Von Pocahontas, Kanonen und einer zerstörten Disney-Illusion
Unser nächster Morgen begann mit einer Entscheidung, bei der wir uns ausnahmsweise einmal überhaupt nicht beraten mussten: Frühstück bei Cracker Barrel. Nach den eher überschaubaren kulinarischen Möglichkeiten unseres Motels war das ungefähr so, als würde man nach einer Nacht auf einer Luftmatratze ins Ritz umziehen. Schon draußen standen die unvermeidlichen Schaukelstühle auf der Veranda, drinnen wartete dieses herrlich überladene amerikanische Sammelsurium aus altem Werkzeug, Reklameschildern und Dingen, von denen vermutlich nicht einmal Cracker Barrel selbst noch wusste, warum sie an der Wand hingen.
Wir setzten uns an einen der Holztische, bestellten Frühstück und waren wieder einmal beeindruckt davon, welche Mengen man in Amerika völlig selbstverständlich unter der Bezeichnung „Frühstück“ servieren kann. Während wir uns durch Eier, Kaffee und den üblichen amerikanischen Morgensport in Form von Kalorien arbeiteten, planten wir den Tag. Heute wollten wir weiter Richtung Washington, hatten aber noch zwei Stopps auf dem Programm, und der erste davon sollte uns zum Fort Monroe führen.

Fort Monroe liegt am Eingang zu den Hampton Roads und man muss kein Militärstratege sein, um beim Blick aufs Wasser zu verstehen, warum dieser Fleck schon vor Jahrhunderten interessant war. Bereits 1608 erkannte Captain John Smith, dass hier eine ausgesprochen praktische Engstelle lag: Wer mit dem Schiff zur jungen englischen Kolonie Jamestown wollte, musste praktisch hier vorbei. Ein Jahr später entstand deshalb mit Fort Algernourne die erste Befestigung. Später wurde daraus Fort Monroe, eine gewaltige steinerne Festungsanlage, die heute fast ein bisschen merkwürdig friedlich daliegt.
Wir spazierten über das Gelände, stiegen Treppen und Mauern hinauf, verschwanden in alten Kasematten und liefen an dicken Steinwänden entlang, hinter denen früher vermutlich niemand aus touristischer Neugier herumgeklettert ist. Besonders spannend fand ich, dass hier nach dem amerikanischen Bürgerkrieg Jefferson Davis, der Präsident der Konföderierten Staaten, inhaftiert wurde. Geschichte gibt sich in Amerika manchmal erstaunlich kompakt: Man fährt eigentlich nur kurz von der Straße ab und steht plötzlich an einem Ort, an dem ein paar ziemlich bedeutende Kapitel des Landes vorbeigekommen sind.
Am meisten gefiel mir allerdings der Blick von den Mauern hinaus aufs Wasser. Von dort oben konnten wir die Einfahrt der Hampton Roads überblicken, und während wir gemütlich zwischen jahrhundertealten Befestigungen herumspazierten, zog draußen tatsächlich ein großes Militärschiff vorbei. Das passte so perfekt zur Kulisse, dass eigentlich nur noch jemand eine Kanone hätte abfeuern müssen, worauf wir allerdings dankend verzichten konnten. Dazu kam das Old Point Comfort Lighthouse, der weiß getünchte Leuchtturm mit seinem grünen Aufbau, der bereits seit 1802 den Schiffen den Weg weist und vor dem Wasser beinahe ein wenig zu hübsch für eine ehemalige Militäranlage aussieht.

Fort Monroe war 2005 vom Militär aufgegeben worden und seit 2011 National Monument, sodass man heute große Teile der Anlage einfach erkunden kann. Für uns war es genau die Sorte Zwischenstopp, die wir mögen: eigentlich nur auf dem Weg gelegen, dann aber viel interessanter als erwartet. Wir kletterten noch eine Weile über die Mauern, schauten aufs Wasser und machten uns schließlich wieder auf den Weg, denn unser nächstes Ziel war geschichtlich gesehen noch einmal eine ganze Ecke älter.

Wir fuhren nach Historic Jamestowne, und spätestens am Eingang wurde mir klar, dass wir jetzt ganz tief in den Anfängen der englischen Besiedlung Amerikas steckten. Jamestown wurde 1607 gegründet, nach König James I. benannt und war die erste dauerhaft bestehende englische Siedlung in Nordamerika. Heute ist von der damaligen Stadt natürlich nicht mehr besonders viel übrig, aber gerade das machte den Ort interessant. Wir liefen zwischen rekonstruierten Gebäudegerippen, Fundamenten und Ausgrabungen herum, sahen die Kirche mit ihrem Friedhof und standen irgendwann vor Captain John Smith, der als Statue über das Gelände blickte, als hätte er seit 1607 persönlich darauf gewartet, dass wir endlich auftauchen. Und dann kam natürlich die Person, bei der mein historisches Interesse schlagartig eine ganz andere Richtung einschlug: Pocahontas. Die gab es nämlich wirklich! Das war zunächst einmal die gute Nachricht. Die schlechte folgte praktisch auf dem Fuß.

Denn Pocahontas und John Smith waren offenbar gar nicht dieses große romantische Traumpaar, das Disney uns verkauft hatte. Keine große Liebe zwischen zwei Welten, kein dramatisches Herumstehen im Wind mit wehenden Haaren und schon gar kein gemeinsames „Farbenspiel des Winds“. Pocahontas war tatsächlich die Tochter des mächtigen Powhatan und hatte Kontakt zu den englischen Siedlern, aber die berühmte Liebesgeschichte mit John Smith gehört ins Reich der Legenden. Stattdessen heiratete sie 1614 den englischen Tabakpflanzer John Rolfe. John Rolfe!

Von dem hatte Disney natürlich wesentlich weniger erzählt, vermutlich weil „Pocahontas und der Tabakpflanzer John Rolfe“ auf einem Filmplakat nicht ganz dieselbe romantische Wucht entfaltet hätte. Historisch war die Sache jedenfalls ziemlich eindeutig: Eine Liebesgeschichte zwischen Pocahontas und John Smith ist nicht belegt, geheiratet hat sie 1614 John Rolfe. Damit stand ich nun vor ihrer Statue und musste erst einmal verkraften, dass Disney mir jahrelang eine wunderschöne Liebesgeschichte verkauft hatte, die sich bei näherer Betrachtung als historisch ausgesprochen großzügige Auslegung erwies. Das konnte ich so natürlich nicht stehen lassen.
Also stellten wir uns zu Pocahontas, breiteten einigermaßen würdevoll die Arme aus und machten ein Erinnerungsfoto. Und weil mir die Realität darauf immer noch entschieden zu wenig Disney enthielt, habe ich später ein klein wenig nachgeholfen: Meeko bekam seinen Platz zu Pocahontas’ Füßen und Flit durfte über unseren Köpfen herumflattern. So gefiel mir die Geschichte schon wieder deutlich besser. Wenn die Historiker mir schon John Smith wegnehmen, dürfen sie schließlich nicht erwarten, dass ich auch noch Waschbär und Kolibri kampflos aufgebe. Irgendwo hat historische Genauigkeit ihre Grenzen. Meine lagen offensichtlich bei Meeko. Und vorsichtshalber wollte ich ab diesem Moment auch gar nicht mehr so genau wissen, was an Schneewittchen, Rapunzel und Simba historisch belegt war. Ein zerstörtes Weltbild pro Urlaubstag musste reichen.
Nach so viel amerikanischer Frühgeschichte brauchten wir erst einmal Kaffee und landeten im Jamestown Pie Company, wo wir bei warmen Getränken wieder in der Gegenwart ankamen und anschließend noch eine ganze Weile über das Gelände streiften. Jamestown ist kein Ort, der einen mit spektakulären Gebäuden erschlägt. Vieles besteht aus Fundamenten, Rekonstruktionen und dem Wissen darum, was genau hier einmal passiert ist. Aber gerade deshalb fand ich es spannend.
Man steht an diesem unscheinbaren Ufer des James River, schaut über das Wasser und versucht sich vorzustellen, wie hier vor mehr als 400 Jahren Menschen ankamen, die keine Ahnung hatten, was sie erwartete. Kein Walmart, kein Navi, kein Cracker Barrel an der nächsten Kreuzung – für amerikanische Verhältnisse praktisch unvorstellbare Zustände.
Danach hieß es endgültig Abschied nehmen von Doris, und das war dann doch mehr als nur Koffer ins Auto, einmal drücken und weiterfahren. Doris und ich waren schon in der Schule dicke Freundinnen gewesen, bevor das Leben irgendwann beschloss, unsere gemeinsame Geschichte geografisch etwas großzügiger zu verteilen. Sie lernte einen in Deutschland stationierten US-Soldaten kennen, heiratete ihn und bekam hier ihren Sohn – fast zur selben Zeit, als bei mir Bianca auf die Welt kam. Während ich anschließend mit meiner kleinen Familie in Deutschland blieb, zog Doris mit ihrer in die USA, und aus der Freundin von früher, die einmal mit mir in Deutschland die Schulbank gedrückt hatte, wurde im Laufe der Jahre tatsächlich eine Amerikanerin. Und nicht nur das: Sie ging zur Air Force und ist inzwischen Captain. Das muss man sich bei einer alten Schulfreundin auch erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Andere trifft man nach vielen Jahren wieder und erfährt, dass sie inzwischen einen anderen Nachnamen und einen Labrador haben. Meine ist ausgewandert, Amerikanerin geworden und Captain bei der Air Force. Ich finde das ziemlich cool.
Wir hatten uns lange nicht gesehen, und genau deshalb waren diese Tage bei ihr etwas Besonderes. Das Schöne war allerdings, dass sich dieses lange „nicht gesehen“ erstaunlich schnell in Luft auflöste. Man kennt das ja bei manchen Menschen: Nach zwanzig (oder waren es nur 2!) Minuten fühlt es sich an, als hätte man sich eigentlich nur seit letztem Dienstag nicht mehr gesprochen. Natürlich waren inzwischen viele Jahre vergangen, unsere Kinder längst keine Babys mehr und unsere Leben in vollkommen unterschiedliche Richtungen marschiert, aber irgendwo darunter waren wir eben immer noch die beiden von früher. Umso schwerer fiel der Abschied. Wir standen noch eine Weile zusammen, drückten uns, versprachen natürlich, dass bis zum nächsten Wiedersehen nicht wieder so viel Zeit vergehen durfte, und dann mussten wir tatsächlich los. Doris blieb zurück und wir fuhren weiter Richtung Norden. Ein bisschen wehmütig war ich schon – aber gleichzeitig auch ziemlich glücklich darüber, dass eine Freundschaft offenbar sogar ein paar tausend Kilometer und ziemlich viele Jahre überstehen kann, ohne anschließend umständlich wiederbelebt werden zu müssen.
Unsere Reise führte uns weiter nach Norden, und unterwegs kamen wir noch durch Richmond, wo wir zumindest dem Virginia State Capitol einen Besuch abstatteten. Das strahlend weiße Gebäude mit seinen mächtigen Säulen sah genauso aus, wie man sich ein amerikanisches Regierungsgebäude vorstellt: groß, würdevoll und so gebaut, dass man davor automatisch das Bedürfnis bekommt, sämtliche Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Wir machten unser Foto, schauten uns ein wenig um und fuhren weiter, denn für diesen Abend stand noch ein deutlich profaneres amerikanisches Kulturgut auf dem Programm.

Dann Walmart. Natürlich Walmart. Irgendwann gehört ein Walmart-Besuch auf unseren USA-Reisen ungefähr so selbstverständlich zum Tagesablauf wie Zähneputzen. Man geht hinein, weil man angeblich nur zwei Kleinigkeiten braucht, und steht fünf Minuten später vor einem Regalgang, dessen Länge in Deutschland vermutlich für einen kompletten Supermarkt gereicht hätte. Getränke, Snacks, irgendetwas, von dem wir bis zum Betreten des Ladens noch gar nicht wussten, dass wir es dringend brauchten – Walmart bekam uns auch diesmal zuverlässig versorgt.
Anschließend meldete sich der Hunger wieder, und dafür hatten die Amerikaner glücklicherweise eine weitere Institution erfunden, gegen die wir keinerlei Einwände hatten: Texas Roadhouse. Schon von außen sah das Restaurant aus, als hätte jemand beschlossen, eine texanische Blockhütte samt Leuchtreklame irgendwo in Bowie abzustellen, und drinnen ging es genauso amerikanisch weiter. Kaum saßen wir am Tisch, standen auch schon die obligatorischen Erdnüsse und diese wunderbar weichen, warmen Brötchen vor uns, bei denen sämtliche guten Vorsätze ungefähr so lange hielten, bis der Brotkorb geöffnet wurde.
Eigentlich könnte man im Texas Roadhouse vermutlich schon satt sein, bevor man überhaupt bestellt hat. Wir schafften es trotzdem bis zur Speisekarte. Wir aßen gemütlich, ließen den langen Tag mit Fort Monroe, Jamestown, Pocahontas und unserem Abschied von Doris noch einmal vorbeiziehen und waren danach endgültig bereit für ein Bett. Mehr amerikanische Geschichte, zerstörte Disney-Illusionen und Erdnüsse passten für heute wirklich nicht mehr in uns.
Unser Nachtlager fanden wir schließlich im Americana Hotel in Arlington, Virginia, und diesmal war die Wahl weniger von romantischer Hotelliebe als von strategischem Kalkül geprägt. Das Haus selbst gehörte eher zur Kategorie „Zimmer vorhanden, Bett vorhanden, Auftrag erfüllt“. Die Flure hatten diesen besonderen amerikanischen Motelcharme, bei dem man jederzeit damit rechnet, dass am Ende des Ganges entweder ein Eiswürfelautomat oder eine Szene aus einem Krimi wartet, und auch unser Zimmer würde vermutlich keinen Architekturpreis gewinnen. Aber das war völlig egal, denn die Lage war für das, was wir vorhatten, nahezu perfekt. Wir waren jetzt direkt vor den Toren Washingtons.

Und damit war für den nächsten Morgen eigentlich alles geklärt. Nach Fort Monroe, Jamestown, einer schwer beschädigten Disney-Kindheit, Walmart und Texas Roadhouse wartete nun die Hauptstadt der Vereinigten Staaten auf uns. Washington D.C. – wir kamen. Und wenn dort jetzt noch jemand behauptete, dass Mickey Mouse ebenfalls nicht wirklich existierte, wollte ich davon nichts hören.





































