Wenn der Esel entscheidet, läuft die Welt in einem anderen Tempo
Vergesst alles, was ihr jemals über entspannte Wandertage gelesen habt. Heute stand etwas auf dem Plan, das sich irgendwo zwischen totaler Entschleunigung und Free Solo für Esel-Einsteiger einpendelte. Ein echtes Epos – nur mit längeren Ohren.
Der Start war allerdings so unfassbar italienisch, dass er als Klischee-Kunst durchgeht. Wir standen hochmotiviert am Campingplatz und warteten auf den Bäcker, der uns Croissants vorbeibringen sollte. Der Bäcker hatte offenbar andere Prioritäten. Vielleicht sein dritter Espresso. Vielleicht eine tiefe meditative Phase über die Konsistenz von Blätterteig. Vielleicht einfach: Sardinien im April. Wir werden es nie erfahren. Jedenfalls: kein Bäcker, keine Croissants, kein Schoko-Glück. Wir schluckten den Hunger runter – im doppelten Wortsinn – und fuhren die 15 Minuten zum Treffpunkt oberhalb von Santa Maria Navarrese. Wenn schon kein Gebäck, dann wenigstens ordentlich Staub fressen.

Dort, im Reich von Antonio und seinem Bruder Miquele, warteten bereits die eigentlichen Stars des Tages. Gefunden hatte ich dieses Esel-Abenteuer eher zufällig im Internet – einer jener glücklichen Treffer, die man nicht plant und hinterher nicht mehr missen möchte. Die Organisation im Vorfeld lag in den Händen einer Deutschen, die das Ganze so professionell und herzlich per WhatsApp abwickelte, dass man fast vergaß, in der sardischen Pampa zu sein. Man erklärte uns vorab alles bis ins kleinste Detail. Sogar der Treffpunkt wurde verlegt, damit wir unsere zwei Fahrzeuge ohne Schweißausbrüche parken konnten. Das nenne ich Service. Der verschollene Bäcker kann sich davon eine dicke Scheibe abschneiden.
Die Einweisung vor Ort war kurz, prägnant und lebendig genug, um sofort zu verstehen: Das hier ist kein Streichelzoo, das ist eine Expedition. Die wichtigste Lektion des Tages – die man eigentlich erst nach zwei Stunden wirklich versteht: Esel sind keine Dummköpfe, sondern sensible Kletterkünstler mit einem eigenen Kopf, der sich um Menschenmeinungen herzlich wenig schert.
Unser Team für die nächsten Stunden stand fest. Pericle: dunkel, stolz, mit dem Blick eines Westerns-Helden – er übernahm die schwere Verantwortung für Noah. Gastone: geduldig, sanft, mit einem Gesicht, das sagt „ich hab das schon tausend Mal gemacht und du weißt es einfach noch nicht“ – der perfekte Begleiter für Emi. Oli nahm einen Führungsstrick, Nadine den anderen. Noah thronte auf Pericle mit der Lässigkeit eines Expeditionsleiters, der schon immer wusste, dass er das hier draufhat. Emi saß stilecht mit Reiterhelm auf Gastone und sah aus, als würde sie jeden Moment zur Fuchsjagd im Unterholz blasen – was angesichts des Macchia-Dschungels keine schlechte Strategie gewesen wäre.
Der Start war noch fast verdächtig harmlos. Ein gemächliches Dahintrotten entlang der Ogliastra-Küste, die mit ihren Blau- und Grüntönen so unverschämt paradiesisch aussah, dass man nach dem Haken suchte. Der Haken kam etwa 1,5 Kilometer später – in Form einer scharfen Linkskurve, nach der das Wort „Wanderung“ eine glatte Untertreibung war. Von hier an hieß es: Klettern.
Wir wechselten uns beim Esel-Management ab – mal hatte Stefan den Strick, mal ich, dann Oli und Nadine. Was auffiel: Während wir Menschen auf den schmalen, steinigen Pfaden manchmal so grazil wie betrunkene Bergziegen nach Halt suchten, setzten Gastone und Pericle ihre Hufe mit einer stoischen Präzision, die schlicht demütigend war. Vorbei an uralten Wacholderbäumen und durch märchenhafte Steineichenwälder – das rhythmische Klackern der Hufe auf dem Fels, das gelegentliche Schnauben, der Wind vom Meer. Es gibt kein Fitnessstudio der Welt, das dieses Gefühl replizieren kann. Und kein Coaching-Programm, das einem das beibringt, was man hier ganz von alleine versteht.
Denn irgendwann passiert etwas Merkwürdiges mit dem Gehirn. Es schaltet ab. Nicht aus Erschöpfung, sondern weil die einzige Frage, die noch zählt, lautet: Kommt der Esel oder kommt er nicht?
Man führt nämlich keinen Esel. Man macht ihm einen Vorschlag. Wenn Pericle oder Gastone gerade Lust haben, die Hufe zu heben, geht es weiter. Wenn nicht, steht dieses Tier mit einer Sturheit in der Macchia, die man in jedem anderen Kontext als Skandal empfinden würde – hier aber irgendwie nur noch bewundert. Da hilft kein Zureden, kein sanftes Zupfen. Man steht einfach da, atmet die würzige Luft ein, beobachtet eine Eidechse auf einem Stein und wartet, bis der Esel entscheidet: Okay. Jetzt.
Und das Seltsamste: Es stresst einen nicht. Kein Puls beschleunigt sich, kein nervöser Blick zur Uhr. Man hat die Kontrolle, die man sonst so krampfhaft festhält, einfach an zwei Tiere abgegeben – und das fühlt sich, im Ernst, großartig an.
Oben angekommen, stockte uns nicht nur wegen der Steigung der Atem. Mitten in der Macchia hatte Antonio einen Picknicktisch platziert, der dort oben wirkte wie eine Fata Morgana für hungrige Wanderer. Der Blick auf den Golf von Orosei war so absurd schön, dass man kurz an den Felsen kratzen wollte, um zu prüfen ob das nicht doch ein Greenscreen ist. Tief unter uns leuchtete das Meer in einem Türkis, das Bildbearbeitungsprogramme nur annähernd kennen. Am Horizont ragte die Pedra Longa wie ein steinernes Ausrufezeichen in den Himmel. Ein Panorama, das so laut „Freiheit“ schreit, dass man den verschwundenen Bäcker am Morgen fast schon vergeben konnte.
Fast.
Wir plünderten unsere mitgebrachten Vorräte – Wasser, Törtchen, alles was nach Pause schmeckt – und hielten inne. Die Törtchen, die Antonio uns mitgegeben hatte, waren so gut, dass wir kurz schwiegen und aßen. Gastone und Pericle bekamen von Noah und Emi Karotten, die sie mit einer Gier verputzten, die kurz die Frage aufwarf, ob die eigenen Finger noch komplett sind. Ein fairer Deal: wir die Törtchen, sie die Vitamine, alle glücklich.
Der Rückweg dauerte weitere zwei Stunden und führte querfeldein über Pfade, die so gut im Dickicht versteckt waren, dass wir ohne die GPX-Tracks vermutlich heute noch dort stehen und sardische Volkslieder summen würden. Aber wir hatten unsere Geheimwaffe: Pericle und Gastone. Die beiden kannten den Heimweg besser als jeder Satellit im Orbit. Während wir noch auf unsere Displays starrten und über links oder rechts debattierten, hatten die Esel die Hufe schon auf dem richtigen Pfad. Es hat etwas Demütigendes: Man schleppt Hightech-Equipment durch die sardische Macchia, und am Ende rettet einem ein Tier, dessen größte Sorge die nächste Karotte ist.
Wir kamen am Stall an – körperlich am Limit, moralisch bereit für alles Essbare. Und was Antonio und Miquele aufgetischt hatten, war keine Brotzeit. Das war eine kulinarische Großoffensive.
Der Tisch bog sich fast unter dem Gewicht sardischer Köstlichkeiten. Hausgemachte Oliven, die so intensiv schmeckten, dass man den Boden der Insel förmlich herausschmeckte. Ziegenricotta, frischer Joghurt, Pane Carasau, Focaccia, Schinken und Salami – Dinge, die hier einfach anders schmecken als überall sonst, weil sie von hier kommen und nirgendwo anders. Tomaten, die in Deutschland als Delikatesse versteigert worden wären. Eingelegte Paprika, Gurken, Pilze. Dazu ein Rotwein, der direkt in die Beine ging – was nach diesem Klettertag eigentlich niemanden störte, weil die Beine sowieso schon ihre eigene Agenda hatten. Und Myrto. Dieser sardische Myrten-Likör, süß und beerig und mit einer Durchschlagskraft, die selbst Gastone die Ohren angelegt hätte. Mein dringender Rat: Wer diese Tour bucht, bucht das Picknick dazu. Wer darauf verzichtet, hat einfach nicht genug nachgedacht.
Stefan saß am Tisch mit dem Gesicht eines Mannes, der gerade verstanden hat, was Urlaub eigentlich bedeutet. Nadine und ich griffen zu, ohne lange nachzufragen. Oli schenkte nach. Wir aßen und tranken mit einer Hingabe, bis wir ernsthafte Zweifel hatten, ob wir für den Rückweg zu den Campern nicht selbst auf Eseln abtransportiert werden müssten.

Emi hatte den Punkt der Erschöpfung noch beim Essen erreicht. Sie sank, quasi mitten im Satz, in einen Zustand zwischen Schlaf und Dasein – Gabel noch in der Hand, Blick ins Nichts. Ein Anblick von einer Vollständigkeit, die man nicht inszenieren kann. Noah hingegen war noch vollständig im Arbeitsmodus und Antonio nahm ihn mit, um die Esel zu striegeln, zu füttern und sie zurück in den Stall zu führen. Noahs Gesicht dabei – diese Mischung aus Konzentration und kaum verborgenem Stolz – war eines der schönsten Bilder des ganzen Tages. Kein Berufsreiter hätte das souveräner hingekriegt.
Am Ende: das obligatorische Gruppenfoto. Alle staubig, alle müde, alle mit einem Grinsen, das man operativ hätte entfernen müssen. Etwas nach Esel duftend. Vollkommen glücklich.

Zurück am Camping Village Le Cernie hatte ich nach der Dusche Zeit, den Platz etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Was ich fand, war eine Sammlung von Warnschildern, die in ihrer Vollständigkeit ihresgleichen sucht. Der Platz scheint eine Sondervereinbarung mit einer Druckerei zu haben.
Müllabgabe: eine Stunde pro Tag, penibel vorsortiert – sonst nichts. Warmes Wasser zum Spülen: 50 Cent, und der ausdrückliche Hinweis, dass man es nicht „wegtragen“ darf. Was lässt einen warmem Wasser schmuggeln? Man fragt sich das unwillkürlich. Und dann die Waschbecken-Hierarchie: eines für Hände, eines für Obst, eines für Fisch. Wer sein Gemüse im Obstbecken wäscht, löst vermutlich den sardischen Ausnahmezustand aus.
Man merkt: Dieser Platz hat seine besten Jahre im letzten Jahrtausend gefeiert. Aber – und das ist das entscheidende Aber – diese Lage. Direkt am wilden Strand, Pinien über uns, das Rauschen der Wellen als Dauerbeschallung. Das lässt einem die Bürokratie mit einem müden Lächeln vergessen.
Wir schleppten uns zum Strand, ließen den Blick übers Meer schweifen und hingen dann einfach in unseren Campingstühlen. Kein Abendessen. Kein Plan. Der Myrto hatte das letzte Wort.
Was für ein Tag.



































