Neapel reloaded – auf der Jagd nach dem Honig des Vesuvs


Ursprünglich war alles ganz klassisch durchgeplant: Am letzten Morgen wollten wir gemütlich auf dem Campingplatz auschecken, dann mit beiden Fahrzeugen – also unserem Camper und dem Mietwagen – gemeinsam zum Flughafen gondeln. Dort den Fiat Panda abgeben, dann rein in unseren Camper und gemütlich Richtung Heimat starten. Logisch, übersichtlich, machbar. So der Plan. Aber wie das mit Plänen so ist: Sie halten nur so lange, bis eine bessere Idee um die Ecke biegt? Statt den Mietwagen wie vorgesehen erst morgen abzugeben, entscheiden wir uns spontan für eine Kehrtwende: Heute ist der Tag. Heute fahren wir morgens zum Flughafen, lassen den kleinen blauen Panda – der zwar hässlich, aber immerhin zuverlässig war – dort zurück, und nutzen die gewonnene Zeit für einen letzten Ausflug nach Neapel. Und ganz ehrlich: Zum Glück!

Denn allein die Fahrt durch das morgendliche Verkehrschaos rund um Neapel hätte mich morgen im Camper den letzten Nerv gekostet. Die Straßen? Eng wie Zahnseide zwischen zwei Backenzähnen. Die Roller? Ein eigenes Verkehrskapitel. Und der Berufsverkehr? Ein chaotisches Ballett aus Hupen, Handzeichen und völligem Ignorieren jeder Verkehrsregel. Stefan bleibt ruhig – außen. Innen hat er vermutlich längst das Navi verklagt.

Ciao Panda


Nachdem wir den Panda (nein, nicht den vom WWF mit den Kulleraugen – sondern unseren kobaltblauen Mietwagen mit dem Charme eines Toasters auf vier Rädern) am Flughafen endlich losgeworden sind, geht’s weiter wie im italienischen Interrail-Express: Erst nehmen wir den Shuttle zum Terminal Garibaldi, zusammen mit ein paar Flugreisenden, die sichtlich irritiert sind, dass wir weder Koffer noch Eile haben.

Terminal Garibaldi

Dann steigen wir in die Bahn, die sich ihren Weg durch den neapolitanischen Untergrund gräbt – und lassen uns gemütlich Richtung Stadtzentrum schaukeln. Unser Ziel: die Haltestelle Toledo. Oder wie ich sie nenne: der Eingang in eine andere Welt.

Wir sind ja nun nicht zum ersten Mal hier – aber wer glaubt, man könne Terminal Garibaldi und seine unterirdischen Tiefen einfach so abhaken, der irrt gewaltig. Diese Metrostation ist kein banaler U-Bahn-Knotenpunkt, sondern ein mehrstöckiges Architekturerlebnis mit der Atmosphäre einer futuristischen Raumstation. Endlose Rolltreppen befördern uns durch schimmernde Tunnel aus Edelstahl, Mosaik und Metro-Melancholie.

Oben wuselt das Leben, unten surrt die Metro – und wir mittendrin. Der Bahnsteig ist grell beleuchtet und leicht chaotisch. Als der Zug einfährt, erinnert uns das Rattern der Schienen und das Quietschen der Bremsen daran, dass Neapel eben nicht nur Pizza und Vesuv kann, sondern auch Verkehr mit Charakter.

Wir steigen ein, lehnen uns zurück – na gut, soweit man sich eben in italienischen Pendlerzügen zurücklehnen kann – und lassen uns zur Haltestelle Toledo schaukeln. Die kurze Fahrt ist uns mittlerweile vertraut, aber nicht weniger faszinierend: Vorbeirauschende Tunnelwände, ein paar Einheimische mit Einkaufstaschen. Und dann, nach ein paar Minuten: Toledo. Wieder an der Oberfläche. Wieder mittendrin.

Und warum sind wir nochmal in Neapel? Ganz einfach: Weil ich diese irre Stadt total cool finde. Stefan… eher nicht. Noch nicht. Ich erinnere nur dezent daran, dass er Venedig beim ersten Mal auch anstrengend fand – und heute liebt er es heiß und innig. Ich gebe die Hoffnung also nicht auf. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Der eigentliche Grund hat sechs Beine, Flügel – und produziert Gold. Honig. Ja, wirklich – Honig!

Ich mag keinen Honig. Noch nie. Ehrlich. Dieses klebrig-süße Zeug aus dem Supermarkt hat in meinem Leben etwa denselben Stellenwert wie Brokkoli: absolut verzichtbar. Ich hab’s immer wieder versucht – Teelöffelweise, Brotweise, Gutgemeinte-Hausmittel-mäßig. Aber: Nein. Keine Liebe. Bis vor ein paar Tagen.

Wir saßen bei unserer Wanderung auf dem legendären Sentiero degli Dei – dem Pfad der Götter – völlig unerwartet an einem wackeligen Holztisch vor einer urigen Berghütte mit Blick auf Himmel, Meer und Schweißperlen. Und dann servierten man uns: Honig. Dunkel, kräftig, fast schwarz. Auf einfachem italienischem Brot. Kastanienhonig vom Vesuv, sagte der Bauer. Und ich? Ich hätte am liebsten das ganze Glas ausgelöffelt. Oder geleckt. Oder beides.

So wurde aus mir – Gabi, bekennende Honigverweigerin – eine Missionarin auf der Suche nach dem göttlichen Gold. Also los: Neapel, wir kommen – und diesmal mit leerem Rucksack und glasklarem Auftrag.

Wir starten voller Hoffnung am Mercato della Pignasecca, der vermutlich lautesten Marktstraße Europas – seit der Erfindung des Dezibels. Um uns herum: ein Crescendo aus knatternden Rollern, wild gestikulierenden Verkäufern, kreischenden Marktschirmen und Papiertüten im Sturzflug. Es riecht nach Fisch, reifem Käse und einer Prise Chaos.

Und hier – hier!, denken wir – muss es doch Honig geben. An jeder Ecke. Zwischen Pasta-Bergen, Sardellen-Akkorden und salzigen Olivenhügeln. Stattdessen stolpern wir über einen Stand mit gigantischen Parmesan-Leibern. Und ja, wir kaufen eine dieser goldenen Ecken, fast so groß wie Stefans Kopf. Aber: Honig? Fehlanzeige.

Quarteri Spagnoli

Also weiter ins Centro Spagnoli, dieses Viertel, das aussieht wie eine Mischung aus Mafia-Spin-off, Tetris mit Häusern und einem Live-Hupkonzert. Wir schlängeln uns durch Gassen, die selbst für Katzen eng wären, springen zur Seite, als ein Lieferwagen mit der aerodynamischen Eleganz eines Kühlschranks um die Ecke kracht, und ducken uns vor einer Vespa, die offenbar das Raum-Zeit-Kontinuum testen möchte.

Wir betreten alles, was nach Lebensmittel aussieht: Mini-Märkte, Tante-Emma-Läden, sogar eine Bäckerei mit Glasvitrine – aber nirgends: Honig. Keine Gläser. Keine Etiketten mit fröhlichen Bienchen. Nicht einmal ein Lippenbalsam mit Honiggeschmack. Nada. Niente.

Für eine Stadt, die laut Legende flüssiges Gold produziert, ist das ein erstaunlich gut versteckter Schatz. Oder wir sind einfach die Indiana Jones der Lebensmittelsuche – nur halt ohne Schatzkarte und Peitsche. Aber mit wachsendem Hunger.

Quarteri Spagnoli

Und gerade als wir überlegen, ob wir den heiligen Honig einfach aufgeben und stattdessen symbolisch ein Glas Nutella kaufen sollen, zeigt Stefan auf eine kleine Trattoria in einer Seitengasse. Ein paar Einheimische sitzen draußen, Lächeln, Gläser klirren, Pasta dampft.

„Schau mal, das sieht doch richtig gut aus“, sagt er – und das tut es auch: „La Casa de Femminielli“ – keine Touristenfalle, kein auf Hochglanz poliertes Instagram-Set, sondern einfach echtes, napolitanisches Leben. Und was soll ich sagen? Die Suche nach Honig war vielleicht ein Reinfall. Aber dieser Laden? Ein Volltreffer.

Wir setzen uns an einen kleinen Tisch. Offen zur turbulenten Gasse, im Schatten grüner Pflanzen und studieren die Karte. Wir enscheiden uns für Zur Vorspeise gibt’s eine klassische Caprese, wie aus dem Bilderbuch: reife Tomaten, cremige Mozzarella, ein Basilikumblatt wie aus einem Styling-Workshop für Kräuter. Einfach, ehrlich, sensationell.

Dann geht’s in die Vollen: Ich entscheide mich für Spaghettone alla Nerano – dicke Spaghetti mit Zucchini und Käse, cremig, samtig, mit diesem typischen „Warum-habe-ich-nicht-zwei-Portionen-bestellt“-Effekt. Stefan greift zu Ziti alla Scarpariello, einem Gericht, das klingt wie ein Mafioso, aber schmeckt wie der erste Kuss in Italien: tomatig, würzig, mit genau der richtigen Portion Schärfe und Pasta-Biss.

Dazu: vino della casa. Ein Weißwein, wie er sein muss – eiskalt, fruchtig und in Gläsern serviert, die so beschlagen sind, als hätten sie gerade eine Runde Vespa gefahren. Wir stoßen an. Auf die letzte Runde Neapel. Auf gute Ideen. Auf schlechten Orientierungssinn mit gutem Ausgang. Und ein kleines bisschen auch auf den Honig, den wir nicht gefunden haben – aber der jetzt auch keine Rolle mehr spielt.

Quarteri Spagnoli

Wir bummeln noch ein wenig durch die Gassen – eigentlich ohne Ziel, aber in Neapel hat selbst zielloses Umherirren Unterhaltungswert. Und falls ich es noch nicht erwähnt habe: Ampeln scheinen hier in dieser Gegend eine optionale Laune der Städteplanung zu sein. Man sieht sie zwar gelegentlich, aber niemand – wirklich niemand – nimmt sie ernst. Rot, Grün, Gelb? Spielt keine Rolle. Das eigentliche Verkehrsregelinstrument hier ist der Kreisverkehr. Und wenn man denkt, es kann doch nur einen geben – falsch gedacht: Ein Kreisverkehr mündet in den nächsten, der wiederum aus ovale Schleifen, Spiralen oder chaotische Paralleldimensionen zu bestehen scheint.

Und das Beste? Als Fußgänger musst du einfach loslaufen. Kein Zebrastreifen, kein Knopf zum Drücken, kein rettendes Signal. Einfach los. Vertrau auf dein Schicksal – oder auf die Bremskraft eines Fiat Panda. Völlig verrückt: Die Autos halten tatsächlich an! Ich fühlte mich ein bisschen wie Indiana Jones in Teil 3, als er beim Sprung vom Löwenkopf einfach den Fuß auf eine scheinbar nicht vorhandene Brücke setzt – und plötzlich trägt sie ihn doch.

Gegen 16 Uhr treten wir den Heimweg an. Von der Haltestelle Toledo geht’s mit der Metro zum Bahnhof Garibaldi. Dort stellen wir fest, dass der Bahnhof Villa Regina, der uns zurück zum Campingplatz bringt, irgendwie versteckt liegt. Ein hilfsbereiter Bahnmitarbeiter zeigt uns den Weg – und ich bekomme, ganz Lokführerin in zivil, sogar ein besonderes Schmankerl: Ich darf im ersten Wagen mitfahren, mit Blick direkt in den Führerstand! Für mich natürlich ein bisschen wie Weihnachten und Dienstbesprechung in einem.

Zugfahrt zum Bahnhof Villa Regina

Und dann das: Der Lokführer pfeift. Nicht einmal, nicht zweimal – an jedem Bahnhof, an dem er nicht hält, lässt er die Tröte aufheulen, bis wirklich alle den Kopf heben und sich umdrehen. Und weißt du was? Ich finde das großartig.

Denn nichts ist schlimmer, als mit Tempo durch einen Bahnhof zu fahren, und da stehen Menschen mit dem Rücken zur Gleiskante, tief über ihr Handy gebeugt oder in Gespräche vertieft – keine Ahnung, dass da gleich ein Zug durchzischt. Ein Pfiff ist da kein Showeffekt – das ist gesunder Menschenverstand mit Signalwirkung. Ein Hoch auf diesen Kollegen, der nicht nur pfeift, sondern dafür sorgt, dass keiner aus Versehen zum Domino wird.

Weg vom Bahnhof zum Campingplatz

Gegen 17:30 Uhr erreichen wir Villa Regina. Noch ein kurzer Fußweg – vorbei an römischen Mauerresten, Olivenbäumen und halb aufgegebenen Gärten – und wir sind wieder auf dem Campingplatz. Zu Hause. Für eine Nacht noch.

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