Vier Tickets, ein Minizug und eine Bank am See – Gabi hatte den besseren Plan
Es regnete immer noch. Nadine holte frische Brötchen aus dem Campingshop, Stefan und sie machten das Frühstück – wie immer, ohne große Absprache, weil manche Dinge in einer Familie einfach funktionieren ohne dass jemand nachfragt warum.
Was macht man als Frau, wenn der Regen weiter fällt, die Männer versorgt sind und die Kinder in guten Händen? Nadine und ich schauten uns kurz an. Die Antwort war so klar, dass sie nicht ausgesprochen werden musste. Oli und Stefan blieben also gemütlich auf dem Campingplatz. Die Kinder waren im Kids Club. Alles geregelt.

Erster Halt: NICO. NICO hatte Schuhe. NICO hatte Taschen. NICO hatte Kleider in Farben, die man zuhause nie kaufen würde, die hier aber plötzlich absolut notwendig wirkten. Wir gingen rein mit dem Vorsatz, kurz zu schauen. Wir kamen raus mit Tüten. Das war vorhersehbar und sehr befriedigend. Danach noch einmal in die Affi Mall – wir waren ja schon vorgestern dort, aber da hatte man Hunger gehabt und war deshalb nicht wirklich fokussiert gewesen. Diesmal mit klarem Blick, Einkaufszettel und dem festen Vorsatz, nur das Notwendige zu kaufen. Der Vorsatz hielt, wie Vorsätze im Urlaub so halten.
Um kurz nach eins rollten wir zurück auf den Campingplatz – und der Regen hatte aufgehört. Die Sonne ließ sich noch nicht blicken, aber der Himmel hatte zumindest aufgehört, aktiv dagegen zu arbeiten. Das war genug. Also: Bardolino.

Oli, Nadine, Noah, Emilia und ich machten uns gegen zwei Uhr auf den Weg. Die Kinder auf den Rollern, wir zu Fuß hinterher, in dem gemütlichen Tempo von Menschen, die keinen Zug mehr kriegen müssen. Der Weg entlang der Uferpromenade war auch unter grauer Wolkendecke schön – der See lag ruhig vor uns, die Luft mild und nach Wasser und Frühling riechend, und das Klackern der Roller-Räder auf dem Pflaster war das lauteste Geräusch weit und breit. Stefan blieb zurück. Sein Bein wollte heute nicht mit. Er hatte jedoch angekündigt, später mit dem E-Scooter nachzukommen, was ich als Statement über seine Fähigkeit zur eleganten Problemlösung verbucht habe. Treffpunkt: halb fünf am Hafen.
Nach etwa einer halben Stunde Promenade: Bardolino. Die Roller wurden ordentlich am Fahrradständer am Hafen geparkt, und dann standen wir da – mit dem ganzen Nachmittag vor uns und dem besten Plan dieser Reise im Kopf. Zumindest in meinem Kopf.
Denn da stand er. Der Trenino della città di Bardolino. Ein knallroter Minizug auf Gummireifen, bunt bemalt, laut beklebt, mit einem Schaffner vorne dran, der Karten verkaufte. Drei Euro pro Person. Ich kannte diesen Zug. Stefan und ich hatten ihn im letzten Jahr ausprobiert. Wir stiegen ein mit der Erwartung einer kleinen Stadtbesichtigung und wurden auf eine zwanzigminütige Entdeckungsreise durch Bardolinos diskreteste Ecken mitgenommen: Hotelparkplätze, Lieferanteneingänge, eine Betonmauer mit Graffiti, Altglascontainer in verschiedenen Befüllungsständen. Altstadt? Irgendwo dahinter. Sehenswürdigkeiten? Wenn man auf Lüftungsgitter und Servicezufahrten steht: durchaus. Wir stiegen aus mit dem leisen Gefühl, dass drei Euro eine interessante Investition gewesen waren.
Das wusste ich. Nadine, Oli und die Kinder wussten es nicht. Ich zückte die Geldbörse. Zwölf Euro für vier Personen, bitte. Ich drückte jedem ein Ticket in die Hand, lächelte mit der warmen Großzügigkeit einer Oma, die sich freut wenn andere Freude haben, und winkte ihnen nach, während sie einstiegen. Ciao ragazzi – fahrt schön durch den Hinterhof! Und weg sind sie…
Dann setzte ich mich auf eine Bank am See. Die Sonne kam in genau diesem Moment heraus. Der See glitzerte. Die Möwen kreisten. Ich hatte einen Kaffee in der Hand und die ruhige Zufriedenheit von jemandem, der weiß, was in den nächsten zwanzig Minuten passieren wird.
Der See war sehr schön an diesem Nachmittag.

Nach gut zwanzig Minuten rollte der Trenino wieder in den Hafen ein. Vier Gesichter, deren Erwartungen sich irgendwo zwischen Stadtführung und Realität gerieben hatten. Nadine fasste es zusammen: „Also. Es gab Parkplätze. Einen Hinterhof. Irgendwelche Container.“ Ich nickte verständnisvoll. „Bei mir war’s schön.“ Wir lachten alle – die einen ehrlich, die anderen mit der spezifischen Wärme von Menschen, die gerade verstanden haben, was gerade passiert ist.
Dann Bardolino zu Fuß, was sich im direkten Vergleich als deutlich bessere Methode herausstellte, diese Stadt kennenzulernen. Bardolino hat hübsche kleine Boutiquen mit Kleidern in südlichen Farben, Schaufenster mit Ledertaschen und Seidenschals, einen alten Turm der still in der Ecke steht als hätte er schon alles gesehen, Kirchen in dieser ruhigen Schönheit die man nur in kleinen italienischen Städten findet, einen Hafen mit Segelbooten und der ganzen Ruhe des späten Nachmittags. Nadine und ich bummelten, schauten, griffen hier und da zu. Oli übernahm die Kinderbetreuung und erledigte das mit der stillen Zuverlässigkeit, die ihn in dieser Familie zu einer tragenden Säule macht.

Um halb fünf tauchte Stefan auf – auf seinem E-Scooter, Sonnenbrille, Hände in den Taschen, so als wäre er immer schon da gewesen. Wir suchten zusammen ein Restaurant für das Abendessen, und das war in Bardolino gar keine schwere Aufgabe, weil die Auswahl groß und die Stimmung überall gut war. Wir standen vor zwei Lokalen, die direkt nebeneinander lagen: links eines das mit bester Pizza warb, rechts eines das hausgemachte Pasta versprach. Stefan schaute nach rechts. Stefan schaut bei Pasta immer zur Seite der Pasta. So funktioniert das.
Das La Porta empfing uns mit einer Terrasse, auf der man zum ersten Mal auf dieser Reise wirklich draußen sitzen konnte – ohne Jacke, ohne Gedanken an Regen, einfach so im Abendlicht. Die Pasta war gut. Der Wein war leicht und richtig. Die Kinder waren zufrieden, was an diesem Tisch immer ein kleines Wunder ist. Wir saßen, aßen, redeten, und der Abend legte sich über Bardolino mit dieser besonderen Qualität von Urlaubsabenden, bei denen man irgendwann aufhört auf die Uhr zu schauen.
Nach dem Essen noch einmal durch die Gassen. Die Lichter gingen an, die Restaurants füllten sich mit Abendgästen, aus Küchen roch es nach Knoblauch und gutem Öl. Natürlich gab es noch ein Gelato – das war zu diesem Zeitpunkt der Reise keine Entscheidung mehr, sondern ein Naturgesetz. Stefan verabschiedete sich irgendwann diskret, rollerte auf seinem Scooter davon und ließ die Lichter von Bardolino hinter sich.

Nadine hingegen fand noch eine Boutique. Und noch eine. Und noch eine. Während ihre Augen von Kleidern zu Taschen zu Seidenschals wanderten, war klar: Hier ist jemand noch nicht bereit für den Rückweg. Oli übernahm kurzerhand den Papa-Exit: Er schnappte sich Emilia samt Roller und verabschiedete sich Richtung Campingplatz – wahrscheinlich mit dem vagen Wunsch, dort endlich die Füße hochzulegen und nicht noch versehentlich in ein Klamottengeschäft gezogen zu werden.
Dann waren es nur noch Nadine, Noah und ich. Wir zogen noch einmal durch die Gassen, schauten in Schaufenster, fanden ein paar Kinderklamotten die wirklich noch dabei sein mussten, und ließen den Abend einfach laufen. Noah hüpfte zwischen uns, mal voraus, mal zurück, vollkommen im Reinen mit dem Tag. Die Boutiquen hatten ihre Schaufenster beleuchtet, die letzten Urlauber saßen draußen vor den Cafés, und Bardolino hatte diese besondere Abendstimmung, bei der man versteht, warum die Leute hier ihren Urlaub verbringen.
Irgendwann traten auch wir den Heimweg an. Noah auf dem Roller, wir zu Fuß, die Einkaufstüten an den Händen, der See links von uns mit goldenem Sonnenuntergang. Am Campingplatz wartete noch das Große Aufräumen: Markisen einrollen, Tische ab, Stühle weg, alles für die Weiterreise klar machen. Und dann, als wäre es ein letztes Geschenk des Tages: Kinderdisco bis zehn Uhr. Noah und Emilia tanzten sich in den Schlaf, wir packten in Ruhe weiter. Morgen früh geht es weiter. Frühstück gibt es unterwegs.
Ciao, lago di Garda. Du warst schön.



















