Zwischen Peanut Butter Schmier und der Stadt, die niemals schläft
Nach unserem etwas abenteuerlich zustande gekommenen, dafür umso schöneren Abend bei Sally und ihrer Familie ließen wir es am nächsten Morgen gemütlich angehen. Wir mussten nicht sofort weiter, keine Öffnungszeit saß uns im Nacken und niemand erwartete uns zu einer Werksführung. Allein das war nach den vergangenen Tagen schon beinahe verdächtig entspannend. Dass wir direkt in Lancaster übernachtet hatten, erwies sich dabei als ziemlich gute Entscheidung, denn bevor wir Pennsylvania wieder verließen, wollten wir uns noch zwei Dinge anschauen, die hier unbedingt zum Programm gehörten: den Farmers Market und das Kitchen Kettle Village. Nach Harley-Davidson und unserem Abend bei den Amish bekam dieser Tag damit zunächst noch einmal eine ordentliche Portion Lancaster County, bevor wir anschließend das Kontrastprogramm schlechthin starten würden.
Das Kitchen Kettle Village ist im Grunde eine kleine Ansammlung von Geschäften, Werkstätten und Futterstellen, bei der man schon nach wenigen Minuten merkt, dass ein schneller Rundgang völlig ausgeschlossen ist. Überall gibt es irgendetwas zu entdecken, zu probieren oder zu kaufen. Handarbeiten, Backwaren, Gewürze, Süßigkeiten und jede Menge Dinge in Gläsern, deren Existenz man morgens noch nicht vermisst hatte. Bis man sie probiert. Danach besitzt man plötzlich Bedürfnisse, von denen man beim Frühstück noch nichts wusste. Besonders gefährlich war für uns die Jam & Relish Kitchen, denn dort standen überall kleine Probiergläschen herum. Und sobald irgendwo kostenlos probiert werden darf, erwacht in uns natürlich sofort der wissenschaftliche Ehrgeiz. Schließlich kann man nicht einfach behaupten, eine Marmelade mit Pfeffer sei merkwürdig, ohne sie vorher gewissenhaft getestet zu haben. Das wäre unseriös.
Also probierten wir uns durch Marmeladen, Relishes, Saucen und Dips. Manche Kombinationen waren erstaunlich gut, andere sorgten eher für diesen kurzen Blick zum Nebenmann, mit dem man wortlos fragt: „Schmeckt das wirklich so oder ist mit mir gerade etwas nicht in Ordnung?“ Besonders im Gedächtnis blieb der Peanut Butter Schmier. Schon der Name klang für deutsche Ohren herrlich, als hätte irgendein ausgewanderter Schwabe vor zweihundert Jahren beschlossen, dass die englische Sprache dringend ein ordentliches Wort für Brotaufstrich braucht. Was genau darin steckte und ob das nun eher süß, salzig oder einfach nur unanständig lecker war, spielte irgendwann keine große Rolle mehr. Fest stand lediglich: Hier verstand man es, Dinge in Gläser zu füllen, von denen man anschließend überzeugt war, dass sie unbedingt mit nach Deutschland mussten. Wie viele davon zu Hause dann jahrelang ehrfürchtig im Schrank stehen würden, weil sie „etwas Besonderes“ waren, stand auf einem anderen Blatt.
Ähnlich gemütlich ging es auf dem Farmers Market weiter. Obst und Gemüse, Fleisch, Käse, Gewürze, Backwaren, kleine Stände mit Kunsthandwerk – und dazwischen immer wieder Dinge, bei denen man automatisch stehen blieb. Genau das mochte ich an Lancaster. Einkaufen war hier nicht einfach das möglichst effiziente Befüllen eines Einkaufswagens, sondern gehörte irgendwie zum Tagesprogramm. Man schaute, probierte, unterhielt sich und ging anschließend drei Schritte weiter, bis schon wieder irgendetwas interessant aussah. Nach den vergangenen Tagen mit ihren festen Zielen und Uhrzeiten tat es richtig gut, einfach ein bisschen herumzubummeln. Nadine konnte nun endlich selbst die Gegend erleben, von der wir ihr nach unseren früheren Reisen schon so viel erzählt hatten, und wir genossen es, noch ein wenig in dieser völlig anderen Welt herumzustreifen.
Irgendwann mussten wir uns trotzdem verabschieden. Und selten hätte ein Wechsel während einer Reise größer sein können. Hinter uns lagen Farmen, Pferdekutschen, Amish-Familien, selbstgebackenes Brot und Peanut Butter Schmier. Vor uns lag eine Stadt, deren Vorstellung von Entschleunigung vermutlich darin besteht, dass ein Taxi an einer roten Ampel tatsächlich vollständig zum Stehen kommt.
“I want to wake up in a city, that never sleeps …”
Frank Sinatra
New York City wartete auf uns.
Vier Tage Großstadt. Hochhäuser statt Scheunen, Sirenen statt Pferdegetrappel und vermutlich mehr Menschen auf einem einzigen Bürgersteig, als wir in Lancaster den ganzen Vormittag gesehen hatten. Allerdings fuhren wir nicht direkt nach Manhattan hinein, denn dafür hatten wir längst unsere eigene bewährte Lösung gefunden: Staten Island. Dort gab es einen Ort, der für uns inzwischen schon fast zu New York gehörte wie die Freiheitsstatue und die gelben Taxis – das Victorian Bed & Breakfast of Staten Island. Es war tatsächlich bereits unser vierter Aufenthalt dort. Wenn wir eine Unterkunft viermal freiwillig buchen, obwohl rund um New York nun wirklich kein Mangel an Betten herrscht, muss sie irgendetwas richtig machen.
Und dieses „irgendetwas“ hieß vor allem Danuta. Sie war nicht einfach nur die Besitzerin des Hauses, sondern gehörte für uns längst zum Aufenthalt dazu. Schon beim Ankommen war da nichts mehr von diesem etwas förmlichen „Hello, we have a reservation“, das man sonst bei einer Unterkunft herunterbetet. Wir kannten uns. Entsprechend herzlich fiel die Begrüßung aus, und natürlich gab es erst einmal einiges zu erzählen. Schließlich hatten wir seit unserem letzten Besuch genug Material gesammelt: Harley-Davidson, Amish Country, unser zunächst verschwundenes Dinner und diverse kulinarische Experimente aus Lancaster. Danuta hörte zu, fragte nach und lachte mit uns, und innerhalb kürzester Zeit fühlte es sich überhaupt nicht mehr so an, als würden wir gerade in einer Unterkunft einchecken. Eher wie zurückkommen.

Das Haus selbst hatte ohnehin genau diesen Charme, den ein anonymes Hotel niemals hinbekommt. Unsere gemütlichen Zimmer lagen im ersten Stock, wir wussten inzwischen, wie hier alles funktionierte, und selbst die Logistik für Manhattan war herrlich unkompliziert. Morgens konnten wir mit dem Mietwagen zum St. George Ferry Terminal fahren, ihn dort für gerade einmal sieben Dollar am Tag abstellen und anschließend mit der Fähre nach Manhattan übersetzen. Gerade in einer Stadt, die einem durchaus überzeugend vermitteln kann, dass bereits das bloße Abstellen eines Autos ein exklusives Luxusprodukt ist, fühlten sich sieben Dollar fast wie ein persönlicher Sieg an.
Aber bevor wir uns in Manhattan stürzten, musste noch eine wesentlich wichtigere organisatorische Frage geklärt werden: Frühstück. Denn wer bei Danuta übernachtete, bekam nicht einfach morgens etwas zu essen. Man bekam ihre Pancakes. Und die hatten bei uns längst Legendenstatus erreicht. Wir schwärmten davon nicht deshalb, weil man im Urlaub grundsätzlich alles ein bisschen besser findet, sondern weil diese Dinger wirklich gefährlich gut waren. Wahrscheinlich hätte Danuta auch ausschließlich Pancakes anbieten und das Ganze als Wellnessbehandlung verkaufen können. Jedenfalls wurde für den nächsten Morgen um acht Uhr das Frühstück vereinbart, und damit war die wichtigste Verabredung für unseren ersten New-York-Tag getroffen.
Wir bezogen unsere Zimmer, machten es uns gemütlich und ließen den Tag langsam auslaufen. Draußen lag eine der größten und lautesten Städte der Welt praktisch schon vor der Haustür, und wir wussten ziemlich genau, was uns in den kommenden vier Tagen erwarten würde: laufen, schauen, fotografieren, noch mehr laufen und abends vermutlich feststellen, dass Füße offensichtlich doch eine begrenzte Lebensdauer besitzen.
Aber das war morgen. Jetzt waren wir erst einmal wieder bei Danuta angekommen. Und morgen früh um acht gibt es Pancakes. Viele Pancakes.
New York konnte so lange warten.




























