377 Stufen runter, ein Liebespfad und ein Aussichtspunkt der einen nicht mehr loslässt
Frühstück gab es im Camper, mit Brötchen und Croissants die wir am Vorabend beim Campingplatz-Store bestellt hatten – eine dieser kleinen logistischen Meisterleistungen, die man erst wirklich zu schätzen weiß wenn man morgens um halb acht nicht erst in der Schlange steht. Stefan und Nadine machten das Frühstück, ich holte die Backwaren ab, die Kinder aßen mit einer Energie die darauf hindeutete dass sie bereits wussten was der Tag bringen würde. Das Geschirr blieb für den Abend stehen.

Zehn Minuten zu Fuß bis zum Bahnhof Levanto, und wer jetzt denkt: das klingt nach einem gemütlichen Morgenspaziergang – der hat noch nie mit zwei Kindern, vier Erwachsenen, zwei Rucksäcken und einer Kameratasche eine ligurische Straße mit ligurischen Gehsteigen entlangversucht. Es funktionierte trotzdem. Der Zug stand pünktlich da, wir stiegen ein, und fünfzehn Minuten später hielt er in Corniglia. Wer von hier ins Dorf will, hat zwei Möglichkeiten: 377 Stufen den Hang hinauf, oder der Shuttlebus der einen in drei Minuten und ohne jede körperliche Investition nach oben befördert. Wir schauten uns kurz an. Es war Ostermontag, der Tag hatte gerade erst begonnen, und wir hatten noch viel vor. Wir nahmen den Bus. Manche Entscheidungen sind klüger als sie aussehen.
Oben angekommen empfing uns Corniglia – und das Erste was man merkt: Corniglia ist nicht laut. Es macht keinen großen Auftritt. Es hat keinen Hafen, kein Schiff das dröhnt, keine Touristenmassen die einen durch enge Gassen schieben. Corniglia liegt auf einem Felsen und schaut auf das Meer hinunter mit der Gelassenheit von jemandem, der es nicht nötig hat sich anzustrengen. Die Gassen sind eng und bunt und leicht verwinkelt, die Häuser stehen so dicht beieinander dass das Licht zwischen ihnen kämpft, und überall blüht etwas – auf Fensterbänken, an Laternen, aus Ritzen in der Mauer die eigentlich keine Erde für Blumen haben sollten und es trotzdem tun. Es riecht nach Lavendel und Zitrone und nach dem Stein der in der Sonne warm wird. Die handgeschriebenen Tafeln vor den kleinen Restaurants listen Pastasorten auf, als wären es Gedichte.
Pflichtprogramm: Gelateria Alberto. Die Eisdiele liegt so dass man beim Essen auf den Hang hinunter und aufs Meer schaut – das Meer selbst nur als blaues Versprechen am Horizont, aber das reicht vollständig. Ich nahm Nocciola. Stefan nahm Limone und schaute dabei so zufrieden drein, als wäre das die einzig richtige Entscheidung gewesen. Noah wollte wie immer das Auffälligste was die Theke zu bieten hatte, Emilia entschied sich für Erdbeere weil Erdbeereis die Farbe von ihrem Lieblingskleid hat – Prioritäten sind schließlich Prioritäten. Wir setzten uns auf eine der Bänke, aßen, schauten, und sagten eine Weile gar nichts.
Für Nadine, Stefan und Emilia ging es dann komfortabel per Shuttlebus zurück zum Bahnhof. Für Oli, Noah und mich: die Scalinata Lardarina. 377 Stufen den Hang hinunter, ein steinerner Schlangenpfad zwischen Olivenbäumen und Weinreben, und rechts das offene Ligurische Meer in diesem Blau das man nicht fotografieren kann weil keine Kamera das hinbekommt. Kniefreundlich ist anders. Dafür hat man das Gefühl, den Ort wirklich verlassen zu haben – Schritt für Schritt, Stufe für Stufe. Noah zählte die Stufen laut mit. Er hörte irgendwo bei neunundfünfzig auf, weil ihn das Meer ablenkte. Den Muskelkater bekamen wir trotzdem. Wie immer.

Dann Riomaggiore – und was für ein Kontrastprogramm. Riomaggiore ist alles was Corniglia nicht ist: laut, bunt, voller Farben und voller Leben auf jedem Quadratmeter. Der Eingang ins Dorf führt durch einen neonblauen Tunnel direkt ins Herz des Ortes, was sich anfühlt wie eine Bühnenöffnung – man tritt durch und steht sofort mittendrin. Häuser in Gelb, Orange, Rosa, Terrakotta, aufeinandergestapelt den Hang hinauf als hätte jemand eine Schublade mit Farbtöpfen umgeworfen und entschieden: passt so. Gassen, Stufen, Blumentöpfe, Wäscheleinen, Katzen die einen mit dem Blick anschauen, der unmissverständlich sagt: das hier ist mein Revier und du bist Gast. Boote auf Böcken im kleinen Hafen. Und der Geruch – Pizza, Salzwasser, Espresso, irgendwas das man nicht benennen kann aber das sofort nach Cinque Terre riecht.

Wir stiegen zum Castello di Riomaggiore auf – ein paar Kurven, ein paar Treppen, und dann standen wir oben. Das Dorf von oben ist nochmal eine eigene Geschichte: die bunten Häuser als Wimmelbild, der Hafen unten mit den Booten die im Wasser schaukeln, und dahinter das Meer in diesem schweren, dunklen Ligurischen Blau. Noah zählte die Boote. Ich versuchte alle Farben gleichzeitig aufzusaugen. Riomaggiore steckt mehr Italien in ein paar Straßen als andere Orte auf einer ganzen Küstenlinie.
Zum Mittagessen fanden wir das Il Maggiore, direkt an der belebten Via Colombo, mit Tischen draußen auf einem kleinen Podest und Blick auf das Straßentreiben. Pizza für die einen, Pasta für die anderen, Bruschetta zum Teilen, das übliche gefühlte Dutzend Flaschen Wasser weil Treppen in der Mittagshitze das mit einem machen. Der Service war schnell, das Essen ehrlich und gut, und das Treiben auf der Straße war das beste Beiprogramm das man sich wünschen kann. Wir aßen, redeten ein bisschen, und ließen den Vormittag sacken.
Um 16 Uhr hatten wir ein festes Date. Den Via dell’Amore.
Wer die Geschichte dieses Weges nicht kennt: er führt von Riomaggiore nach Manarola, direkt in die Felsen gebaut, direkt über dem Meer – und er war jahrelang gesperrt. Felsstürze, Erosion, endlose Bauarbeiten. Seit wenigen Wochen war er wieder offen. Wir hatten Tickets vorab gebucht, standen aber eine halbe Stunde zu früh am Eingang, und weil es ruhig war – Nebensaison, Ostermontag – durften wir einfach losgehen. Kein Gedränge, kein Anstehen, nur wir und der Pfad.

Und was für ein Pfad. Links die Felsklippen, an denen sich Pflanzen festklammern die eigentlich gar keinen Halt haben sollten. Rechts das offene Meer, türkis und schimmernd und so weit dass man aufhört zu zählen wo es endet. Dazwischen der Weg, mit Geländern und Bänken und den Liebesschlössern in allen Zuständen zwischen frisch poliert und rostig-romantisch und von der Gischt über Jahre hinweg gezeichnet. Man geht und bleibt stehen und geht und bleibt wieder stehen, nicht weil man muss, sondern weil der Ausblick bei jedem Schritt ein bisschen anders ist und man keinen davon verpassen will.
Emilia lief und lief und schaute nur nach vorne. Ich fand heraus dass man durch die Geländerstäbe hindurch perfekt zum Meer fotografieren konnte und verbrachte eine unbekannte Anzahl von Minuten damit, diesen Winkel zu perfektionieren. Stefan lief ruhig und gleichmäßig, was Stefan tut wenn er vollständig zufrieden ist und das weiß. Der Weg ist kurz – dreißig Minuten mit Pausen – aber jede dieser dreißig Minuten ist eine eigene Sache.
Und dann Manarola.
Manarola ist mein Lieblingsdorf der Cinque Terre. Das sage ich ohne Einschränkung und ohne dass ich lange überlegen müsste warum. Es hat dieses Licht. Diese Farben. Und es hat diesen einen Aussichtspunkt.
Wir liefen durch die kleine Hauptgasse – Gelato natürlich, für alle, denn der Via dell’Amore macht hungrig auf alles Schöne – dann trennten sich die Wege kurz. Oli ging mit den Kindern ganz runter ans Wasser, wo die Wellen gegen die schwarzen Steine schlagen – ein Spiel aus Gischt, Gelächter und nassen Füßen. Emilia quietscht vor Freude, Noah versucht, die Wellen mit ausgestrecktem Zeigefinger zu stoppen. Spoiler: Es klappt nicht. Stefan und Nadine setzen sich auf eine Bank und genießen die Aussicht.
Ein paar Minuten, ein schmaler Weg, und dann öffnet er sich. Das ganze Dorf von oben: die bunten Häuser die sich in die Felsen schmiegen als hätten sie dort immer gestanden und würden dort immer stehen, der kleine Hafen unten mit den Booten im türkisfarbenen Wasser, die Weinreben auf den Terrassen, das Meer dahinter bis zum Horizont. In der Nachmittagssonne leuchtete alles gleichzeitig. Ich machte Fotos. Viele. Und dann hörte ich auf und schaute einfach und machte sehr viele Fotos
Zurück zum Hafen, noch ein letzter Blick auf Manarola – und mit dem nächsten Zug zurück nach Levanto. Die Kinder lehnten in den Sitzen mit dieser speziellen Erschöpfung von Menschen die einen sehr vollen Tag hatten und das gerade erst merken. Wir Erwachsenen waren nicht anders. Niemand sagte viel.

Am Bahnhof in Levanto teilten wir uns auf: Nadine, Oli und Stefan bogen zum Supermarkt ab. Den fanden sie auch – problemlos, schnell, alles gut. Was dann folgte, war weniger geradlinig. Der Weg zurück zum Campingplatz, den sie eigentlich kennen sollte, entpuppte sich als kleine Expedition in die ligurischen Nebenstraßen. Google Maps hatte eine Meinung, Levanto hatte eine andere, und irgendwo dazwischen liefen drei Erwachsene mit Einkaufstüten durch eine Gegend die keiner von ihnen je zuvor gesehen hatte. Sie kamen an. Irgendwann. Mit Einkauf und einer neuen Wertschätzung für die Einfachheit des direkten Weges.
Noah, Emilia und ich waren da längst unter der Markise. Ohne Umweg, ohne Nebenstraßen, ohne Abenteuer. Man darf das ruhig mal erwähnen.
Dann Vesper. Salami aus Limone auf dem Brett, frisches Brot, Käse, ein kühles Glas Weißwein, das leise Summen des Campingplatzes rundherum. Kein Kellner, keine Weinkarte, keine Rechnung die man dreimal prüft. Einfach das hier. Nach einem Tag mit 377 Stufen runter, einem Liebespfad, drei Dörfern und einem Aussichtspunkt der sich eingebrannt hat – ist das die absolut richtige Art zu enden. Stefan sagte beim ersten Schluck nichts. Das war Zustimmung.
Corniglia, Riomaggiore, Manarola. Drei Dörfer, jedes mit seinem eigenen Charakter, keines wie das andere. Morgen fehlen noch zwei.






















































































