Team Wildschwein bezwingt den Sentiero Azzurro – und der Lieblingsladen hat Ruhetag
Der Morgen begann so wie man sich das in Italien vorstellt: Sonne, frische Luft, Kaffee. Wir saßen alle um acht Uhr dreißig vor den Campern, der Tisch war gedeckt, die Brötchen knusprig, die Croissants verschwanden in einer Geschwindigkeit die nahelegt dass jemand seit gestern nichts gegessen hat. Emilia hüpfte zwischen Frühstückstisch und Spielplatz hin und her, als hätte sie einen Energiespeicher der unabhängig von Schlaf und Mahlzeiten funktioniert. Wir anderen aßen in Ruhe und packten zusammen. Heute würde ein langer Tag werden.

Der Bahnhof Levanto liegt zehn Minuten vom Campingplatz – ein Spaziergang der an diesem Morgen besonders angenehm war, weil die Luft noch kühl war und die Sonne gerade erst anfing ernstzumachen. Der Zug kam pünktlich, was wir mit dem leisen Respekt quittierten, den man italienischen Zügen gegenüber aufbringt wenn sie es mal tun. Zehn Minuten später: Monterosso. Das Dorf wartete – aber nicht jetzt. Denn heute stand zuerst der Sentiero Azzurro auf dem Programm, und der duldete keinen Aufschub.
Wer den Sentiero Azzurro noch nicht kennt: Es ist der Wanderweg der die Cinque-Terre-Dörfer miteinander verbindet, direkt in die Steilküste gebaut, mal über Felsen, mal durch Weinberge, mal durch Macchia die einem beim Vorbeigehen ins Gesicht wächst. Die Aussichten aufs Meer sind so unverhältnismäßig schön im Vergleich zur körperlichen Anstrengung, dass man ständig das Gefühl hat jemand hätte hier geschummelt. Unsere Etappe: Monterosso nach Vernazza. Tickets hatten wir vorab gebucht. Die Vorfreude war kostenlos dazugekommen.
Vom Bahnhof liefen wir zunächst ein Stück durch Monterosso, das wir uns für den Nachmittag aufsparten, und steuerten den Einstieg in den Trail an. Die ersten Stufen tauchten schneller auf als uns lieb war. Und „Stufe“ ist dabei großzügig formuliert – manche dieser Steinblöcke hätten in einem Hindernisparcours nichts zu suchen gehabt, auf einem offiziellen Wanderweg wirken sie hingegen völlig normal. Wir schnauften sofort. Von uns Erwachsenen, wohlgemerkt. Die Kinder? Schon weg.
Es war Noah, der die Expedition offiziell ausrief. Er erklärte sich selbst, Emilia und mich zu einer Sondereinheit – zunächst „Team Wild und Frei“, was Emilia mit dem entspannten Selbstbewusstsein eines Kindes das einfach allem zustimmt, zu „Team Wildschwein“ umdeutete, weil sie anstatt Wild und frei „Wildschwein“ verstand. Und so zogen Team Wildschwein los: Emilia vier Jahre alt und mit einem Steigmodus gesegnet der jeden Bergführer neidisch machen würde, Noah mit einem Wanderstock den er irgendwo aufgelesen hatte und der vermutlich magische Kräfte besaß, und ich – Oma, Expeditionsleiterin wider Willen, offiziell zuständig für Aufsicht, inoffiziell vollauf damit beschäftigt mitzukommen.

Steine wurden geworfen. Natürlich nur zu Forschungszwecken. Stöcke wurden aufgesammelt – mehrere, verschiedene Größen, jeder aus einem anderen Grund unentbehrlich. Auf einem schmalen Pfad mit Meeresausblick wurde plötzlich angehalten, weil irgendwo vorne ein Käfer gewesen sein soll. Aus dem Hintergrund hallten die bekannten Rufe von Nadine: „Nicht mit Steinen werfen!“ – „Heb bitte nicht jeden Stock auf!“ – „Ihr steht im Weg!“ Ich hörte das alles und sah bereitwillig weg, weil ich damit beschäftigt war Emilias Zauberstab aus einem Busch zu befreien. Keine Ahnung wann der dort reingekommen war. Manchmal fragt man besser nicht.
Wir Erwachsenen machten Pausen. Viele Pausen. Natürlich nicht wegen der Erschöpfung – sondern wegen des Lichts, das in diesem Moment besonders schön war. Und wegen des Meeres, das man von hier oben so sah. Und wegen des letzten Fotos, auf dem jemand geblinzelt hatte. Die Wahrheit ist natürlich eine andere, aber die bleibt unter uns.
Der Weg ist wirklich schön. Das muss man sagen, auch wenn man gerade mit brennenden Oberschenkeln hinterherläuft. Terrassierte Weinberge, deren Reben sich ordentlich an ihre Stöcke klammern, als wären sie schon seit Generationen hier und gedenken nicht wegzugehen. Wilde Rosmarinsträucher die einem beim Vorbeigehen ins Gesicht wachsen. Uralte Olivenbäume deren Stämme so knorrig und verdreht sind dass man ihnen Jahrzehnte lang Geschichten zuschreiben könnte. Und dazwischen, immer wieder, das Meer. Tiefblau, funkelnd, manchmal weit unter einem, manchmal fast greifbar nah, wie ein stiller Begleiter der den ganzen Weg mitgeht ohne zu schwitzen.
Irgendwo in der Mitte des Weges: die große Gummibärchenkrise. Jemand hatte die letzte Rote gegessen. Der Verdächtige schwieg. Emilia schwieg nicht. Was folgte, hätte man als mittleren Wanderzwischenfall verbuchen können – Tränen standen knapp bevor, Emotionen kochten, der Frieden auf dem Sentiero Azzurro hing kurz an einem roten Gummibär. Traubenzucker, Diplomatie und das Versprechen auf Eis in Vernazza entschärften die Lage bevor es eskalierte. Wir zogen weiter.

Nach gut zwei Stunden und einer ordentlichen Portion Muskelkater im Voraus tauchte Vernazza auf. Erst als Andeutung durch die Vegetation – ein paar bunte Häuser zwischen den Bäumen, Steinmauern, Zäune mit kleinen Gärten – und dann plötzlich ganz: das Dorf, die Gassen, der Hafen mit dem türkisfarbenen Wasser dahinter. Vernazza von oben ist eines der schönsten Bilder dieser ganzen Reise – bunte Häuser die sich in den Felsen schmiegen, ein kleiner Turm, das Meer in diesem unwirklichen Blau rundherum. Wir standen oben auf den letzten Stufen und schauten. Team Wildschwein hatte es geschafft, erhobenen Rüssels und mit vollem Körpereinsatz.
Vernazza unten empfing uns mit Markttag. Die Hauptstraße war ein einziger Menschenstrom – Reisende, Einheimische, Wanderer, Souvenirkäufer, alle gleichzeitig und alle in dieselbe Richtung. Wir schoben uns durch, hatten ein konkretes Ziel: das Il Pirata, unser Geheimtipp vom Vorjahr, etwas abseits des Trubels oberhalb des Ortskerns. Wir kämpften uns hoch, überquerten die Bahngleise, bogen ab – und standen vor einem Zettel an der Tür. Ruhetag.
Natürlich. Wer nach zwei Stunden Sentiero Azzurro mit zwei erschöpften Kindern und einem Hunger der keine rhetorischen Fragen mehr duldet ankommt, findet den Lieblingsrestaurant geschlossen. Das ist keine Pechsträhne, das ist eine Naturgewalt.
Also zurück durch das Gedränge. Das Ananasso Bar & Restaurant direkt am Hafen hatte einen Tisch frei – genau am Wasser, mit genau diesem Blick auf den kleinen Hafen und die bunten Häuser rundherum. Die Lage sah teuer aus, die Karte fühlte sich teuer an, und dann waren die Preise vollkommen normal und die Pizza dünn und knusprig und richtig gut. Manchmal ist die Überraschung die beste Version der Geschichte.

Nach dem Essen bummelten wir noch durch Vernazza. Der Markt war abgebaut, ein bisschen mehr Luft in den Gassen, ein bisschen mehr Platz zum Stehenbleiben. Gelato natürlich – das gehört auf dem Sentiero Azzurro zu den heiligen Pflichten wie das Schnaufen und das Stehenbleiben mit Fotoausrede. Die Kinder wählten mit der Sorgfalt von Menschen die eine wichtige Entscheidung treffen, Noah entschied sich für Schokolade, Emilia für Erdbeere weil Erdbeere die Farbe ihres Lieblingskleides hat und das ein vollkommen akzeptabler Grund ist.
Dann der Zug zurück nach Monterosso. Jetzt durfte das Dorf endlich ran.

Monterosso ist das größte der fünf Dörfer und das einzige das einen richtigen Strand hat – und man merkt es. Es ist bunter, lauter, ein bisschen mehr Rummel als die anderen, aber auf eine Art die trotzdem charmant bleibt. Pastellfarbene Häuserfassaden, Bögen über kleinen Durchgängen, Lemonade-Granita-Schilder vor den Läden, riesige Zitronen auf jedem zweiten Stand, der Duft von Salzwasser und frisch gebackenem Teig. Wir schlenderten durch die Altstadt, schauten in Schaufenster, ließen uns von Boutiquen aufhalten, kauften was gekauft werden musste. Nadine entdeckte luftige Sommerkleider, Stefan und ich bummelten in dem Tempo das sich einstellt wenn der Tag schon lang war und man trotzdem noch nicht nach Hause will.
Oli hatte unterdessen die eleganteste Lösung für den Nachmittag gefunden: Aperol Spritz bei der Bar am Spielplatz, Glas in der einen Hand, Kinder im Blickfeld. Noah und Emilia hatten den Spielplatz mit der Treffsicherheit lokalisiert die Kinder für solche Dinge haben, und Oli beaufsichtigte mit einem Glas in der Hand und dem zufriedenen Gesicht von jemandem der gerade die richtige Entscheidung getroffen hat. Dolce vita mit Bewegungsaufsicht. Besser geht es nicht.

Stefan und ich nutzten die Zeit für den Supermarkt La Bottega – Brot, Aufschnitt, Käse, das Vesper-Programm für den Abend. Als wir zurückkamen, hatten die Kinder den Strand entdeckt. Oder der Strand hatte sie entdeckt – so genau lässt sich das bei Noah und Emilia schwer sagen. Schuhe und Socken lagen bereits irgendwo im Sand, und die beiden standen kniehoch im Ligurischen Meer, das zu diesem Zeitpunkt des Jahres eine Wassertemperatur hat die man nur mit Entschlossenheit betreten kann. Emilia kreischte vor Vergnügen. Noah versuchte die Wellen mit ausgebreiteten Armen aufzuhalten, was nicht funktionierte und mehrfach wiederholt wurde. Oli und Nadine standen daneben mit hochgekrempelten Hosen und grinsten. Stefan und ich standen weiter hinten und grinsten auch. Ein paar Muscheln wanderten in Hosentaschen, Sand in Socken, die Sonne stand tief. Dann zurück zum Bahnhof.
Oli und Nadine stehen mit hochgekrempelten Hosen daneben, grinsen und lassen den Moment einfach laufen – weil diese Art von Spontanität oft die schönsten Urlaubsbilder ergibt. Und während wir anderen am Rande stehen und zusehen, denken wir mal wieder: So fühlt sich Urlaub an.
Während die Kinder fröhlich durchs kalte Wasser tapsen, nutzen Stefan und ich die Gelegenheit, noch schnell im nahegelegenen Supermarkt „La Bottega“ einzukaufen – ein bisschen Brot, Aufschnitt, Käse und alles, was man für ein anständiges Camper-Vesper so braucht. Mit zwei gut gefüllten Einkaufstaschen kommen wir zurück zum Strand, wo Noah und Emilia mittlerweile Muscheln sammeln und der Sand schon die ersten Spuren im Hosenumschlag hinterlässt
Am Bahnhof von Monterosso: Menschenmassen. Alle Bänke belegt, jeder Zentimeter Schatten heiß begehrt, Züge irgendwann, irgendwo. Stefan und ich sahen die Schlage, sahen uns an, und trafen die klügste Entscheidung des Tages: die Bar da Stasiun direkt am Bahnhof. Wir setzten uns, bestellten Wasser – eine Flasche, zwei Gläser – und warteten auf die Rechnung die uns ruinieren würde. Einsfünfzig. Mit Sitzplatz und Schatten und dem besten Blick auf das Bahnsteigchaos dass Monterosso zu bieten hat. Wir hoben die Gläser in Richtung Nadine und Oli, die auf dem Bahnsteig standen und sich keine Bank hatten. Sie sahen uns. Wir grinsten. Sie auch, wenn auch etwas pflichtbewusster.

Zurück in Levanto, zurück am Campingplatz, das vertraute Abendritual: Duschen, Vesper unter der Markise, Brot und Käse und Salami und ein Glas Wein. Die Kinder schliefen ein bevor wir „Gute Nacht“ sagen konnten. Wir saßen noch kurz draußen, die Luft roch nach Pinien und dem Ende eines langen Tages. Zwei Dörfer heute, fünf insgesamt. Der Sentiero Azzurro lag hinter uns mit all seinen Stufen und Ausblicken und Gummibärchen-Dramen. Team Wildschwein war offiziell aufgelöst. Bis zum nächsten Mal.



























































