Pistazien-Experimente, Plüsch-Minions und der schönste Sonnenaufgang der Reise
Ich war vor der Sonne wach. Während der Rest der Camper-Crew noch tiefenentspannt in den Kissen lag und vermutlich von Eselwanderungen träumte, schlich ich mich barfuß zum Strand. Und was soll ich sagen: Wer liegen bleibt, verpasst das Beste. Der Sonnenaufgang über dem Lido delle Rose war so unwirklich schön, dass jeder Postkarten-Fotograf vor Neid seinen Auslöser gefressen hätte. Ein glühender Feuerball, der sich langsam aus dem Meer stemmt und den Horizont in ein Licht taucht, für das es in keiner Sprache ein wirklich passendes Wort gibt. Die absolute Stille, nur das sanfte Schwappen der Wellen. Ein Moment, in dem man kurz vergisst, dass man eigentlich noch einen Kaffee braucht.

Zurück am Stellplatz dann die zweite Sensation des Morgens: Das Bäcker-Trauma von gestern wurde offiziell geheilt. Pünktlich wie ein italienischer Bäcker mit wiedergutzumachender Schuld stand er da – und die Croissants gleich mit. Keine Ausreden, keine Espresso-Verspätungen. Schoko für alle, Krümel im Camper, Schokoladen-Gesichter bei den Kindern. Die Welt war wieder vollkommen im Lot. Mit einer ordentlichen Zuckerdröhnung im Blut lässt es sich eben doch besser planen. Tagesziel: Cagliari. Mission: Die Inselhauptstadt unsicher machen. Abfahrt.
Der erste Zwischenstopp hieß Costa Rei – aber die Zufahrt dorthin könnte man wohlwollend als „sportlich“ bezeichnen, oder, wenn man ehrlich ist, als eine Mischung aus Offroad-Teststrecke und Schweizer Käse. Wer hier mit dem Camper nicht mindestens einmal lautstark um die Stoßdämpfer bangt, war schlicht nicht dabei. Schlaglöcher so tief, dass man beim Drüberfahren kurz nach Fossilien Ausschau hält – aber wer an den Traumstrand will, muss eben ein bisschen leiden.

An der Spiaggia Rei Sole erwartete uns dann das Bild des Tages, bevor wir überhaupt in Cagliari ankamen: Mitten im Wasser, in einer flachen Lagune kurz vor dem Meer, ragte ein völlig deplatziertes „Durchfahrt verboten“-Schild aus den Fluten. Einfach so. Allein. Majestätisch. Man fragt sich unweigerlich: Ist das die Verbotszone für U-Boote? Haben die Fische neuerdings eine eigene Fahrspur? Oder will der sardische Verkehrsplaner schlicht die Gezeiten mit offiziellen Dekreten regulieren? Egal – das perfekte Motiv für unsere „Merkwürdigkeiten am Wegesrand“-Sammlung, die auf dieser Reise ohnehin schon beachtliche Ausmaße angenommen hat. Wir ließen das Schild seinen Job machen, atmeten Salzluft, schauten auf das endlose Türkis und luden die Batterien für den Großstadttag auf.
Weiter zum Bellavista Villaggio Mandorli – und an diesem Punkt muss man kurz pausieren und ehrlich sein: Wir haben auf diesem Roadtrip schon einiges an Küstenpanorama konsumiert. Einiges war sehr gut. Einiges war außergewöhnlich. Und dann gibt es Orte wie diesen, die eine eigene Kategorie brauchen. Man stellt den Camper ab, öffnet die Tür – und vergisst erst mal fünf Minuten lang, sie wieder zuzumachen, weil man mit offenem Mund auf den Horizont starrt.

Tief unter uns leuchtete das Meer in Schattierungen von Saphirblau bis Smaragdgrün, eingerahmt von der wilden sardischen Macchia und den Kaktusfeigen, die hier überall Spalier stehen als hätten sie den Job seit Jahrhunderten. Die Bucht lag da wie eine perfekt geschwungene Sichel aus weißem Sand – fast schon kitschig, wenn es nicht so verdammt echt wäre. Nadine lehnte sich ans Geländer und genoss einfach die Brise, mit dem entspannten Gesicht einer Frau, die gerade versteht, warum man für solche Momente hunderte Kilometer fährt. Die Kinder tobten im Hintergrund, der Wind pfiff leise, und der Ausblick war so weit, dass man fast die Erdkrümmung sehen konnte. Ein kurzer, perfekter Boxenstopp für die Seele.
Dann: Cagliari. Unser Basislager war der Camper Park Cagliari – ehrlich gesagt ein Parkplatz, aber ein Parkplatz mit Ambitionen. Duschen, WCs, Strom, Ver- und Entsorgung, alles da. Und die Lage: 15 Minuten zu Fuß in die Innenstadt. Ein freundlicher Mitarbeiter drückte uns direkt eine Stadtkarte in die Hand, kreiste mit dem Enthusiasmus eines Schatzsuchenden alles Wichtige ein und schickte uns mit einem herzlichen „Buon divertimento“ los. Wir ließen uns von der Stadt verschlucken.

Cagliari ist kein Ort für einen geradlinigen Plan. Diese Stadt will, dass man sich in ihr verliert – und das taten wir bereitwillig. Unser Weg führte uns zuerst an einem imposanten Kirchenportal vorbei, wo das „Ave Gratia Plena“ über dem Eingang thronte. Ein kurzer Blick hinein: Weihrauch, Stille, barocker Pomp, der einen fast ehrfürchtig werden lässt. Kaum tritt man wieder ins Freie, klatscht einem das pralle sardische Leben ins Gesicht.
Wir schlenderten durch die Via Giuseppe Manno und die angrenzenden Viertel. Der Kontrast ist herrlich und typisch für diese Stadt: Auf der einen Seite elegante Palazzi mit honiggelben Fassaden und prächtigen Kuppeln, die im Sonnenlicht leuchten – und nur eine Abzweigung weiter landet man in Gassen, die so steil sind, dass man sich fragt, ob die Anwohner heimlich Bergsteiger-Ausrüstung unter der Kleidung tragen. Hier regiert die Street Art. Überall Graffiti und bunte Tags an alten Mauern und Treppenaufgänge mit so viel Charakter, dass man sie eigentlich einrahmen müsste.
Cagliari hat diesen wunderbaren, leicht morbiden Charme. Man läuft an Wäscheleinen vorbei, die hoch über den Köpfen flattern, und steht plötzlich vor einer Bar, die ihre Außenbestuhlung mit einer Armee riesiger Plüsch-Minions dekoriert hat. Warum? Keine Ahnung. Vermutlich das sardische Äquivalent zur gehobenen Außengastronomie. Wir hätten uns fast dazugesetzt, aber die Pizza-Mission rief lauter.
Die Stadt besteht gefühlt zur Hälfte aus Treppen. Wir kämpften uns die Stufen hoch, vorbei an Mauern die Geschichten aus Jahrhunderten erzählen, immer mit dem Blick auf die riesigen Türme und die goldenen Kuppeln der Kirchen wie der Chiesa di San Michele als Kompass. Zwischendurch kleine Plätze, auf denen Dreirad-Apes durch die Menge knattern und Touristen in Tuk-Tuks vorbeiziehen. Die Stimmung: entspannte Hafenstadt trifft quirliges südländisches Chaos. In den Haupteinkaufsstraßen mischen sich Einheimische beim Espresso mit Entdeckern wie uns, die mit ihren Handys jede zweite Hauswand fotografieren und sich dabei vollkommen dabei im Recht fühlen.
Am Ende des Nachmittags hatten wir brennende Waden, volle Speicherkarten und das Gefühl, von goldenen Kuppeln, schattigen Gassen und diesem ganz speziellen Cagliari-Licht regelrecht aufgesogen worden zu sein – einem Licht, das alles ein bisschen aussehen lässt wie einen Film aus den 60ern. Diese Stadt zeigt einem: Wer hier nicht zu Fuß geht, verpasst die Seele Sardiniens. Und wer die Treppen scheut, verpasst den Rest.
Nach all den Treppenmetern knurrte der Magen so laut, dass es selbst das Knattern der Apes übertönte. Zeit für Pizza – und wer in Cagliari nach etwas sucht, das weit weg vom Einheitsbrei ist, landet unweigerlich beim Framento. Der Laden sieht aus wie die perfekte Mischung aus hippem Design und handwerklicher Ernsthaftigkeit: gelbe Stühle, klare Linien, und ein Duft nach frischem Teig, der einem die Augen feucht macht. Die Pizzen auf den Fotos sprechen für sich – dunkler, Holzofen-gezeichneter Rand, üppig belegt, ehrlich.
Bei der Bestellung allerdings packte mich der kulinarische Übermut. Ich entschied mich für die mutige Variante: Pizza mit Mortadella und Pistaziencreme. Was soll ich sagen? Man kann es machen. Es sieht auf Instagram fantastisch aus, ein echtes Foodblogger-Model unter den Pizzen. Aber mein ganz persönliches Fazit nach reiflicher Überlegung und der letzten Kruste lautet: In Zukunft bleibt die Pistaziencreme im Croissant und die Mortadella auf ordentlichem Weißbrot. Manche Dinge müssen nicht zwangsläufig auf einem Pizzateig fusionieren, nur weil es modern ist. Der Rest der Gruppe hatte klügere Entscheidungen getroffen und schwieg dazu mit dem Taktgefühl von Menschen, die ihre Kritik für sich behalten können. Immerhin waren wir satt – und um eine Erfahrung reicher.
Gestärkt und um eine Pizza-Lektion klüger, machten wir uns auf zum Torre dell’Elefante. Der Turm ist ein massives Relikt aus dem 14. Jahrhundert, und man fragt sich kurz, was der kleine Marmorelefant da oben an der Fassade eigentlich verloren hat. Früher diente er als Symbol für Stärke, heute ist er das beliebteste Fotomotiv der Stadt. Der Turm wirkt so wehrhaft, dass man fast erwartet, gleich käme ein Ritter in Rüstung um die Ecke – was in diesen Gassen eigentlich nicht mal sonderlich überraschend wäre.
Dann das absolute Highlight des Tages, auf das man jede Treppenstufe davor gerne in Kauf nimmt: die Bastione di Saint Remy. Man nähert sich diesem kolossalen Bauwerk am besten von unten, wo die monumentale Marmorfassade mit ihren Säulen und dem riesigen Triumphbogen in den Himmel ragt – ein Anblick, der einen sofort daran erinnert, dass diese Stadt ein paar Jahrhunderte mehr auf dem Buckel hat als wir. Wir kämpften uns die letzten Stufen hoch und standen oben auf der riesigen Terrasse, der Passeggiata Coperta.

Pünktlich zur goldenen Stunde. Und in diesem Moment wurde es still. Ganz still.
Wenn die untergehende Sonne die honigfarbenen Fassaden von Cagliari in ein Licht taucht, das man nicht beschreiben, sondern nur fühlen kann – wenn das tiefblaue Meer im Hintergrund funkelt und sich die Schatten der Kuppeln und Türme über die Dächer legen – dann weiß man wieder, warum man den ganzen Weg von der Ogliastra hierher gefahren ist, warum jeder Schlagloch-Slalom der Costa Rei seinen Preis wert war und warum man beim Framento vielleicht mutig experimentiert, aber die großen Momente immer noch die sind, die man einfach nicht plant. Der Panoramablick über die Altstadt, den Hafen und die fernen Berge war so vollständig schön, dass er sogar die Pistaziencreme-Pizza in einem gnädigeren Licht erscheinen ließ.
Fast.
Wir ließen uns langsam Richtung Hafen treiben, den Abend im Rücken, die Stadt um uns herum. Am Hafen gab es das obligatorische Gelato – weil das in Italien einfach immer geht, unabhängig von Uhrzeit, Temperatur und Vorgeschichte. Und dann entdeckte Nadine eine Buslinie, die direkt vom Hafen zum Stellplatz fährt. Hier trennten sich unsere Wege kurz: Das Team „Vernunft“ – Oli, Nadine, Emi und Noah – bestieg den Bus mit der Überzeugung von Leuten, die ihre Entscheidungen kennen. Stefan und ich wählten die romantisch-sportliche Variante und spazierten am Hafen entlang zurück. Die beleuchteten Schiffe im stillen Wasser, die milde Abendluft, das Gefühl, diese Stadt nun ein kleines bisschen zu kennen – ein perfekter Abschluss für einen Tag, der alles hatte.
Morgen schaut Cagliari, was es noch zu zeigen hat. Wir sind gespannt.













































