Verona in 3 Stunden: Die Spanplatte, die polierte Bronzebrust und Stefan macht Wellness am Parkplatz
Ciao, Gardasee. Es war schön. Wirklich. Aber jetzt heißt es: Markisen einziehen, Stühle verstauen, Grauwasser entsorgen und die Campingtoilette durch den Sanitärautomaten jagen, der sie wieder salonfähig macht. Das gehört dazu. Wir sind Profis.
Um neun Uhr brummen wir los. Erster Stopp: Castelnuovo, Migross Supermarkt. Stefan und ich waren letztes Jahr hier, damals noch mit einem Foodcourt im Obergeschoss – Cappuccino, Panini, Aussicht, der ganze Spaß. Ich hatte diese Erinnerung die ganze Fahrt vor Augen, dieses Bild von dampfendem Capucchino und einem entspannten Frühstück vor der Weiterfahrt.

Der Foodcourt war weg. Einfach nicht mehr da. Das Obergeschoss: gesperrt. Kein Schild, keine Erklärung, nur eine Absperrung, die aussah als hätte jemand beschlossen, dass Frühstück mit Aussicht heute nicht stattfindet. Wir kauften stattdessen Croissants und Donuts an der Bäckerei-Theke im Erdgeschoss, dazu das Fleisch für das Abendessen, und frühstückten dann im rollenden Familiensalon – Donut in einer Hand, Kaffeebecher in der anderen, Gardasee gedanklich im Rückspiegel.
Von Castelnuovo bis zum Wohnmobilparkplatz Porta Palio in Verona sind es keine dreißig Minuten – eine entspannte Fahrt durch sanft geschwungene Landschaft und eine bemerkenswert hohe Anzahl an Kreisverkehren. Die italienische Verkehrsführung liebt den Kreisverkehr mit einer Inbrunst, die man einfach respektieren muss. Man dreht seine Runden, findet die Ausfahrt, und irgendwann ist man da.
Der Parkplatz Porta Palio: gut gelegen, solide Infrastruktur, zehn Minuten Fußweg bis zur Altstadt. Stefan und Nadine parken beide Camper ein, und dann klärt Stefan ruhig und ohne großes Aufheben, dass er heute nicht mitkommt. Das Bein. Verona verschiebt er auf ein anderes Mal – Venedig ist wichtiger – für Venedig will er fit sein. Er sagt das so, wie Stefan Dinge sagt: einmal, klar, und dann ist es beschlossen. Er würde Frischwasser auffüllen, sich um die Camper kümmern, die Füße hochlegen. Sein Verona.

Also los: Oli, Nadine, Noah, Emilia und ich. Die Kinder ohne Roller diesmal, weil Verona Kopfsteinpflaster hat und Kopfsteinpflaster und Roller eine Beziehung führen, die man als angespannt bezeichnen würde.
Nadine hatte eine Mission. Sie hatte den Film „Briefe an Julia“ gesehen – mehr als einmal, wie ich aus vertrauenswürdiger Quelle weiß – und dieser Balkon würde heute Realität werden. Echter Stein, echte Ritzen, echtes Selfie. Manche reisen nach Rom wegen des Kolosseums. Andere pilgern bis in die Wüste Nevadas, nur um ein verblasstes Schild am Zaun von Area 51 zu fotografieren – aber das ist eine andere Geschichte, die ich euch hier erzählte. Nadine reiste nach Verona wegen einer Wand und einer Bronzestatue, an deren Brust man reibt. Ich sage das ohne jeden Unterton. Sie kennt diesen Film auswendig. Und wenn Nadine sagt, sie will den Balkon sehen, dann sehen wir den Balkon.
Unser Weg führte uns zuerst am Castelvecchio vorbei – einer wuchtigen Backsteinburg mit Zinnen, Türmen und einem Graben, der auch ohne Wasser irgendwie bedrohlich wirkt. Das Gebäude steht da mit der ruhigen Überzeugung von etwas, das sieben Jahrhunderte überstanden hat und sich von Touristengruppen nicht mehr beeindrucken lässt. Wir machten Fotos, was unvermeidlich war, und zogen weiter – vorbei an Straßenmusikern, Reisegruppen hinter erhobenen Regenschirmen und der spezifischen Menschensorte, die man in jeder Großstadt der Welt trifft und die immer aussieht, als würde sie gerade aus Versehen an der falschen Sehenswürdigkeit stehen.

Dann die Arena. Das römische Amphitheater steht mitten in der Stadt und hat die Qualität von Dingen, die so alt und so massiv sind, dass man kurz aufhört, Tourist zu sein und einfach nur dasteht. Über zweitausend Jahre, Bögen auf Bögen, Stein auf Stein. Heute finden hier Opernaufführungen statt, im Sommer, unter freiem Himmel – Verdi und Puccini zwischen jahrtausendealten Mauern, während der Himmel langsam Rosa wird. Wir umrundeten die Arena, staunten angemessen und zogen weiter. Giulietta wartete.

Schon die Gasse, die zum Casa di Giulietta führt, gab einen Vorgeschmack: eine Warteschlange, die sich durch die Enge wand wie eine sehr motivierte Touristenschlange auf der Suche nach dem romantischsten Moment des Jahres. Absperrbänder lenkten die Massen in geordnete Bahnen. Es roch nach Sonnencreme und Handyakkus. Irgendwo klingelte ein Selfiestick gegen eine Steinmauer.
Die berühmte Mauer mit den Liebesbriefen – handgeschrieben, emotional, Jahrzehnte von Gefühlen übereinander – war an diesem Tag eine Spanplatte. Eine schlichte Holzspanplatte, vollgekritzelt mit allem was Kugelschreiber, Edding und Lippenstift hergeben. Manche Botschaften wirkten aufrichtig und lang überlegt. Andere sahen aus als hätte jemand im Vorbeigehen noch schnell seinen Namen draufgeschrieben, bevor er in die nächste Menschenwelle gespült wurde. Romeo hätte das wahrscheinlich anders in Erinnerung gehabt.

Wir kämpften uns durch, ein bisschen Schulter, ein bisschen Ellenbogen, viel Scusi, und standen dann unter dem Balkon. Der Balkon, den es ursprünglich gar nicht gab und der irgendwann aus einer alten Sarkophagplatte zusammengebaut wurde, weil die Stadt Verona irgendwann entschieden hatte, dass der Mythos eine Bühne braucht. Das ist entweder schamlos pragmatisch oder charmant ehrlich, je nach Tagesform.
Foto. Pflicht. Alle. Mit Noah, ohne Noah, mit Schild, ohne Schild. Dann der Souvenirshop, der überraschend vernünftige Preise hatte und in dem Herzchen-Schlüsselanhänger und Kühlschrankmagnete gekauft wurden, die zuhause bestimmt irgendeinen Sinn ergeben werden.
Und dann: die Bronzestatue der Julia. Die Touristenregel ist seit Jahrzehnten dieselbe – rechte Brust reiben, Glück in der Liebe. Die Statue ist insgesamt grünlich und matt, aber die besagte Stelle glänzt wie poliertes Messing, weil täglich Hunderte Hände darübergehen, verliebt, verzweifelt oder einfach neugierig. Wir fassten hin. Auch ich. Auch Emilia. Auch Nadine, die dabei das Gesicht einer Frau machte, die gerade das bekommt, weswegen sie hergekommen ist.
Noah fasste auch hin – aber mit dem Gesichtsausdruck eines Neunjährigen, dem gerade sehr bewusst wird, was er da eigentlich tut und ob das irgendwelche sozialen Konsequenzen haben wird. Er schaute kurz zu mir. Ich grinste. Er schaute weg. Wir gingen.
Das Casa di Giulietta – Was es mit dem Balkon wirklich auf sich hat
Wer jetzt erwartet hatte, hier stehe das echte Haus aus Shakespeares Romeo und Julia – kleine Ernüchterung: Die Geschichte ist fiktiv. Romeo, Julia, die verfeindeten Familien, der Balkon, das ganze Drama – alles Dichtung, kein Stück davon historisch belegt. Das Haus gehörte im Mittelalter einer Familie namens Cappello, was entfernt an Shakespeares „Capulet“ erinnert, und das war der Stadt Verona in den 1930er Jahren Begründung genug, daraus einen romantischen Pilgerort zu machen. Den Balkon, der im Original gar nicht existierte, baute man kurzerhand aus einer alten Sarkophagplatte an – pragmatisch, charmant und ein bisschen schamlos, je nach Betrachtungsweise.
Zur Geschichte selbst, für alle die sie nicht auswendig kennen: Romeo und Julia sind zwei junge Leute aus verfeindeten Familien, die sich auf einer Party treffen, sich sofort verlieben und heimlich heiraten. Es läuft dann nicht gut. Romeo tötet Julias Cousin im Streit und wird verbannt. Julia täuscht ihren Tod vor, um einer ungewollten Hochzeit zu entkommen. Romeo erfährt es falsch, glaubt sie sei wirklich tot und nimmt Gift. Julia wacht auf, sieht ihn sterben und greift zum Dolch. Die Familien stehen danach gemeinsam am Grab und bereuen – zu spät, wie so oft.
Shakespeare schrieb das um 1595. Seither hat die Geschichte nicht aufgehört, Menschen nach Verona zu ziehen, die an einer nachträglich angebauten Sarkophagplatte Fotos machen und an einer Bronzestatue reiben. Was Shakespeare dazu sagen würde, ist nicht überliefert.
Weiter zum Piazza delle Erbe, dem alten Marktplatz im Herzen der Stadt, der sich unter Sonnenschirmen und Souvenirständen in ein buntes Marktgewusel verwandelt hat. Postkarten, Lederarmbänder, Taschen mit Glitzer-Schriftzug, Zitronenmagnete in Lebensgröße. Engländer mit Sonnenbrand. Tourguides mit Megafon und erhobenem Regenschirm. Kinder mit Zuckerwatte. Das volle Programm.
An einem Gewürzstand entdeckten wir etwas für Stefan: eine kleine Tüte Aglio-Olio-Gewürz, handverpackt, mit getrocknetem Knoblauch und Chili. Stefan und seine Spaghetti aglio e olio sind eine Liebesgeschichte, die deutlich unkomplizierter verläuft als die von Romeo und Julia. Die Tüte wanderte in die Tasche.

Irgendwann, nach dem dritten Selfiestick der einem ins Gesicht geraten war und dem zwölften Souvenirladen mit demselben Sortiment, meldete sich das leise, aber bestimmte Bedürfnis nach weniger Verona und mehr Luft. Die Stadt ist wunderschön. Und voll. Beides gleichzeitig, ohne Abstriche. Wir traten den Rückzug an – noch kurz bei einer kleinen Eisdiele angehalten, die sich halb versteckt zwischen zwei Häusern befand und die wir vermutlich nur gefunden hatten, weil Noah einen sehr guten Instinkt für Eis hat. Stracciatella für Noah, Schokolade für Emilia, Nocciola für mich. Nadine war noch mit dem Balkon-Fotoabgleich beschäftigt und bestellte was auch immer als letztes.
Um vierzehn Uhr standen wir wieder am Camper. Stefan öffnete die Tür mit und man sieht ihm an, dass sein Vormittag auch völlig OK war. Das Frischwasser war aufgefüllt. Die Füße hatten sich erholt. Und er freute sich über das Aglio-Olio-Gewürz.

Zwanzig Minuten später fuhren wir weiter. Richtung Venedig, Autobahn, Kinder mit Donutresten, Erwachsene gedanklich schon einen Schritt weiter. Das Ziel: Camping Fusina, ein Platz den Stefan und ich bereits kennen und der uns bei der Ankunft wieder dieselbe Frage stellt – wie kann ein so schöner, fast idyllischer Campingplatz mit Blick auf die venezianische Lagune mitten in einem Industrie- und Hafengebiet liegen? Man fährt durch Container, Kräne und Betontristesse, denkt kurz, man hat sich verfahren – und dann biegt man ab, und plötzlich stehen alte Bäume, zwitschern Vögel, und irgendwo zwischen den Hecken blitzt das Wasser auf. Ein Ort, der aus der Zeit gefallen ist. Wir lieben ihn dafür.
Markise raus, Tische auf, Klappstühle zurecht. Die Kinder auf den Spielplatz. Oli an den Grill, mit dem Fleisch vom Migross-Morgen, das nun seinen Auftritt hatte. Es zischte verheißungsvoll auf dem Rost, der Geruch zog über den Platz, und das Bier dazu war kalt und vollkommen verdient. Nach einem langen Tag mit viel Pflaster unter den Füßen und Verona in sämtlichen Sinnen schmeckt alles doppelt so gut, wenn man endlich sitzt und die Beine stillhalten dürfen.
Irgendwann: Duschen, Zähne, Koje. Morgen: Venedig.




























