Der letzte Tag, das eiskalte Wasser und Queen auf der Campingplatz-Bühne
Der letzte richtige Urlaubstag. Man merkt es schon beim Aufwachen – diese spezielle Mischung aus Vorfreude auf zu Hause und dem leisen Widerstand dagegen, dass das hier gerade endet. Der Lago Maggiore lag vor der Campingtür wie jeden Morgen, ruhig und blau und vollständig unbeeindruckt davon, dass wir morgen weiterfahren. Gut so. Manche Orte sollte man in ihrer Gleichgültigkeit nicht stören.
Der Morgen begann mit einem kleinen Wunder: Wir mussten uns nicht um frische Brötchen kümmern. Noah und Emilia übernahmen das mit einer Effizienz, die man von den beiden sonst nicht immer kennt. Auf ihren Tretrollern sausten sie zum Platz-Shop und brachten die Brötchen quasi im Vorbeiflug an den Tisch. Die Fotos zeigen, was dann entstand: ein ordentlich gedeckter Campingtisch, Nutella und Marmelade und Kinder-Kakao und Kaffee und alles was ein letzter Urlaubsmorgen braucht, draußen, zwischen den Campers, mit dem See als Kulisse.
Das Frühstück war gemütlich, ausgedehnt und völlig frei von Aufbruchshektik. Keine Fähre, kein Navi, keine zu kurze Straße mit zu breitem Camper. Einfach sitzen, essen, den Lago Maggiore anschauen. Wir haben das eine Weile lang getan, ohne es zu beeilen.
Nach dem Frühstück übernahm der Campingplatz das Programm für die Kinder. Ich lieferte Noah und Emi pünktlich im Miniclub ab – und was dort auf dem Programm stand, war kein halbherziges Basteln mit Knete, sondern eine ausgewachsene Detektiv-Jagd quer über das gesamte Platzgelände. Hinweise suchen, Rätsel lösen, im Team arbeiten – das ganze Spionage-Programm. Die beiden verschwanden mit dem entschlossenen Blick von Leuten, die eine Mission haben, und ich sah sie bis 12:30 Uhr nicht wieder.
Was wir Erwachsenen in dieser Zeit taten, sei der Vollständigkeit halber festgehalten: absolut gar nichts. Füße hochlegen. Ruhe genießen. Den See anschauen. Die Bäume anschauen. Kaffee trinken. Vielleicht noch einmal kurz einschlafen. Es war der erste Vormittag seit zwei Wochen, an dem niemand irgendwo hinfahren, irgendwas packen oder irgendjemanden irgendwohin abholen musste. Nach Eselwanderungen, Seeschlachten, Serpentinen, Prozessionen und Felsdramen war das die angemessene Antwort auf alles.
Zur Mittagszeit kehrten die Detektive zurück – Emilia mit dem Gesicht eines Menschen, der gerade einen sehr schwierigen Fall gelöst hat, Noah mit dem Ausdruck von jemandem, der bereits das nächste Abenteuer im Kopf hat. Das nächste Abenteuer war schnell definiert: Opa. Ins Wasser. Jetzt.
Der Lago Maggiore im April hat, sagen wir mal, Charakter. Der Charakter äußert sich darin, dass das Wasser eine Temperatur hat, bei der normale Mitteleuropäer reflexartig einen Schritt zurücktreten und erklären, sie kämen gleich nach. Was natürlich gelogen ist. Stefan stapfte trotzdem rein – die Fotos zeigen ihn von hinten, allein im See, mit Badehose und der Würde eines Mannes, der seinen Enkeln zuliebe Dinge tut, die er eigentlich nicht tun würde. Dann das mittlere Bild: Stefan, Noah und Emi von hinten, alle drei bis zu den Hüften im Wasser. Zwei Generationen, ein See, eine Wassertemperatur die man nicht laut aussprechen möchte.
Die Kinder fanden es herrlich. Das Urteil der Erwachsenen war einstimmig: viel zu kalt. Was den Kindern erwartungsgemäß vollständig egal war. Sie bauten anschließend am Sandstrand, der direkt vor unserer Campingtür begann, Burgen und Kanäle und Dinge, deren architektonische Bedeutung sich uns nicht erschloss, die aber offensichtlich wichtig waren.
Der Lago Maggiore selbst – und das verdient einen eigenen Satz – ist schlicht schön. Nicht die aufregende, dramatische Schönheit Sardiniens mit seinen Türkis-Buchten und Granitfelsen. Sondern die ruhige, vertraute Schönheit eines großen europäischen Sees, der von Bergen umrahmt wird und das Licht auf eine Art reflektiert, die man fotografiert und trotzdem nie ganz einfängt. Der Steg, die Palmen am Ufer, die Berge dahinter, das sanfte Plätschern. Nach zwei Wochen Meer tat diese Stille besonders gut.
Um 14:30 Uhr öffnete der Miniclub wieder seine Pforten für die Nachmittags-Session, und die Kinder verschwanden erneut mit Begeisterung. Wir genossen die Ruhe vor dem Abreise-Sturm. Irgendwann packte Stefan ein paar Sachen, sortierte die letzten Tüten aus dem Schrank und räumte vorsichtig und ohne Aufsehen zu erregen – die typischen Gesten des bevorstehenden Abschieds.
Um 18:00 Uhr schloss der Kids Club, spuckte zwei hungrige und sehr energiegeladene Detektive aus, und wir schlossen uns zusammen Richtung Restaurant. Das Captain Cook, das zum Camping Village Isolino gehört, ist einer dieser Orte, die man unterschätzt, bis man drin sitzt. Man setzt sich und denkt unweigerlich an Fabrizio und seinen Kahn und das Felsen-Erlebnis bei Spargi.
Wir Erwachsenen saßen auf der Terrasse und ließen den Blick über die Anlage schweifen. Was auf den Tisch kam, sah genauso aus wie es schmeckte: ordentlich und ehrlich und gut. Ein riesiger Spieß mit perfekt gegrilltem, saftigem Fleisch und goldbraunen Rosmarinkartoffeln. Zarte Medaillons in einer cremigen Pfeffersauce, dazu gegrillte Zucchini die tatsächlich nach etwas schmeckten. Ein großer Teller Spaghetti, im Handumdrehen verputzt. Für die Kinder der klassische Abschluss-Kombi: Schnitzel, Pommes, Zitrone. Und dann das Tiramisu – cremig, üppig, mit Kakaopulver und einer frischen Erdbeere und einem Stück Schokolade als Garnierung. Man fotografiert es, bevor man es isst. Das ist die einzig richtige Reihenfolge.
Wir schlemmten uns glücklich und ohne Eile durch den Abend. Das Gespräch lief so wie Gespräche nach zwei intensiven Wochen zusammen laufen – ruhig, sprunghaft, voller Querverweise auf Dinge die passiert sind, Bilder die man noch nicht vergessen hat, Momente die man irgendwann nochmal brauchen wird. Giuseppe und Andrea. Die Esel. Der Felsen. Die Dusche. Stefan.
Nach dem Abendessen: schnell zurück zum Basecamp, alle Kinder durch die Dusche jagen, den Sand des Sees aus den Haaren und Ohren und Zwischenräumen entfernen, und dann marschierte die frisch duftende Crew schnurstracks zur Kinder-Disco. Und da gab es kein Halten mehr.
Die Bilder der Bühne zeigen, was aus dem Animationsteam des Camping Village Isolino geworden ist: Profis. Echte, vollständig motivierte, mit vollem Körpereinsatz arbeitende Profis. Die Bühne war aufgebaut mit Kulissen, Lichtanlage, Leinwand, Mikros. Kinder und Animateure auf der Tanzfläche, Eltern drumherum. Noah und Emilia warfen sich in die Menge und tanzten, als hätten sie den ganzen Tag auf diesen Moment gewartet – was sie in gewissem Sinne wohl auch hatten. Nach einem Tag als Detektive, im eiskalten See und noch einmal im Miniclub, legten die beiden eine Ausdauer an den Tag, die beim Zusehen schwindelig machte.
Das absolute Highlight des Abends begann um 21 Uhr, als das Animationsteam das Finale einläutete: „We Will Rock You“ – ein echtes Musical auf der Campingplatz-Bühne. Kostüme, Bühnenbilder, die fetten Beats von Queen durch die Lautsprecher, Kinder die von den Animateuren auf die Bühne geholt wurden, Eltern die klatschten und mitsangen und kurz vergaßen, dass sie morgen früh aufstehen müssen. Als der erste Takt von „We Will Rock You“ durch die Halle donnerte und die Bühne in rotes und grünes Licht getaucht wurde, gab es nicht eine Person die sitzenblieb.
Wir saßen in der ersten Reihe und schauten auf das Chaos auf der Tanzfläche – Noah mittendrin, Emi die sich an einer Animateurin festgehalten hatte und mit ihr im Kreis drehte, Nadine die lachte, Oli der klatschte und vermutlich insgeheim noch immer an seinen Geburtstag gestern dachte. Queen auf einer Campingplatz-Bühne am Lago Maggiore, nach zwei Wochen Sardinien, im April, mit der ganzen Familie. Man könnte schlechtere Arten finden, einen Urlaub zu beenden.
Diesem fantastischen Tag hatten die Animateure noch einmal eine Krone aufgesetzt. Besser hätte man den letzten Urlaubsabend nicht abrunden können.
Morgen schließt sich das Logbuch. Die Camper nehmen Kurs auf die Heimat. Aber bis dahin – Gute Nacht, Lago Maggiore. Es war schön hier.

















