
Dampfende Geysire und strahlende Kalkterrassen: Ein Tag voller Yellowstone-Magie
Der neue Tag klopfte früh an unsere Campingtür – und zwar nicht leise. Um Punkt sieben war Frühstück angesagt, doch vorher stand noch eine kleine Mission an: Fototour mit Noah.
Direkt hinter unserem Stellplatz schlängelte sich der Shoshone River durch die Landschaft. Und da wir nun mal diesen Postkartenblick direkt vor der Campertür hatten, ließen wir es uns nicht nehmen, den Sonnenaufgang mit der Kamera einzufangen.

Die Welt war in diesem Moment erstaunlich still – kein Verkehr, kein Stimmengewirr, nur das leise Plätschern des Flusses und das erste Zwitschern ambitionierter Frühaufsteher-Vögel.
Der Himmel spielte in Aquarelltönen – zartes Blau, warmes Orange, ein Hauch Rosa, als hätte jemand sehr vorsichtig mit dem Pinsel gearbeitet. Das Wasser des Shoshone glitzerte im goldenen Morgenlicht, als wolle es uns bestätigen: Ja, ihr seid zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Noah stand neben mir, meine kleine Kamera in der Hand, und konzentrierte sich so ernsthaft auf seine Motive, dass ich kurz dachte, ich hätte einen kleinen Naturfotografen an meiner Seite. Es war einer dieser Momente, die nichts Besonderes brauchen, um besonders zu sein. Kein Spektakel, kein Publikum – nur wir zwei, ein Fluss und ein neuer Tag, der gerade erwachte.
BILDERGALERIE: Wapiti Campground
Als wir schließlich zurück zum Camper schlenderten, begrüßte uns der verheißungsvolle Duft von frischem Kaffee und Bagels – und plötzlich klang „7 Uhr Frühstück“ gar nicht mehr so brutal.
Nach einem ausgiebigen Frühstück – gestärkt, wach und voller Abenteuerlust – machten wir uns auf den Weg in den Yellowstone National Park. Unser Ziel: das East Entrance. Unser Weg dorthin: Highway 14 – eine Straße, die weniger wie ein Asphaltband und mehr wie eine Bilderbuchseite wirkte, die sich mit jeder Kurve weiter aufblätterte.
Die Landschaft war atemberaubend. Schroffe Felswände, dichte Wälder, offene Täler und ein Himmel, der so weit und tiefblau war, dass selbst die Wolken vorsichtig Platz machten. Jede neue Kurve bot einen frischen „Wow“-Moment – und das, obwohl wir noch nicht mal im Park angekommen waren.
Noch bevor der berühmte Yellowstone Lake überhaupt in Sichtweite kam, tauchte plötzlich wie aus dem Nichts der Sylvan Lake auf. Glasklar, ruhig, eingebettet zwischen dunkelgrünen Nadelbäumen und umgeben von Berghängen, die so steil waren, dass sie direkt aus einem Fantasy-Filmkulissenkatalog stammen könnten.

Das Wasser war so klar, dass man fast automatisch nach einem flachen Stein griff, nur um zu sehen, wie viele perfekten Platscher man hinbekäme.
„Das sieht aus wie ein Märchenwald-See!“ meinte Noah mit leuchtenden Augen, während Emilia sich mit ernster Miene fragte, ob wohl Neo und Dorie dort unten wohnen würden – tief unten im kalten, stillen Wasser, irgendwo zwischen Seerosen und versunkenen Abenteuern.
Doch das war wirklich erst der Anfang – Yellowstone hatte gerade mal sein Vorspiel gespielt. Nur wenige Meilen nach dem idyllischen Sylvan Lake öffnete sich die Landschaft plötzlich wie ein riesiger Vorhang, und da lag er vor uns: der majestätische Yellowstone Lake.
Mit fast 350 Quadratkilometern Fläche ist er nicht einfach nur ein See – er ist ein echtes Naturmonument. Der größte Bergsee Nordamerikas, um genau zu sein. Und ja, er sieht auch exakt so aus, wie man sich ein Meisterwerk der Natur vorstellt.

Ich schnappte mir die Kamera, bereit, das „perfekte Foto“ zu machen – wissend, dass kein Bild jemals diesen Eindruck wirklich einfangen würde. „Wow, so viel Wasser“ rief Emilia, während Noah neugierig fragte: „Kann man da schwimmen?“ (Die Antwort: Nein – das Wasser ist auch im Sommer eiskalt.)
Sylvan Lake hatte uns sanft eingestimmt, Yellowstone Lake haute dann direkt auf die große Naturtrommel. Mit diesem Anblick im Kopf, der irgendwo zwischen Postkarte und Kinofilm rangierte, fuhren wir weiter – bereit für all das, was dieser legendäre Nationalpark noch für uns bereithielt.
Mit jeder Meile, die wir weiter in den Park vordrangen, stieg unsere Vorfreude ins Unermessliche. Der Yellowstone hatte uns bereits vor dem ersten echten Stopp fest im Griff – als hätte die Landschaft persönlich beschlossen, uns an der Nase in ihr Abenteuer zu ziehen.
Unser erster Halt: der Mud Volcano Trail. Schon beim Aussteigen wurden wir nicht etwa vom Panorama begrüßt, sondern von einem Duft, der sich irgendwo zwischen fauligem Ei, Vulkanbrutstätte und „hier war lange keiner lüften“ einordnen ließ. „Faulige Eier deluxe“, so unsere kollektive Duftbeschreibung, die immerhin für Heiterkeit sorgte – trotz gerümpfter Nasen.
Für Stefan und mich war es nicht das erste Mal hier. Wir hatten den Yellowstone schon mehrmals besucht – und trotzdem standen wir wieder mit offenem Mund da. Diese Landschaft verliert einfach nie ihren Reiz, ganz gleich, wie oft man sie schon erlebt hat.

Für Oli, Nadine, Noah und Emilia war es dagegen eine echte Premiere – und man konnte förmlich sehen, wie die Eindrücke in Echtzeit verarbeitet wurden. Staunen, Nase rümpfen, neugierig sein, Fragen stellen – alles auf einmal.
Noah war skeptisch. Sehr skeptisch. „Müssen wir das wirklich machen?“ Aber klar! Schließlich lässt man eine brodelnde, dampfende, grollende und geradezu außerirdische Landschaftnicht links liegen, nur weil sie ein bisschen riecht wie… nun ja, wie der Teufel nach einem Spa-Besuch.
Schon nach wenigen Schritten zog uns ein ganz besonderes Highlight in seinen Bann: die Dragon’s Mouth Spring. Ein dampfender Höhleneingang, aus dem unaufhörlich Nebelschwaden hervorschossen, begleitet von einem tiefen, bedrohlichen Grollen – als würde in den Tiefen des Erdinneren ein schlecht gelaunter Drache schnarchen.

Die Illusion war so perfekt, dass man förmlich erwartete, gleich würde ein glühendes Auge im Dampf aufblitzen. „Kann man da drinnen den Drachen sehen?“ fragte Emilia mutig. Noah hingegen hielt vorsichtshalber einen Sicherheitsabstand ein, der jedes Drachenhandbuch stolz gemacht hätte.
Wir Erwachsenen standen ebenfalls staunend da – zwischen Faszination und der leisen Frage, wie das hier eigentlich alles noch als „normaler Park“ durchgeht. Der Mud Volcano Trail war eine dieser Yellowstone-typischen Erfahrungen, bei denen man sich fragt, ob man noch auf der Erde ist – oder schon auf einem anderen Planeten mit vulkanischem Freizeitangebot. Trotz des geruchlichen Grenzbereichs waren wir uns einig: Absolut sehenswert, absolut einmalig – und absolut Yellowstone.
Als nächstes stand der North Rim Trail am Grand Canyon of the Yellowstone auf dem Programm – und was soll ich sagen: Die Aussicht hat nicht nur unsere Erwartungen übertroffen, sie hat sie lachend überrannt.
Die Canyonwände präsentierten sich in einer Farbpracht, als hätte jemand eine Farbpalette in Rot, Gelb und Orange großzügig über die Felsen gekippt. Alles leuchtete, glühte, schimmerte – als hätte der Canyon beschlossen, sich heute mal richtig schick zu machen.
Und dann dieser Wasserfall. Der Lower Falls stürzte mit einer solchen Wucht in die Tiefe, dass man ihn nicht nur sah, sondern spürte – in den Knochen, im Brustkorb, im Staunen. Wir standen eine ganze Weile einfach nur da, sprachlos vor diesem tosenden Naturspektakel, das mit einer Selbstverständlichkeit in die Tiefe donnerte, als wäre es nichts weiter als ein besonders lebendiger Gruß aus dem Erdinneren.

Wir alle hielten an den Aussichtspunkten automatisch ein kleines bisschen mehr Abstand als sonst… alle außer Noah natürlich, der mutig versuchte, sein Echo in die Tiefe zu schicken. „HALLOOOO! … Hallo … hallo … hallo …“ – begleitet von einem breiten Grinsen und einer verständnisvoll hochgezogenen Augenbraue von Nadine.
Der North Rim Trail war ein Erlebnis für alle Sinne: atemberaubend, wild und mit einer majestätischen Ruhe, die selbst den quirligsten Moment einfing. Jeder Schritt eröffnete eine neue Perspektive, ein anderes Spiel aus Licht und Schatten, Fels und Fall, und wir konnten uns kaum sattsehen.
Nach dem grandiosen Naturspektakel des Canyons brachte uns die Straße direkt in das Herz des Yellowstone: ins Hayden Valley – eine Landschaft wie gemalt, nur eben in echtem 3D und mit gelegentlichem Bison-Verkehr.
Das Hayden Valley erstreckte sich vor uns wie ein riesiger grüner Teppich, eingerahmt von sanften Hügeln, durchzogen vom glitzernden Yellowstone River, der sich wie ein silbernes Band durch die weite Ebene schlängelte. Es war diese Sorte Landschaft, bei der man automatisch langsamer fährt – nicht nur wegen der Aussicht, sondern auch, weil jederzeit ein Tier am Straßenrand stehen könnte, das schwerer ist als unser ganzer Camper.
Und dann sahen wir sie – schon von weitem: Riesige Bisonherden, die gemütlich und völlig unbeeindruckt vom touristischen Staunen in der Nähe des Flusses grasten.
BILDERGALERIE: Hayden Valley & Grand Canyon of Yellowstone
Hunderte dieser urzeitlich wirkenden Kolosse bewegten sich gemächlich durch das Gras, als hätten sie alle Zeit der Welt – was sie vermutlich auch hatten. Ab und zu hob ein mächtiger Bulle den Kopf, sah in unsere Richtung, kaute bedächtig weiter und strahlte dabei so viel Souveränität aus, dass man automatisch einen Gang zurückschaltete – im Verhalten wie im Getriebe.
„Wow, das sind echt viele!“ staunte Noah – und das mit Recht. Der Fluss, die Bisons, die weite Ebene, der Himmel darüber – es war wie ein lebendiges Gemälde, bei dem sich niemand getraut hatte, auch nur einen Pinselstrich zu viel zu setzen. Wir hielten an, stiegen aus und schauten einfach nur.
Nach unserem Abstecher in den wilden Westen des Hayden Valley und den farbengewaltigen Canyon-Kulissen des North Rim Trails, ging es für uns weiter auf der Norris Geyser Road – einer Strecke, die sich quer durchs brodelnde Herz des Yellowstone zieht.
Schaut man sich die Straßenkarte des Parks an, wirkt sie wie eine überdimensionale „8“. Und genau in der Mitte dieser Acht liegt unser nächstes Ziel: das sagenumwobene Norris Geyser Basin. Ein Ort, der klingt wie ein Thermenresort, sich aber eher wie ein Besuch auf einem anderen Planeten anfühlt.

Schon beim ersten Schritt aus dem Camper war klar: Wir sind nicht mehr in Buffalo. Oder Cody. Oder sonst irgendeiner vertrauten Welt. Dampf stieg in weißen Schwaden aus der Erde, es zischte, gluckerte, brodelte – und das aus allen Richtungen gleichzeitig. Der Boden dampfte, als hätte er einen schlechten Tag, und wir bewegten uns vorsichtig auf den hölzernen Stegen, dem sogenannten Boardwalk, der sich durch das Porcelain Basin schlängelte.
Der Name war keine poetische Übertreibung. Die Landschaft sah tatsächlich aus, als hätte jemand feinstes Porzellan über die Erde gegossen und anschließend beschlossen, es regelmäßig von unten aufkochen zu lassen.
Weiß schimmernde Ablagerungen, durchsetzt mit schwefeligem Gelb, türkisblauen Pfützen und tiefen, dampfenden Kratern – als hätte die Natur selbst beschlossen, sich in experimenteller Keramik auszuprobieren. Und wir mittendrin. Staunend. Leicht schwitzend. Und immer wieder denkend: „Das gibt’s doch nicht…“
Der Norris-Bereich war keine klassische Schönheit, sondern eine rohe, urgewaltige Szenerie, die mit einer fast unheimlichen Energie auftrat. Lebendig, gefährlich, faszinierend – ein Ort, an dem die Erde sich nicht von ihrer sanften Seite zeigt, sondern eher anklopft und sagt: „Ich bin noch da. Und ich koche.“ Und genau deshalb konnten wir die Augen nicht davon lassen.
BILDERGALERIE: Norris Geyser Basin
Die Farben, die uns im Porcelain Basin entgegenschlugen, waren schlichtweg surreal. Türkis, Kobaltblau, Rostrot, Ocker, dazu leuchtendes Orange – eine Farbpalette, als hätte sich die Erde beim Malen vergriffen und dann beschlossen: „Ach, lassen wir’s so. Sieht eh großartig aus.“
Der Kontrast zu den weißen Salz- und Silikatablagerungen war so stark, dass man fast blinzelte, um sicherzugehen, dass man nicht gerade durch einen Instagram-Filter spazierte. Noah beugte sich neugierig über eines der dampfenden Löcher, die sich überall zwischen den farbigen Flächen auftaten. „Glaubt ihr, da unten lebt ein Drache?“ fragte er mit ernster Miene.
Wir lachten, aber – mal ehrlich – es war eine durchaus plausible Theorie. Wenn irgendwo ein feuerspeiendes Wesen wohnen würde, dann hier, unter diesen dampfenden, brodelnden Farben. Diese Landschaft war nicht von dieser Welt – oder sie war der Beweis, dass unsere Welt mehr kann, als man ihr zutraut.
Unser Weg führte uns weiter zum Steamboat Geyser – dem größten Geysir der Welt. Mit etwas Glück schießt er bis zu 90 Meter in die Höhe – ein echtes Naturereignis der Kategorie „bitte filmen, aber nicht zu nah rangehen“.
Heute allerdings war der Geysir in Lauerstellung. Kein Superausbruch, kein tosender Wasserstrahl – nur ein leises, konstantes Zischen und der unaufhörlich aufsteigende Dampf, wie ein schlafender Riese, der jederzeit aufwachen könnte. Und trotzdem – oder gerade deswegen – hatte der Ort etwas Ehrfurchtgebietendes. Man spürte die Kraft unter den Füßen. Nicht als Beben, sondern als unheimliche Stille mit Potenzial.
Wir standen eine ganze Weile dort, schauten in den dampfenden Krater und warteten – nicht auf den großen Moment, sondern darauf, dass uns die Natur wieder einmal zeigt, wer hier eigentlich das Sagen hat. „Ich glaube, er sammelt gerade Energie für den nächsten großen Knall!“ erklärte Stefan und wirkte dabei fast ein bisschen erleichtert, dass wir nicht gerade heute in der ersten Reihe standen.
Nach unserem Ausflug ins brodelnde Herz des Yellowstone im Norris Geyser Basin setzten wir unsere Reise auf der berühmten „Acht“ fort – jenem straßenförmigen Symbol, das diesen Nationalpark wie eine Schatzkarte durchzieht. Dieses Mal führte uns die obere Schleife in den Norden, und schon nach kurzer Fahrt tauchte das nächste Naturwunder auf: die beeindruckenden Mammoth Hot Springs.
Was sich dort vor uns auftat, sah aus wie ein Kunstwerk in Übergröße – allerdings nicht von Menschenhand, sondern von Wasser, Zeit und kalkhaltigem Ehrgeiz geformt. Die terrassenförmigen Ablagerungen kletterten wie schneeweiße, kunstvoll geformte Stufen den Hang hinauf, als hätte jemand einen gigantischen Tortenheber in der Landschaft vergessen. Aus der Nähe wirkten sie fast filigran, mit feinen Rillen, kristallinen Kanten und dampfenden Wasserläufen, die wie Pinselstriche über das weiße Gestein liefen.

Stefan erklärte mit einem Grinsen, er würde sich an dieser Stelle dezent aus dem Wanderprogramm ausklinken. „Ich hab das alles schon gesehen – und ich erinnere mich noch an jede Treppenstufe“, meinte er trocken, bevor er uns am Trail der Lower Terraces absetzte und Richtung Mammoth Ortschaft davonrollte, vermutlich mit leiser Hoffnung auf einen Kaffee ohne Schwefeldampf.
Für uns begann der Spaziergang durch die Lower Terraces Area – und der war alles andere als gewöhnlich. Schon nach wenigen Schritten standen wir mitten in einer Szenerie, die irgendwo zwischen Eispalast, Farbtopf und fremdem Planeten pendelte. Das heiße Wasser glitzerte in der Sonne, rann in kleinen Rinnsalen über die weißen Kalkterrassen und malte dabei fließende Kunstwerke in Gold, Orange und Rostbraun.
Zwischen den dampfenden Ablagerungen stiegen Wolken auf, die die Landschaft in einen mystischen Schleier hüllten – als hätte jemand gerade mit Nebelmaschine und Farbfilter gezaubert. Der Boardwalk, ein gut ausgebauter Holzsteg, führte uns sicher durch dieses fragile Wunderwerk – und das war auch gut so. Denn das Gelände sieht zwar aus wie eine Märchenlandschaft, ist aber heiß, brüchig und sehr empfindlich. Kein Ort zum Herumtollen oder Abkürzen.

Unser erster Halt war die Main Terrace – ein weites Feld aus weißem Sintergestein, aus dem vereinzelte, abgestorbene Baumstämme wie skurrile Mahnmale in den Himmel ragten. Verbrannt? Vergessen? Dekorativ drapiert? Man wusste es nicht, aber die Wirkung war stark.
Ein Aussichtspunkt bot einen grandiosen Blick über die terrassenförmige Landschaft – schneeweiß, dampfend, still. Es war ein Ort, an dem man leise wird, ohne dass jemand „Psst“ sagen muss.
Nur ein paar Schritte weiter lag die farbengewaltige Canary Spring, deren Wasserläufe von kräftigem Gelb und sattem Orange durchzogen waren. So lebendig, dass man sich fragte, ob das Wasser vielleicht mit Sonnenlicht gefüttert wurde.
Der Star der Show war aber ganz klar die Minerva Terrace – mit kunstvollen Formen, fließenden Kanten und Farben, die zwischen Terrakotta, Creme und Lapislazuli schwankten. Ein Ort, der aussieht wie handgefertigt – und trotzdem zufällig entstanden ist. Kein Wunder, dass sich hier die meisten Touristen versammelten – und keiner ohne mindestens zehn Fotos ging.
Etwas abseits und deutlich ruhiger präsentierten sich Palette Spring und Cleopatra Terrace – zarter, eleganter, fast poetisch. Im Kontrast dazu wirkten Mound Terrace und Jupiter Terrace eher farblos und leise, aber gerade diese Inaktivität verlieh ihnen eine stille, erhabene Würde.
Ein echtes Highlight zum Abschluss war der Liberty Cap – ein riesiger, schmaler Felskegel, der wie ein steinerner Turban mitten in der Landschaft stand.
Die Lower Terraces Area war keine klassische Wanderung, sondern ein Spaziergang durch eine Welt, die gleichzeitig zerbrechlich und kraftvoll, farbenfroh und still, fremd und wunderschön ist.
Und während wir Stefan in Mammoth wieder einsammelten – entspannt, gut gelaunt und ohne auch nur einen Höhenmeter in den Beinen – wussten wir alle: Das hier war wieder einer dieser Yellowstone-Momente, die sich ins Gedächtnis brennen.
BILDERGALERIE: mammoth Hot Springs
Als wir schließlich wieder zu Stefan stießen, wirkte er herrlich entspannt – und ehrlich gesagt auch ein bisschen zufrieden damit, die Kalktreppen diesmal delegiert zu haben.
Mit frischem Kaffee in der Hand und einem „Na, habt ihr’s überlebt?“ auf den Lippen, war er sichtlich bereit für die nächste Etappe. Doch bevor wir wieder Kilometer sammelten, machten wir noch einen kurzen Abstecher in die Mammoth Hot Springs Area selbst. Der Ort ist überschaubar – man könnte auch sagen: Yellowstone im Miniaturformat.
Ein Hotel, ein Restaurant, eine Tankstelle, ein Souvenirladen – das Pflichtprogramm für jeden, der irgendwo zwischen Naturwunder und Zivilisation einen Zwischenstopp braucht. Das eigentliche Highlight erwartete uns jedoch nicht im Shop, sondern auf der Wiese gegenüber.

Eine Gruppe Wapiti-Hirsche hatte sich dort niedergelassen – völlig unbeeindruckt vom menschlichen Trubel und in einer Gelassenheit, die fast meditativ wirkte. Sie lagen da wie auf dem Präsentierteller, bequem ausgestreckt auf dem satten Grün, und genossen offenbar die angenehme Wärme, die von den heißen Quellen der nahen Sinterterrassen in die Umgebung strömte.
„Die haben’s gut,“ murmelte Noah mit einem sehnsüchtigen Blick, während Emilia fieberhaft versuchte, die Tiere mit ihrer Kamera einzufangen – diesmal nicht aus sicherer Entfernung, sondern mit echter Tierfotografen-Euphorie.
Die Szene war so friedlich, so still und gleichzeitig so eindrucksvoll, dass wir uns alle einen Moment lang treiben ließen. Keine Eile, kein Plan – nur beobachten, staunen, innehalten.
Am Nachmittag – mit knurrenden Mägen, müden Beinen und dem dringenden Bedürfnis nach Sitzgelegenheiten ohne Vulkandampf – steuerten wir West Yellowstone an. Ein Ort, der zwar direkt am Rand des Parks liegt, aber dennoch ganz eigene Akzente setzt: charmant, lebendig und mit mehr Souvenirläden pro Quadratmeter als vermutlich irgendwo sonst in Montana.
Für uns bedeutete das: genau die richtige Mischung aus Erholung, Shoppinglaune und Pizza-Hoffnung. Noah und Emilia stürzten sich mit der Energie von frisch ausgeruhten Bergziegen auf die bunte Welt der Souvenirs.

T-Shirts, Plüsch-Bisons, Leuchtschlüsselanhänger und „Ich war da“-Magnete wanderten in kleine Hände – und, wenig später, in große Diskussionen mit Nadine über Notwendigkeit vs. Mitnehm-Erlaubnis.
Nadine und ich ließen uns derweil von einem ganz anderen Regal verzaubern: Weihnachtsdekoration. Ja, es war Sommer. Und ja, wir dachten trotzdem schon an Weihnachten. Denn wer kann bitte einer glitzernden Yellowstone-Christbaumkugel widerstehen, die aussieht, als wäre ein Geysir explodiert und hätte dabei Lametta verteilt? Eben.
Zum Abendessen kehrten wir in die Wild West Pizzeria ein – und der Name war kein leeres Versprechen. Schon beim Betreten roch es nach Käse, Teig und dem heiligen Versprechen: Gleich wird es gut. Die Pizzen, die uns dann serviert wurden, hätten locker als Wagenräder durchgehen können.
Perfekt belegt, herrlich knusprig und so lecker, dass sogar Noah und Emilia für einen kurzen, magischen Moment verstummten – weil sie schlichtweg zu beschäftigt waren, ihre Stücke zu bändigen.



Die Wild West Pizzeria hatte nicht nur mit ihren gigantischen Pizzen gepunktet, sondern auch mit einer rustikalen Atmosphäre, die irgendwo zwischen Saloon-Romantik und Familienrestaurant mit Cowboyflair pendelte.
Die herzliche Bedienung, der Duft nach frisch gebackenem Teig – und vor allem: zwei Kinder, die nicht stritten – machten diesen Abend zu einem echten Volltreffer.
Doch bevor wir den charmanten Ort West Yellowstone verließen, stand für Noah und Emilia noch der wahre Höhepunkt des Tages auf dem Plan: ein Eis von Häagen-Dazs.

Noah entschied sich treu und überzeugt für Schokolade, während Emilia – ganz Klassik-Liebhaberin – zur Vanille griff. Und wir Erwachsenen? Tja, wir gaben den Kampf gegen die innere Vernunft auf. Denn Eis ist nicht verhandelbar. Schon gar nicht nach einem Yellowstone-Tag voller dampfender Wunder, farbiger Terrassen und Pizza im Wagenraddesign.
Mit der Waffel in der Hand und einem glückseligen Grinsen im Gesicht ging’s zurück Richtung Park – eigentlich dachten wir, der Tag sei damit abgeschlossen. Doch Yellowstone hatte offenbar noch einen filmreifen Abspann für uns vorbereitet: Plötzlich, direkt am Straßenrand, stand er – ein riesiger Wapiti-Hirsch. Majestätisch, kerzengerade, das gewaltige Geweih in der Abendsonne glänzend – als hätte Disney persönlich die Szene inszeniert.

Ich zückte sofort die Kamera, bereit für das perfekte Wildlife-Foto. Der Hirsch? Völlig unbeeindruckt. Er warf uns einen kurzen, fast amüsierten Blick zu, so nach dem Motto: „Ach, Touristen… schon wieder.“ Dann trottete er seelenruhig weiter – königlich, würdevoll, wie ein Monarch, der seine Runde durchs Reich dreht.
Als wir den Madison Campground erreichten, war die Sonne längst hinter den Bäumen verschwunden, und wir fühlten uns wie nach einem vollgepackten, perfekten Urlaubstag: müde, satt, beeindruckt – und vor allem: rundum glücklich.
Wir kuschelten uns in unsere Betten im Camper, während draußen die Grillen zirpten und irgendwo in der Ferne ein Fluss rauschte. Yellowstone hatte geliefert – und wir waren bereit für mehr.
