Der Roadtrip beginnt. Mit einem Fön.
Der März ist kein Monat. Der März ist eine Charakterprüfung.
Wer Ende März mit dem Camper Richtung Mittelmeer aufbricht, hat schließlich ein ziemlich klares Bild im Kopf. Man denkt an Sonne, Cappuccino irgendwo auf einer italienischen Piazza und Temperaturen, bei denen man morgens überlegt, ob die Jacke heute wirklich nötig ist. Der März huete in Deutschland hat davon allerdings nie etwas gehört. Er kannte heute morgens genau zwei Dinge: ein Grad Celsius und schlechte Laune.
Unser Plan war eigentlich herrlich unkompliziert. Camper beladen, Frischwasser auffüllen, Nadine und Oli sammeln ihren Mietcamper ein und dann starten wir gemütlich Richtung Sardinien. Um elf Uhr wollten wir los. Ein realistischer Plan – jedenfalls bis sich unser Frostwächter entschied, den Winter noch ein bisschen verlängern zu wollen.
Der Frostwächter ist dieses kleine, unscheinbare Bauteil, das verhindert, dass einem bei Minusgraden die komplette Wasseranlage um die Ohren friert. Eigentlich eine gute Erfindung. Blöd nur, wenn das Thermometer längst über Null geklettert ist, der Frostwächter das aber offensichtlich für Fake News hält.
Also füllten wir Wasser ein.
Und unten lief es genauso schnell wieder heraus.
Noch einmal. Wieder.
Das Wasser schien erstaunlich genau zu wissen, wo der Ausgang war.
Stefan verschwand daraufhin irgendwo im Bauch unseres Campers. Ich kniete daneben und hielt heldenhaft einen Haarfön in das Fahrzeug. Wenn man mit Mitte fünfzig an einem Freitagvormittag auf einem Parkplatz liegt und seinem Wohnmobil die Füße föhnt, stellt man sich irgendwann keine Fragen mehr. Man macht es einfach.
Meine Aufgabe bestand allerdings nicht nur im Föhnen. Ich war außerdem für die fachliche Begleitung zuständig.
„Jetzt müsste es eigentlich gehen.” Tat es nicht.
„Jetzt aber bestimmt.” Tat es immer noch nicht.
Rückblickend bestand mein Beitrag hauptsächlich darin, ausgesprochen optimistisch zu sein.
Genau in diesem Moment rollten Nadine und Oli mit ihrem Mietcamper auf den Hof.
Der neue Camper machte sofort einen guten Eindruck. Vor allem hatte er einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Vorjahr: Oli passte diesmal tatsächlich komplett ins Bett. Das war bereits ein erheblicher Fortschritt. Letztes Jahr erinnerte sein Schlaf eher an einen zusammengefalteten Zollstock als an eine erholsame Nacht.
Wir dachten gerade, jetzt könne eigentlich nichts mehr schiefgehen. Dann stellte sich heraus, dass auch dieser Camper einen Frostwächter hatte.
Keine fünf Minuten später standen wir zu viert um zwei Wohnmobile herum und diskutierten über kleine Kunststoffventile, deren Existenz uns eine halbe Stunde zuvor noch vollkommen egal gewesen war. Klappen wurden geöffnet. Matratzen verschwanden. Irgendwo wurde ein Ventil entdeckt. Irgendwo anders fehlte plötzlich der Deckel vom Frischwassertank.
Während wir ihn suchten, erledigte das Wasser erneut seinen Teil der Arbeit und verließ den Camper auf dem kürzesten Weg.
Ich hatte langsam das Gefühl, Wasser besitzt einen ausgezeichneten Orientierungssinn. Wir eher nicht.
Als schließlich beide Camper davon überzeugt waren, dass wir tatsächlich nach Sardinien und nicht zum Nordpol fahren wollten, war es plötzlich 13 Uhr. Unser geplanter Start um elf hatte sich still und leise verabschiedet. Zwei Stunden waren irgendwo zwischen Frostwächtern, Haarfön, Tankdeckeln und erstaunlich vielen Diskussionen darüber verschwunden, wie Wasser eigentlich funktionieren sollte.
Aber irgendwann rollte unser kleiner Familienkonvoi endlich los. Vorne wir. Dahinter Nadine und Oli mit Noah und Emilia. Zwei Camper, sechs Menschen und unendliche Vorfreude. Kaum hatten wir Esslingen hinter uns gelassen, wurde der Tag fast schon langweilig. Für Freunde gepflegter Reisedramen jedenfalls.
Die A8 lief erstaunlich entspannt. Keine kilometerlangen Staus, keine Vollbremsungen, keine Baustellen, die den Verkehr in ein groß angelegtes Gesellschaftsexperiment verwandelten. Deutschland zog langsam vorbei, Österreich ebenfalls, und hinter Chur wechselte die Landschaft plötzlich ihre Jahreszeit.

Der San Bernardino zeigte sich von seiner besten Seite. Schneebedeckte Gipfel, dunkle Felsen und Hänge, auf denen der Winter offensichtlich beschlossen hatte, einfach noch ein paar Wochen Urlaub dranzuhängen. Diese Strecke begeistert uns jedes Mal aufs Neue. Man schaut aus dem Fenster, entdeckt irgendwo zwischen Thusis und Splügen die schneebedeckten Berge und vergisst für einen Moment völlig, dass man am Morgen noch mit einem Haarfön unter einem Camper gelegen hat. Fast jedenfalls.
Denn jedes Mal, wenn ich aus dem Fenster schaute, tauchte dieses Bild wieder vor meinem inneren Auge auf: Stefan halb im Fahrzeug verschwunden, ich daneben mit dem Fön. Wahrscheinlich genau der Moment, in dem sämtliche Nachbarn beschlossen haben, uns künftig einfach nicht mehr zu fragen, was wir da eigentlich machen.
Je weiter wir Richtung Italien kamen, desto mehr fiel die ganze Aufregung des Vormittags von uns ab. Hinter Mailand wurde der Verkehr ruhiger, die Sonne stand inzwischen tief und jeder problemlos gefahrene Kilometer fühlte sich nach den Startschwierigkeiten wie ein kleiner persönlicher Sieg an.
Kurz nach neun rollten wir schließlich in Serravalle ein. Nach einem Tag wie diesem gibt es genau zwei Prioritäten: erst essen, dann schlafen. Also steuerten wir das Roadhouse an. Drinnen war es warm, laut und roch nach allem, worauf man nach einem langen Reisetag Lust hat. Steaks, Burger, Pommes – genau die Küche, bei der man keine Speisekarte studieren muss.
Während das Essen kam, wurde der Vormittag plötzlich richtig lustig. Vor drei Stunden hatten uns zwei Frostwächter beinahe den Zeitplan ruiniert. Jetzt erzählten wir die Geschichte bereits, als wäre sie Jahre her. Wir lachten über den Föhn. Über den verschwundenen Tankdeckel. Über das Wasser, das konsequent den falschen Weg genommen hatte. Selbst Noah und Emilia kicherten, obwohl sie wahrscheinlich hauptsächlich in Erinnerung behalten werden, dass Oma und Opa ihren Camper geföhnt haben. So funktioniert Familienurlaub. Das Drama hält meistens genau bis zum ersten Steak.
Später parkten wir die beiden Camper auf dem Stellplatz am Outlet. Motoren aus. Türen zu. Endlich Ruhe.
Rückblickend begann unser Sardinien-Roadtrip also weder mit Palmen noch mit Fähren oder türkisblauem Wasser. Er begann mit zwei Frostwächtern, einem Haarfön und der beruhigenden Erkenntnis, dass wir als Familie erstaunlich gelassen bleiben, wenn am Anfang erst einmal alles schiefläuft.
Und ehrlich gesagt war das wahrscheinlich der perfekte Auftakt.
Denn bei unseren Reisen ist das fast schon Tradition: Erst spielt die Technik verrückt. Danach wird es meistens richtig gut.













