Hochzeit in Las Vegas – Freddie Mercury, fünf Liter Haarspray und eine Braut im Ausnahmezustand
Heute ist es endlich so weit! Der 22. Juni 2011, ein Mittwochmorgen in Las Vegas, und unsere Bianca wird heute heiraten. In Amerika! Mitten in dieser völlig verrückten Stadt, in der man rund um die Uhr spielen, einkaufen, essen und offenbar auch heiraten kann, ohne dass irgendjemand das besonders ungewöhnlich findet. Während draußen bereits die Sonne über den Dächern von Downtown Las Vegas brennt, herrscht bei uns im Golden Nugget eine Mischung aus Vorfreude, Aufregung und erstaunlich guter Laune. Ich muss immer wieder daran denken, dass unsere kleine Bianca heute tatsächlich vor den Traualtar treten wird. Gestern haben wir noch mit Ein-Dollar-Margaritas auf der Fremont Street herumgealbert, und heute wird geheiratet. So schnell kann es gehen. Zum Glück haben wir sämtliche Vorbereitungen bereits erledigt, denn unser Zeitplan ist heute ziemlich straff. Um neun Uhr müssen wir bei Cynthia sein, anschließend stehen Friseur, Make-up und die letzten Vorbereitungen auf dem Programm, und um 14 Uhr sollen wir alle pünktlich in der Wee Kirk O’ The Heather Wedding Chapel erscheinen. Dazwischen müssen wir noch eine Braut in ihr Kleid bekommen, einen Bräutigam standesgemäß einkleiden und vor allem dafür sorgen, dass sich die beiden nicht versehentlich über den Weg laufen. Eigentlich ein ganz normales Familienprogramm für einen Mittwochvormittag.
Pünktlich um neun Uhr stehen wir bei Cynthia vor der Tür. Unsere wunderbare Hochzeitsausstatterin empfängt uns wieder mit ihrem strahlenden Lächeln, als wären wir inzwischen alte Bekannte. Dabei kennen wir uns gerade einmal zwei Tage, aber irgendwie hat sie es geschafft, dass ich ihr mittlerweile bedenkenlos die Organisation einer königlichen Hochzeit anvertrauen würde. Sie hat bereits alles vorbereitet, überreicht uns Biancas Schleier und die Tiara und erklärt, dass sie für unseren Friseurtermin noch eine kleine Änderung vorgenommen hat. Ursprünglich sollten wir direkt neben ihrem Geschäft zum Friseur gehen, aber Cynthia hat kurzfristig umdisponiert. Ihre Tochter hat nämlich einen Lieblingsfriseur, und genau bei diesem hat sie uns jetzt einen Termin organisiert. Er sei einfach fantastisch, versichert sie uns begeistert. Na, wenn das keine Empfehlung ist! Ich bin jedenfalls gespannt, denn bei einer amerikanischen Hochzeit muss man offenbar nicht nur die Braut rechtzeitig zum Altar bringen, sondern vorher auch noch einen Friseur finden, der aus drei deutschen Frauen innerhalb kürzester Zeit gesellschaftsfähige Hochzeitsgäste macht.

Der Salon liegt nur wenige Minuten entfernt, und als wir eintreten, erwartet uns eine dieser typisch amerikanischen Friseursalon-Kulissen mit riesigen Spiegeln, unzähligen Flaschen, Bürsten, Pinseln, Lockenstäben und irgendwelchen Gerätschaften, deren genaue Funktion ich lieber gar nicht erst hinterfragen möchte. Wir nehmen Platz und schauen uns neugierig um. Und dann erscheint unser Friseur. Ein ausgesprochen sympathischer junger Mann mit einem breiten Grinsen, der sich als Bong Bella vorstellt. Ja, tatsächlich. Bong Bella! Ich finde ja, allein mit diesem Namen müsste man eigentlich schon eine Karriere in Hollywood machen können. Er begrüßt uns fröhlich mit einem „Good morning! Who of you guys is the bride?“, woraufhin Nadine und ich natürlich sofort auf Bianca zeigen. Nicht, dass hier noch irgendwelche Missverständnisse entstehen und am Ende ich mit Schleier und Tiara in der Kapelle auftauche. Bong mustert unsere kleine Hochzeitsgesellschaft, lächelt zufrieden und legt los. Und was soll ich sagen? Dieser Mann ist wirklich ein Ereignis.
Zunächst ist Bianca an der Reihe. Sie nimmt auf dem Friseurstuhl Platz, und Bong beginnt mit einer Hingabe, als würde er gerade die Hauptdarstellerin für einen Hollywoodfilm vorbereiten. Zuerst kommt das Make-up, und das ist schon eine Wissenschaft für sich. Hier wird nicht einfach ein bisschen Puder aufgetragen und anschließend mit dem Lippenstift nachgeholfen. Nein, Bong arbeitet mit Airbrush-Technik! Mit einer kleinen Sprühpistole wird die Grundierung hauchfein auf Biancas Gesicht aufgetragen, anschließend folgen unzählige weitere Handgriffe, Pinsel, Farben und irgendwelche geheimnisvollen Produkte, die auf dem Tisch stehen. Ich beobachte das Ganze fasziniert und frage mich zwischendurch, ob dieses Make-up eigentlich wasserfest ist oder ob Bianca heute Abend zum Abschminken einen Hochdruckreiniger benötigt. Aber das Ergebnis ist wirklich wunderschön. Ihre Augen werden perfekt betont, der Teint sieht makellos aus, und trotzdem erkennt man unsere Bianca noch wieder. Das finde ich besonders wichtig, denn schließlich soll Patrick heute seine eigene Braut heiraten und nicht irgendeine amerikanische Filmdiva, die zufällig in der falschen Kapelle gelandet ist.
Dann widmet sich Bong ihren Haaren, und jetzt zeigt sich, dass Cynthia mit ihrer Empfehlung wirklich goldrichtig gelegen hat. Mit einer unglaublichen Fingerfertigkeit werden Strähnen abgeteilt, eingedreht, festgesteckt und wieder gelöst. Zwischendurch verschwindet Bong beinahe hinter einer Wolke aus Haarspray, taucht wieder auf, begutachtet sein Werk im Spiegel und arbeitet unbeirrt weiter. Langsam entsteht eine wunderschöne Hochsteckfrisur mit kunstvoll gelegten Locken und einem eleganten Aufbau am Hinterkopf. Ich bin wirklich beeindruckt, wie viel Arbeit in so einer Frisur steckt. Bei mir dauert das morgendliche Haarewaschen und Föhnen normalerweise ungefähr so lange, wie Bong benötigt, um eine einzige Strähne in die richtige Position zu bringen. Aber hier geht es schließlich um eine Hochzeit, und da darf man ruhig ein bisschen mehr Aufwand betreiben. Zum Schluss setzt er Bianca ihre funkelnde Tiara auf und befestigt den Schleier. Und plötzlich sitzt da nicht mehr einfach unsere Bianca auf dem Friseurstuhl, sondern eine wunderschöne Braut. Ich schaue sie an und muss unwillkürlich lächeln. Das hat er wirklich fantastisch gemacht! Bianca strahlt, wir sind begeistert, und ich denke mir, dass dieser Tag eigentlich gar nicht schöner anfangen könnte.
Als Nächstes ist Nadine an der Reihe. Auch sie möchte sich für die Hochzeit natürlich ein bisschen schick machen lassen, und Bong scheint inzwischen richtig in Fahrt gekommen zu sein. Wieder wird gedreht, gesteckt, gelockt und gesprüht, bis aus ihren Haaren eine hübsche, etwas lockerere Hochsteckfrisur entsteht. Kleine glitzernde Haarklammern sorgen für den passenden festlichen Abschluss, und nach ungefähr 45 Minuten ist auch unsere Brautjungfer fertig. Sie sieht richtig toll aus, und ich bin ausgesprochen zufrieden. Zwei wunderschön frisierte Töchter, ein gut gelaunter Friseur und noch ausreichend Zeit bis zur Trauung. Was soll jetzt eigentlich noch schiefgehen?

Nun, beispielsweise könnte unser Friseur auf die Idee kommen, dass auch die Mutter der Braut dringend seiner künstlerischen Aufmerksamkeit bedarf.
Eigentlich habe ich nämlich überhaupt nicht vor, mich hier frisieren zu lassen. Meine Haare sind kurz, ich habe sie bereits selbst gemacht, und damit ist die Angelegenheit für mich erledigt. Zumindest glaubte ich das. Bong betrachtet mich allerdings inzwischen mit einem Gesichtsausdruck, den ich rückblickend als ausgesprochen gefährlich einstufen würde. Er legt den Kopf ein wenig schief, mustert meine Frisur und murmelt mehr zu sich selbst als zu uns: „There is something to do with Mum.“ Ich schaue ihn an. Wie bitte? Mit Mum? Was soll denn mit Mum sein? Mum ist fertig! Mum möchte eigentlich nur ihre beiden hübsch frisierten Töchter fotografieren und anschließend ganz gemütlich zur Hochzeit fahren. Aber Bong scheint da anderer Meinung zu sein. Er deutet auf den Friseurstuhl und erklärt begeistert: „Let’s do the hair up, up, up!“ Dabei macht er mit seinen Händen eine Bewegung nach oben, die mir bereits eine gewisse Vorahnung vermittelt. Up, up, up? Meine Haare? Wohin denn bitte noch?
Nadine und Bianca finden die Idee natürlich sofort großartig. Die beiden sitzen da und grinsen, als hätte gerade jemand angekündigt, dass jetzt eine besonders unterhaltsame Vorstellung beginnt. Ich hätte eigentlich misstrauisch werden müssen. Aber gut, was soll’s. Schließlich heiratet heute meine Tochter, und wenn dieser nette Mann meint, dass er aus meiner Frisur noch etwas Besonderes machen kann, dann soll er eben. Ich nehme also auf dem Stuhl Platz und überlasse mein Schicksal einem Friseur namens Bong Bella, der offenbar gerade beschlossen hat, dass die Mutter der Braut noch erhebliches Verbesserungspotenzial besitzt. Rückblickend betrachtet war das ungefähr so vernünftig, wie einem amerikanischen Autoverkäufer zu sagen, er dürfe sich bei der Ausstattung ruhig etwas austoben.
Was dann folgt, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Bong beginnt zunächst ganz harmlos mit einer Bürste und einem Föhn. Doch schon nach wenigen Minuten entwickelt sich die Angelegenheit zu einer Art haartechnischem Großprojekt. Er zieht meine Haare nach oben, toupiert sie, sprüht Haarspray hinein, föhnt, bürstet und toupiert weiter. Ich beobachte im Spiegel, wie meine Frisur langsam eine Höhe erreicht, die ich bislang nur von amerikanischen Fernsehpredigern und Rockstars der achtziger Jahre kenne. Meine Haare stehen inzwischen in sämtliche Himmelsrichtungen, und Bong scheint mit jedem Zentimeter zufriedener zu werden. „Up, up, up!“, verkündet er begeistert und arbeitet weiter. Ich frage mich inzwischen ernsthaft, ob er vorhat, mich morgen als lebende Antenne auf dem Dach des Golden Nugget aufzustellen.
Und dann kommt das Haarspray. Meine Güte, dieses Haarspray! Ich weiß nicht, wie viele Dosen dieser Mann in seinem Salon vorrätig hat, aber ich bin ziemlich sicher, dass ich heute einen erheblichen Teil seines Lagerbestandes verbrauche. Immer wieder zischt es um meinen Kopf herum, während Bong mit einer Begeisterung arbeitet, die man eigentlich nur bewundern kann. Nadine und Bianca amüsieren sich inzwischen prächtig, und ich sehe im Spiegel langsam eine Frau entstehen, die mir irgendwie bekannt vorkommt, mit meiner bisherigen Frisur allerdings nur noch entfernt etwas gemeinsam hat. Vorne wird alles hochgetürmt, hinten ordentlich aufgeplustert, und zwischendurch betrachtet Bong sein Werk mit der Zufriedenheit eines Bildhauers, der gerade eine besonders gelungene Skulptur erschaffen hat. Ich sitze da, lasse es über mich ergehen und denke mir, dass ich wenigstens später einmal eine wirklich gute Geschichte zu erzählen haben werde.

Als er schließlich fertig ist, dreht er meinen Stuhl zum Spiegel, und ich muss erst einmal schlucken. Meine Güte! Was ist denn DAS? Ich sehe aus, als hätte mich jemand direkt aus einem Musikvideo der achtziger Jahre hierher gebeamt. Und plötzlich fällt es mir ein: Freddie Mercury! Kennt ihr das Video zu „I Want to Break Free“, in dem Freddie mit schwarzer Perücke, Rock und Staubsauger durch die Wohnung marschiert? Genau daran muss ich denken, als ich mich im Spiegel betrachte. Ich brauche eigentlich nur noch den Staubsauger, und die Vorstellung wäre perfekt. „So aby can’t you see – I want to break free!“ bekommt an diesem Vormittag eine völlig neue Bedeutung. Vor allem möchte ich mich gerade von ungefähr drei Kilogramm Haarspray befreien.

Das Beste daran ist allerdings, dass Bong vollkommen begeistert von seinem Werk ist. Er strahlt mich an, als hätte er gerade die Frisur seines Lebens geschaffen, während ich noch überlege, ob ich mit diesem Kunstwerk überhaupt durch die Autotür passe. Und meine beiden Töchter? Die finden das natürlich sensationell! Statt mich aus dieser Situation zu retten, wird fotografiert, gelacht und noch mehr fotografiert. Auf einem der Bilder schaue ich tatsächlich so, als würde ich gerade ernsthaft darüber nachdenken, ob ich diesen Friseursalon jemals wieder verlassen kann, ohne vorher meinen Namen ändern zu müssen. Aber ich muss zugeben, dass der Mann wirklich etwas von seinem Handwerk versteht. Meine Haare sitzen bombenfest. Vermutlich könnte ich damit bei geöffnetem Fenster über den Highway fahren, ohne dass sich auch nur eine einzige Strähne bewegt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Frisur mit normalem Shampoo wieder herausgeht oder ob wir später schweres Gerät benötigen

Natürlich lassen wir uns zum Abschluss noch gemeinsam mit Bong fotografieren. Schließlich begegnet man nicht jeden Tag einem Friseur, der innerhalb weniger Stunden eine wunderschöne Braut, eine elegante Brautjungfer und Freddie Mercury erschafft. Wir lachen, albern herum und tauschen sogar unsere Facebook-Kontakte aus. Bong ist wirklich ein unglaublich netter Kerl, und obwohl ich bei meiner eigenen Frisur noch immer etwas unschlüssig bin, ob ich ihm dafür danken oder eine Schadensmeldung ausfüllen soll, haben wir mit ihm einen herrlichen Vormittag erlebt. Vor allem hat er es geschafft, dass aus unserer ohnehin schon guten Laune eine regelrechte Lachveranstaltung geworden ist. Und genau so soll dieser Hochzeitstag schließlich sein.
Als wir den Salon verlassen, trifft uns die Hitze von Las Vegas wie eine Wand. Draußen herrschen inzwischen ungefähr 45 Grad, und unser Mietwagen hat sich in der Sonne in einen fahrbaren Backofen verwandelt. Wir öffnen die Türen, lassen zunächst einmal die heiße Luft entweichen und drehen anschließend die Klimaanlage auf volle Leistung. Ich bin gespannt, wie Biancas aufwendiges Make-up und unsere kunstvollen Frisuren diese Temperaturen überstehen werden. Bei meiner Frisur mache ich mir allerdings weniger Sorgen. Nach der Menge Haarspray, die Bong verarbeitet hat, dürfte sie inzwischen einen eigenen Aggregatzustand besitzen. Vermutlich könnte ich damit sogar durch einen Sandsturm fahren. Bianca dagegen soll natürlich auch am Nachmittag noch genauso wunderschön aussehen wie jetzt, und deshalb versuchen wir, uns möglichst schnell wieder in die klimatisierte Sicherheit unseres Hotels zu retten.
Zurück im Golden Nugget haben wir noch etwas Zeit, bevor es ernst wird. Patrick und Stefan nutzen die Gelegenheit, sich ein wenig am Pool aufzuhalten, während wir drei Frauen uns in Nadines Zimmer zurückziehen. Schließlich muss die Braut noch in ihr Kleid, und Patrick soll sie auf keinen Fall vorher sehen. Wir haben uns vorgenommen, diese kleine Tradition unbedingt einzuhalten, was bei einer Hochzeitsgesellschaft von gerade einmal fünf Personen und mehreren Hotelzimmern schon eine gewisse organisatorische Herausforderung darstellt. Aber nach unserer bisherigen Reise bin ich inzwischen ziemlich zuversichtlich, dass wir auch das hinbekommen. Immerhin haben wir bereits einen Reifen mitten in der Wüste gewechselt, eine Brautmoden-Odyssee überstanden und es geschafft, einen geheimen Helikopterflug zu organisieren, ohne dass Bianca oder Patrick etwas davon mitbekommen haben. Da werden wir doch wohl auch verhindern können, dass sich Braut und Bräutigam versehentlich auf dem Hotelflur begegnen.
In Nadines Zimmer beginnt nun die nächste Runde unserer Hochzeitsvorbereitungen. Überall liegen Kleider, Schuhe, Schminksachen, Schmuck und irgendwelche kleinen Dinge herum, die man für eine Hochzeit offenbar unbedingt benötigt. Nadine schlüpft in ihr wunderschönes rosafarbenes Kleid und sieht damit richtig elegant aus. Bianca sitzt zunächst noch in ihrer Freizeitkleidung auf dem Bett, mit perfekt gestylten Haaren, Tiara und Schleier, und beschäftigt sich zwischendurch mit der Fernbedienung. Ich finde dieses Bild herrlich. Da sitzt eine Braut, die in wenigen Stunden heiraten wird, mit einer Frisur, für die ein Hollywoodstylist vermutlich einen halben Vormittag benötigt hätte, und schaut völlig entspannt amerikanische Serien an.

Dann wird es Zeit für das Kleid. Nadine hilft Bianca beim Anziehen, richtet den Stoff, kontrolliert den Sitz und kümmert sich um die vielen kleinen Handgriffe, die notwendig sind, bis aus einem wunderschönen Hochzeitskleid auch tatsächlich eine perfekt angezogene Braut wird. Das Kleid, das Cynthia für sie ausgesucht hat, ist wirklich traumhaft. Elegant, figurbetont und mit genau der richtigen Mischung aus festlich und schlicht. Vor allem ist es nicht so ausladend, dass Bianca später Schwierigkeiten bekommen könnte, in einen Helikopter einzusteigen. Aber das weiß sie natürlich noch nicht. Ich muss innerlich immer wieder grinsen, wenn ich daran denke, dass wir bei der Kleiderauswahl so vehement auf eine schmale Silhouette geachtet haben, während Bianca vermutlich einfach nur dachte, dass wir einen ausgesprochen guten Geschmack besitzen. Manchmal ist es wirklich praktisch, wenn man als Mutter ein paar Informationen mehr hat als die eigene Tochter.

Während Nadine sich um Biancas Kleid kümmert, werde ich ebenfalls noch ein bisschen aufgehübscht. Auf den Fotos sieht man sehr schön, wie konzentriert sie sich mit meinem Make-up beschäftigt, während ich brav stillhalte. Nach meiner Begegnung mit Bong bin ich inzwischen ohnehin bereit, sämtliche kosmetischen Maßnahmen über mich ergehen zu lassen, solange niemand noch einmal „up, up, up“ ruft. Nadine pinselt und korrigiert, ich sitze geduldig da, und zwischendurch wird natürlich wieder gelacht. Ich finde es wunderbar, wie unkompliziert dieser Vormittag abläuft. Keine hektischen Anrufe, keine verschwundenen Brautschuhe, keine aufgeregten Verwandten und keine Diskussionen darüber, wer wo sitzen darf. Wir sind einfach nur wir fünf, und irgendwie fühlt sich das genau richtig an.
Überhaupt muss ich in diesen Stunden immer wieder daran denken, wie viele Hochzeiten wir schon erlebt haben. Große Feiern mit unzähligen Gästen, langen Tischordnungen und einem organisatorischen Aufwand, bei dem man manchmal das Gefühl bekommt, die Hochzeit selbst sei eigentlich nur eine lästige Unterbrechung zwischen Sitzplanbesprechung und Familienkrise. Irgendwo ist immer eine Tante beleidigt, weil sie nicht neben der richtigen Cousine sitzt, ein Onkel findet seinen Platz unmöglich, und spätestens nach dem dritten Glas Sekt wird darüber diskutiert, wer vor fünfzehn Jahren bei welcher Familienfeier was gesagt hat. Natürlich gibt es auch wunderschöne große Hochzeiten, aber ich habe mich schon oft gefragt, warum man sich für den schönsten Tag seines Lebens manchmal einen solchen Stress antut. Und jetzt sitzen wir hier in einem Hotelzimmer in Las Vegas, zu fünft, lachen über meine Frisur und freuen uns einfach nur auf das, was gleich kommt. Keine Verpflichtungen gegenüber irgendwelchen entfernten Verwandten, keine komplizierten Sitzordnungen und niemand, der beleidigt sein könnte, weil er beim Anschneiden der Hochzeitstorte nicht in der ersten Reihe steht. Herrlich!
Als Bianca schließlich fertig angezogen vor uns steht, bin ich wirklich gerührt. Das Kleid sitzt wunderschön, die Frisur ist perfekt, der Schleier fällt elegant über ihre Schultern, und sie strahlt über das ganze Gesicht. Für einen Moment schaue ich sie einfach nur an. Unsere Bianca. Gerade eben war sie doch noch ein kleines Mädchen, und jetzt steht sie hier in Las Vegas in ihrem Hochzeitskleid und wird gleich ihren Patrick heiraten. Ich freue mich riesig für die beiden, und gleichzeitig kann ich kaum glauben, dass dieser Moment tatsächlich gekommen ist. Natürlich hält diese kleine sentimentale Stimmung nicht besonders lange an, denn irgendjemand macht wieder einen dummen Spruch, und schon lachen wir alle erneut. Wahrscheinlich ist das auch besser so. Wir wollen heute schließlich eine Hochzeit feiern und keinen Wettbewerb darin veranstalten, wer zuerst seine wasserfeste Wimperntusche ruiniert.
Langsam wird es Zeit, an die Abfahrt zu denken. Um 14 Uhr beginnt die Trauung, und obwohl die Wee Kirk O’ The Heather Chapel vom Golden Nugget aus nur wenige Autominuten entfernt liegt, wollen wir natürlich auf keinen Fall zu spät kommen. Vor allem müssen wir unsere kleine Transportlogistik noch bewältigen. Patrick darf Bianca vor der Trauung nicht sehen, also können wir unmöglich alle gemeinsam in einem Auto zur Kapelle fahren. Ich übernehme deshalb kurzerhand den Fahrdienst. Zuerst bringe ich Stefan, Bianca und Nadine zur Chapel, anschließend fahre ich zurück zum Hotel und hole Patrick ab. Das klingt zunächst nach einem ziemlich einfachen Plan, aber ich bin inzwischen froh, dass wir unsere Kapelle direkt in Downtown gebucht haben. Hätten wir uns für irgendeine Hochzeitslocation am anderen Ende von Las Vegas entschieden, könnte ich heute vermutlich gleich einen Shuttlebus mit festem Fahrplan einrichten.
Also geht es los. Bianca sitzt in ihrem wunderschönen Kleid im Auto, neben ihr Nadine, und Stefan ist natürlich auch dabei. Ich nehme hinter dem Steuer Platz und fahre durch die Straßen von Downtown Las Vegas. Draußen brennt die Sonne auf den Asphalt, die Klimaanlage arbeitet auf Hochtouren, und zwischen den alten Casinos und den riesigen Reklametafeln bewegen wir uns langsam auf unser Ziel zu. Ich muss grinsen. Hier fahre ich also mit meiner Tochter im Hochzeitskleid durch Las Vegas, während irgendwo in einem Hotelzimmer ihr zukünftiger Ehemann darauf wartet, abgeholt zu werden. Andere Familien bestellen für solche Gelegenheiten eine weiße Stretchlimousine mit Chauffeur und Champagner. Bei uns übernimmt Mama den Fahrdienst im Mietwagen. Dafür gibt es bei uns allerdings auch keine Diskussionen über die Trinkgeldhöhe.
Nach wenigen Minuten erreichen wir die kleine Wee Kirk O’ The Heather Wedding Chapel. Sie sieht einfach bezaubernd aus! Ein kleines weißes Häuschen mit violetten Verzierungen, einem spitzen Türmchen, hübschen Fenstern und einem winzigen Vorgarten. Mitten in Las Vegas, zwischen großen Straßen und modernen Gebäuden, steht dieses kleine Kirchlein, als hätte es sich aus einem Bilderbuch hierher verirrt. Ich finde es wunderschön und bin froh, dass wir uns für genau diese Kapelle entschieden haben. Sie wirkt so persönlich und gemütlich, ganz anders als die riesigen Hochzeitslocations, die man sich vielleicht vorstellt, wenn man an Las Vegas denkt. Wir steigen aus, richten noch einmal Biancas Kleid und den Schleier, und dann überlasse ich die drei erst einmal der Obhut der Chapel.

Für mich geht es sofort wieder zurück zum Golden Nugget. Schließlich fehlt uns noch der wichtigste Mann des Tages, und ohne Bräutigam dürfte selbst die beste Hochzeitsorganisation irgendwann an ihre Grenzen stoßen. Patrick wartet bereits auf mich, und als er ins Auto steigt, ist ihm die Aufregung durchaus anzumerken. Ich kann ihn gut verstehen. Schließlich wird er in wenigen Minuten unsere Bianca heiraten, und bisher hat er noch keine Ahnung, wie wunderschön sie in ihrem Kleid aussieht. Ich schaue ihn kurz an, muss lächeln und denke mir, dass wir das alles wirklich gut hinbekommen haben. Zwei Tage zuvor wussten wir noch nicht einmal, wo wir die Hochzeitskleidung herbekommen sollten, und jetzt sind wir tatsächlich auf dem Weg zu einer perfekt organisierten Hochzeit mitten in Las Vegas.
Ich starte den Motor, die Klimaanlage läuft, und wir machen uns auf den Weg zur Chapel. Patrick sitzt neben mir, wahrscheinlich mit ungefähr tausend Gedanken im Kopf, und ich bin ebenfalls ziemlich aufgeregt. Aber vor allem freue ich mich. Auf die Trauung, auf die Überraschung danach und auf einen Tag, von dem ich jetzt schon ahne, dass wir ihn so schnell nicht vergessen werden.
Und während wir durch Downtown Las Vegas fahren, denke ich mir: Eigentlich ist das doch eine ziemlich geniale Art zu heiraten. Fünf Leute, eine kleine Kapelle, ein Bräutigam mit Herzklopfen und eine Brautmutter mit einer Frisur, die vermutlich sogar einen Frontalzusammenstoß mit einem Güterzug überstehen würde.
Was soll da noch schiefgehen?











