Ciao Lagune, Hallo Outlet – und irgendwo dazwischen die Toskana
Der Tag beginnt golden. Nicht als Redewendung, sondern wirklich: Nadine war früh draußen mit der Kamera, und das Licht das sie über der Lagune erwischt hat, gehört zur Sorte Fotos bei denen man hinterher lange schaut und nicht genau sagen kann warum. Venedig im Sonnenaufgang, die Stadt die sich langsam aus dem Dunst schält, das Wasser ruhig und still – und irgendwo da draußen schaukeln Boote an Stegen die man gestern noch mit den Füßen berührt hat. Es ist einer dieser Morgende die sich schon beim Frühstück wie ein Abschied anfühlen, auch wenn noch gar nichts gesagt wurde.

Und das Frühstück fand endlich draußen statt. Nach all den wetterbedingten Variationen der letzten Tage – drinnen im Restaurant, unter der Markise im Windschatten, einmal sogar halb drin halb draußen weil jemand hoffte dass es nicht mehr regnet und es dann doch regnete – war dieser Morgen der erste richtige Draußen-Frühstücks-Tag der Reise. Sonne, milde Luft, der Campingtisch als Familieninsel, Brötchen vom Platz-Shop die überraschend gut waren – außen knusprig, innen weich, ohne jenen Aufback-Alarm den man bei Campingplatz-Brötchen schon einkalkuliert hat. Dazu die Bialetti, die blubberte und zischte und diesen Geruch verbreitete der einer der verlässlichsten Auslöser von Urlaubsgefühl ist den ich kenne. So fängt ein guter Tag an.

Die Kinder sahen das anders. Frühstück war für Noah und Emilia ein Hindernis auf dem Weg zum Spielplatz – sie aßen, soweit das Pflicht war, und verschwanden dann mit der Energie von Leuten, die wissen dass ihnen die Zeit davonläuft und die jeden verbliebenen Spielplatzmoment noch einmal auskosten wollen. Klettern, Rutschen, Kreischen, eine letzte Ehrenrunde. Wir packten unterdessen. Stühle, Tische, Markise, Kabel, das Küchenzeug, die Klamotten, alles was in den letzten Tagen wie selbstverständlich auf dem Campingplatz verteilt war und das jetzt auf wundersame Weise wieder in den Camper musste. Es passte. Es passt immer, auch wenn man glaubt dass es diesmal nicht passt.
Ein letzter Blick Richtung Lagune. Das Wasser glitzerte, irgendwo kreisten Möwen, Venedig lag still am Horizont. Für Stefan und mich war es der dritte Besuch in einem Jahr, und jedes Mal denken wir beim Abfahren dasselbe: nicht das letzte Mal. Für Nadine, Oli und die Kinder war es das erste – und die Augen beim Abschied sagten ungefähr dasselbe. Wir fuhren los.
Nächste Station: das Barberino Designer Outlet, etwa zwei Stunden nördlich von Florenz. Kultur hatten wir auf dieser Reise wirklich nicht zu wenig – jetzt waren mal die Kreditkarten dran. Die Fahrt verlief zunächst entspannt, die Toskana rollte ihre sanften Hügel auf, das Licht war weich und warm, und im Camper herrschte jene angenehme Stimmung von Menschen die gerade wissen wo sie hinfahren und sich ein bisschen drauf freuen. Bis zwanzig Kilometer vor dem Ziel. Dann kam der Stau, mit der entspannten Selbstverständlichkeit mit der Staus in Italien immer kommen – als hätten sie das Recht dazu und warteten nur noch auf den richtigen Moment.
Um halb zwei rollten wir auf den Parkplatz. Zwei Stellplätze nebeneinander, an einem Samstagmittag, was ich als kleines Zeichen wertete. Das Outlet selbst sieht aus wie ein italienisches Dorf das jemand aus dem Prospekt ausgeschnitten und hierher gestellt hat – bunte Fassaden, Kopfsteinpflaster, dekorative Laternen, gepflegte Blumenkästen, alles hübsch und etwas zu hübsch, als wäre die Kulisse wichtiger als der Inhalt. Was in einem echten Dorf die Bäckerei und die Kirche wären, sind hier Hilfiger, Adidas, Desigual und Jack & Jones, dazwischen ein Lindt-Shop der aussieht als wäre er für Menschen gebaut worden die nach drei Stunden Shopping dringend Schokolade brauchen. Was, wenn man ehrlich ist, für uns alle zutraf.
Wir trennten uns, ganz natürlich und ganz strategisch. Noah zog zu Adidas, auf der Suche nach dem perfekten Trikot, mit der Ernsthaftigkeit eines Menschen der eine wichtige Entscheidung zu treffen hat und das weiß. Emilia zog zu allem was glitzerte – der Laden war letztlich zweitrangig, Hauptsache es glänzte irgendwas. Nadine geriet in einen Desigual-Rausch der mit dem Satz „ich schau nur kurz“ begann und mit zwei vollen Tüten endete, was sie selbst am erstaunlichsten fand. Stefan steuerte Jack & Jones an und kam mit exakt denselben Jeans zurück die er schon trug – nur in neu, eine Größe frischer. Oli fand ein Shirt das ihm wirklich gefiel, und da es drei gab und drei zusammen Rabatt ergaben kaufte er drei, was ökonomisch gedacht war und trotzdem nach Shopping aussieht.
Ich ließ mich treiben. Ein bisschen schauen hier, ein bisschen stöbern da, kurz für andere mitdenken und dabei so tun als würde ich selbst nichts kaufen – und dann trotzdem mit einer Tüte rauskommen deren Inhalt ich als dringend nötige Basics klassifizierte. Das ist eine Kategorie die im Outlet immer größer wird als zu Hause.

Um vier Uhr trafen wir uns am Ausgang, beladen, zufrieden und in dem kollektiven Zustand von Menschen die gerade sehr beschäftigt waren und jetzt kurz Pause brauchen. Die Tüten waren voll, die Beine müde, und die Kinder hatten irgendwann aufgehört mitzuzählen welche Läden wir noch nicht drin waren. Bei den Guest Services des Outlets gab es übrigens alles was man nach einem solchen Nachmittag brauchen könnte: Kinderwagenverleih, Schließfächer, Massagesessel – und vermutlich auch jemanden der diskreterweise Ratenpläne anbietet. Wir brauchten nur eines: McDonald’s.
Das lag nur ein paar hundert Meter entfernt und war in diesem Moment das Richtige. Nicht besonders italienisch, nicht besonders ambitioniert, aber nach drei Stunden Power-Shopping genau das was sechs Menschen mit unterschiedlichem Blutzuckerspiegel jetzt brauchten. Noah strahlte beim Anblick der Nuggets wie jemand der lange auf etwas gewartet hat und es jetzt endlich bekommt. Emilia widmete sich den Pommes mit einer Konzentration die sonst nur Salami gilt. Wir Erwachsenen tranken Cola, aßen Burger, und atmeten einmal durch. Manchmal ist das die richtige Antwort auf einen langen Tag.
Um halb sieben Ankunft auf dem hu Camping Firenze in Town. Stefan und ich sind inzwischen zum dritten Mal hier, und jedes Mal fühlt sich die Einfahrt ein bisschen wie Heimkommen an – nicht weil es besonders spektakulär wäre, sondern weil man weiß was einen erwartet und weil das, was einen erwartet, gut ist. Großzügige Stellplätze, Sanitäranlagen die man ohne Badeschlappen betreten kann, ein Restaurant das nicht nur existiert sondern auch schmeckt, und eine Lage die irgendwo zwischen Stadtflucht und Städtetrip liegt. Für Florenz besser organisiert geht kaum.

Die Camper wurden mit geübten Handgriffen eingeparkt, die Markise wurde aufgekurbelt und die Kinder verschwanden auf dem Spielplatz bevor wir überhaupt richtig ausgestiegen waren. Stefan und ich schauten ihnen kurz nach, dann gingen wir duschen. In dieser Reihenfolge und ohne weitere Absprache, weil manche Dinge in einer langen Reisegemeinschaft einfach funktionieren.
Abendessen im Campingplatz-Restaurant – Pizza, Pasta, ein Glas Wein, das Ende eines langen Tages. Der Service war freundlich und unkompliziert, das Essen schmeckte verdammt lecker. Draußen gingen langsam die Lichter an, es roch nach Pinien und gebratenem Knoblauch, irgendwo klingelte noch ein Besteck gegen einen Teller. Die Kinder wurden eingesammelt, Zähne geputzt, Lichter aus.
Venedig verabschiedet. Outlet abgehakt. McNuggets gegessen. Florenz wartet.






