Von Croissants, Schnitzeln und der großen Schuhmission in Bologna
Der nächste Morgen begann mit einer dieser Erkenntnisse, die man im Camperleben erstaunlich schnell verinnerlicht: Wer früh wach ist, bekommt den besseren Cappuccino. Und wenn man sowieso auf einem Outlet-Stellplatz steht, weit vor Öffnung der ersten Boutiquen, dann hat der Tag praktisch selbst entschieden, wie er starten möchte. Also nicht mit Glamour, sondern mit Frühstück. Sehr vernünftig. Für unsere Verhältnisse fast schon verdächtig erwachsen.
Unser Ziel war das Portello Caffè im IPER Grande Supermarkt, und dort wartete genau das, was man nach einer Nacht im Camper braucht: zwei Cappuccino, die aussahen, als hätte jemand kurz Kunst studiert, dazu zwei Croissants mit Pistazie und Schokolade. Diese Kombination ist in Italien keine Mahlzeit, sondern eine kleine Lebensentscheidung. Und für 6,20 Euro bekamen wir nicht nur Frühstück, sondern auch das gute Gefühl, den Tag bereits erfolgreich überlistet zu haben. Während andere noch ihre Rollos hochzogen, saßen wir schon da, hielten warme Tassen in der Hand und waren uns einig: So kann man arbeiten. Also theoretisch. Praktisch hatten wir Urlaub.
Danach drifteten wir noch kurz durch den Supermarkt. Das ist bei uns selten nur Einkaufen, eher eine Art italienische Schatzsuche mit Einkaufswagen. Wasser, Snacks, Pasta, irgendetwas Lokales mit einem Etikett, das nach „nimm mich mit“ aussieht, obwohl man weder weiß, was es genau ist, noch wie man es ausspricht. Aber genau dafür gibt es Camper-Kühlschränke. Die sind nicht nur zum Kühlen da, sondern auch zum beherzten Verstauen spontaner Entscheidungen.

Punkt zehn öffnete dann Serravalle seine Tore, und wir standen bereit. Dieses Outlet ist wirklich kein normales Einkaufszentrum. Es ist eher eine Mischung aus italienischer Kleinstadt, Filmkulisse und Konsumtempel mit Brunnen. Man läuft durch pastellfarbene Gassen, vorbei an Arkaden, glänzenden Schaufenstern und Boutiquen, bei denen schon der Türgriff vermutlich mehr kostet als mein erster Gebrauchtwagen. Prada, Gucci, Armani — alles sehr schön anzusehen, aber teilweise eher Museumsbesuch als Einkaufsmöglichkeit. Wir bewunderten also viel von außen. Auch das zählt. Kostet nichts und macht trotzdem einen Hauch von Luxus im Gemüt.
Unsere eigentliche Mission war deutlich bodenständiger: Schuhe für Noah und Emilia. Ein klarer Auftrag, theoretisch einfach, praktisch Outlet-Lotterie. Natürlich fanden wir ausgerechnet in den passenden Größen nichts. Das ist ein Naturgesetz. Wenn man etwas Bestimmtes sucht, versteckt es sich. Dafür fanden sich andere Dinge. Kinderklamotten, ein paar Teile für uns, Kleinigkeiten, die ganz unauffällig in Tüten wanderten, als hätten sie dort schon immer hingehört. Man kann dagegen wenig tun. Einkaufstüten haben in Outlets offenbar einen eigenen Willen.

Bis gegen zwei schlenderten wir durch das riesige Gelände. Serravalle ist wirklich beeindruckend groß, mit seinen vielen Straßenzügen, Treppen, Plätzen und den über 230 Shops. Irgendwann kennt man nicht mehr den Weg, aber man erkennt zuverlässig, ob man gerade an einer Boutique vorbeiläuft, in der man realistisch einkaufen kann — oder nur kurz so tut, als würde man gleich ganz selbstverständlich hineingehen. Wir taten beides. Mit Würde.

Die Schuhmission war allerdings noch nicht erfüllt, und so wechselten wir ins praktische Nachbaruniversum: den Serravalle Retail Park. Weniger Springbrunnen, weniger Designer-Flair, aber dafür deutlich mehr Alltagstauglichkeit. Und siehe da: Dort wurden wir endlich fündig. Kein roter Teppich, keine Gucci-Fassade, aber echte Beute für die Kinder. Manchmal gewinnt eben nicht die große Bühne, sondern der Laden nebenan.
McArthurGlen Designer Outlet Serravalle Scrivia
Größe: ca. 50.000 m²
Über 230 Geschäfte
Architektur: mediterran, elegant, mit Innenhöfen, Brunnen, Arkaden
Highlights: Nike, Adidas, Guess, Hugo Boss, Tommy Hilfiger, Superdry u. v. m.
Ambiente: luxuriös, gepflegt, ruhig – ideal für stilvolles Bummeln
Besonderheit: kostenloser Camperstellplatz direkt am Gelände
Dann meldete sich der Magen. Sehr deutlich. Das Outlet hatte uns kulinarisch nicht wirklich überzeugt, also gingen wir dahin zurück, wo bereits am Vorabend nichts schiefgehen konnte: ins Roadhouse. Kurz vor Küchenschluss bestellten wir im Tempo eines eingespielten Notfallteams das Mittagsmenü. Und was dann kam, war kein Schnitzel, sondern ein goldbraunes Statement. Riesig, knusprig, mit Beilage und Getränk für 19 Euro. Stefan mit Pommes, ich mit kleinen Kartoffeln. Es war bodenständig, lecker und genau das Richtige nach mehreren Stunden Shopping. Danach waren wir nicht mehr hungrig, sondern in diesem angenehmen Zustand zwischen „zufrieden“ und „eigentlich könnte man jetzt schlafen“.
Aber Schlafen war nicht vorgesehen. Bologna wartete. Die Fahrt dorthin verlief erstaunlich unspektakulär, was auf italienischen Autobahnen fast schon eine eigene Sehenswürdigkeit ist. Natürlich gab es die üblichen kleinen Dramen: LKWs, die sich gegenseitig mit der Geschwindigkeit tektonischer Platten überholen, Kleinwagen, die Fahrspuren eher als kreative Empfehlung verstehen, und Fahrer, die vermutlich schon blinken würden, wenn Blinken nicht so überbewertet wäre. Unser Camper blieb souverän. Bologna rückte näher. Und dann kam mir unterwegs der Gedanke, der Stefan vermutlich innerlich kurz die Handbremse ziehen ließ.
Da liegt doch noch ein Outlet auf dem Weg. Castel Guelfo The Style Outlets. Noch zwei Stunden bis Geschäftsschluss. Das ist kein Zufall. Das ist Schicksal mit Rabattcode.

Also bogen wir ab. Noch ein Outlet. Noch eine Chance. Und diesmal war die Atmosphäre ganz anders als in Serravalle. Castel Guelfo ist weniger glamouröse Filmkulisse, mehr entspannter Einkaufsbummel mit Platz zum Atmen. Lange Arkaden, moderne Beleuchtung, großzügige Wege, keine Menschenmassen, keine Hektik. Ein Outlet, das nicht ständig ruft: „Schau mich an!“, sondern eher lässig sagt: „Guck halt mal rein, wenn du schon da bist.“
Und genau dort passierte es: Die Schuhmission wurde erfolgreich abgeschlossen. Zwei Paar Schuhe, zwei Enkel auf der imaginären Zufriedenheitsliste abgehakt, Oma innerlich im Triumphmarsch. Natürlich blieb es nicht nur bei Schuhen. Das wäre ja fast schon unhöflich gewesen. Ein paar zusätzliche Entdeckungen kamen noch dazu, weil man schließlich nicht zweimal an einem Tag in ein Outlet fährt, um dann plötzlich vernünftig zu werden. Irgendwo gibt es Grenzen.
Als wir schließlich weiter Richtung Bologna fuhren, war der Camper um einige Tüten schwerer, die Einkaufsliste deutlich kürzer und wir angenehm müde. Der Club del Sole Bologna Easy Camping Village erwartete uns mit genau dem, was man nach so einem Tag braucht: einem praktischen Stellplatz, Ruhe und einer heißen Dusche. Kein großes Drama, kein langes Einrichten, kein großes Programm mehr. Nur ankommen, duschen, essen, Füße hoch.
Zwei Outlets, ein Supermarkt-Frühstück, eine erfolgreiche Schuhjagd, ein Schnitzel von beachtlicher Größe und eine italienische Autobahn, die sich heute erstaunlich benommen hatte.
Morgen gehört Bologna uns. Buonanotte
Castel Guelfo The Style Outlets
Größe: über 30.000 m²
Rund 110 Shops
Marken: Nike, Adidas, Levi’s, Desigual, Lindt, Bialetti, Timberland etc.
Architektur: weitläufig, modern, mit schicken Details, Springbrunnen & viel Licht
Ambiente: familienfreundlich, großzügig, angenehm leer an Werktagen
Besonderheit: viele Restaurants & große Parkflächen








