Zwischen Outlet und Olivenbäumen
und am Ende ein Vesuv im Vorgarten

Ein neuer Tag in Bologna – und wer hätte es gedacht: Die Frühstücks-Dame erkannte uns sofort. Kein Stirnrunzeln, kein fragendes Winken – sondern ein breites Lächeln und eine einladende Geste zum Tisch. Unser Tisch. Mit Aussicht. Ohne Prüfung.

Wir durften direkt loslegen. Ein bisschen fühlte es sich an wie ein Aufstieg in die nächsthöhere Frühstücksliga – kein Pane-Parcours mehr, keine “Dove il yogurt?”-Sonderrunde, sondern einfach: hinsetzen, Cappuccino holen, anfangen.

Doch der Zauber war natürlich nicht allen vergönnt. Wir beobachteten mit stiller Anerkennung, wie neue Gäste den klassischen Anfängerfehler machten: sich einfach so an einen Tisch setzen.

Club del Sole Bologna

Ein Paar traute sich – und wurde prompt korrigiert. Erst aufstehen. Dann Buffetbegehung. Dann Erklärung. Kaffee hier. Brot da. Marmellata dort. Und dann: Umsetzen. An einen weniger attraktiven Tisch – ganz hinten an der Wand. Der Raum war dreiviertel leer, aber wir vermuten eine pädagogische Maßnahme. Wer Ordnung liebt, liebt eben konsequent.

Wir aßen in Frieden, tranken in Ruhe – und verabschiedeten uns innerlich schon mal von Bologna. Unser Ziel heute: Pompeji. Einmal quer durchs Land – von Norditalien nach Kampanien. Einfach runterfahren, unterwegs irgendwo Rast machen, was essen, bisschen die Beine vertreten. Ganz unspektakulär – so der Plan.

Doch wie es bei uns so ist, kam uns mal wieder der Zufall in die Reiseplanung geflattert. Denn kurz nach Rom, direkt an der Autobahn, blitzte uns ein Outlet ins Auge: Valmontone. Und was sollen wir sagen… Es war keine Shopping-Sucht. Also, nicht nur. Aber mal ehrlich – so ein Outlet an der Autobahn ist wie ein Rastplatz mit Stil. Sauber, gepflegt, schön angelegt, mit ein paar schicken Läden zum Stöbern, ein wenig die Beine vertreten und einem Foodcourt, der mehr hergibt als ein Sandwich unter Wärmelampe.

Also bogen wir ab – und landeten in Valmontone. Das Outlet selbst? Wieder überraschend hübsch. Begrünte Wege, moderne Architektur, gepflegte Fassaden. Wir schlenderten durch ein paar Shops, kauften das ein oder andere Kleinteil, und dann machte sich, wie immer auf Roadtrips: der Hunger bemerkbar. Unsere Wahl fiel auf das Restaurant “Dispensa Emilia”.

Von außen schick, innen modern – mit Bestellterminals à la McDonald’s, nur halt mit Lasagne statt McNuggets. Das Konzept: Fast Casual. Das Ergebnis: Mittel. Ich nahm eine Lasagne, die zwar okay war, aber auch nicht weiter in Erinnerung bleiben wird. Stefan hatte Tagliatelle mit Ragù – die Variante “Emilia light” sozusagen, aber nach dem Original in Bologna war das ungefähr so wie Filterkaffee nach einem doppelten Espresso.

Nicht schlimm – aber halt kein Vergleich. Satt waren wir trotzdem. Und wieder ein bisschen wacher, bereit für die letzte Etappe. Zurück auf die Autobahn. Richtung Süden. Richtung Geschichte. Richtung Pompeji. Die Sonne begleitete uns, der Verkehr war erträglich, und der Tag fühlte sich plötzlich wieder ein bisschen abenteuerlich an. Nicht spektakulär – aber genau richtig.

Die Sonne stand tief, als wir die Autobahn verließen. Nur noch ein Katzensprung bis zum Campingplatz – so jedenfalls stand es im Navi. Was das Navi zum Thema „Katzensprung“aber nicht wusste: Katzen in Kampanien sind offenbar Extremsportler. Die ersten Kilometer liefen noch rund – ein paar Kreisverkehre, ein paar hupende Autos, alles überschaubar. Dann wurde es… interessant.

Die Straßen wurden enger. Dann noch enger. Dann so eng, dass wir uns fragten, ob wir vielleicht versehentlich in die Einfahrt eines Lieferantenparkplatzes geraten waren. Häuser links, Mauern rechts, kein Zentimeter Spielraum. Dann: Sackgasse. Natürlich. Eine enge Sackgasse, versteht sich – schließlich wäre Platz ja langweilig gewesen. Also Wende-Manöver zwischen Hofeinfahrt, Zaun und einem bellenden Kampfhund (vermutlich Chihuahua), und wieder raus aus dem Nadelöhr.

Zurück auf: enge Straße. Und dann – endlich – nach einem letzten Nerven-Check auf italienischem Asphalt, das ersehnte Schild: Campingplatz Villa Julia.

Und da stand er: Pasquale. Mit einem Lächeln, das 100 Sonnenblumen ersetzen könnte, begrüßte er uns herzlich, als wären wir alte Freunde, die gerade aus Rom zurückkommen. Erklärte uns, wo wir hinfahren dürfen, füllte mit stoischer Ruhe das Papierzeug aus, schenkte uns eine Karte mit allen Distanzen des Lebens – und dann durften wir unseren Platz frei wählen.

Villa Julia Camping

Und was für ein Platz das war! Umgeben von kleinen Zitronenbäumen, grün, weitläufig, gepflegt wie ein italienischer Vorgarten aus einem Reiseprospekt. Im Hintergrund: der Vesuv. So friedlich und schön, dass man fast vergisst, was er mal angerichtet hat. Aber als Hintergrundbild? Unschlagbar.

Wir parkten unseren Camper, stiegen aus, atmeten tief durch – und wussten: Hier bleiben wir ein paar Tage. Pasquale erklärte uns dann auch noch das Wichtigste mit seiner typischen Mischung aus italienischer Gelassenheit und Gastgeber-Stolz:

  • 1 km zur Bahnstation Villa Regina – falls wir Richtung Neapel wollen
  • 2 km bis zum Eingang der Ruinen
  • 3 km in die Altstadt von Pompeji
  • 1 km zum nächsten Restaurant – öffnet um 18:30 Uhr.
    (Was wir uns nach dem Fastfood-Fail vom Mittag schon mal mental notierten.)
Villa Julia Camping

Gegen 18:30 Uhr machten wir uns zu Fuß auf den Weg. Eienn Kilometer entlang der Landstraße, die eigentlich mehr ein Schleichweg für Formel-1-Tests zu sein schien. Autos donnerten an uns vorbei, als wären sie gerade aus dem letzten „Fast & Furious“-Teil übrig geblieben. Kein Gehweg, kein Zebrastreifen, dafür viel Adrenalin.

Aber: Wir hatten Hunger. Und Hoffnung. Und Google Maps. Unser Ziel: das Restaurant Dar Bottarolo – ein rustikal-modernes Lokal mit dem vielversprechenden Zusatz Cucina Romana. Als wir ankamen, sah es erst so aus, als wäre heute nichts zu holen: Geburtstagsdeko im Anmarsch, Menschen wuseln, Tischdecken fliegen.

Wir dachten schon: Mist, geschlossene Gesellschaft. Aber die Antwort kam typisch italienisch-lässig: „Kein Problem. In 20 Minuten geht’s.“

Also setzten wir uns draußen auf eine Bank, beobachteten das Geburtstagschaos und lasen das Tagesmenü vom Schild:

✔️ Antipasto misto
✔️ Pinsa (eine Art Pizza, aber luftiger, rechteckig, römisch)
✔️ Wasser, Softdrink, Dessert, alles inklusive – für 19 Euro pro Person.

Klang fair – wir waren dabei. Nach den 20 Minuten durften wir uns setzen und bestellten das Menü.

Los ging’s mit einer gemischten Vorspeisenplatte, serviert auf weißem Porzellan mit viel Charme und einem Hauch Schulmensa:

  • Mini-Kroketten
  • Frittierte Bällchen mit Frischkäsefüllung
  • Ein Mini-Auberginenauflauf mit Parmesan und Tomatensauce
  • Ein Rucola-Tomaten-Bruschetta mit schwarzen Oliven
  • Und eine kleine Schale mit Kichererbsen-Tunfisch-Salat, die aussah wie das „gesunde Element“, das man aus Höflichkeit mitisst.

Stefan? Fand’s mittel. Für ihn war’s eine Erinnerung daran, wie schön das Ragù in Bologna war. Ich? Fand’s ganz lecker – zumindest besser als das Mittagessen. Gut – die Messlatte war tief.

Dann kam die Pinsa. Ich hatte die klassische mit Tomate, Mozzarella und Basilikum – außen knusprig, innen fluffig, geschmacklich solide. Stefan wählte die Variante mit Wurst und Ricotta – und war mäßig begeistert. „Also… ein zweites Mal muss ich’s nicht haben.“

Was den Abend allerdings gerettet hat? Ein Comedy-Act der Extraklasse – live, unbeabsichtigt und direkt an Tisch 14.

Zwei Damen waren sichtlich damit beauftragt, die Geburtstagsdeko für das nahende Fest vorzubereiten – genauer gesagt: diese riesigen Folienballons, die aussehen wie die Jahreszahl des Abiturs, nur in Gold und vermutlich größer als das Ego des Geburtstagskinds.

Sie hatten eine elektrische Ballpumpe, die klang wie ein Staubsauger auf Steroiden – und dazu: ein kleines Plastikröhrchen, das sie immer wieder in die Hand nahmen, prüften, wieder ablegten, erneut ansahen, dann leicht verwirrt beiseite legten, so als hätten sie Angst, es könnte explodieren.

Dann: Pumpe an.
Wuuuuuuuuuuummm.
Ballon – platt.
Pause. Beratung. Röhrchen wieder in der Hand. Röhrchen wieder zur Seite legen.
Neuer Versuch – diesmal mit mehr Nachdruck.
Pumpe an.
Wuuuuuuuuuuummm.
Ballon – immer noch platt.
Ratlose Blicke.

Ich war kurz davor, das Röhrchen zu schnappen und eine Mini-Ballon-Workshop-Einheit zu starten, aber wir wollten auch niemanden in ihrer künstlerischen Freiheit stören.

Und ja, sie haben’s tatsächlich irgendwann geschafft. Irgendwo zwischen Versuch Nummer acht und neun – plötzlich stand da ein Ballon. Applaus von uns – leise, aber ehrlich gemeint. Es war auf jeden Fall ein Abend, den wir nicht so schnell vergessen. Nicht wegen des Essens – sondern weil wir endlich mal wieder „Dinner & Show“ geboten bekamen. Nur halt ohne Eintritt.

Zum Abschluss gab’s noch Tiramisu. Hausgemacht. Cremig, nicht zu süß, mit ordentlich Kaffee und einem Hauch Likör. Stefan strahlte plötzlich. „Das war mein bestes Essen heute.“ Und damit war der Tag kulinarisch doch noch versöhnt.

Weg zum Campingplatz

Zurück ging’s wieder über die berüchtigte Landstraße. Nur diesmal: nachts. Schmale Straße, kaum Gehweg, Laternenlicht im Takt der Schritte – es hatte fast was Poetisches, wenn man das Verkehrsrisiko mal kurz ausblendet.

Wir kamen gut an, krochen müde, satt und leicht sarkastisch ins Camperbett. Die Zitronenbäume rauschten leise, der Vesuv leuchtete im Dunkeln – morgen geht es nach Neapel.

Gute Nacht, Pompeji.
Und danke für das Tiramisu.

Villa Julia Camping

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