Gassenzauber, Fresken und leckere Umbrichelli
ein Zwischenstopp in Orvieto
Nach unserem letzten Frühstück bei Pasquale – mit Cappuccino, herzlichem Händedruck für Stefan, Umarmung und einem Bussi auf die Wange für mich – ruckelt der Camper vom Platz wie ein treuer Weggefährte, der kurz innehalten möchte, bevor es weitergeht. Pasquale steht am Tor, winkt wild, als würden wir auf große Expedition gehen, und ruft uns noch irgendwas hinterher, das wie „Arrivederci, miei cari!“ klingt. Und während der Rückspiegel kleiner wird, ist eines völlig klar: Hier waren wir nicht zum letzten Mal.
Als wir uns gestern Abend auf dem Campingstuhl vor dem Camper niederließen, hatte ich plötzlich wieder diesen Gedanken im Kopf: der Honig! Dieser legendäre Vesuv-Honig, den ich eigentlich kaufen wollte, der aber auf mysteriöse Weise unauffindbar blieb. Stefan meinte: „Such doch mal nach im Internet nach einer Imkerei.“
Gesagt, gegoogelt, gefunden: Apicoltura Biagino – klingt nach handverlesener Qualität und klebt schon vom Namen her ein bisschen. Die Adresse liegt zwar nicht direkt an unserer Route, aber nah genug für einen charmanten Honig-Umweg. Also: Koordinaten ins Navi, und los.
Wir biegen ab in ein unscheinbares Wohnviertel mit Straßen, die wahrscheinlich für Fahrräder gebaut wurden, nicht für 6 Meter Camper. Stefan manövriert den Koloss mit der Geduld eines Bombenentschärfers, während ich innerlich Kerzen aufstelle. An Parken ist hier natürlich nicht zu denken. Also fahren wir einmal vorbei, ich steige aus und laufe das letzte Stück zurück – falls er eine Ehrenrunde drehen muss, bleiben wir per Telefon in Kontakt.
Und dann steh ich da: vor einem kleinen Schaufenster, das aussieht wie der Vintage-Geschenkshop meiner Träume – Seifen, Schleifen, Schleckereien. Ein bisschen wie Pinterest mit italienischem Akzent. Über der Tür hängt ein verwittertes Schild: Da Fattoria Biagino. Und plötzlich riecht alles ein bisschen nach Abenteuer – und Honig.
Im Netz stand was von täglichen Öffnungszeiten. Ich bin pünktlich um 9:30 Uhr da – sogar ein bisschen zu früh. Aber nichts passiert. Keine Tür, kein Mensch, kein Summen. Nur ein kleines Schild mit rot-goldenen Lettern flüstert mir zu: nur montags und samstags geöffnet. Ich bin konsterniert.

In dem Moment kommt eine ältere Passantin vorbei, sagt etwas auf Italienisch – ich verstehe kein Wort, nicke höflich und stammele nur „Mi piace il miele“. Doch sie zögert keine Sekunde. Geht schnurstracks zur Tür, klingelt – nichts. Dann legt sie nach: ein kräftiges Klopfen an die Scheibe, dass selbst der Blumentopf auf der Fensterbank nervös vibriert. Und als wäre das noch nicht genug, ruft sie durch den Türspalt irgendetwas, das entweder ein Befehl oder ein sehr temperamentvolles Guten Morgen ist.
Ich bin kurz davor, mich hinter einem Busch zu verstecken, doch da bewegt sich was: Eine ältere Dame erscheint aus dem Dunkel einer Kellertreppe, schiebt langsam die Tür auf – und lächelt. Mir ist das Ganze furchtbar peinlich. Aber bevor ich mich entschuldigen kann, sagt die Passantin ganz selbstverständlich: „Signora vuole miele!“ – Die Dame will Honig.
Die Dame lächelt freundlich, als hätte sie nur auf mich gewartet. Sie bittet mich hinein – in einen Laden, der aussieht wie die Requisite einer Märchenszene. Kleine Häuschen, Geschenkverpackungen, Seifen, handbeschriftete Schilder, und natürlich: Honig in allen Varianten.
Ich nehme vier große Gläser, Castagno, Alianta, Melata und Fiori di Bosco, alles zu einem Preis, bei dem ich kurz überlege, ob ich das Sortiment übernehmen und nach Deutschland exportieren sollte. Als kleines Extra wandert noch eine Honigseife für Nadine in die Tasche. „Wir versenden auch nach Hause“, sagt die Signora mit einem Augenzwinkern. Ich glaube, ich habe gerade meine neue Lieblingsimkerei gefunden. Mit süßem Vorrat im Gepäck tuckern wir weiter, diesmal wirklich in Richtung Orvieto. Der Camper riecht nach Abenteuer. Und Honig.
Ich habe Honig. Ich bin glücklich. Vier große Gläser voller dunkler, duftender Honig stehen jetzt gut verstaut im Camper – Mission erfüllt. Mit diesem süßen Erfolg im Gepäck nehmen wir Kurs Richtung Norden. Heute steht ein Zwischenstopp in Orvieto auf dem Plan.
Die Route führt uns schnurgerade auf der Autobahn an Rom vorbei – und natürlich werfe ich einen sehnsüchtigen Blick nach links, als könnte ich den Petersdom zwischen den Verkehrsschildern erspähen. Aber keine Zeit für nostalgisches Abbiegen. Rom steht diesmal nicht auf der Liste. Aber ein andermal. Versprochen, Rom! Unser Ziel: Eine Stadt, die aussieht, als hätte man sie aus einem Fantasyfilm ausgeschnitten – hoch oben auf einem Tuffsteinfelsen, majestätisch und ein kleines bisschen magisch.
Eigentlich war der Plan, unten an der Talstation zu parken und mit der Zahnradbahn in die Altstadt zu gondeln. Aber wie das bei guten Plänen so ist: Sie werden spontan durch noch bessere ersetzt. Direkt oben, mitten in der Altstadt, wird ein Parkplatz frei. Zack, rein da. Solche Zeichen muss man ernst nehmen.
Kaum sind wir aus dem Camper geklettert und einmal um die Ecke gebogen, stehen wir vor der Rocca Albornoz – oder besser gesagt: auf ihr. Diese Festung thront auf dem Tuffsteinfelsen wie eine wuchtige Zeitkapsel aus dem Mittelalter, aber mit der Aussicht einer Drohne. Wir lehnen uns ans Gemäuer, schauen über die Zinnen – und schweigen kurz. Nicht, weil uns die Worte fehlen, sondern weil der Blick einfach alles sagt: sanfte Hügel, grüne Täler, kleine Dörfer, die aussehen wie hingestreute Miniaturen. Und das alles im Licht eines spätsommerlichen Nachmittags, das die Welt wie durch einen Weichzeichner leuchten lässt.

Unten rollen Traktoren durch die Felder, irgendwo bimmelt eine Glocke, und der Duft nach warmer Erde liegt in der Luft. Wir folgen dem befestigten Rundweg entlang der alten Mauern, vorbei an Zypressen, die im Wind rascheln wie altes Pergament. Stefan will wissen, ob hier mal was Belagerungsmäßiges passiert ist. Ich nicke wichtig, tue so, als hätte ich eine Doku gesehen, aber in Wahrheit denke ich nur an die Kamera – und daran, wie gut dieses Licht ist.
Nach einer halben Stunde Aussicht-inhalieren und Historie-auftanken knurrt der Magen. Zeit für die nächste Mission: Mittagessen. Aber nicht irgendwo. Schließlich sind wir in Orvieto – und die Stadt hat noch einiges mehr zu bieten als nur Mauern, Tore und Panorama.
Gleich zu Beginn unseres Spaziergangs durch die Altstadt entdecken wir die Pizzeria Condizionata, deren Außenbereich uns direkt mit rot-weiß-karierten Tischdecken und handgeschriebenen Tagesmenüs anlockt – wie im Bilderbuch. Das „Menù del Giorno“ für 19,90 Euro liest sich wie ein Gedicht in Umbrichelli: Cacio e Pepe, Arrabbiata, Carbonara, Pomodoro – alles dabei, was das Pasta-Herz höherschlagen lässt. Dazu gibt’s ein Hauptgericht: Porchetta Orvietana, diese in Scheiben gemeißelte Poesie aus Kruste, Fett und zartem Fleisch, oder eine saftig gegrillte Salsiccia, begleitet von goldbraunen Ofenkartoffeln oder bunter Caponata. Brot und eine halbe Flasche Wasser inklusive – als ob wir es geplant hätten.

Ich entscheide mich für die Porchetta – allein der Anblick auf dem Teller ist ein Kunstwerk. Stefan nimmt die Salsiccia, natürlich mit Kartoffeln. Und was soll ich sagen: Das Essen ist ein Traum. Kein Halligalli, kein Chi-Chi – einfach gute, ehrliche Küche mit Wumms. Während wir kauen, lachen und mit der Gabel durch die letzten Soßenreste streichen, wissen wir: Dieser Stop war ein Volltreffer.
Pizzeria Condizionata
Umbrichelli – Umbriens Pasta mit Charakter
Die Umbrichelli sind eine Spezialität aus Umbrien, die in der Toskana auch als „Pici“ bekannt ist. Es handelt sich um handgerollte, dicke Nudeln, die traditionell nur aus Hartweizenmehl und Wasser bestehen – also ohne Ei, was sie besonders kernig macht. Ihre Herstellung ist reine Handarbeit: Der Teig wird zu fingerdicken Strängen gerollt, was jeder Nudel ihre ganz eigene Form gibt – mal ein bisschen krumm, mal etwas dicker, aber immer mit genau der richtigen Portion Biss.
Gerade diese unperfekte Perfektion macht die Umbrichelli so besonders. Ihre leicht raue Oberfläche nimmt Saucen hervorragend auf – egal ob eine cremige Cacio e Pepe, eine würzige All’Arrabbiata oder die klassische Carbonara. Auch als Beilage zu Schmorgerichten oder gegrilltem Fleisch machen sie eine hervorragende Figur. In vielen Restaurants – wie in unserem Fall – gibt’s sie sogar als Menü-Highlight in mehreren Varianten, weil die regionale Küche zurecht stolz auf ihre Lieblingsnudel ist.
Wer einmal Umbrichelli gegessen hat, wird normalen Spaghetti danach höchstens noch einen respektvollen Gruß aus der Ferne schicken. Diese rustikalen, handgerollten Nudeln haben einfach mehr Charakter. (Na gut – außer Stefan vielleicht. Spaghetti bleiben eben seine große Pastaliebe – auch wenn sie ein bisschen blass wirken neben den kernigen Umbrichelli.)
Nach dem traumhaften Mittagessen zieht es uns – wie magnetisch angezogen – weiter durch die Altstadt von Orvieto. Gut gestärkt und mit einem kleinen Espresso-Boost im Blut lassen wir uns treiben: durch Gassen, die sich wie Adern durch das historische Herz der Stadt schlängeln, flankiert von ockerfarbenen Mauern und schmiedeeisernen Balkonen, an denen noch letzte Geranien blühen.

An jeder Ecke scheint ein Schaufenster zu warten, das dringend bewundert werden will: Kunsthandwerk, Keramik, lokale Spezialitäten und – natürlich – Pinocchios in allen Größen und Materialien. Ein hölzerner Kollege sitzt sogar auf einer Bank und wartet geduldig auf das nächste Erinnerungsfoto. Der Spaziergang ist wie ein Wimmelbild in 3D – je länger man schaut, desto mehr entdeckt man. Und: Keine Straße sieht aus wie die andere. Manche sind so schmal, dass kaum zwei Menschen aneinander vorbeikommen, andere öffnen sich plötzlich zu kleinen Plätzen mit Kopfsteinpflaster, auf dem die Nachmittagsruhe liegt wie ein weiches Tuch.
Und dann stehen wir plötzlich vor dem Duomo. Also dem Duomo. Majestätisch, gewaltig, mit einer Fassade, die aussieht, als hätte ein übermotivierter Kirchenbaumeister alle verfügbaren Stilrichtungen auf einmal ausprobiert – und dabei ein Wunderwerk geschaffen. Gotik, Mosaike, Skulpturen, Streifenmuster wie auf einem Zebrastreifen deluxe. Ich kann mich kaum sattsehen. Stefan übrigens auch nicht – allerdings mehr aus architektonischer Bewunderung denn aus Blog-Foto-Motivation.
Innen ist die Kathedrale mindestens genauso beeindruckend. Farbgewaltige Fresken, hohe Bögen, das Licht bricht durch die Fenster wie durch Kirchenfenster eben nur in Italien brechen können. Es ist einer dieser Orte, die dich automatisch leiser werden lassen – nicht aus Ehrfurcht, sondern weil die Atmosphäre selbst die Lautstärke runterregelt.

Nach dem kulturellen Overload braucht es dringend: Gelato. Und wie durch göttliche Fügung steht wenige Minuten später ein Eisladen vor uns, dessen Vitrine aussieht wie der Schaukasten zum Paradies. Ich nehme – Überraschung – Nocciola und Pistacchio. Stefan entscheidet sich für Cioccolato und Banana – eine Kombi, die klingt wie ein italienisches Duett aus den Achtzigern, aber erstaunlich gut harmoniert.

Mit Eis in der Hand bummeln wir weiter – vorbei an kleinen Boutiquen, einer Kirche mit schiefer Tür, einem Laden voller Weine aus der Region, und immer wieder dieser Ausblick über das grüne Herz Umbriens, das sich von den Stadtmauern aus wie eine Landschaftstapete unter den Himmel schiebt.
Nach fast vier Stunden sagen wir leise „Arrivederci, Orvieto“. Diese Stadt ist wie ein zu kleines Fotobuch – zu schön, um sie in einem Kapitel abzuhandeln. Aber unser Camper wartet. Und der nächste Abschnitt unseres Roadtrips auch.
Um 16:30 Uhr verabschieden wir uns von Orvieto – mit schweren Herzen, aber vollen Mägen – und nehmen direkten Kurs auf den nächsten Campingplatz: das Camping Village Mugello Verde. Auch Florenz rauscht an uns vorbei, diesmal nur als Schild am Straßenrand. Es tut weh, nicht abzubiegen. Aber nicht für lange – denn wir wissen: auch das hat seinen Platz im Reiseplan, nur eben etwas später.
Rund eine halbe Stunde nach dem Abbiegen von der A1 erreichen wir unser Ziel – im stockfinsteren Nirgendwo. Ankunft im Dunkeln ist nie die beste Idee, aber diesmal ist sie besonders abenteuerlich: Der Platz ist riesig, die Wege verwinkelt, und die Platznummern wirken wie willkürlich verstreut. Also parken wir unseren Camper irgendwo ins Schwarz hinein, schnappen uns die Taschenlampen und stolpern halb durch Wald, halb über Kieswege auf der Suche nach den Waschräumen. Ein bisschen fühlt es sich an wie Nachtwanderung im Ferienlager – nur ohne Karte, ohne Gruppenleiter und ohne Lagerfeuer.
Morgen früh wird sich zeigen, wo wir da überhaupt gelandet sind. Aber eines ist jetzt schon sicher: Wenn Camping ein Abenteuer ist, dann war das hier der Prolog.







































