Osterhasenpflicht, Bambus-Architektur und der Koch, der uns nicht gehen lässt
Der Dienstagmorgen begann damit, dass ich erst einmal den Undercover-Agenten für den Osterhasen spielen durfte. Während die Sonne noch träge über die Hügel von Fluminimaggiore kroch und die Pferde auf der Wiese gleichmütig grasten, schlich ich mich leise über das Gelände, um zwischen Gänseblümchen, Hühnern und Olivenbäumen die Ostereier zu drapieren. Das erforderte mehr Fingerspitzengefühl als erwartet – eine Gans mit Territorialansprüchen steht einem überraschend entschlossen im Weg, wenn man versucht, diskret einen Schokohasen hinter einem Blumentopf zu platzieren.
Die anschließende Suchaktion der Kinder war es dann wert. Noah mit dem Jagdblick eines erfahrenen Schatzsuchers, Emi mit der Systematik einer kleinen Feldherrin – Coru e Bentu hat offenbar genau die richtige Größe für eine ordentliche Osterrunde, ohne dass man dabei den gackernden Hühnern direkt in die Quere kommt. Fast zumindest.
Danach versammelten wir uns bei Andrea und Giuseppe zum Frühstück, und es war sofort klar: Hier wird nicht einfach nur Kaffee gemacht. Giuseppe hatte backfrische Brötchen aus der Bäckerei seines Bruders besorgt, dazu würzige Salami, Schinken, feinen Käse, einen Obstsalat der nach sardischer Sonne schmeckte, und selbstverständlich Nutella für die Fraktion, die den Morgen mit Zuckerschock beginnt. Der Cappuccino war von der Sorte, bei der man nach dem ersten Schluck kurz inne hält und einfach nur nickt. Man könnte dieses Frühstück als Vorbereitung auf eine Wanderung bezeichnen. Man könnte es auch einfach als den besten Teil des Tages bezeichnen. Beides wäre richtig.
Laut Andreas sardischer Zeitrechnung – sie hat vermutlich die Gene einer Bergziege und kennt jeden Stein auf diesem Hügel persönlich – sollte der Fußmarsch zur Spiaggia di Portixeddu etwa 30 Minuten dauern. Wir brauchten gut 15 Minuten länger, was aber kein Konditionsproblem war, sondern ein Fotoproblem. Die Kulisse entlang des Weges macht es schlicht unmöglich, einfach durchzulaufen. Wilder Ginster in einem Gelb, das einem fast die Augen blendet. Blühendes Gebüsch, das so intensiv duftet, als hätte jemand ein Parfüm namens „Frühling auf Sardinien“ in die Luft gesprüht. Und am Wegesrand: Schafherden, die uns mit dem gelassenen Desinteresse von Tieren beobachteten, die schon alles gesehen haben und von Touristen grundsätzlich wenig halten.
Am Strand von Portixeddu angekommen, verschlug es einem kurz die Sprache. Nicht wegen einer spektakulären Kulisse aus Klippen und Türkis – das hatten wir in den vergangenen Tagen reichlich – sondern wegen der schieren Weite und Stille. Ein kilometerlanger, feiner Sandstrand, der sich in beide Richtungen verlor, fast menschenleer, die Wellen klein und gleichmäßig, der Himmel ein makeloses Blau. Dazu ein kleiner Fluss, der sich quer durch den Sand ins Meer schlängelte und eine seichte Lagune bildete, klar und golden im Sonnenlicht. Wir standen da und schwiegen kurz alle gleichzeitig. Das passiert selten bei uns.
Stefan fand einen Treibholzstamm in der perfekten Höhe für eine philosophische Pause und ließ sich darauf nieder wie jemand, der sich das verdient hat. Was er auch hatte. Wir anderen verteilten uns auf dem Strand, ließen die salzige Brise arbeiten und hörten einfach zu – dem Meer, dem Wind, dem Nichts. Und dann entdeckte Noah den Bambus.

Der Strand war übersät mit angespültem Bambus – Stangen in allen Längen und Durchmessern, als hätte ein sardischer Fluss bei der letzten Flut sein gesamtes Inventar ins Meer gekippt. Für einen neunjährigen Jungen mit ausgeprägtem Architektensinn ist das keine Strandverschmutzung. Das ist ein Baustoffhandel.
Noah ging sofort ans Werk. Er sortierte, schleppte, arrangierte, baute. Was genau entstand, ließ sich schwer klassifizieren – irgendwo zwischen Strandburg-Befestigung und avantgardistischer Skulptur, mit einem klaren Konzept, das sich uns Erwachsenen nicht vollständig erschloss. Aber Noah wusste, was er tat. Das war sicher.

Den Vogel schoss er ab, als er das Exemplar aller Exemplare entdeckte: ein Bambusrohr von einer Länge, die locker für einen Schiffsmast gereicht hätte. Vier Meter mindestens. Möglicherweise mehr. Er schleppte es quer über den Strand mit dem Stolz von jemandem, der gerade Excalibur aus dem Sand gezogen hat – und hob es dann in die Höhe, beide Arme ausgestreckt, das Ding senkrecht in den blauen Himmel ragend. Das Foto spricht für sich. Ein Junge, ein Stock, ein Himmel ohne Ende. Sardinien, April 2026.
Stefan beobachtete das Ganze mit dem Gesicht eines Mannes, der bereits weiß, dass er gleich gefragt wird ob der Stock nicht mit nach Hause kann – und der schon die Antwort kennt. Die Antwort war nein. Noahs Blick beim Abschied sagte etwas anderes, aber das ist eine andere Geschichte.
Nach Stunden des Bauens, Grabens und Meer-Anstarrens machten wir uns schließlich auf den Weg. Wir verabschiedeten uns von der einsamen Bucht und traten den (deutlich anstrengenderen) Rückweg bergauf an, die Lungen voll mit Meeresluft und die Köpfe voll mit neuen Strand-Geschichten.
Wir verbrachten Stunden auf diesem Strand. Emilia und Nadine chillten im Sand. Stefan und ich liefen bis dorthin, wo der Strand sich in der Ferne auflöste, und schwiegen dabei auf die produktivste Art. Noah baute weiter. Der Stand der Dinge nach zwei Stunden: ein komplexes Bambussystem, dessen Zweck er uns auf Nachfrage nicht vollständig erklären konnte, aber mit großer Überzeugung verteidigte.
Der Rückweg bergauf zur Coru e Bentu war das einzige Mal an diesem Tag, dass wir schwitzten – was nach Giuseppes Frühstück, einem langen Strandtag und den Vortagen mit Eselwanderung und Cagliari-Treppenstufen eigentlich keine Überraschung war. Wir stiegen hoch mit den Lungen voller Meeresluft und den Köpfen voller Bilder, die sich nicht so schnell verflüchtigen werden.
Und dann, am Abend, wiederholte Giuseppe das Kunststück vom Vorabend. Wie ein Mann, der einfach nicht anders kann als Menschen zu bekochen, tischte er in seiner Wohnung auf – und diesmal legte er nochmal nach.
Die panierten Auberginen kamen als Opener, knusprig und zart zugleich, mit dem Charakter von jemandem, der weiß, dass er der Beste auf dem Tisch ist. Die Lasagne danach war von der Sorte, für die man eine extra Portion Brot braucht, um die Soße vollständig zu ehren – dampfend, käsig, lecker. Ein frischer griechischer Salat brachte Leichtigkeit in die Runde, und das Tiramisu am Ende war so cremig und kompromisslos gut, dass man kurz überlegte, ob man diskreterweise um eine zweite Portion bitten könnte. Wir ließen es bleiben. Die Würde hat auch auf Reisen ihren Platz.
Wir saßen wieder lange zusammen. Zu lange, eigentlich, für Leute, die morgen weiterfahren müssen. Aber manche Abende enden einfach nicht gerne, weil alle wissen, dass das hier – dieser Tisch, diese Menschen, diese Herzlichkeit auf einem sardischen Hügel – so nicht wiederkommt. Also blieben wir. Natürlich blieben wir.






























