Wie ein Kugelschreiber eine Familie wiedervereinte
Es ist Freitag, der 21. März 2014, und endlich geht es wieder los. Die Koffer sind gepackt, die Reiseunterlagen liegen griffbereit und irgendwo zwischen Reisepässen, Kamerazeug und dem üblichen „Haben wir wirklich alles?“-Kontrollgang durchs Haus stellt sich dieses herrliche Gefühl ein, das es eigentlich nur am ersten Urlaubstag gibt: In ein paar Stunden sitzen wir im Flugzeug Richtung USA. Diesmal beginnt die Reise allerdings mit einer kleinen organisatorischen Besonderheit. Stefan und ich reisen nämlich nicht allein. Unsere Tochter Nadine hat sich ziemlich spontan entschlossen, mitzukommen. Und als wäre das nicht schon genug familiäre Reisebegleitung, wissen wir bereits, dass beim nächsten Urlaub Bianca mit von der Partie sein wird. Offenbar haben unsere Töchter beschlossen, dass man uns 2014 keinesfalls unbeaufsichtigt verreisen lassen kann. Alleinurlaub ist damit für dieses Jahr offensichtlich gestrichen.
Ganz unkompliziert macht Nadine es uns allerdings nicht, denn für unseren Flug bekommt sie so kurzfristig keinen Platz mehr. Also basteln wir uns aus den verfügbaren Verbindungen einen kleinen Familien-Staffellauf über den Atlantik. Nadine fliegt direkt von Frankfurt nach Philadelphia, während Stefan und ich zunächst von Stuttgart nach Frankfurt fliegen und dort in unsere Langstreckenmaschine umsteigen. Wenn alle Beteiligten – Deutsche Bahn, Lufthansa, Wettergott und sonstige für Reisechaos zuständige Instanzen – ihren Job ordentlich machen, liegen unsere Ankunftszeiten in Philadelphia gerade einmal etwa 45 Minuten auseinander. Auf dem Papier sieht das geradezu genial aus. Und wie jeder erfahrene Reisende weiß, sind genau das die Pläne, bei denen man vorsichtshalber nicht zu laut „Das klappt perfekt!“ sagen sollte.
Für Nadine beginnt der Tag deshalb deutlich früher. Kurz vor sieben Uhr begleite ich sie zum Bahnhof, wo der ICE nach Frankfurt bereits auf sie wartet. Koffer rein, Tochter rein, letzte Absprachen, noch einmal drücken und dann fährt sie tatsächlich allein Richtung Frankfurt davon. Ich bleibe am Bahnsteig zurück und merke, dass ich trotz aller Vorfreude ein klein wenig nervös bin. Nicht weil ich Nadine nicht zutraue, einen Flughafen zu finden. Aber zwischen Stuttgart und einem Transatlantikflug liegt nun einmal die Deutsche Bahn, und die besitzt gelegentlich ein bemerkenswertes Talent dafür, aus einem simplen Reiseplan eine interaktive Abenteuershow mit spontanem Gleiswechsel zu machen. Heute bitte nicht.
Kaum ist Nadine unterwegs, beginnt auch für Stefan und mich das Programm. Unser Shuttle-Taxi kommt erfreulich pünktlich und bringt uns zum Stuttgarter Flughafen. Online eingecheckt haben wir bereits, also müssen nur noch die Koffer weg, wir durch die Sicherheitskontrolle und anschließend zum Gate. Erstaunlicherweise funktioniert alles vollkommen unspektakulär. Keine vergessenen Dokumente, kein Koffer mit Übergewicht, niemand möchte meinen halben Hausstand aus dem Handgepäck konfiszieren. Wir sitzen tatsächlich viel zu früh am Gate und haben ungefähr eine Stunde Zeit. Natürlich nutzen wir diese hochproduktive Phase auf die einzig vernünftige Weise, die ein Flughafen vorsieht: herumsitzen, Flugzeuge anschauen und bei Burger King überprüfen, ob Fast Food vor einer Langstrecke anders schmeckt als sonst. Tut es nicht. Aber Tradition ist Tradition.

Dann vibriert mein Handy. Nadine ist in Frankfurt angekommen. Pünktlich. Mit dem ICE. Ich lese die Nachricht sicherheitshalber zweimal, denn solche Ereignisse sollte man angemessen würdigen. Der erste Teil unseres ausgeklügelten Familien-Transatlantikplans funktioniert tatsächlich. Nadine hat genügend Zeit für Check-in und Sicherheitskontrolle und kann sich nun in Ruhe auf ihren Direktflug nach Philadelphia vorbereiten. Damit sinkt mein persönlicher Puls wieder auf ein Niveau, das man medizinisch nicht weiter beobachten muss. Vielleicht habe ich der Bahn ja Unrecht getan. Zumindest heute. Weiter möchte ich mich am 21. März 2014 zu dieser gewagten These lieber noch nicht aus dem Fenster lehnen.

Während wir auf unseren Abflug warten, wird mir langsam bewusst, dass diese Reise ohnehin etwas anders wird als unsere üblichen USA-Roadtrips. Natürlich haben wir wieder eine Route, einen Mietwagen und jede Menge Pläne, aber diesmal stehen nicht nur Orte im Mittelpunkt. Gleich zwei Wiedersehen machen diese Reise für mich zu etwas ganz Besonderem.
Die ersten beiden Nächte verbringen wir bei meinem Cousin Ken und seiner Familie in Voorhees bei Philadelphia. Ken und ich hatten uns nach sehr langer Funkstille erst vor einigen Jahren wiedergefunden, und allein die Geschichte dahinter ist so verrückt, dass man sie eigentlich keinem Drehbuchautor anbieten dürfte – der würde vermutlich sagen, das sei zu konstruiert. Und einige Tage später wartet das nächste Wiedersehen: meine frühere Schulfreundin Doris, die schon vor vielen Jahren in die USA ausgewandert ist. Wir haben uns ewig nicht gesehen und trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir wahrscheinlich keine fünf Minuten brauchen werden, bis wir wieder dort weiterreden, wo wir irgendwann einmal aufgehört haben. Bei manchen Menschen funktioniert Zeit offenbar anders.
Doch bevor wir irgendwelche Menschen in Amerika wiedersehen können, müssen wir zunächst Stuttgart verlassen. Vor dem Fenster steht unsere Embraer 190, ein vergleichsweise kleiner Flieger für den kurzen Hüpfer nach Frankfurt. Wir steigen ein, verstauen unser Zeug und wenig später rollen wir tatsächlich los. Sobald die Maschine beschleunigt und die Räder den Boden verlassen, ist es wieder da, dieses vertraute Gefühl: Jetzt beginnt der Urlaub wirklich. Nicht beim Kofferpacken, nicht beim Taxi und auch nicht am Gate. Erst wenn Deutschland unter uns kleiner wird, schaltet mein Kopf endgültig auf Reise.
Allerdings bleibt wenig Zeit für große Flugromantik. Stuttgart–Frankfurt ist ungefähr die Luftfahrtversion von „einmal kurz um den Block“. Kaum haben wir unsere Reiseflughöhe erreicht, beginnt gefühlt schon wieder der Sinkflug. Und Frankfurt empfängt uns mit allem, was der März meteorologisch so im Angebot hat. Die Wolken werden dichter, Regen zieht über die Scheiben und der Wind macht deutlich, dass er heute ebenfalls mitspielen möchte. Die Embraer beginnt ein wenig zu wackeln, und beim Landeanflug wird aus dem gemütlichen Kurzflug zumindest kurzzeitig eine etwas lebhaftere Veranstaltung. Stefan nimmt es gelassen, ich beobachte das Wetter draußen und denke mir, dass der Pilot heute sein Geld durchaus verdienen darf.
Die Landung fällt entsprechend rustikal aus. Kein butterweiches Aufsetzen, bei dem man erst am Bremsgeräusch merkt, dass man wieder festen Boden unter sich hat, sondern eine eindeutige Mitteilung des Fahrwerks: Frankfurt, wir sind da. Ein ordentlicher Ruck geht durch die Maschine, der Wind schiebt noch ein bisschen mit und wenige Sekunden später rollen wir ganz normal über das Vorfeld. Alles gut. Beim Aussteigen schlägt uns Regen entgegen und ich ziehe meine Jacke enger zusammen. Stefan findet meine vom Wind neu gestaltete Frisur offenbar unterhaltsam. Ich weniger. Aber wir wollen ohnehin weg von hier – möglichst weit. Philadelphia klingt bei diesem Wetter ausgesprochen attraktiv.
Im Terminal erreicht uns wieder eine Nachricht von Nadine. Auch bei ihr läuft alles nach Plan, ihr Flug ist pünktlich und sie ist praktisch schon auf dem Weg über den Atlantik. Damit findet unsere etwas ungewöhnliche Familienreise nun endgültig auf zwei getrennten Flugrouten statt. Tochter voraus, Eltern hinterher. Wir werden sehen, wer zuerst in Philadelphia steht.
Für uns bleibt noch etwas Zeit in Frankfurt, bevor schließlich auch unser Langstreckenflug aufgerufen wird. Wir gehen zum Gate, steigen ein und machen es uns im Lufthansa-Airbus bequem. Jetzt liegen nicht mehr dreißig Minuten vor uns, sondern ein kompletter Atlantik. Handgepäck verstauen, anschnallen, noch einmal die üblichen Blicke durchs Fenster und dann rollen wir zur Startbahn. Die Triebwerke werden lauter, der Airbus beschleunigt und wenige Augenblicke später verschwindet das graue, nasse Frankfurt unter uns. Endlich. USA, wir kommen.
Der Flug verläuft angenehm unspektakulär, was bei Langstreckenflügen durchaus als Qualitätsmerkmal gelten darf. Die Crew ist freundlich, irgendwann beginnt der bekannte Service und damit fällt selbstverständlich auch jene Frage, ohne die ein Transatlantikflug offenbar keine Starterlaubnis bekommt: „Chicken or Pasta?“ Ich entscheide mich für Pasta und bin sogar positiv überrascht. Stefan verfolgt dagegen seit Jahren sein ganz eigenes Bordverpflegungskonzept. Es lautet im Wesentlichen: nichts. Man könnte ihm vermutlich ein frisch gebratenes Filetsteak mit goldener Haube servieren und er würde misstrauisch fragen, ob es auch später etwas Richtiges zu essen gibt. Also esse ich, Stefan lässt es bleiben und die Lufthansa wird an uns beiden vermutlich wirtschaftlich keinen Schaden nehmen.
Danach beginnt die klassische Langstreckenroutine. Filme schauen, Musik hören, aus dem Fenster sehen, feststellen, dass dort hauptsächlich Wolken sind, wieder einen Film anfangen, irgendwann nicht mehr wissen, wie lange man eigentlich schon sitzt, und regelmäßig die Flugkarte kontrollieren, obwohl sich der kleine Flugzeugpfeil seit dem letzten Blick ungefähr um die Breite eines Fingernagels bewegt hat. Trotzdem vergeht die Zeit erstaunlich angenehm. Irgendwo vor uns sitzt Nadine in einem anderen Flugzeug und fliegt demselben Ziel entgegen. Das Ganze fühlt sich ein bisschen wie ein Rennen an, nur dass keiner von uns irgendeinen Einfluss auf das Ergebnis hat.
Schließlich erscheint unter uns wieder Land und wir setzen tatsächlich pünktlich in Philadelphia auf. Müdigkeit ist vorhanden, aber sie hat gegen meine Neugier keine Chance. Jetzt nur noch Immigration, Gepäck und dann müsste irgendwo hier unsere Tochter auftauchen. Die Einreiseformalitäten gehen erfreulich flott über die Bühne: Fragen beantworten, Fingerabdrücke, Foto, das übliche Prozedere. Als wir schließlich Richtung Gepäckausgabe kommen, brauche ich allerdings einen Moment, um das Bild vor mir richtig einzuordnen. Da steht Nadine. Nicht nur Nadine – Nadine samt unserer Koffer.

Während Stefan und ich noch bei der Immigration beschäftigt waren, ist ihre Maschine offenbar tatsächlich vor uns durch gewesen, sie hat ihren ganzen Einreisekram erledigt und anschließend gleich noch unser Gepäck eingesammelt. So viel zu unserem transatlantischen Wettrennen. Die Tochter gewinnt. Deutlich. Wir bekommen also nicht nur unser Familienmitglied am anderen Ende der Welt zurück, sondern gleich noch einen kostenlosen Gepäckservice dazu. Ich sehe darin eine durchaus überzeugende Begründung, Kinder öfter mit in den Urlaub zu nehmen.
Zu dritt geht es anschließend mit dem Shuttle zur Alamo-Mietwagenstation. Und dort beginnt endlich der Teil eines USA-Urlaubs, den ich besonders mag: Mietwagen aussuchen. Zur Wahl stehen zwei Ford Escape, beide sehen brauchbar aus, also nehmen wir zunächst einen davon und beginnen mit dem Einladen. Koffer rein, Handgepäck rein, alles verstaut – und dann stellen wir fest, dass der Zigarettenanzünder nicht funktioniert. Normalerweise wäre mir das bei einem Nichtraucherfahrzeug ziemlich egal, aber unser Navi hängt daran. Und 2014 bedeutet ein Navi ohne Strom nicht „Ach, dann nehmen wir eben das Handy“, sondern eher „Dann lernen wir Philadelphia heute sehr gründlich kennen“. Also alles wieder raus.
Wir ziehen mit unserer kompletten Gepäckkarawane zum zweiten Ford Escape um. Koffer raus aus Auto Nummer eins, Koffer rein in Auto Nummer zwei, Navi anschließen – Strom. Hervorragend. Dieser Wagen hat damit sämtliche entscheidenden Aufnahmeprüfungen bestanden. Der Ford Escape SEL bietet genug Platz für uns drei und unser Gepäck, Stefan sitzt am Steuer, ich kümmere mich um Navi und Orientierung und Nadine hat ihren Platz ebenfalls gefunden. Motor an, Ziel eingeben, und jetzt beginnt der Roadtrip endlich so, wie sich ein Roadtrip gehört: auf amerikanischem Asphalt.

Unser erstes Ziel ist allerdings kein Hotel, sondern Kens Haus in Voorhees. Während wir Philadelphia hinter uns lassen und durch die Vororte fahren, steigt meine Aufregung mit jedem Kilometer. Gegen 20 Uhr rollen wir schließlich in seine Einfahrt. Nach dem langen Reisetag sind wir müde, unser innerer Zeitplan weiß vermutlich nicht mehr genau, auf welchem Kontinent er sich befindet, aber davon ist in diesem Moment nichts mehr wichtig. Wir steigen aus – und dann steht dort nicht nur Ken.
Da ist auch meine Tante Joan. Ich brauche tatsächlich einen Augenblick, bis mein Kopf das verarbeitet hat. Joan habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr persönlich gesehen. Ich war ungefähr zwölf Jahre alt, als wir uns zuletzt begegnet sind. Das war 1978, als mein Onkel mit seiner Familie aus Amerika nach Deutschland kam, um meine Oma, seine Mutter, zu besuchen. Damals lernte ich auch meine Cousins Ken und Dean kennen, beide etwas jünger als ich. Danach verlief sich der Kontakt. Nicht aus irgendeinem dramatischen Grund – das Leben machte einfach das, was es besonders gut kann: Es verging. Jahre wurden zu Jahrzehnten, Amerika war weit weg und irgendwann wusste keiner mehr so recht etwas vom anderen. Dass Ken und ich heute wieder voreinanderstehen, verdanken wir ausgerechnet einem Kugelschreiber!
1998 war mein Onkel noch einmal in Deutschland und nahm einen Werbekugelschreiber mit, auf dem die Internetadresse unserer damaligen Firma stand. Ein vollkommen unscheinbares Ding, wie man es normalerweise irgendwo in eine Schublade wirft und anschließend nur noch findet, wenn man eigentlich etwas völlig anderes sucht. Jahre später, nach dem Tod meines Onkels, räumte Ken dessen Haus auf und genau dieser Kugelschreiber fiel ihm in die Hände. Er sah die Internetadresse, suchte danach und kontaktierte mich über unsere Homepage. Nach all den Jahren. Aus diesem ersten Kontakt entstand ein sporadischer E-Mail-Austausch und 2008 schließlich ein gemeinsames Mittagessen in Philadelphia. Manchmal braucht das Schicksal offenbar keine große Inszenierung. Manchmal reicht ihm ein Werbekuli.

Und heute, sechs Jahre später, stehen Stefan, Nadine und ich in Kens Einfahrt und plötzlich ist auch Joan wieder da. Die Frau, die ich zuletzt gesehen habe, als ich zwölf war, steht nun vor mir, und gleichzeitig fühlt sich diese jahrzehntelange Lücke für einen Moment erstaunlich unwichtig an. Es wird begrüßt, gelacht, geredet und natürlich versucht jeder gleichzeitig, die vergangenen Jahrzehnte in möglichst wenigen Sätzen unterzubringen. Joan ist dabei genau die Sorte Seniorin, die sämtliche Vorstellungen von gemütlichem Altwerden zuverlässig sabotiert: witzig, lebendig, schlagfertig und offensichtlich nicht gewillt, sich von irgendeiner Zahl im Personalausweis vorschreiben zu lassen, wie man sich zu benehmen hat. Ich mag sie sofort wieder.
Irgendwann sitzen wir zusammen, reden über früher und heute, erzählen Geschichten, springen gedanklich zwischen Deutschland und Amerika hin und her und merken kaum, wie spät es inzwischen eigentlich ist. Hinter uns liegen ICE, zwei Flugzeuge, Immigration, Mietwagenwechsel und mehrere Tausend Kilometer. Vor uns liegen zwei Tage mit Ken und seiner Familie, danach unser Roadtrip und später das Wiedersehen mit Doris.
Und mittendrin sitzt auch noch Nadine, die eigentlich ganz spontan beschlossen hatte mitzukommen.
Allein Urlaub machen wird 2014 offenbar völlig überschätzt.










