuchen.
Bis kurz nach drei trieben wir durch die Altstadt. Wir entdeckten Aussichtspunkte, die sich zwischen Häusern versteckten und plötzlich den ganzen See aufmachten. Wir schauten in Schaufenster, ohne gezielt etwas zu suchen, und fanden trotzdem das eine oder andere, das mitmusste. Der Magnet für die Küche zum Beispiel – nicht weil man ihn braucht, sondern weil man in Sirmione einen Magneten für die Küche kauft. Das ist einfach so.
Doch irgendwann hieß wieder: Schiff ahoi! Ziel: Bardolino.

Um vier Uhr fünf liefen wir in Bardolino ein. Bardolino ist der Ort, bei dem man vom Schiff steigt und sofort das Gefühl hat, man könnte noch eine Weile bleiben. Die Straßen sind gepflegt, die Cafés einladend, die Gäste sitzen draußen mit dem ersten Aperol des Abends in der Hand, und das Klirren von Gläsern und das leise Murmeln der Gespräche hängen in der Luft wie eine eigene Wetterform. Weinbars mit Lichterketten, Läden mit Olivenöl und Schals und allem, was man nicht braucht und trotzdem in die Hand nimmt. Wir schlenderten, schauten und atmeten den Ort in Ruhe ein.
Das Due Torri fanden wir fast zufällig. Eine Trattoria mit kleinen Tischen, hübschen Tischdecken, warm schimmerndem Licht unter Holzbalken und einem Geruch aus der Küche, der einem sofort jedes vernünftige Argument gegen einen Tisch nimmt. Es roch nach Pizza, nach geschmolzenem Käse, nach gutem Olivenöl und Tomaten, die mehr Sonne gesehen haben als wir den ganzen Frühling zusammen. Wir blieben.
Die Bestellung lief routiniert: Pizza, Pasta, alles was das Herz höherschlagen lässt. Die Kinder bestellten mit großer Überzeugung und eigener Meinung – Pasta für Noah, Pasta für Emilia, alles bestens. Bis die Teller kamen. Was dann folgte, war keine böse Absicht, sondern einfach die unaufhaltsame Logik dieser Reise: die Pasta der Kinder war irgendwie nicht das, was sie sich vorgestellt hatten, aber Olis Pizza war irgendwie genau das.
Ohne große Diskussion, ohne Drama, wanderten Gabeln hinüber, Teller wurden inspiziert, und Oli aß am Ende das, was Noah und Emilia bestellt, probiert und für unzureichend befunden hatten. Er tat das mit einer Stille, die man nur als vollständige innere Akzeptanz beschreiben kann. Dritter Abend, dritter Akt desselben lautlosen Familienklassikers. Das Ensemble kannte seine Rollen – und Oli kannte seine ganz besonders gut.
Nach dem Essen teilte sich die Truppe wieder. Oli, Noah und ich liefen zurück entlang der Promenade – der See lag im Abendlicht, das Wasser ruhig, die Luft nach dem Tag warm genug für einen entspannten Spaziergang. Stefan, Nadine und Emilia warteten auf den Bus. Der kam diesmal tatsächlich – nur dreizehn Minuten zu spät, was für einen italienischen Linienbus eine Art Punktlandung ist.
Als wir alle wieder an den Campern waren, wurde noch schnell das Frühstücksgeschirr gespült – das echte Camperleben lässt grüßen, auch am Ende eines langen Tages – alle unter die Dusche, und dann fing es wieder an zu regnen. Nicht ein bisschen. Richtig, mit Nachdruck, als wolle der Regen sicherstellen, dass er auch wirklich bemerkt wird. Wir waren satt, müde und sehr zufrieden. Der Regen war uns an diesem Abend egal.




























