Erst der schiefe Turm, dann der Osterhase – und dann Pizzeria Duca
Letzter Kaffee in Florenz. Letzter Blick auf den Campingplatz, der jetzt schon wieder aussieht als wären wir nie dagewesen. Inzwischen läuft das Einpacken wie von selbst – Markise rein, Stühle weg, Tische verstaut, Kinder eingesammelt. Das Familien-Camping-Kollektiv hat nach ein paar Tagen eine Effizienz entwickelt, die man sich merken sollte.
Frühstück heute nicht am Campingtisch, sondern im Restaurant: Buffet, zwölf Euro für die Großen, sechs für Noah, Emilia unter fünf Jahren also offiziell kostenlos und hungrig. Croissants, Kaffee, Rührei, Obstsalat, frisches Brot – der morgendliche Grundstein für einen langen Tag. Wir nutzten das Angebot gründlich. Man weiß nie wie lang es bis zur nächsten Mahlzeit dauert, und das Buffet hatte eine sehr einladende Ausstrahlung.
Gegen halb zehn rollten wir los. Nächstes Ziel: Pisa. Die Fahrt war unaufgeregt – Autobahn, Tempomat, etwas LKW, etwas Toskana links und rechts, gelegentlich ein Gesprächsfetzen über Pizza. Gegen elf Uhr Ankunft auf dem Parcheggio Camper Via di Pratale – denselben Platz kennen Stefan und ich schon vom letzten Jahr, und er hat sich nicht verändert. Nicht besonders charmant, aber praktisch, sauber und sicher, was in Pisa mehr wert ist als es klingt. Noch bevor man den Motor abgestellt hat, drückt einem jemand eine gedruckte Stadtkarte in die Hand, mit eingezeichnetem Weg zum Turm, Hinweisen zu Sehenswürdigkeiten und dem dezenten Vermerk, wo die besten Fotoperspektiven sind. Stefan steckte die Karte ein. Wir liefen los.

Der Weg vom Parkplatz zum Turm ist ein guter halbstündiger Fußmarsch durch normales, lebendiges Pisa – Wohnhäuser mit kunstvoll verstaubten Fensterläden, kleine Lebensmittelläden die aussehen als wären sie seit Jahrzehnten in Familienhand, Mopeds die an Hauswänden lehnen, Wäscheleinen zwischen den Etagen. Die Stadt hinter der Touristenattraktion, die man so selten zu sehen bekommt weil man meistens direkt zum Turm durchrauscht. Noah und Emilia liefen tapfer mit und fragten in regelmäßigen Abständen wie viele Minuten es noch seien. Die Antwort war immer „fast da“, was sowohl wahr als auch dehnbar ist.
Dann die Bastione del Parlascio – eine alte Stadtmauer, die sich plötzlich vor uns auftat, und auf der oben Menschen gemütlich entlangspazierten. Wie die da hochgekommen waren, erschloss sich uns nicht sofort. Kein Schild, keine Rampe, keine Treppe in Sichtweite. Wir umrundeten sie einfach und kamen dabei auf der richtigen Seite heraus, was retrospektiv auch gut war – denn kurz danach öffnete sich der Blick.
Der schiefe Turm von Pisa ist wirklich schief. Das klingt banal, aber man muss es erlebt haben: Man kennt das Bild aus jedem Schulatlas und jedem dritten Souvenirladen Italiens, und trotzdem steht man davor und schaut nochmal hin, weil man es immer noch nicht ganz glauben kann. Das Ding neigt sich wirklich. Deutlich. Mit einer Gelassenheit die bewunderungswürdig wäre, wenn es kein achthundert Jahre altes Bauwerk wäre das jeden Moment seinen Entschluss zur Vertikalen revidiert haben könnte.

Aber da steht es, ruhig und schief, während davor hunderte Touristen die Hand ausstrecken um es zu stützen – eine Choreografie, an der wir uns natürlich auch beteiligten. Nadine lehnte sich stemmt, Noah machte es nach, und kurz darauf standen wir alle in den denkbar albernsten Posen vor einem der bekanntesten Bauwerke der Welt. Das gehört dazu. Wer so etwas nicht mitmacht, hat etwas nicht verstanden.
Der Platz selbst – die Piazza dei Miracoli – ist ein Ort, der zu perfekt aussieht um wahr zu sein. Rasen so grün als hätte ihn jemand frisch gestrichen, Marmor so weiß als würde er leuchten, der Dom, das Baptisterium und der Turm nebeneinander wie ein sorgfältig komponiertes Bild. Und dazwischen Menschen, Kameras, Selfiesticks und das gleichmäßige Hintergrundgeräusch von kollektivem Staunen.
Bevor es auf den Turm ging, schauten Nadine, Oli und Noah noch kurz beim Baptisterium vorbei – dem runden Marmorbau neben dem Dom, der mit seiner Kuppel und seinen Bögen so dasteht als müsste er sich neben Turm und Dom eigentlich zurückhalten, es aber nicht tut. Eine kurze Runde außen herum, ein paar Fotos, dann weiter in den Dom. Die Cattedrale di Pisa hat nach dem ganzen Marmor draußen eine Wirkung die man nicht erwartet: ruhig, hoch, mit goldverzierter Decke und Säulenreihen die sich durch das Kirchenschiff ziehen, Buntglasfenster die das Licht filtern und dem Raum eine Stille geben, die man in diesem Touristentrubel draußen komplett vergessen hatte. Ein Ort zum Durchatmen.
Um 13 Uhr dann der Turm. Tickets hatte ich für Noah, Nadine und Oli gebucht – Kinder dürfen erst ab sechs Jahren hoch, was Emilia mit den Ohren zur Kenntnis nahm und mit dem Herzen vollständig ablehnte. Ihre Reaktion bewegte sich zwischen beleidigter Prinzessin und strategischem Rückzug auf die Position „Ich merk mir das“. Stefan und ich blieben mit ihr unten, fanden einen Platz im Schatten eines kleinen Cafés direkt mit Blick auf den Turm, bestellten Cappuccino und ein Schokoladeneis für Emilia. Das Eis war nicht der Turm. Aber es half.
Der Aufstieg durch die enge Wendeltreppe ist eine Erfahrung für sich – und zwar eine, die man so nicht erwartet hat. Der Turm ist nicht nur von außen schief, man spürt es bei jedem einzelnen Schritt. Die Wand neigt sich mal nach innen, mal nach außen, der Gleichgewichtssinn meldet leise Protest, und die Beine fragen sich bei jeder Stufe ob hier wirklich alles mit rechten Dingen zugeht. Irgendwann hört man auf zu analysieren und steigt einfach weiter – Stufe für Stufe, Kurve für Kurve, durch enge Passagen aus hellem Marmor der nach Jahrhunderten riecht.
Zwischendurch öffnet sich der Blick durch die Bögen nach außen – und plötzlich sieht man die Piazza von einer Seite, die man von unten nie hatte: die Glocken direkt neben einem, schwer und alt und mit einer Patina die keine Restaurierung der Welt wegmacht. Dann schaut man in den Turm hinein – von oben in diesen erstaunlich schmalen Hohlzylinder, der sich nach unten in die Tiefe zieht und dabei so aussieht als hätte ihn jemand aus einem einzigen Stück Stein gedreht. Das Seil des Glockenmechanismus hängt senkrecht in der Mitte, und für einen Moment versteht man dieses Bauwerk von innen auf eine Art, die von außen nicht möglich ist.
Und dann oben. Die Plattform, der Wind, und Pisa zu Füßen. Rote Dächer so weit man schaut, der weiße Marmor der Piazza dei Miracoli direkt unter einem, die Menschen unten auf der Wiese so klein dass man die Selfiestick-Posen von hier oben als das erkennt was sie sind: genau dasselbe was man selbst gerade tut. Nadine und Noah standen am Geländer und schauten. Die Stadt lag da, grau-grün und weitläufig, der Himmel über Ligurien in diesem weichen Nachmittagslicht. Der Moment in dem man sagt: Ich war wirklich da oben. Nicht auf einem Foto. Wirklich.
Als die drei wieder unten ankamen, hatten Noah und Nadine noch Treppen in den Beinen und die Aussicht noch in den Augen. Emilia wartete, betrachtete den Turm noch einmal eingehend von unten, und sagte dann mit einer Bestimmtheit die keine Widerrede zuließ: „Wenn ich sechs bin, geh ich da hoch.“ Das klang nicht nach Wunsch. Das klang nach Terminplanung.
Ein letzter Stopp an den Souvenirständen – Noah und Emilia bekamen je ein T-Shirt mit Turm-Aufdruck, weil manche Dinge sein müssen – dann zurück zum Camper. Vorbei an denselben Wohnhäusern und Läden wie hin, nur jetzt mit dem wohligen Gefühl von jemandem der etwas gesehen hat das sich gelohnt hat.

Um 14 Uhr brachen wir auf. Nächstes Ziel: Levanto, Camping Pian di Picche, eingerahmt von grünen Hügeln und nur einen Steinwurf vom Meer entfernt. Die Fahrt war eine kleine Sehenswürdigkeit für sich – die Straße nach Levanto schlängelt sich durch Ligurien mit Kurven und Ausblicken, bei denen man das Steuer festhalten und gleichzeitig fotografieren möchte, was beides gleichzeitig keine gute Idee ist. Eine Art Vorgeschmack auf das was morgen kommt.

Gegen 16 Uhr rollten wir auf den Platz. Heute war Ostersonntag – aber das war kein Problem. Der Osterhase hatte offenbar ein sehr gutes Navi und uns auch in Ligurien gefunden. Noah und Emilia, gerade erst aus dem Camper geklettert, waren sofort in Suchmission unterwegs: Vorzelt, Rasen, Blumentöpfe, alle verdächtigen Stellen abgesucht. Schoko-Eier, kleine Überraschungen, leuchtende Kinderaugen. Über uns nieselte es leicht. Das störte niemanden.
Denn eigentlich hatte der Campingplatz noch einen Tipp parat: zwei Pizzerien im Ort, beide empfohlen, beide angeblich nicht zu verpassen. Regenjacken an, Kapuzen hoch, los. Die erste Pizzeria auf der Liste hatte Oster-frei genommen – Tür zu, Licht aus. Kurzer Stopp, kurze Umplanung, weiter zur zweiten: Pizzeria Duca.
Von außen unscheinbar. Drinnen sofort warm, der Geruch von knusprigem Teig und Tomatensauce, ein Steinofen am Ende des Raums. Wir tropften leicht und waren sehr hungrig, was in Kombination jede Pizzeria besser macht als sie ist – aber diese war wirklich gut. Die Speisekarte verrät das Geheimnis ohne Umschweife: Mehl Typ 0, frische saisonale Zutaten, der Teig ruht doppelt, insgesamt dreißig Stunden. Man schmeckt es. Der Boden dünn und knusprig ohne hart zu sein, der Rand fluffig und aromatisch, die Zutaten einfach und richtig. Eine Pizza, bei der man aufhört darüber nachzudenken und einfach isst.
Auf dem Rückweg entdeckten Nadine und Stefan noch einen kleinen Supermarkt. Stefan fand Barilla-Spaghetti für neunundfünfzig Cent und griff zu wie jemand, der weiß dass dieses Angebot zu Hause nicht existiert. Mehrere Packungen. Wir sagten nichts. Er strahlt bei sowas, und das ist schön.

Danach machten wir noch einen Spaziergang durch den Ort – der Regen war inzwischen so fein geworden dass er sich eher wie Luft anfühlte als wie Wetter, und Levanto bei Dämmerung hatte eine Stimmung die man sich nicht entgehen lassen wollte. Die Altstadt ist klein und still und sehr hübsch. Bunte Häuserfassaden, nasses Kopfsteinpflaster das die Laternen spiegelte, ein paar Osterdekorationen vor Schaufenstern, Einheimische die gelassen mit Schirmen vorbeischlenderten. Fahrräder an Hauswänden, gedämpfte Stimmen aus offenen Fenstern, irgendwo Musik. Wir liefen einfach, schauten, und ich fotografierte das was man fotografiert wenn man eigentlich gar nichts Bestimmtes sucht und trotzdem überall etwas findet.
Zurück am Campingplatz war es ruhig. Die Kinder hatten ihre Oster-Beute längst inventarisiert und sich dann irgendwann selbst ins Bett manövriert, weil der Tag lang gewesen war und der Körper irgendwann einfach entscheidet. Wir saßen noch kurz draußen, hörten dem Regen zu der jetzt wieder etwas entschlossener fiel, und ließen den Tag in Ruhe ankommen. Der schiefe Turm war wirklich schief. Der Osterhase hatte uns in Ligurien gefunden. Und die Pizzeria Duca hatte dreißig Stunden Teig auf uns gewartet – und es hatte sich gelohnt. Morgen: Cinque Terre.









































