Limone & Malcesine – Emilia hat entschieden: Das Kleid fährt mit.
Der Autohof TopStop in Sterzing ist ansich kein romantischer Ort. Aber dann – die Sanitäranlage: Noah und Emilia stürmten mit ihren Kulturtaschen voraus – und kamen aus dem Waschraum zurück mit der Energie von Hotelgästen, die gerade festgestellt haben, dass die Suite aufgerüstet wurde. „Hier ist es richtig schick!“, verkündete Emilia mit einer Überzeugung, die keine Diskussion zuließ. Wer bin ich, ihr zu widersprechen. Die Fliesen waren tatsächlich sauber, die Armaturen glänzten, und gemessen an dem, was man auf Autobahnraststätten manchmal vorfindet, war das hier tatsächlich ein kleines Wunder der Infrastruktur.
Stefan und Nadine hatten derweil die Camper auf Abfahrtsmodus gebracht – Bettzeug zusammenfalten, Schubladen sichern, Kaffeemaschine verstauen, und nebenbei feststellen, dass irgendjemand das feuchte Handtuch auf die sauberen Shirts gelegt hatte. Niemand gab es zu. Stefan sagte nichts. Er räumte einfach um.

Kaffee gab es im Restaurantbereich – und das Croissant-Buffet war der Moment, an dem wir beschlossen haben den Tag zu mögen. Schokolade, Marmelade, Vanillecreme. Wir probierten aus wissenschaftlichen Gründen alle drei. Der Kaffee war so stark, dass man hinterher die eigene Herzfrequenz in den Fingerspitzen spürte. Ideal für einen Roadtrip.
Dann Autobahn. Die Kilometer liefen gut, die Stimmung war bestens. Dreißig Kilometer vor Limone sul Garda hörte die Autobahn auf zu existieren und verwandelte sich in das, was Italiener eine Straße nennen und was sich anfühlt wie eine Gemeinschaftsveranstaltung, bei der man nicht genau weiß warum man dabei ist, aber auch nicht aussteigen kann. Eine Stunde für eine Strecke, die Google Maps mit der Unverfrorenheit eines schlechten Komikers auf dreißig Minuten taxiert hatte. Stefan schaute geradeaus. Er hat eine Fähigkeit, in Staus völlig ruhig zu wirken – nicht unglücklich, nicht genervt, einfach gechillt. Ich fragte ihn irgendwann, woran er denkt. Er sagte: „An nichts Besonderes.“ Das glaube ich ihm sogar.
Um zwölf Uhr Limone. Parkplatz für beide Camper. Fünf Minuten Fußmarsch durch eine Unterführung – und was für eine. Die Wände sind vom Boden bis zur Decke vollflächig bemalt: Gardasee-Panoramen, Oldtimer, Zitronenbäume, Menschen beim Feiern, alles in satten, kräftigen Farben. Man betritt diese Unterführung als normaler Parkplatztourist und tritt am anderen Ende in eine andere Welt – und das ist nicht übertrieben, sondern genau so. Limone sul Garda bricht über einen herein wie ein Bilderbuch, das man für eine Übertreibung gehalten hatte. Pastellfarbene Häuser. Zitronenbäumchen in engen Gassen. Touristenströme, die sich durch die Altstadt schieben. Wir mittendrin, Kameras raus, große Augen.

Zwei Stunden Bummeln durch Gassen, die so eng sind, dass zwei Menschen mit Einkaufstüten aneinander vorbei verhandeln müssen. Überall Zitronen – als Seife, als Likör, als Bonbon, als Kühlschrankmagnet, als Fahrradklingel, vermutlich auch als Bausubstanz. Limone hat sein Thema gefunden und zieht es konsequent durch, und das ist eigentlich bewundernswert.
Und dann: das Eis.
Stefan und ich hatten uns bereits im Vorjahr auf das Zitronen-Milcheis in einer echten, ausgehöhlten, gefrorenen Zitrone geeinigt – sieben Euro, cremig, kalt, zitronig und sooooo gut. Die Kinder bekamen natürlich auch einen Löffel. Was folgte, war ein Gesicht, das ich am liebsten gerahmt hätte: Emilia öffnete den Mund, schloss ihn wieder, zog die Nase hoch, schaute die Zitrone an, als hätte diese sie persönlich enttäuscht, und schob den Löffel wortlos zurück. Noah war diplomatischer. Er sagte: „Sauer.“ Mehr brauchte es nicht. Die Zitroneneisfront blieb auf die Erwachsenen beschränkt, und wir hatten keinerlei Einwände dagegen.
Während wir noch löffelten, zog das Wetter seine Karte. Regen für die nächsten zwei Tage, sagten alle Apps. Stefan sah auf sein Handy. „Malcesine mitnehmen, bevor es anfängt?“ Er formuliert Vorschläge meistens als Fragen, obwohl er schon weiß, dass er recht hat. Ich setzte noch einen drauf: Mit der Fähre! Ab Limone rüber, keine Straße, kein Stau, einfach über den See gleiten. Abfahrt 14:25 Uhr. Bis dahin: Salami.
In einem kleinen Laden, der aus allen Poren nach Wein, Knoblauch und allem roch, was man nicht hätte betreten sollen, wenn man einen disziplinierten Einkauf geplant hatte, bekam Emilia große Augen. Nicht wegen der Schokolade, nicht wegen der Limoncello-Bonbons – sondern wegen der Salami. Sie stand vor den Körben mit Salamino al Finocchio, Salame al Tartufo und dem ganzen gerollten, gewürzten, in Folie gehüllten Sortiment und trug den Blick einer echten Kennerin. Emilia, fünf Jahre alt, Glitzer-Enthusiastin und offenbar Salami-Expertin.
Für achtzig Euro deckten wir uns ein – Wildschweinsalami, Pfeffersalami, Trüffelsalami und noch eine Sorte mit einem Namen, den ich nicht kannte, aber kaufte, weil Emilia nickte. Oli brachte anschließend die Beute zum Camper und verstaute sie im Kühlschrank, weil irgendjemand das tun musste und Oli meistens derjenige ist, der solche Dinge einfach tut, ohne viel Aufhebens. Wir schätzten das. Das ist vielleicht nicht fair, aber so läuft das in Familien.
Am Hafen hatten die Touristen schon eine Schlange gebildet, die an eine Behörde erinnerte. Ich schnappte mir die Tickets, bevor noch diskutiert werden konnte, und kurz darauf standen wir an Deck. Schiff fahren! Für Noah und Emilia grenzte das an Abenteuer, für Nadine war es das auch – allerdings in einer anderen Kategorie. Schiffe sind nicht ihr bevorzugtes Fortbewegungsmittel. Sie lächelte tapfer und schaute in die Ferne, was ungefähr das ist, was man tut, wenn man möchte, dass die zwanzig Minuten schnell vergehen. Der See glitzerte. Die Berge standen, Nadine schaute tapfer in die Ferne und wartete darauf, dass das Schiff endlich anlegte. Dann Malcesine.
Was einen dort erwartet, ist eigentlich unfair. Eine Stadt hat kein Recht, so auszusehen. Der kleine Hafen mit seinen bunten Booten, die gelben und orangefarbenen Häuserfassaden, die sich direkt am Wasser stapeln, dahinter die Altstadt mit Gassen, die so eng sind, dass man beim Durchgehen unwillkürlich die Schultern einzieht, obwohl man gar nicht muss. Wir legten an, stiegen aus, und nach etwa dreißig Sekunden hatten alle ihre Kamera oder ihr Handy raus. Das passiert einem in Malcesine automatisch.

Wir schlenderten durch die Gassen – an einer kleinen Kirche vorbei, deren Inneres so freskenverziert war, dass man kurz vergaß, dass man eigentlich nur kurz reinschauen wollte, an Weinläden mit vergitterten Schaufenstern voller alter Flaschen, die aussahen als hätten sie dort schon gestanden als Garibaldi vorbeikam, an Restaurants mit gelben Holzbänken auf dem Kopfsteinpflaster, deren Kreidetafeln Gerichte anboten, bei denen man einfach sitzen bleiben wollte, auch ohne Hunger. Malcesine ist kein Ort, an dem man ein Programm abarbeitet. Man läuft einfach, schaut, und irgendwann hat man zwei Stunden verbracht ohne zu merken, wie.
Wir fanden das AlPino beinahe zufällig, in einem ruhigeren Gässchen abseits der Hauptströme: eine kleine Pizzeria ohne Selbstdarstellung und mit einer Speisekarte, die nicht versuchte, irgendetwas zu sein außer einem Ort, an dem man Essen bestellt und Essen bekommt. Stefan und ich teilten eine gemischte Grillplatte mit Fleisch, Spießen und Grillgemüse für das Gewissen. Nadine nahm Spaghetti Carbonara, ohne Sahne, weil sie weiß, wie das in Italien läuft. Oli bestellte eine Pizza. Die Kinder bestellten Pasta Pomodoro zum Teilen – einfach, überschaubar, keine Überraschungen geplant. Die Überraschung kam trotzdem.
Kaum standen die Teller, war klar: die Pasta interessierte die Kinder weniger als Olis Pizza. Vielleicht war die Soße falsch. Vielleicht war es einfach Olis Pizza. Schwer zu sagen. Was folgte, war jedenfalls der Beginn von etwas, das sich über die nächsten Tage zum verlässlichsten Running Gag unserer Reise entwickeln sollte: Was auch immer Oli bestellte, die Kinder wollten es. Was auch immer die Kinder bestellten, sie wollten es nicht. Und Oli aß, was übrig blieb. An diesem ersten Abend war das ein einsamer Pizzarand und ein halbes Spaghettifädchen. Er sagte nichts. Er ist so. Wir anderen bemühten uns um ernste Mienen und schafften es mittelmäßig.
Nach dem Essen: Das Kleid. Emilia entdeckte es in einem kleinen Laden: ein Erdbeerkleid, weiß mit roten Erdbeere, ein Sommerkleid wie aus einem italienischen Kinderbuch. Emilia schaute es an. Das Kleid schaute zurück. Die Entscheidung war in diesem Moment bereits gefallen, auch wenn noch niemand etwas gesagt hatte. Was folgte, war keine Verhandlung – das wäre das falsche Wort. Es war eher eine ruhige Feststellung: dieses Kleid würde mitfahren. Emilia zog es noch im Laden an, kam raus auf das Kopfsteinpflaster, strich es einmal glatt – und war sofort die Chefin der Gasse. Mehr brauchte es nicht.
Gelato gab es natürlich auch – diesmal für alle, ohne saures Gesicht, ohne Zitronen. Emilia im Erdbeerkleid mit Erdbeereis war ein ästhetisch vollständiger Moment, der fotografisch festgehalten werden musste und es wurde.
Um 18 Uhr zurück zur Fähre, zurück nach Limone, zurück in die Camper. Die Sonne tat noch einmal alles, was Sonnen am Gardasee so tun wenn sie wissen dass jemand eine Kamera dabei hat – orangefarbenes Licht, lange Schatten, der See glatt und still. Wir tuckerten Richtung Bardolino, unsere zwei rollenden Haushalte mit der behäbigen Würde von Leuten, die einen guten Tag hatten und das wissen.

Gegen 20:30 Uhr rollten wir auf den Campingplatz La Rocca. Direkt am See – auf dem Papier. In der Praxis: stockdunkel, Umrisse, irgendwo da draußen Wasser. Nadine und ich übernahmen den Check-in. Die Rezeptionistin war freundlich, effizient, und hatte am Ende noch etwas: „Ich habe auch ein Geschenk für euch.“ Wir rechneten innerlich mit Aufklebern. Mit Kugelschreibern. Mit diesen kleinen Bonbontütchen, die Campingplätze manchmal verteilen und die nach Plastik schmecken. Stattdessen: zwei Flaschen Weißwein. Für uns. Wir bedankten uns mit echter Begeisterung.
Draußen sprinteten die Kinder über den Spielplatz, als hätten sie den ganzen Tag auf einer Couch gelegen. Emilia noch im Erdbeerkleid, weil sie es so wollte und Widerspruch nur im absoluten Notfall in Betracht gezogen wird. Irgendwann: Dusche, Koje, Augen zu.
Morgen Regen. Wir haben Gummistiefel, zwei Flaschen Weißwein, genug Salami für eine mittlere Belagerung – und Emilia hat ein Erdbeerkleid, das sich von Nieselregen garantiert nicht beeindrucken lässt. Was soll da noch schiefgehen.


















































