Abschied, Gamberi-Chaos und Bosas beste Seiten
Der Tag begann exakt so, wie der letzte aufgehört hatte: mit purer Verwöhnung durch Giuseppe und Andrea. Ein letztes Mal setzten wir uns an ihren Tisch, ließen den Cappuccino wirken und genossen das Frühstück mit der entspannten Melancholie von Leuten, die wissen, dass es gleich vorbei ist. Backfrische Brötchen aus der Bäckerei von Giuseppes Bruder, Salami, Schinken, Käse, Obstsalat – und das alles umgeben von Gänsen, Hühnern und der Aussicht auf sardische Hügel im Morgenlicht. Es ist schon verrückt, wie schnell einem Menschen – und ihre Tiere – ans Herz wachsen können.
Bevor wir die Motoren starteten, versammelten wir uns alle noch einmal für das obligatorische Gruppenfoto auf der Wiese. Beim Abschieds-Drücken gab es ein festes Versprechen: Wenn es uns irgendwann wieder auf diese Insel verschlägt, ist Coru e Bentu unser erster Anlaufpunkt. Definitiv. Und dann stiegen wir ein, schweren Herzens, und ließen die Mustangs, die Gänse und Giuseppes Küche hinter uns. Kompass auf Nord. Ziel: Alghero. Zwischenstopp: Bosa. Weg dorthin: alles andere als direkt.

Wer uns kennt, weiß: Die Strecke einfach nur abspulen kommt nicht in Frage. Also wurde aus der Fahrt nach Norden eine Murals-Safari vom Beifahrersitz aus – mit meiner Speicherkarte als Hauptleidtragendem und Stefan am Steuer mit der geduldigen Miene eines Mannes, der gelernt hat, dass „gleich weiterfahren“ bei uns eine sehr flexible Zeitangabe ist.
Kaum hatten wir die engen Täler rund um Fluminimaggiore verlassen und uns die ersten Hügel hochgearbeitet, tauchten in Guspini die ersten Wandbilder auf. Das Städtchen schmiegt sich fotogen an die Hänge und empfängt einen mit einer Mischung aus bröckelndem Charme und unerwarteter Farbigkeit. Direkt an der Durchfahrtsstraße: eine Frau in Tracht, die Brote in einem Korb trägt, umgeben von Blüten – die gesamte Hauswand ein einziges, leuchtendes Bild. Ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte.

Weiter nach Arbus, dessen Silhouette man von den Hügeln aus schon von weitem sieht, bevor man einrollt. Hier wurde unsere Murals-Sammlung um weitere Werke reicher. Die Bilder werden größer, großformatiger, selbstbewusster. Man merkt: Das ist kein Zufall und kein Pilotprojekt. Das ist eine Bewegung.
Und dann Zeddiani – wo die Murals förmlich aus den Fassaden explodierten. Fast an jeder zweiten Hauswand: ein Kunstwerk. Szenen aus dem Bergbauleben, Porträts alter Sarden mit Gesichtern, die ganze Biografien tragen, Erntebilder, Festtraditionen, das tägliche Leben vergangener Generationen. Jedes Dorf erzählt seine Geschichte auf seinen eigenen Wänden, mit seinem eigenen Stil, in seinen eigenen Farben. Man fährt durch diese Orte wie durch eine Galerie-Ausstellung – nur bei 50 km/h, ohne Katalog und mit dem leichten Frustrationsgefühl, dass man nicht jeden Moment festhalten kann, weil das nächste Bild schon wieder um die Ecke wartet.
Was mich dabei immer wieder berührt: Das sind keine Touristenattraktionen. Kein einziges Schild weist darauf hin, kein Ticketschalter, kein Audioguide. Das ist Stolz. Die Sarden malen ihre Geschichte auf die Wände, weil sie sie nicht vergessen wollen – nicht für Besucher, sondern für sich selbst. Die Kinder sollen wissen, woher sie kommen. Die Alten sollen sehen, dass man sich erinnert. Wir waren die Besucher, die zufällig vorbeifuhren und staunten. Es ist ein Unterschied – und es macht diese Bilder viel stärker als jede Galerie.

In Tresnuraghes, dem letzten Dorf vor Bosa, kleben die Häuser förmlich an den steilen Hängen und bieten noch einen letzten Murals-Auftritt – eine Frau, die Getreide siebt. Das Motiv vertraut und trotzdem jedes Mal anders, weil jede Hand, die es gemalt hat, eine andere war. Man sieht diese Bilder und versteht ein bisschen mehr, warum Sardinien trotz allem, was die Geschichte mit dieser Insel gemacht hat, so unerschütterlich es selbst geblieben ist.
Und dann öffnete sich die Straße. Der Blick fiel auf die Küste, auf das Meer, auf eine Weite, die man nach Stunden durch enge Täler und Bergdörfer fast vergessen hatte. Tief unten im Tal, am Fluss Temo, tauchten die ersten bunten Häuser auf – Pastellfarben, die man von hier oben schon als leuchtendes Versprechen erkennt.
Bosa.
Pünktlich um 13:30 Uhr erreichten wir Bosa und ließen die Camper direkt am historischen Viertel Sas Conzas stehen – von dort hat man das bunte Treiben der Stadt sofort im Blick, und der Hunger hatte zu diesem Zeitpunkt sowieso längst die Entscheidungsgewalt übernommen. Also direkt zur Trattoria Il Pirata.
Schon von außen ist der Laden eine Geschichte für sich: ein schmales Lokal, dessen Fassade so aussieht, als hätte jemand über Jahrzehnte hinweg alles drangehängt, was irgendwie nach Küste und Abenteuer riecht. Drinnen: rote Tischdecken, Regale voller Flaschen und Zinnkram, Wände voller Dinge deren Herkunft man lieber nicht hinterfragt, und ein Ambiente irgendwo zwischen gemütlichem Wirtshaus und verschlagenem Piraten-Hauptquartier. Die Karte: klar, ehrlich, sardisch. Man weiß sofort, dass hier die Küche stimmt.

Wir bestellten uns durch: Spaghetti al Cannonau für die Wein-Fans – tiefrot, mit dem lokalen Rotwein gekocht, was dem Teig eine Farbe und Intensität verleiht, die man nicht erwartet und nicht vergisst. Die klassische Carbonara für die Nudel-Liebhaber, cremig und ohne jeden Kompromiss. Das zarte Maialetto al Forno – sardisches Spanferkel aus dem Ofen, so auf den Punkt, dass es sich fast von selbst vom Knochen löste. Conchiglie Pomodoro für die Kinder, die sich, wie immer, keinen Meter von ihrem Bewährten entfernen. Die Beständigkeit dieser Kinder in Sachen Pasta ist fast schon philosophisch.
Und dann: Oli.
Er hatte sich für die Gamberi con Malvasia entschieden – Garnelen mit dem lokalen Malvasia-Wein. Was dann auf dem Tisch landete, waren Garnelen in ihrer vollständigsten, unbearbeitetsten, ehrlichsten Form. Schale dran. Kopf dran. Alles dran. Oli betrachtete das Arrangement mit dem konzentrierten Gesichtsausdruck eines Mannes, der ein technisches Rätsel vor sich hat und noch nicht sicher ist, ob er den richtigen Lösungsansatz kennt. Ein kurzes Schweigen. Dann das Handy. Ein YouTube-Video als Anleitung zum korrekten Garnelen-Essen.
Auf YouTube. In einer sardischen Trattoria. Mit roten Tischdecken.
Was auf Olis Teller zurückblieb, nachdem er sein bestes gegeben hatte, sah aus wie eine Strandlandschaft nach einem Sommergewitter – Schalen, Rückenteile, diverse anatomische Fragmente deren Zugehörigkeit im Nachhinein schwer zu klären war. Das Tischbild hatte eindeutig mehr erlebt als erwartet. Und weil Oli danach immer noch nicht wirklich satt war – was bei dem Aufwand auch kein Wunder ist, denn Garnelen-Essen ist eben auch eine körperliche Leistung – retteten ihn, wie so oft auf dieser Reise, die Kinder. Noah und Emi hatten ihre Portionen naturgemäß nicht aufgegessen. Oli aß die Reste mit der stillen Würde eines Mannes, der dankbar ist, aber es nicht an die große Glocke hängen möchte.
Mein Maialetto war übrigens makellos. Ich habe keinen einzigen Bissen abgegeben. Es gibt Momente, da muss man an sich selbst denken.
Nach dem Essen brauchten wir Bewegung, also schlenderten wir das Ufer des Flusses Temo entlang, auf der Promenade Lungo Temo Emilio Scherer. Auf der einen Seite das ruhige, grüne Wasser, in dem sich die Häuserzeilen Bosas spiegeln wie ein Gemälde, das jemand vergessen hat einzurahmen. Auf der anderen Seite die alten Gerberhäuser von Sas Conzas – früher war hier Lederverarbeitung, heute trägt das Viertel eine Patina, die man nicht kaufen kann und die dem Ort eine Schwere und Schönheit gibt, die neusanierte Fassaden nie erreichen.
Noah entdeckte dabei eine Lücke in einer alten Mauer, eingerahmt wie ein Fenster ins Nichts, und stellte sich hinein – und auf dem Foto sieht es aus, als wäre er selbst das Kunstwerk, das jemand in die Wand eingebaut hat. Manchmal macht ein Kind in drei Sekunden ein besseres Bild als man in einer Stunde Komposition hinbekäme.
Unser Ziel war die Ponte Vecchio. Nicht die in Florenz – die hier in Bosa. Sie braucht den Vergleich nicht zu scheuen. Diese alte Steinbrücke ist das Wahrzeichen der Stadt und bietet einen der besten Fotospots überhaupt: Den Blick zurück auf die bunte Häuserfront, die sich den Hang zum Castello Malaspina hinaufzieht, auf die Fischerboote die träge am Ufer dümpeln, auf den Fluss der alles ruhig und gleichmäßig zusammenhält. Wir ließen uns Zeit hier. Das obligatorische Selfie entstand natürlich, aber auch eine Menge Bilder die niemand bestellt hat und die deswegen die ehrlichsten sind.
Es ist faszinierend, wie ruhig und entspannt das Leben am Flussufer von Bosa wirkt. Keine Hektik, kein Getriebe, kein Andrang – einfach eine Stadt, die sich selbst nicht zu beweisen versucht.

Über die Ponte Vecchio wechselten wir die Seite und tauchten direkt in das Herz der Altstadt ein: den Corso Vittorio Emanuele II. Diese Straße ist die Lebensader Bosas und fühlt sich an wie ein Wohnzimmer unter freiem Himmel. Links und rechts Palazzi mit leuchtenden Fassaden – Orange, Gelb, Rosa, Ocker – die im Nachmittagslicht so satt und warm sind, dass man unwillkürlich langsamer wird. Noah und Emi liefen ein Stück voraus durch die Gassen, Rücken an Rücken, das Pflaster unter ihren Füßen – ein Bild das ich nicht gestellt habe und das trotzdem perfekt ist.
Bosa ist übrigens die einzige Stadt Sardiniens, die an einem schiffbaren Fluss liegt, was ihr schon im Mittelalter Reichtum und eine ganz besondere Architektur bescherte. Man sieht es noch heute – an den Proportionen der Häuser, an der Breite der Straßen, an den kleinen Piazze die sich zwischen die Gassen schieben wie Atemzüge in einem langen Satz.
In einem der kleinen Läden am Corso machten wir Halt für das Notwendige: sardische Salami, würzig und intensiv, und eine neue Flasche Myrto. Dieser tiefkote Likör aus den Beeren der Myrte ist inzwischen fester Bestandteil unseres Abend-Rituals auf dieser Reise. Herb, süß, unverkennbar sardinisch – flüssiges Sardinien im Glas, wenn man so will.
Das Castello Malaspina thronte die ganze Zeit über uns, und der Anstieg durch die steilen, engen Gassen von Sa Costa sah von unten durchaus malerisch aus. Wir betrachteten den Weg kurz. Dann betrachteten wir unsere Beine. Dann betrachteten wir die Uhr. Der Aufstieg hat verloren, und zwar deutlich und ohne Gegenwehr. Man muss nicht alles auf einmal sehen – das ist keine Faulheit, das ist vorausschauende Reiseplanung. Wir haben jetzt Gründe für einen zweiten Besuch.

Stattdessen ließen wir uns weiter durch die Gassen treiben, vorbei an Wäscheleinen hoch über den Köpfen, durch Bögen die auf weitere Bögen zeigen, vorbei an einem kleinen Straßenzug der nach einem Pinselstrich aussieht den jemand in Orange gezogen hat. Diese Stadt ist ein einziges gut inszeniertes Bilderbuch – und sie weiß es nicht mal, was sie noch charmanter macht.
Den Rückweg nahmen wir über die Ponte della Pace, die moderne Fußgängerbrücke am anderen Ende der Stadt. Noch ein letzter Panoramablick zurück auf die gesamte bunte Häuserfront und den Fluss – und dann zurück zu den Campern, Salami und Myrto fest unterm Arm, Bosa fest im Herzen.
Nachdem wir das „Massaker der Gamberi“ und Bosas schönste Seiten hinter uns gelassen hatten, steuerten wir auf das zu, was Sardinien-Reiseführer vermutlich unter der Rubrik „Nichts für schwache Nerven oder Leute mit Reiseübelkeit“ führen würden: die Küstenstraße von Bosa nach Alghero.

Wer glaubt, dass deutsche Landstraßen Kurven haben, wurde hier endgültig eines Besseren belehrt. Diese Straße ist kein Verkehrsweg – sie ist eine Provokation. Sie krallt sich an die Klippen als hätte sie Angst, ins Meer zu fallen, und wir fuhren mittendrin. Stefan am Steuer im Tunnelblick-Modus – Typ: ich bin eins mit dem Camper und dem Lenkrad – während ich auf dem Beifahrersitz zwischen Schnappatmung und Dauerfeuer auf der Kamera schwankte. Man wollte eigentlich alle zwei Minuten anhalten. Man konnte es manchmal nicht, weil hinter einem ebenfalls jemand fuhr, der nicht anhalten konnte.
Jede Kehre servierte ein Panorama, das so unverschämt blau und wild aussah, dass man fast schon Schmerzensgeld hätte verlangen müssen für so viel konzentrierte Schönheit. Die Macchia duftete so intensiv, als hätte jemand einen riesigen Duftbaum am Rückspiegel der gesamten Insel aufgehängt. Es war ein ständiges Auf und Ab, ein fahrerischer Eiertanz zwischen dem tiefblauen Abgrund und den gelb blühenden Hängen, mit Blicken zurück auf die schroffen Klippen von Nebida und Masua und Blicken voraus auf neue Buchten und neue Berge die sich ins Meer schieben.
Einmalig. Spektakulär. Und nach zwei Stunden Kurven-Karussell waren wir aufrichtig froh, als wir ebenen Asphalt unter den Rädern spürten.
Gegen 17:00 Uhr rollten wir im Camping Village Laguna Blu ein. Alghero selbst ließen wir für heute rechts liegen – die Stadt muss bis morgen warten, die Sinne waren nach diesem Kurven-Rausch ohnehin auf Standby. Kaum hatten wir die Handbremsen gezogen, flogen die Campertüren auf, und Noah und Emi schossen wie zwei Raketen in Richtung Spielplatz. Die Energie dieser Kinder nach einem vollen Reisetag ist eine der unerklärten Naturerscheinungen dieser Reise.
Wir setzten uns. Das „Zisch“ beim Öffnen der Dose war in diesem Moment das schönste Geräusch der Welt. Nachdem der Adrenalinspiegel der Küstenfahrt langsam wieder auf Normalnull gesunken war, ließen wir den Abend entspannt ausklingen.
Morgen: Alghero. Mit dem Bus. Keine Kurven, keine Abgründe. Nur wir, die Stadt – und hoffentlich ein Eis so groß wie Noahs letzter Bambusstock.

















































