Campanile, Acqua Alta und ein Buchladen der aus Gondeln besteht
Frühstück draußen? Keine Chance. Der Wind fegte über den Campingplatz mit einer Entschlossenheit, die keinen Zweifel daran ließ, dass er heute das letzte Wort haben wollte. Der Himmel hing grau und schwer über den Baumwipfeln, die Luft roch nach Herbst statt nach Frühling, und die Campingstühle, die wir gestern Abend noch hoffnungsvoll draußen stehen gelassen hatten, sahen aus als würden sie sich für ihre eigene Existenz schämen. Immerhin: Es regnete nicht. Das bereits ein Grund zur stillen Dankbarkeit.
Also frühstückten wir drinnen – im kleinen Restaurant direkt auf dem Campingplatz, das sich als einer jener Orte herausstellte, die man erst unterschätzt und dann sehr schätzt. Die Theke bog sich unter Croissants in allen erdenklichen Varianten: Schokolade, Vanillecreme, Marmelade, Überraschungsfüllung. Wir probierten, weil man das tun muss. Der Espresso war so stark, dass man hinterher das leise Gefühl hatte, die eigene Herzfrequenz in den Fingerspitzen zu spüren – und das war genau richtig für einen Tag, der noch viel vor hatte. Draußen rauschte der Wind, drinnen roch es nach Kaffee und aufgebackenem Gebäck, und wir saßen da mit dieser entspannten Vorfreude von Menschen, die wissen, was der Tag bringt und sich darauf freuen.
Ich übernahm die Tickets. Den Schalter direkt neben dem Campingplatz kenne ich noch vom letzten Jahr – ein kleines Häuschen, das aussieht als hätte es bessere Tage gesehen, aber verlässlich seinen Dienst tut. Allerdings auch die Ernüchterung: Die praktischen Kombitickets, die Stefan und ich im November noch so geschätzt hatten – einmal zahlen, Fähre und Vaporetto für den ganzen Tag inklusive – existieren nicht mehr. Abgeschafft, gestrichen, einfach weg, wie so viele praktische Dinge die man erst vermisst wenn sie fehlen. Also: Fähre separat, Vaporetto später in der Stadt nochmal. Fünfzehn Euro pro Erwachsener, Noah mit Kinderrabatt, Emilia kostenlos – mit vier Jahren fährt man in Venedig noch gratis, was ich als sehr vernünftige Regelung empfinde. Abfahrt neun Uhr. Wir waren pünktlich.

Der Anleger liegt direkt neben dem Campingplatz. Keine langen Wege, kein Stress, kein hektisches Losrennen mit Kindern und Rucksäcken – einfach ein paar Schritte, einmal an den Recyclingcontainern vorbei, und schon schaukelt die Fähre vor einem. Das ist einer der großen Vorteile von Camping Fusina: Man parkt den Camper und steht dreißig Minuten später in Venedig. Kein Parkhaus, kein Stadtverkehr, keine endlose Anfahrt. Die kleine Fähre legte pünktlich ab, wir suchten uns Plätze mit Blick auf die Bugwelle, und dreißig Minuten später – Anlegestelle Zattere, venezianischer Boden unter den Füßen.
Der erste Eindruck von Venedig ist jedes Mal neu. Das klingt nach Klischee, ist aber einfach wahr. Man tritt von der Fähre und steht plötzlich in einer Stadt, die sich nicht einmal die Mühe macht, einen langsam einzuführen. Venedig ist einfach da – sofort, vollständig, ohne Übergangszone. Schmale Gassen die sich zwischen alten Palazzi hindurchwinden, Fensterläden die knarzen als hätten sie Geheimnisse, Wasser das sanft gegen die Uferpromenade schwappt, und Möwen die sich offenbar zum gemeinsamen Ziel gesetzt haben, sämtliche Stadtführungen lautstark zu übertönen. Wir standen kurz da, atmeten einmal durch, und dann zogen wir los.

Erster Halt: Santa Maria del Rosario, die barocke Kirche mit der beeindruckenden Kuppel gleich in der Nähe der Anlegestelle. Oli, Nadine und die Kinder gingen hinein – goldverzierte Seitenaltäre, Fresken, die ehrfürchtige Stille von Kirchenräumen, die seit Jahrhunderten Leute beeindrucken. Stefan und ich blieben draußen auf dem Campo und warteten. Nicht aus kultureller Gleichgültigkeit, sondern weil wir letztes Jahr schon drin waren und weil ein Campo in Venedig mit Blick aufs Wasser an einem kühlen Morgen keinen schlechten Ort zum Warten darstellt. Wir saßen auf einer Steinbank, schauten auf die Boote die vorbeizogen und unterhielten uns über nichts Besonderes. Das gehört auch zum Reisen.
Weiter über den Campo Sant’Agnese – einer jener kleinen venezianischen Plätze, die keine Touristen aufsuchen und die genau deshalb eine Qualität haben, die die großen verloren haben. Schiefe Laternen, windchiefe Hauswände, ein paar Einheimische die durchlaufen ohne nach oben zu schauen, ein Fahrrad das an eine Mauer gelehnt vergessen wurde. Venedig hat Dutzende solcher Plätze, und sie sind jedes Mal ein kleines Geschenk. Dann die Ponte dell’Accademia. Wir stiegen die Holzstufen hinauf, und da war er: der Blick auf den Canal Grande.

Links die mächtige Kuppel der Basilica Santa Maria della Salute, die so dasteht als hätte Venedig beschlossen, seinen schönsten Punkt mit einem besonders eindrucksvollen Ausrufezeichen zu markieren. Rechts die historische Häuserzeile in allen Farben von Ocker und Terrakotta und verwittertem Gelb, die sich am Ufer entlangzieht als wäre sie für genau diesen Blickwinkel gebaut worden. Und dazwischen das Wasser – mit Vaporetti, Gondeln, kleinen Motorbooten und dem gleichmäßigen Rhythmus, den nur Venedig kennt und der einen nach einer Weile ruhiger werden lässt als man es erwartet hat. Der Himmel hing noch grau darüber, das Licht war weich und ein bisschen melancholisch – aber auch das steht Venedig gut. Es ist eine Stadt, die bei jedem Wetter funktioniert, weil sie sich von Lichtbedingungen schlicht nicht abhängig macht.

Wir machten Fotos. Viele. Von allen Seiten, mit und ohne Kinder, mal romantisch, mal leicht chaotisch weil jemand ins Bild läuft, mal mit gezieltem Zoom auf die Salute-Kuppel. Das gehört dazu und es macht nichts wenn es etwas länger dauert, weil die Brücke selbst schon ein Grund ist stehen zu bleiben. Und dann lehnte sich Noah über das Geländer, stützte sich mit beiden Armen ab, schaute auf das Wasser und sagte: „Wow. Das ist wie im Film.“ Ein Satz der mehr enthält als er auf den ersten Blick hat – denn letztes Jahr, bei unserem Venedigbesuch im November, hatte ich Noah und Emilia genau von hier aus per Facetime angerufen. Wir waren auf einem Vaporetto über den Canal Grande gefahren und ich hatte das Handy gehalten damit die beiden zu Hause sehen konnten was wir sehen. Damals: Mama und Opa live aus der Lagune, die Kinder daheim vor dem Bildschirm. Heute stand Noah selbst hier, im echten Film, den er vorher nur durchs Display kannte. Ich sagte nichts. Es reichte auch so.
Weiter schlängelten wir uns durch das Gassengewirr Richtung Campo Santo Stefano – und standen dann plötzlich vor dem schiefen Campanile. Nicht Pisa-schief, aber schief genug, dass man im ersten Moment kurz an der eigenen Wahrnehmung zweifelt. Der Turm lehnt sich mit der ruhigen Überzeugung von jemandem, der schon seit Jahrhunderten schräg dasteht und aufgehört hat, sich dafür zu rechtfertigen. Wir blieben kurz stehen, schauten hoch, und gingen weiter – weil Venedig in solchen Momenten einfach wartet bis man fertig ist und dann das nächste Ding zeigt.

Das nächste Ziel war die Scala Contarini del Bovolo. Eine spiralförmige Außentreppe, versteckt in einem kleinen Hof abseits der großen Wege, die aussieht als hätte ein venezianischer Architekt eine außergewöhnlich gute Nacht gehabt und danach beschlossen, Wendeltreppen nie wieder innen zu bauen. Bögen über Bögen, Säulen, Balkone, alles in dieser leicht verblassten venezianischen Eleganz – und oben ein Ausblick über die Dächer. Oli, Nadine, Noah und Emilia verschwanden sofort im Eingang. Stefan und ich schauten ihnen nach, dann schauten wir uns an, dann gingen wir in das kleine Café auf dem benachbarten Campo San Luca. Wir waren letztes Jahr schon oben. Manchmal ist es schöner zuzuschauen als selbst zu steigen.

Das Café war warm, duftete nach frisch gemahlenem Kaffee und Marzipan, und hatte diese angenehme Mischung aus ortsansässigen Stammgästen und verirrten Touristen, die zusammen eine merkwürdig harmonische Atmosphäre ergeben. Wir bestellten Espresso und Cannolo, lehnten uns zurück und beobachteten das Kommen und Gehen auf dem Platz. Touristen mit Zeitdruck, Venezianer mit jener tiefen inneren Ruhe, die man wohl erst bekommt wenn man jahrzehntelang in einer Stadt gelebt hat, die täglich von Fremden überrollt wird und sich dabei kein bisschen ändert. Vierzig Minuten später tauchten Oli, Nadine und die Kinder wieder auf – leicht verschwitzt, mit Fotos und der Energie von Menschen, die gerade etwas Schönes gesehen haben. Dank der Standortfreigabe auf unseren Handys fanden wir uns sofort. Die Renaissance trifft GPS, und alles fügt sich.

Weiter Richtung Rialto. Venedig hat diese Eigenschaft, dass man nie wirklich direkt irgendwo hinkommt – nicht weil man sich verläuft, sondern weil die Stadt zwischen Ausgangspunkt und Ziel immer noch etwas einschiebt, das man nicht erwartet hatte. Wir liefen durch Gassen, die sich verengten und weiteten, an kleinen Boutiquen und Maskengeschäften vorbei, an Wäscheleinen die zwischen den Häusern hingen wie bunte Girlanden, an Einheimischen die sich im Slalom durch die Touristengruppen bewegten als hätten sie ein eingebautes Navigationssystem, das Besucher automatisch umgeht. Und dann war sie da.

Die Brücke kündigt sich nicht langsam an – sie springt einem einfach ins Auge. Ein stattliches Bauwerk aus weißem Stein, mit Bögen und Treppen und Läden links und rechts, die Souvenirs und Schmuck und Masken anbieten, die es in ähnlicher Form an jedem zweiten Stand in Venedig gibt, die hier aber irgendwie dazugehören. Die Ponte di Rialto ist nicht einfach eine Brücke über den Canal Grande – sie ist Bühne, Aussichtspunkt, Laufsteg und Fotokulisse in einem, und sie weiß das seit dem sechzehnten Jahrhundert. Wir stiegen hinauf.
Oben angekommen: der Canal Grande in beide Richtungen, und man versteht sofort warum die Leute immer noch stehen bleiben, obwohl sie es vielleicht schon dreimal gesehen haben. Links die Kurve des Kanals, rechts die lange gerade Linie bis zur Rialto-Haltestelle, überall Boote, Vaporetti, Gondeln, Fassaden in allen Farben von Ocker bis verwittertem Gelb, und dazwischen das grünliche Wasser das im Licht glitzerte. Wir fotografierten aus allen Richtungen – von oben auf das Wasser, von der Seite auf die Bögen, mit den Kindern, ohne die Kinder, mit Gondel im Hintergrund wenn zufällig eine vorbeikam und ohne wenn keine kam aber man trotzdem abdrückte. Irgendwann glaubt man genug Fotos zu haben. Man macht dann doch noch zwei.
Die Läden auf der Brücke selbst hatten das volle Programm: Schmuck, Schals, Glas, Leder, und natürlich Masken in jeder Größe und Preisklasse. Wir schauten, stöberten kurz, griffen da und dort zu was sich richtig anfühlte, und ließen uns von der Brücke und dem Trubel darauf einfach treiben. Das ist das Schöne an der Rialto – man muss gar nichts planen, man steht einfach dort und Venedig passiert um einen herum.
Dann Vaporetto-Tagestickets, am Schalter gleich in der Nähe. Neunundzwanzig Euro pro Person, was sich kurz nach viel anfühlt und dann sofort aufhört sich nach viel anzufühlen, weil man auf dem Vaporetto sitzt und Venedig von der besten Seite sieht. Emilia durfte wieder kostenlos mit, was sie mit der Selbstverständlichkeit zur Kenntnis nahm, die Vierjährige für solche Arrangements reservieren. Wir hielten die Tickets in der Hand, machten noch ein paar letzte Brückenfotos – man weiß nie, ob eines davon das schönste wird – und suchten dann die Haltestelle.

Der Weg dorthin führte uns zunächst an den Restaurants entlang, die sich direkt am Canal Grande aufgereiht haben wie in einer Warteschlange für den besten Ausblick. Speisekarten in sieben Sprachen, gestikulierende Kellner, Preise bei denen selbst die Pasta kurz zögerte. Wir bogen ab in eine Gasse, die sich schlagartig veränderte – keine Tische mehr, keine Kellner, stattdessen Wäscheleinen zwischen den Häusern, steinerne Durchgänge die so schmal waren, dass man unwillkürlich die Schultern einzog. Die stille Rückseite des Postkartenmotivs. Und dann, fast unvermittelt, die Haltestelle S. Silvestro – unscheinbar, ruhig, ohne die großen Reisegruppen, eher wie eine Hintertür zur Lagune. Wir stiegen in die Linie 1 ein.
Und dann schaukelte Venedig an uns vorbei. Das Vaporetto tuckerte gemächlich den Canal Grande entlang, und man verstand in diesen Minuten mehr über diese Stadt als in mancher Stadtführung. Fassaden, die aus dem Wasser wachsen als hätten sie nie anders gestanden. Gondeln die lautlos an Anlegern dümpelten. Paläste deren Erdgeschosse von Hochwasser gezeichnet sind und die trotzdem aussehen als wären sie für die Ewigkeit gebaut. Hotels die in alten Patriziervillen untergebracht sind und deren Terrassen direkt über dem Wasser hängen. Das Wasser selbst, grünlich und still und trotzdem lebendig. Wir saßen am Fenster und schauten, und die Kinder schauten auch, und für eine kurze Strecke war das genug.

Unser Ziel war der Campanile di San Marco, für den wir Skip-the-Line-Tickets hatten – der Zauberspruch für alle die mit Kindern reisen und die Schlangen ohne diese Tickets gesehen haben und sich kurz vorgestellt haben wie ein Sieben- und ein Vierjähriger eine halbe Stunde Anstehen erleben würden. Kurzer Scan am Eingang, ein freundliches Prego vom Ticketkontrolleur, sechzig Sekunden Aufzug – und dann öffnete sich die Tür und wir standen auf der Plattform.
Und dann war es einen Moment lang still. Sogar bei den Kindern. Venedig von oben hat diese Wirkung, man tritt raus und braucht einfach kurz. Tief unter uns die Stadt wie ein kompliziert geflochtener Teppich: Dächer in warmen Rottönen, Fassaden in Ocker und Beige und allem dazwischen, dazwischen die glänzenden Bänder der Kanäle über die sich Brücken wölben. Die Piazza San Marco direkt zu unseren Füßen, übersät mit Menschen die von hier oben aussahen wie sehr beschäftigte Playmobilfiguren mit Sonnenbrillen. Das Licht war weich und sanft, die Wolken hatten sich etwas gelichtet ohne ganz wegzugehen, und Venedig lag da in diesem besonderen Grauton der alles zeitloser erscheinen lässt als es vielleicht ist.

Wir umrundeten die Plattform langsam, zeigten einander Dinge wie Fundstücke einer Schatzsuche. Emilia zählte ernsthaft die Boote auf dem Wasser – ich weiß nicht ob sie bei fünfzehn oder fünfzig aufhörte. Nadine entdeckte irgendwo in der Ferne ein Café das sie später vielleicht noch besuchen wollte. Und Noah lehnte sich ans Geländer, kniff die Augen zusammen und zeigte plötzlich auf ein Gebäude zwischen den Dächern. „Da! Da war ich heute! Da oben!“ Er meinte die Scala Contarini del Bovolo – von hier oben als kleine Schnecke gut zu erkennen, sein persönlicher Aussichtspunkt vom Vormittag, jetzt ein winziges Detail im großen Stadtbild. Dass er sich in dieser Stadt schon so orientierte, dass er seinen eigenen Weg darin von oben wiederfand – ich sagte nichts, aber ich dachte mir meinen Teil. Manche Momente muss man nicht kommentieren.
Wieder unten schlängelten wir uns durch die Gassen Richtung Mittagessen. Über Brücken, unter Bögen, an Wäscheleinen vorbei die zwischen den Häusern hingen wie bunte Girlanden. Die Gassen füllten sich mit dem Lärm des Mittags – Stimmen, Schritte, das Klappern von Töpfen aus offenen Fenstern, der Geruch von Knoblauch und gutem Öl aus irgendwelchen Küchen. Unser Magen meldete sich. Wir hörten zu.
Nach dem Campanile schlängelten wir uns durch die Gassen Richtung Mittagessen. Über Brücken, unter Bögen, an Wäscheleinen vorbei die zwischen den Häusern hingen wie bunte Girlanden, an Durchgängen die so eng waren dass man unwillkürlich die Schultern einzog, vorbei an Fenstern aus denen der Geruch von Knoblauch und gutem Öl auf die Gasse zog. Die Menschenmenge wurde dichter je näher wir Richtung San Marco kamen, das Stimmengewirr lauter, und irgendwann meldete sich auch der Magen mit einem klaren Statement. Wir hörten zu.
Das Ristorante La Serenissima kennen Stefan und ich noch vom November – damals fast zufällig gefunden, als wir vor dem Regen in eine Gasse abbogen und plötzlich vor einem kleinen Restaurant standen das nach gutem Essen roch und in dem noch ein Tisch frei war. Beides zusammen ist in Venedig keine Selbstverständlichkeit. Das Lokal hat sich seitdem nicht verändert: warmes Licht, schlichte Tische, eine Speisekarte ohne Schnörkel und Preise bei denen man kurz nachschaut ob man sich verlesen hat. Drei Gänge für sechzehnfünfzig Euro, mit Fisch für neunzehnfünfzig. Kein Coperto, kein Touristenaufschlag, kein verstecktes Serviceentgelt das erst auf der Rechnung auftaucht. Einfach gutes Essen zu einem Preis, der in dieser Stadt fast verdächtig fair wirkt.
Oli entschied sich für die Fischvariante, Stefan, Nadine und ich für den Klassiker: Vorspeise, Pasta, Nachspeise. Die Kinder teilten sich eine große Portion Penne al Pomodoro – ein Teller, zwei Löffel, und am Ende mehr Tomatensauce im Gesicht als auf dem Teller, was als Qualitätsmerkmal gilt. Der Kellner hatte diese besondere Qualität von Servicepersonal das nicht fragt ob alles recht ist sondern einfach dafür sorgt dass es recht ist – Gläser wurden nachgefüllt ohne dass man danach greifen musste, Brot kam nach bevor man es bestellte, und als die Kinder fertig waren und anfingen unruhig zu werden kam der Nachtisch mit einer Geschwindigkeit die ich als aufmerksam verbucht habe. Wir aßen langsam, redeten, und ließen den Vormittag sacken. Manchmal ist das Mittagessen nicht nur Mittagessen.
Stefan erklärte nach dem Dessert, dass er für heute genug gelaufen sei. Nicht aufgeregt, nicht bedauernd – einfach so, mit der ruhigen Bestimmtheit von jemandem der seine eigenen Grenzen kennt und sich nichts dabei denkt sie auszusprechen. Sein Bein halte durch, aber Kopfsteinpflaster, Brückenstufen und Venedigs generelle Gleichgültigkeit gegenüber barrierefreier Stadtplanung seien auf Dauer kein ideales Terrain für ein angeschlagenes Knie. Er hatte allerdings einen Plan – und zwar den besten Plan des Tages: Vaporetto-Tagesticket nehmen, kreuz und quer über den Canal Grande schippern, die Stadt vom Wasser aus sehen, in seinem eigenen Tempo, mit der Kamera, ohne Programm. Er nannte das aktive Regeneration. Ich nannte es die stilvollste Art sich auszuruhen die Venedig zu bieten hat. Er verschwand mit dem nächsten Vaporetto, und wir schauten ihm nach bis das Boot um die Ecke bog.

Dann zogen wir weiter – Oli, Nadine, Noah, Emilia und ich. Nächstes Ziel: die Libreria Acqua Alta. Ein Buchladen, den man eigentlich nicht beschreiben kann ohne dass es übertrieben klingt – und der trotzdem genau so ist wie man ihn beschreibt. Bücher stapeln sich in alten Badewannen, in Gondeln, in rostigen Einkaufskörben, auf Stühlen, auf dem Boden, auf anderen Büchern – überall wo eine horizontale Fläche ist, liegen Bücher. In der Mitte des Raums eine echte Gondel, randvoll mit Büchern. Am Ende eine Treppe aus alten Atlanten und Enzyklopädien die direkt zur Lagune hinausführt – kein Witz, ein echtes Bücherbauwerk mit Lagunenaussicht. Es riecht nach altem Papier und Wasser und dem angenehmen Chaos einer Idee die irgendwann aufgehört hat, sich selbst zu begrenzen, und die seitdem einfach weitergewachsen ist.
Noah und Emilia erkundeten die Stapel mit der Ernsthaftigkeit von Expeditionsteilnehmern in unbekanntem Terrain. Nicht wegen der Bücher – sondern wegen der Möglichkeit, hier zwischen Stapeln herumzuklimmen und herumzustöbern ohne dass jemand bitte nicht anfassen sagt. Keine Absperrungen, keine Warnschilder, nur Staunen und ein freundliches Maß an Chaos das jeden willkommen heißt. Nadine kaufte ein Buch – natürlich, weil man das in einem Laden der aus Büchern eine Lebensphilosophie gemacht hat einfach tun muss. Oli fotografierte die Gondel. Ich stand eine Weile einfach da und war froh, dass es diesen Ort gibt und dass er so ist wie er ist und sich von niemandem hat überreden lassen ordentlicher zu werden.
Danach noch ein Zwischenstopp im Hard Rock Café gleich beim Markusplatz. Drinnen: klimatisiert, beschallt mit Musik die man kennt, an den Wänden Gitarren und signierte Drumsticks und Memorabilia aus fünf Jahrzehnten Rockgeschichte. Die Kinder betrachteten die Ausstellungsstücke mit der Ehrfurcht von Menschen die noch nicht wissen wer diese Leute waren, aber verstehen dass es sich um etwas Wichtiges handeln muss. Wir kauften, was man kauft, und traten danach hinaus.

Und draußen: Venedig. In Gold. Das Wetter hatte sich in der Zwischenzeit entschieden, und zwar zugunsten aller. Die Wolken hatten sich verzogen als hätten sie einen besseren Termin, und die Sonne legte einen warmen Schimmer über den gesamten Markusplatz der einen kurz innehalten ließ. Man denkt, man kennt diesen Platz von tausend Bildern – und dann steht man wirklich davor und merkt, dass er trotzdem größer und feierlicher ist als jedes Foto je eingefangen hat. Der Campanile am Rand, ruhig und massiv. Die Basilica di San Marco mit ihren Mosaiken und Bögen und Türmchen die im Nachmittagslicht golden schimmerten als hätte jemand extra das Licht eingestellt. Und überall Menschen die standen und schauten und fotografierten, weil man es einfach muss.

Wir machten Fotos. Von uns auf dem Platz, vom Platz mit uns drauf, vom Campanile von unten, von der Basilika aus verschiedenen Winkeln, vom Lichtspiel auf den Mosaiken. Die Möwen flogen über den Platz als wären sie extra gebucht worden – sie landeten, posierten, flogen auf, landeten wieder, mit einer Gelassenheit die nur jemand hat der schon sehr lange mit Touristen zusammenlebt und sich dabei nichts mehr denkt.
Beim Caffè Florian blieb es bei bewunderndem Außenstehen. Gegründet 1720, das älteste noch betriebene Café Italiens, Marmor und Spiegel und Kellner in weißen Jacketts und eine Live-Musikkapelle auf der Außenterrasse – Venedig auf seine eleganteste Art. Wer hier sitzt und einen Espresso trinkt, trinkt nicht nur Kaffee sondern auch Geschichte und Atmosphäre und ein gutes Stück venezianische Selbstinszenierung, zu einem Preis der in etwa dem eines gebrauchten Kleinwagens mit frischem TÜV entspricht. Wir bewunderten von außen, machten Fotos durch die Fenster, nickten anerkennend. Das ist auch eine Form der Wertschätzung.

Dann Richtung Riva degli Schiavoni. Vorbei am Dogenpalast, dessen Fassade auch beim Vorbeigehen Respekt einflößt – diese unwahrscheinliche Mischung aus massiver Macht und fast verspielter Eleganz, Bögen über Bögen, der geflügelte Markuslöwe über dem Portal als würde er über die Piazza wachen. Und dann die Seufzerbrücke. Die geschlossene weiße Brücke über dem schmalen Kanal zwischen Dogenpalast und dem alten Gefängnis – die Legende sagt, die Verurteilten hätten hier ihren letzten Blick auf die Freiheit genossen und dabei geseufzt. Ob das historisch verbürgt ist oder einfach eine Geschichte die zu gut klingt um nicht weitererzählt zu werden, lässt sich schwer sagen – aber die Brücke sieht so aus als könnte sie stimmen, und das reicht für einen guten Moment und ein gutes Foto. Wir blieben kurz stehen, ließen die Kulisse wirken, und fotografierten mit dem leicht geneigten Kopf der sich an solchen Orten automatisch einstellt.

Ein Vaporetto brachte uns zurück zur Rialto – und dort, direkt an der Brücke, das zweite Hard Rock Café. Venedig hat zwei davon, was man entweder als Zeichen kulturellen Niedergangs oder als Beweis für erstaunliche Marktstärke werten kann. Wir werteten es als Gelegenheit für weitere Erinnerungsstücke. Wir sind auf Familienreise. Da kauft man Erinnerungen in allen Formen, und niemand muss sich dafür rechtfertigen.
Um vier Uhr erklärte ich Nadine und Oli für dienstfrei. Die Kinder hatten ihre Kapazitätsgrenze für Kanäle, Gassen, Vaporetto-Fahrten und venezianische Sehenswürdigkeiten vollständig erreicht und leicht überschritten. Emilia hatte aufgehört Dinge zu kommentieren, was bei ihr ein verlässliches Signal ist. Noah schleppte sich mit der Energie von jemandem der noch funktioniert aber keine Reserven mehr hat. Ich übernahm die Rückreise mit den beiden – Nadine und Oli bekamen Venedig noch bis zur letzten Fähre für sich. Noch einen Cappuccino im Stehen, noch ein bisschen durch die Gassen, noch ein Kleidungsstück kaufen das nicht aus Baumwolle und Tomatensoße besteht. Sie verdienten das nach diesem langen Tag.
Wir nahmen ein Vaporetto zur Accademia, stiegen dort aus, liefen den kurzen Weg zur Anlegestelle Zattere – und da stand Stefan. Zurück von seiner Canal-Grande-Tour, entspannt, mit Kamera und dem zufriedenen Gesicht von jemandem der einen sehr guten Nachmittag gehabt hat und das weiß. Er hatte mehr Fotos vom Wasser als wir von Land, eine neue Vaporetto-Expertise und offenbar keinen einzigen Stein über eine Brücke getragen. Um halb sechs die Fähre zurück – dreißig Minuten über die Lagune, Wind im Gesicht, müde Beine, volle Speicherkarten. Ankommen fühlte sich an wie ausatmen.
Zurück auf dem Campingplatz lief Emilia direkt auf den Spielplatz – und dort stand Matilda. Ihre Freundin vom Gardasee, auf demselben Campingplatz, als hätte das jemand geplant. Freudenschreie, Umarmungen, das ungläubige Staunen von Kindern die begreifen, dass die Welt manchmal kleiner ist als man dachte. Stefan und ich aßen im Campingplatz-Restaurant, das an diesem Abend besser war als es sein musste – unaufgeregt, ehrlich, regionaler Küche, Service der einfach funktionierte ohne Aufhebens darum zu machen. Wir saßen draußen, die Kinder spielten, der Abend legte sich ruhig über den Platz.

Nadine und Oli kamen gegen acht zurück – erschöpft, glücklich, mit Souvenirs und dem Lagunenlicht noch irgendwie im Gesicht. Sie hatten Venedig bis zur letzten Fähre ausgekostet, waren durch die Gassen im Abendlicht geschlendert und hatten sich dabei vermutlich ein weiteres Paar Füße geliehen so viel waren sie gelaufen. Sie aßen noch Pizza in der Campingplatz-Pizzeria, weil Pizza nach einem langen Venedigtag die einzig richtige Antwort ist, sammelten danach die Kinder vom Spielplatz ein und brachten sie zurück zum Camper. Noah und Emilia wirkten beim Zähneputzen noch erstaunlich wach – für ungefähr fünf Minuten. Dann war es still.
Gute Nacht, Venedig. Das war besonders.
Warum Camping mit Kindern einfach unschlagbar ist
Man braucht keinen Kinderclub, keinen Pool mit Rutsche und keinen Animateur auf Speed – aber es schadet auch nicht.
Campingplätze bieten alles, was Kinder wirklich brauchen: Platz, Freiheit, andere Kinder. Und das Beste: Die Sprache ist völlig egal. Ein Ball, ein Roller, ein kurzer Blick – und schon wird zusammen gespielt, gelacht und gerannt. Sprachbarrieren? Gelten höchstens für Erwachsene.
Natürlich gibt es Campingplätze mit Mini-Club, Kinderdisco, Bastelprogramm und Betreuungsplan – das volle Ferienpaket.
Aber auch auf den kleinen, überschaubaren Plätzen mit einem leicht schiefen Klettergerüst und einer Rutsche von 1993 passiert etwas Wundersames: Kinder finden Anschluss. Schnell. Ganz von selbst.
Und während die Kinder springen, rennen, buddeln oder Rollerturniere veranstalten, sitzen die Eltern – oder Großeltern – mit einem Kaffee (oder Bier) daneben und denken sich: „Ach, so kann Urlaub also auch sein.“
Keine nervige Parkplatzsuche, kein Stadtverkehr, keine hektische Straßenüberquerung mit Keks in der einen und Kind in der anderen Hand. Auf dem Campingplatz ist alles übersichtlich. Sicher. Frei.
Man lässt die Kinder einfach los – und die kommen irgendwann wieder. Meistens hungrig. Und glücklich. Und das Beste: Wenn die Kinder zufrieden sind, haben die Erwachsenen endlich das, was sie im Alltag ständig suchen – aber kaum finden: Ruhe. Win-Win. Ganz einfach.

































































