Familien-Konvoi Richtung Italien – mit Gummibären, Zugspitzblick und Stromkabel-Chaos
Heute geht’s los.
Nach Wochen des Planens, Packens, Listen-Schreibens und gedanklichen Durchspielens von „Was ist, wenn…?“-Szenarien – von Regen bis Revolution im Kinderabteil –, startet endlich unser großes Familienabenteuer in Richtung Italien. Osterferien. Zwei Camper. Drei Generationen. Sechs Menschen. Und eine Menge Vorfreude, die seit Wochen nach einem Ventil gesucht hat und es heute endlich findet.
Stefan und ich führen unseren geliebten Camper zum ersten Mal in diesem Jahr aus – das rollende Heim ist frisch geputzt, vollgetankt und bereit, neue Geschichten zu schreiben. Unsere Reisebegleitung: Nadine, Oli, Noah – gerade erst acht geworden und bereits überzeugter Reisejournalist in eigener Sache – und Emilia, fünf Jahre alt und im festen Besitz der Überzeugung, dass dieser Urlaub hauptsächlich für sie stattfindet. Die beiden haben sich für dieses Abenteuer einen Mietcamper organisiert: einen Pössl Trenta, der am Morgen noch unbekannt und am Abend bereits Teil der Familie sein wird. Zwei Haushalte auf vier Rädern – ein rollender Familienkonvoi, wie gemacht für Chaos, Camperromantik und kindliche Eskalation am Frühstückstisch.
Um 10:15 Uhr fällt der Startschuss für den ersten Teil der Mission: Nadine, Oli und Stefan machen sich auf den Weg, um den Mietcamper abzuholen. Und ich? Ich sitze in aller Ruhe mit einem heißen Kaffee auf dem Sofa, lasse mir die Aprilsonne durchs Fenster scheinen und denke mir: Wie schön, wenn andere erstmal die Vorarbeit leisten. Ein Moment, den ich mit aller Dankbarkeit genieße – denn ich weiß genau, was noch kommt. Wendekreise, die nicht zum Wenden taugen. Kurven, die nach Drama schreien. Und Kinder, die plötzlich Pipi müssen, sobald man in die Autobahn einfädelt. Das ist kein Pessimismus. Das ist Erfahrung.
Während die drei also auf Camperbeschaffungsmission sind, habe ich Noah und Emilia übernommen. Die Logik dahinter: Noah hat heute schulfrei – ein Geschenk des Ferienkalenders und gleichzeitig die perfekte Gelegenheit, seinen ehemaligen Kindergarten zu besuchen. Obwohl er längst ein stolzer Zweitklässler ist, liebt er es, dort einen Tag lang wieder „der Große“ zu sein. Zwischen Bausteinen, Matschküche und alten Erzieherinnen, die ihn noch als Dreikäsehoch kennen, blüht er auf wie ein kleiner Rückwärts-Zeitreisender. Und Emilia? Die ist sowieso dort, mitten im Kindergartenalltag und mächtig stolz, wenn ihr großer Bruder neben ihr im Bauzimmer sitzt, als wäre er nie weggewesen. Für einen Tag sind die beiden wieder ein Team, das Sandburgen baut, Klettergerüste bezwingt und die Brotdose teilt – als gäbe es keine Grundschule und keine zweite Klasse.
Um Punkt 12 Uhr hole ich die beiden ab – aufgeregt, aufgedreht, voller Geschichten. Noah hat mindestens fünfmal erzählt, dass er schon „fast zu groß“ für den Kindergarten ist, und Emilia findet das einfach nur cool. Der erste gemeinsame Reisetag beginnt also nicht mit Italien, sondern mit Erinnerungen – und das ist irgendwie die schönste Einstimmung überhaupt.
Um 12:30 Uhr brummt es in der Straße. Stefan, Oli und Nadine rollen mit dem Mietcamper an. Die Euphorie ist groß, die Logistik – sagen wir: kreativ. Alles, was wir in den letzten Tagen sorgfältig zusammengepackt, beschriftet und gestapelt haben, wird jetzt erst mal reingestopft. Hauptsache drin.
Koffer, Taschen, Brotdosen, Spielsachen, Technik, eine verlorene Socke – es sieht aus wie bei einer Raumstation kurz vor dem Countdown. In Wirklichkeit irrt Nadine nur dreimal zwischen Haus und Camper hin und her: einmal wegen dem Ladekabel, das sich offensichtlich unsichtbar machen kann, einmal wegen den Zahnbürsten, die auf mysteriöse Weise in einem Beutel wieder aufgetaucht sind, der längst in den Tiefen des Camperhecks vergraben lag, und einmal, weil irgendjemand – wir nennen keine Namen – Trinkflasche und Vesperdose noch auf der Küchentheke geparkt hat. Das gehört dazu. Das ist der Preis für den Aufbruch.
Eine Stunde später ist es vollbracht. Alles ist eingepackt, gestapelt, eingeräumt, verschnürt – und irgendwie hat alles seinen Platz gefunden, vermutlich nach dem Prinzip „wer weiß, wo was ist, hat Recht.“ Die Kinder sind verteilt wie beim perfekten Strategiespiel: Noah fährt bei Oma und Opa, wo er seine Rolle als Ansager, Fragensteller und Co-Pilot mit großer Hingabe ausfüllt, während Emilia es sich bei Oli und Nadine bequem macht, vermutlich schon mit einem Auge auf die Snackbox und dem anderen auf den Straßenverkehr.
Wir rollen los. Richtung Süden. Zwei Camper. Ein Konvoi. Die Sonne steht gut, die Laune besser – und im Rückspiegel sehe ich, wie Emilia bereits die ersten Gummibären vertilgt, während Noah im Minutentakt fragt, ob der Gardasee jetzt endlich „da“ ist.
„Ist das schon Italien?“
„Sind wir gleich da?“
„Wie viele Minuten sind das in Gummibären?“
Kurz gesagt: alles läuft nach Plan.

Und dann passiert das Unfassbare.
Kein Stau. Kein einziger. Weder der berühmt-berüchtigte Drackensteiner Hang auf der A8, der sonst gerne zum Standbild mutiert, noch der Fernpass, wo üblicherweise eine halbe Alpenbevölkerung gleichzeitig Urlaub machen will. Die Camper gleiten dahin wie in einem Werbespot. Zeitlupe. Sonnenuntergang. Die Playlist spielt italienischen Pop mit genau der richtigen Mischung aus Herzschmerz und Sommerfeeling, und irgendwo zwischen Kilometer 340 und 341 denke ich: Ja. Genau so fühlt sich Freiheit an.
Und weil selbst die entspannteste Fahrt nach Italien ohne einen kleinen Zwischenstopp nicht komplett wäre, legten wir am Fernpass einen kurzen Halt beim Zugspitzblick ein – einem dieser Orte, die aussehen, als hätte die Natur beschlossen, einfach mal alles richtig zu machen. Schneebedeckte Gipfel, klare Luft, der typische Geruch nach „wir sind weit weg von der Arbeit.“

Ein großer, rustikaler Holzrahmen, übersät mit Stickern aus aller Welt, lud förmlich zum Familienfoto ein. Wir ließen uns natürlich nicht zweimal bitten. Einmal alle rein in den Rahmen, ein paar Schnappschüsse später war klar: Das wird ein Urlaubsbild für die Ewigkeit. Mit dem Herz aus Draht, den verschneiten Bergen im Hintergrund und sechs Paar glücklichen Augen – plus zwei, die heimlich auf den nächsten Snack schielten – hätte das Motiv auch auf eine Titelseite für „Familienurlaub mit Stil“ gepasst.
Dann weiter. Zurück in die rollenden Wohnlandschaften, zurück auf die Straße, weiter Richtung Süden – mit einem Foto mehr im Speicher und der Gewissheit, dass der Urlaub jetzt endgültig richtig begonnen hatte. Nicht mal der Brenner mit seiner zuverlässigen Mega-Baustelle sorgte heute für graue Haare – wir kamen zügig drüber, als hätte das Universum für diesen einen Tag alle Baustellen-Ampeln auf Grün geschaltet.

Unser Ziel für heute: Autohof Sterzing. Ein Ort, an dem sich Trucker, Familiencamper und durchreisende Eiskaffee-Romantiker einträchtig auf demselben Asphalt versammeln. Kein Luxus, aber dafür alles da: Stellplatz, Duschen, Pizza – und der Duft von Diesel in der Abendluft. Es gibt glamourösere erste Nächte. Aber nach einer langen Fahrtag verlangt man vor allem nach drei Dingen: Strom, Wasser und einem Teller mit heißem Essen. Und das konnte Sterzing liefern.
Um 19 Uhr rollen wir ein – nicht direkt, sondern mit Umwegen. Genauer gesagt: durch gefühlt jeden Kreisverkehr, den Südtirol aufzubieten hat. Es wirkt fast, als würden wir einem internen Wettbewerb für den elegantesten Kreisbahntanz beiwohnen. Kurve, Blinker, Kurve, Orientierung, Lacher im Bordfunk – und irgendwann dann doch: die Einfahrt zum Camping-Stellplatz.
Ich steige aus, marschiere entschlossen zur kleinen, leicht schiefen Kassenhütte, die aussieht, als hätte sie schon Generationen von Truckerträumen verwaltet – und bezahle für beide Camper. Zwei Camper. Zwei Plätze. Je 24 Euro. Preislich absolut in Ordnung, und angesichts dessen, was einen drinnen erwartete, sogar eine Überraschung nach oben.

Die Sanitäranlagen nämlich: ein Gedicht. So modern, so stylisch, so sauber, dass man fast freiwillig zweimal duschen möchte, nur um sich ein bisschen schöner zu fühlen. Hochglanzfliesen, indirektes Licht, der leichte Duft nach Zitrone. Wer braucht da noch ein Spa? Wir nicht. Wir hatten Sterzing.
Das Restaurant erwies sich als angenehm bodenständig: Eine Pizza, die heiß, knusprig und herrlich käsig daherkommt, Penne mit genau der richtigen Schärfe, eine Lasagne, die beim Anschneiden leise seufzt, und dazu ein kühles Bier, das direkt und ohne Umwege in den „Wir sind angekommen“-Modus überleitet. Für knapp 70 Euro haben wir alle zusammen gegessen wie die Könige von Südtirol – kein Vergleich zu Autobahnraststätten, wo man für die gleiche Summe eine labberige Brezel und den Gesichtsausdruck eines Kassierers bekommt, der nach innerer Kündigung riecht.
Und dann: der Strom.
Der gelbliche Kasten am Stellplatz ist übrigens ein Stromverteiler. Also theoretisch. Praktisch lag er lieblos auf dem Boden, herausgerissen aus seiner Verankerung – wahrscheinlich von jemandem, der entweder sehr wütend war oder sehr schlecht im Rückwärtsfahren. Wir wunderten uns erst höflich, dann technisch interessiert, warum kein Strom floss, bis wir realisierten: Wenn der Stromkasten liegt ist das offensichtlich kein gutes Zeichen für die Energieversorgung.
Lösung: Kabel zum nächsten Kasten verlegt, der immerhin noch aufrecht auf seiner Stange thronte, als hätte er all dem Chaos trotzen wollen. Und siehe da – es wurde Licht. Und Kaffee. Und Ladung für alle Geräte.
Moral der Geschichte: Camper sind flexibel. Und Stromverteiler auch. Zumindest, wenn man sie nicht komplett aus dem Boden reißt.

Um 20 Uhr kehrt Ruhe ein. Noah liegt quer in unserem Dinetten-Bett und erzählt noch die letzten Abenteuer des Tages, bevor seine Stimme langsam gegen das leise Surren der Truma-Heizung verliert. Emilia schnarcht vermutlich schon selig im Nachbarcamper – eingerollt wie ein kleiner Zimtschneckenmensch in ihrer Decke. Draußen parken weitere Reisegefährten ihre Wohnmobile ein, leise klappert irgendwo noch ein Geschirrkorb, ein letzter Lichtschein flackert durch ein Fenster.
In unseren Köpfen läuft bereits der Trailer zum nächsten Tag: Gardasee, wir kommen. Mit Sonnenbrille, Salami-Vorrat, einem Hauch Stil – und einem ganz natürlichen Hang zum Chaos.
Buona notte, Sterzing. Kein Stau, ein liegender Stromkasten, zwei glückliche Kinder. Läuft.












