Regentag Gardasee: Zweimal hingefallen, einmal T-Bone gegrillt – und fünf Sprünge die zählen
Die ganze Nacht hatte es geregnet. Nicht das höfliche Tröpfeln, das man noch als „frische Brise“ verkaufen kann, sondern ein ausdauerndes, ernsthaftes Dauerprasseln, das klarmachte: Der Gardasee hat heute andere Pläne. Wir hatten gestern Abend noch vollmundig verkündet, dass uns das egal sei. Gummistiefel, Salami, Weißwein, kein Problem. Der Gardasee hatte zugehört und sich nichts dabei gedacht.
Der erste Gardasee-Regen-Morgen startete mit einer kleinen Sturzstatistik: Stefan brach als Erster auf, um die Frühstückslage im Campingplatz-Restaurant zu sondieren – eine Erkundungsmission, die auf nassen Fliesen vor dem Eingang abrupt endete. Kurze Begegnung mit der Schwerkraft, kontrollierter Aufprall. Er kam zurück und sagte: „Rutschig.“ Ich vermerkte das innerlich als wertvolle Information.
Mein eigener Beitrag zur Statistik folgte kurz darauf. Ich stieg aus dem Camper, fest davon überzeugt, dass die Trittstufe ausgeklappt war. Was dann passierte, war ein kurzer, überraschend lautloser Flug ins feuchte Gras, bei dem ich Zeit hatte zu denken: das hätte ich vielleicht prüfen können. Die zwei Flaschen Weißwein standen übrigens noch originalverschlossen im Schrank. Das sei hier für das Protokoll festgehalten.

Frühstück im Restaurant. Croissants, Kaffee, die stille Übereinkunft, dass wir den Vormittag nicht draußen verbringen würden. Wir warfen einen Blick auf den Kids Club – Öffnungszeiten, Programm, Abgabemodus – und beschlossen dann das, was sich bei Regen und sechs Menschen in zwei Campern von selbst ergibt: einkaufen.
Das Grand Affi Shopping Center liegt fünfzehn Minuten entfernt und hatte anscheinend noch rund fünfhundert anderen Menschen dieselbe Idee eingegeben. Wir fanden Parkplätze für beide Camper in einer Ecke, die weniger nach Einkaufszentrum und mehr nach Sammelstelle für Fahrzeuge mit unklaren Zukunftsplänen aussah. Hauptsache, wir standen.

Drinnen war es warm, trocken und hell. Kinderklamotten wanderten in den Einkaufswagen, weil das im Urlaub immer passiert, egal wie sorgfältig man vorher gepackt hat. Und dann, im Lebensmittelmarkt, der eigentliche Fund des Tages: T-Bone-Steaks. Keine kleinen, bescheidenen Stücke, sondern Exemplare, bei denen man kurz nachschaut ob das Gewicht wirklich stimmt oder ob die Waage einen verarscht. Stefan und ich standen davor mit dem Blick von Leuten, die bereits entschieden haben und nur noch kurz so tun als würden sie es abwägen. Die Steaks kamen mit. Natürlich.

Nadine, Oli und Noah steuerten zwischendurch McDonald’s an, weil Noah Nuggets wollte – und das ist in einer Familiendemokratie manchmal einfach das stärkste Argument. Gegen halb drei rollten wir vollbepackt zurück. Und dann, während wir auf den Campingplatz einbogen: der Regen hörte auf. Einfach so. Wir haben das kommentarlos zur Kenntnis genommen.
Oli und ich übernahmen eine Aufgabe, die zum Campingleben gehört wie das morgendliche Kaffeekochen: der Gang zur Entsorgungsstation. Der Campingplatz hatte dafür einen Automaten, der Campingtoiletten reinigte, spülte und desinfizierte, während man dabei stand und seine Urlaubsromantik neu kalibrierte. Wir zogen unsere kleinen grauen Rollbehälter die Campingplatzstraße entlang, nebeneinander, jeder seinen. Irgendwie war es trotzdem schön. Oder einfach: Einer muss es ja machen.

Danach: Campingtische raus, Stühle auf, die Salami-Beute aus Limone auf das Brett. Bier, Cola, Kinder aus dem Kids Club zurück, und die Stimmung des Nachmittags setzte sich durch.
Um fünf übernahmen Stefan und Oli den Grill. Die T-Bone-Steaks lagen auf dem Rost und zischten beim Auflegen, als hätten sie genau darauf gewartet. Was dann folgte, war kein Grillen im Sinne von Essen zubereiten. Es war eher ein Ereignis. Der Geruch zog über den Campingplatz, die Kruste bildete sich gleichmäßig und goldbraun, innen blieb alles wie es sein sollte – rosa, saftig, mit dieser Textur, bei der man beim ersten Schnitt schon weiß, dass der Abend gut wird.
Nadine und ich deckten den Tisch, hielten Servietten im Abendwind fest und bemühten uns beim Anblick der Steaks um professionelle Zurückhaltung. Das gelang mäßig. Dann der erste Bissen. Stille. Dieses lautlose, kollektive Nicken, das keine weiteren Worte braucht. Wir aßen, tranken, und der Gardasee glitzerte wieder hinter den Bäumen als wäre der Regen eine Erfindung gewesen.
Noah wollte danach noch an den See. Steine flitschen. Also gingen wir. Der Weg zum Ufer führte durch eine Allee alter Olivenbäume, deren Äste sich über den Kiesweg bogen wie ein Dach, das jemand vor langer Zeit aus Versehen grün werden ließ. Der See lag still und türkisfarben, das Wasser so klar, dass man jeden Stein auf dem Grund erkennen konnte. Schilf raschelte. Ein Boot lag irgendwo. Ich fotografierte es natürlich.
Noah hatte aufgehört, die Schönheit zu registrieren. Er war bereits dabei, den richtigen Stein zu finden – und das ist eine Wissenschaft für sich. Zu rund geht nicht. Zu dick geht nicht. Zu schwer auch nicht. Er kniete am Ufer und sortierte mit der Ernsthaftigkeit eines Mannes, der genau weiß was er tut. Dann der richtige Stein. Dann der Wurf.

Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Noah drehte sich um. Ich stand hinter ihm und hatte das Grinsen eines Jungen, der gerade etwas Wichtiges beobachtet hat. Er auch. Wir sagten beide nichts, weil da nichts gesagt werden musste. Fünf Sprünge ist fünf Sprünge.
Ich versuchte es auch, weil man das muss. Mein Stein versank beim ersten Kontakt mit dem Wasser mit einem dumpfen Plopp, der klang wie eine freundliche Absage. Noah schwieg diplomatisch. Ich war dankbar.
Irgendwann später: Koje. Licht aus. Der Tag war völlig anders verlaufen als geplant und dabei genau richtig gewesen. Morgen würde es wieder regnen, sagten die Apps. Wir hatten noch genug Salami. Und zwei Flaschen Weißwein, die endlich ihren Moment bekommen würden.









