Vom Privatboot zur Fähre – Sardiniens großes Finale
Wer behauptet, Reiseplanung sei entspannend, hat noch nie versucht, einen sardischen Wettergott auszutricksen. Unsere Bootsfahrt durch das La-Maddalena-Archipel war nämlich ursprünglich für einen anderen Tag geplant gewesen. Da hatte der Wind allerdings andere Vorstellungen und benahm sich so, als hätte er persönlich etwas gegen kleine Motorboote, deutsche Camperfamilien und sauber strukturierte Reisepläne.
Also wurde verschoben. Und weil ein Urlaub bei uns selten einfach nur „verschoben“ bedeutet, sondern meistens „wir bauen den kompletten Tagesablauf einmal neu zusammen“, stand nun das große Finale auf dem Programm: morgens Privatboot, abends Fähre nach Livorno. Vom kleinen Boot aufs große Schiff. Ein maritimer Staffellauf, nur ohne Sportkleidung und mit sehr viel Cornetto im Gepäck.
Eigentlich wollten wir heute ganz gemütlich von Alghero nach Palau fahren und abends die Fähre entern. Aber gemütlich ist eben auch nur eine Option, die man theoretisch hätte wählen können. Stattdessen hieß es: früh raus, den Bootsanleger finden, Boot übernehmen, Inselparadies anschauen, nicht an Felsen hängen bleiben, rechtzeitig zurück, Camper nach Olbia bewegen, einkaufen, essen, Fähre. Ein Plan, der auf dem Papier schon total unvernünftig wirkte. Das hätte uns eigentlich sofort misstrauisch machen müssen.
Guten Morgen, Porto Pozzo. Der Hafen empfing uns mit einem Sonnenaufgang, der so kitschig schön war, dass man ihn fast für eine Photoshop-Fälschung gehalten hätte. Orangenes Licht über spiegelglattem Wasser, dunkle Silhouetten der Stege, ein einzelner Vogel auf einem Poller, der vermutlich wusste, dass er gerade sehr dekorativ wirkte. Hätte jemand behauptet, dieses Bild sei aus einem Sardinien-Kalender geklaut, ich hätte nicht widersprochen.
Der Ort selbst lag allerdings noch im tiefsten Winterschlaf. Das Café unserer Wahl? Verrammelt. Die Saison? Offenbar noch nicht informiert. Porto Pozzo hatte kollektiv beschlossen, dass man mit April zwar arbeiten kann, aber nicht muss. Vielleicht nächste Woche. Vielleicht nächsten Monat. Vielleicht, wenn genügend Deutsche ratlos auf dem Parkplatz stehen.

Stefan, Noah und ich schwangen uns also in den Camper, um die Lage zu sondieren. Der Plan klang simpel: Wir finden den Parkplatz am Pier, schicken die Koordinaten an Camper zwei, und Nadine, Oli und Emilia müssen nicht mit ihrem Camper synchron durch irgendwelche sardischen Gassen kreisen. In der Theorie ein Meisterwerk moderner Familienlogistik. Das Navi hatte dazu allerdings eine ganz eigene Meinung.
Es führte uns mit der Zielstrebigkeit eines wahnsinnigen Tourguides durch Porto Pozzo. Erst eine Straße, die noch ganz normal aussah. Dann eine, die schon ein bisschen nach „bist du sicher?“ wirkte. Dann Feldwege, Sackgassen und Passagen, die vermutlich nur deshalb in der Karte eingezeichnet waren, weil irgendwann im letzten Jahrhundert mal ein Esel dort durchgelaufen ist. Stefan fuhr. Ich schaute auf das Display. Noah schaute aus dem Fenster. Der Camper schaute vermutlich innerlich nach oben und fragte sich, was er verbrochen hatte.
Irgendwann standen wir vor einer schmalen Gasse, die unsere Navi komplett ignorierte und ich zuvor für eine private Hoteleinfahrt gehalten hatte. Das Navi schwieg dazu beleidigend selbstbewusst. Mein Instinkt schaltete auf Alles-oder-Nichts. „Fahr da mal rein, Stefan.“
Stefan fuhr. Vermutlich, weil er nach all den Jahren weiß, dass solche Sätze bei mir entweder in einer Sackgasse enden oder in einer sehr guten Geschichte. Diesmal hatten wir Glück. Die Gasse spuckte uns tatsächlich direkt an den Anlegestellen aus. Punktlandung. Manchmal ist Intuition das bessere Navi. Oder zumindest das unterhaltsamere.
Wir schickten den Standort an Camper zwei, und kurz darauf rollten Nadine, Oli und Emilia an. Familienzusammenführung erfolgreich. Keine Mauer touchiert, kein Poller eingesammelt, kein Hafenarbeiter traumatisiert. Für unsere Verhältnisse ein sauberer Start.
Kurz bevor wir abgebogen waren, hatte ich Gian Paolo’s Bar entdeckt. Und zwar nicht wegen einer besonders hübschen Auslage, sondern wegen des entscheidenden italienischen Qualitätsmerkmals: Bauarbeiter gingen hinein. Echte Bauarbeiter. Nicht zwei Touristen mit Wanderschuhen, die zufällig früh wach waren, sondern Männer, die aussahen, als wüssten sie sehr genau, wo es morgens starken Kaffee und frisches Gebäck gibt. Das ist in Italien ein verlässlicheres Bewertungssystem als jede App. Also folgten wir den Bauarbeitern.
Was dann folgte, war der inzwischen vertraute Heuschrecken-Effekt. Wir betraten die Bar als harmlose Familie und verließen sie als Cornetto-Großabnehmer. Die ersten Teilchen verschwanden direkt vor Ort, begleitet von Cappuccino, Espresso und dem beruhigenden Gefühl, endlich wieder Teil einer funktionierenden Weltordnung zu sein. Dann räumten wir vorsorglich noch den Bestand an Schoko-Cornettos leer. Die Dame an der Theke nahm es erstaunlich gelassen, fast schon anerkennend. Vielleicht mochte sie Menschen, die entschlossen frühstücken. Als sie neue Cornettos in den Ofen schob, fühlte sich das kurz an wie ein persönlicher Sieg. Wir sicherten uns sechs weitere als Marschverpflegung. Man weiß ja nie, wann auf hoher See der Blutzucker kippt. Andere nehmen Rettungswesten ernst. Wir nehmen Gebäck ernst.
Mit vollen Mägen, Koffein im Blut und einem Berg Kalorien in der Tasche marschierten wir zum Anleger. Dort wartete bereits Fabrizio mit seiner Partnerin. Das Gespräch lief auf Englisch und war wunderbar pragmatisch.
Fabrizio: „Schon mal Boot gefahren?“
Stefan: „Nein.“
Fabrizio: „Kein Problem.“
Das sagte er mit einer Überzeugung, die entweder tiefes Vertrauen in die Menschheit verriet oder die völlige Abwesenheit von Angst. Vielleicht auch beides. Ich bewunderte ihn kurz dafür. Dann erinnerte ich mich, dass wir gleich mit seinem Boot, dessen Motor und unserer Kaution unterwegs sein würden, und fand seinen Optimismus plötzlich bemerkenswert mutig.
Während Fabrizio mit Stefan den Motor prüfte und dabei sorgfältig alles inventarisierte, was später theoretisch kaputt sein könnte, bekamen wir die technische Schnelleinweisung. Die Wegbeschreibung klang wie ein Videospiel-Tutorial für Fortgeschrittene. Im Kanal immer exakt in der Mitte bleiben, sonst setzt man auf. Zwischen Budelli, Razzoli und Santa Maria soll jemand vorne am Bug stehen und ins glasklare Wasser schauen, damit wir keine Felsen übersehen, die unser Boot gern als Souvenir behalten würden. Um 13 Uhr den nördlichen Bereich verlassen und Richtung Spargi fahren, weil das Wasser dort oben dann „etwas rauer“ wird.
„Was eigentlich kein Problem ist“, sagte Fabrizio. „Aber kleine Kinder und hohe Wellen… da haben die die dann vielleicht Angst.“ Wir nickten professionell. So wie Menschen nicken, die sich innerlich gerade eine ganz andere Frage stellen: Was genau bedeutet in Sardinien „etwas rauer“?

Das Boot selbst lag schnittig weiß im Hafen, mit blauem Sonnendach und diesem einladenden Cockpit, das auf Fotos immer nach Abenteuer aussieht und in Wirklichkeit hauptsächlich die Frage aufwirft, welcher Hebel wofür ist. Stefan schwang sich hinters Steuer. Nicht ganz wie ein alter Seebär, aber immerhin wie jemand, der bereit war, so zu tun als wäre er einer.
Fabrizio stand am Steg und gab Anweisungen wie ein Fluglotse bei der Einweisung eines Großraumflugzeugs. Langsam zurück. Ein bisschen links. Jetzt gerade. Vorsicht. Noch ein Stück. Wir kamen unfallfrei aus dem Anleger. Erster Sieg des Tages. Man soll die kleinen Dinge feiern, besonders wenn sie schwimmfähig sind.
Die Rollenverteilung an Bord war schnell klar. Oli vorne am Bug als menschliches Radar, verantwortlich für Felsen, Untiefen und alles, was das Boot nicht berühren sollte. Stefan am Steuer. Ich mit Noah vorne in der Nähe von Stefan. Nadine und Emilia hinten als Nachhut, wobei Emilia sehr schnell entschied, dass Bootfahren vor allem gemütlich ist, wenn man sich auf Mamas Schoß einkuschelt und in eine Jacke wickeln lässt. Das entspannteste Crewmitglied trug also Kindergröße.
Die Ausfahrt aus dem Kanal von Porto Pozzo erforderte volle Konzentration. Immer schön mittig, genauso wie Fabrizio es eingeschärft hatte. Links und rechts lauerte das seichte Ende, und wir hatten wenig Interesse daran, die Kaution schon nach fünf Minuten als Unterwasserspende zu verbuchen. Stefan steuerte ruhig, Oli hielt Ausschau, und wir alle taten so, als wäre das völlig normal, dass sechs Menschen ohne Bootserfahrung durch sardisches Flachwasser navigieren, weil ein völlig fremder Mann gesagt hatte: „Kein Problem.“
Als wir das offene Wasser erreichten, nahm das Ganze plötzlich Fahrt auf. Vor uns lagen Budelli, Razzoli und Santa Maria. Das Wasser glitzerte, der Himmel war blau, und irgendwo am Horizont lag Korsika.
„Ist das da drüben eigentlich schon Korsika?“, fragte ich.
Ein kurzer Blick. Ja. Tatsächlich.
Ich ermahnte Stefan sofort: „Bieg bloß nicht falsch ab. Wenn uns gleich jemand auf Französisch nach dem Weg fragt, wissen wir, dass wir die falsche Abzweigung genommen haben.“
Dann erreichten wir das La-Maddalena-Archipel.
Und manchmal fehlen einem tatsächlich kurz die Worte. Was bei mir bekanntlich nicht jeden Tag vorkommt. Das Wasser war so türkis und so glasklar, dass man fast misstrauisch wurde. Auf Fotos sieht man das immer und denkt: Ja, ja, Filter, Nachbearbeitung, Tourismusbüro. Aber live? Live sitzt man da, schaut hinunter und versteht plötzlich, warum Menschen von Sardinien schwärmen, als hätten sie dort persönlich das Paradies erfunden. Granitfelsen ragten orange und rosa aus dem Wasser, Inseln lagen unbewohnt und still in der Sonne, und das Blau hatte so viele Abstufungen, dass Deutsch als Sprache kurz überfordert war.

Stefan am Steuer mit Hut und Sonnenbrille. Oli vorne am Bug wie ein nautischer Adler. Noah, der sich neugierig nach vorne lehnte. Emilia eingekuschelt. Nadine zwischen Kamera, Kind und Bootsbalance. Und ich, die natürlich fotografierte, als müsste ich das gesamte Archipel für die Nachwelt sichern. In diesem Moment war ich einfach nur froh, dass diese Bootsfahrt doch noch geklappt hatte.
Was mich zusätzlich faszinierte: Wir waren fast allein. Ich hatte erwartet, dass dort auch im April einiges los ist. Ein paar Boote, ein paar Touren, ein bisschen Betrieb. Nichts. Ab und zu tauchte in weiter Ferne ein Motorboot auf, später ein Segler am Horizont, aber die meiste Zeit gehörte dieses unglaubliche Wasser einfach uns. Absolute Stille, nur das Plätschern am Rumpf, der Wind, Möwen in der Ferne und unser Motor.
Wunderschön. Und ein kleines bisschen beunruhigend. Denn so romantisch „wir haben das Paradies für uns allein“ klingt, so praktisch wenig hilfreich ist es, wenn man sich gleichzeitig fragt, wen man eigentlich um Hilfe rufen würde, falls aus „kein Problem“ plötzlich „größeres Problem“ wird.
Wir warfen den Anker in einer ersten Bucht, die aussah, als hätte ein Reisemagazin sie speziell für Menschen erfunden, die zu Hause später sagen wollen: „Nein, das war wirklich so.“ Cornetto-Pause. Kaum raschelte die Tüte, erschien eine neugierige Möwen-Staffel. Diese Vögel hatten offensichtlich Erfahrung mit deutschen Familien auf Bootsausflug. Sie hielten Sicherheitsabstand, aber nicht aus Höflichkeit. Eher aus taktischer Berechnung. Die Viecher wussten genau, was bei uns auf dem Tisch lag. Qualitätsbewusstsein muss man ihnen lassen.
Das glasklare Wasser war dabei wunderschön, aber tückisch. Man sah jeden Stein, jede Pflanze, jeden Schatten auf dem Grund. Nur konnte man beim besten Willen nicht einschätzen, ob das jetzt zwei Meter tief war oder zehn. Das Auge wurde vom türkisen Licht schlicht belogen. Wir schauten also abwechselnd auf die Cornettos, auf die Möwen und ins Wasser, immer in der Hoffnung, keinen fiesen Felsen zu übersehen, der unten lauerte und sich dachte: Kommt nur näher, ich warte.
Nachdem die Cornettos vernichtet, die Möwen enttäuscht und genügend Fotos gemacht waren, lichteten wir den Anker und schipperten weiter. So stellt man sich Bootfahren vor. Sonne, Wasser, Inseln, leichte Brise.
Dann übernahm Oli das Steuer. Wir warfen erneut Anker, diesmal in einer anderen Bucht, wieder traumhaft schön, wieder dieses unfassbare Türkis ringsum. Rechts neben uns ragte ein markanter Felsen aus dem Wasser. „Sehr weit rechts“, stellte die Crew fest. Einhellig. Beruhigend. Also machten wir es uns gemütlich, Nadine holte Kekse hervor, und wir taten genau das, was man an einem solchen Ort tut: essen, staunen, fotografieren, chillen.
Es war die pure Idylle. Alle entspannt. Alle zufrieden. Kekse, Sonne, Türkis.
Bis dieser eine Moment kam.: „Sag mal“, sagte ich irgendwann, während der Keks vermutlich noch irgendwo zwischen Mundwinkel und Erkenntnis hing, „war der Felsen da eben nicht noch viel weiter weg?“
Ein kollektiver Blick nach rechts.
Der Felsen war nicht gewandert.
Wir schon.
Und zwar mit einer Zielstrebigkeit, die man sich fünf Minuten vorher beim Ankern gewünscht hätte. Unser Boot trieb auf das Gestein zu. Nicht dramatisch schnell wie in einem Katastrophenfilm, aber deutlich schneller, als man es gern hat, wenn zwischen Boot und Fels nur noch ein paar Meter Wasser liegen. „Mist. Schnell. Motor an!“
Ab diesem Moment war es vorbei mit der mediterranen Postkartenruhe. Hektik. Kekskrümel in alle Richtungen. Oli ans Steuer. Zündschlüssel. Gas. Stefan und Oli sofort im Rettungsmodus. Wir anderen wurden innerhalb von Sekunden von entspannter Ausflugscrew zu angespanntem Publikum einer sehr spontanen Ankerlehrstunde.
Ein beherztes Manöver brachte uns weg. Knapp. Sehr knapp. Knapp genug, dass Fabrizio keinen Anruf wegen Kaltverformung am Rumpf bekam. Knapp genug, dass das Wort „Kaution“ kurz in großen Leuchtbuchstaben in meinem Kopf erschien. Anker-Fail vom Feinsten.
Erst danach verstanden wir so richtig, was passiert war. Ein Anker ist nämlich nicht einfach ein Widerhaken, den man ins Meer wirft und der sich dann irgendwo festbeißt wie ein Terrier am Hosenbein. Ein Anker funktioniert über Gewicht, Zug und Winkel. Er gräbt sich in den sandigen Boden ein, während die Kette flach am Grund liegt und dafür sorgt, dass der Zug schön waagerecht bleibt. Wenn Wind oder Strömung das Boot in eine andere Richtung drücken, verändert sich dieser Winkel. Die Kette hebt sich, der Anker verliert Halt und ploppt aus dem Sand wie ein lockerer Zahn.
Genau das war uns passiert. Während wir Kekse aßen und sehr zufrieden fanden, dass der Felsen weit rechts lag, hatte unser Anker offenbar beschlossen, seinen Arbeitsvertrag vorzeitig zu beenden. Er schleifte nutzlos über den Grund, während wir gemütlich Richtung Gestein drifteten.
Merke für die Zukunft: Wer Kekse isst, sollte trotzdem ab und zu einen festen Punkt an Land anpeilen. Wenn der wandert, ist es Zeit für den Zündschlüssel.

⚓️ Kleiner Exkurs: Warum der Anker kein „Widerhaken“ ist
Viele denken, man wirft das schwere Ding einfach über Bord, es verhakt sich an einem Felsen und fertig. Großer Irrtum! Wenn sich ein Anker wirklich unlösbar an einem Felsen verhakt, hast du ein Problem – dann brauchst du nämlich eine Flex oder ein Taucher-Team, um wieder wegzukommen.
Das Geheimnis des Ankerns funktioniert eigentlich über Gewicht und Winkel:
Das Eingraben: Der Anker (meist ein Pflugschar- oder M-Anker) ist so geformt, dass er sich durch den Zug des Bootes in den sandigen Boden eingräbt. Er funktioniert also eher wie ein Pflug auf dem Acker.
Die Kette ist der Boss: Das Wichtigste ist nicht der Anker selbst, sondern die Kette. Man gibt viel mehr Kette aus, als das Wasser tief ist (meist das 3- bis 5-fache). Das schwere Eisen liegt flach auf dem Grund. Dieses Gewicht sorgt dafür, dass der Anker waagerecht am Boden gezogen wird. Nur so bleibt er eingegraben.
Das Problem beim Treiben: Wenn der Wind dreht oder die Strömung (oder die Gezeiten) das Boot in eine andere Richtung drückt, hebt sich die Kette. Der Zug kommt plötzlich von oben statt von der Seite. Der Anker wird „ausgebrochen“ – er ploppt aus dem Sand wie ein lockerer Zahn. Genau das ist uns passiert! Wir sind gedriftet, der Winkel hat nicht mehr gepasst, und schon wurde aus dem Anker ein nutzloses Stück Eisen, das über den Grund schleift.
Das Einholen: Um den Anker wieder hochzubekommen, fährt man mit dem Boot direkt über die Stelle, wo der Anker liegt. Jetzt zieht man senkrecht nach oben. In diesem Winkel hat der Anker keinen Halt mehr im Sand und lässt sich ganz entspannt (oder mit der elektrischen Winde) einkurbeln.
Fazit für unsere Reise: Wer Kekse isst, sollte trotzdem ab und zu mal einen Fixpunkt an Land anpeilen. Wenn der wandert, ist es Zeit für den Zündschlüssel!
Mit ordentlich Adrenalin im Blut und dem festen Vorsatz, ab sofort alle fünf Sekunden die Umgebung zu kontrollieren, ließen wir den Felsen des Grauens hinter uns. Wir nahmen Kurs auf das Ostufer von Spargi. Fabrizio hatte ja extra eingeschärft, dass es ab 13 Uhr bei den nördlichen Inseln rauer werden sollte und wir deshalb zu dieser Zeit besser schon Richtung Spargi unterwegs wären. Der sardische Wind hatte offenbar beschlossen, diese Information großzügig auszulegen.
Was uns dann erwartete, war weniger „ein bisschen Schaukeln im Schutz der Insel“ und mehr „Survival-Training für Anfänger mit feuchter Grundausrüstung“. Etwa auf halber Höhe von Spargi wurden die Wellen für unsere Landratten-Verhältnisse plötzlich unheimlich hoch. Das Boot begann zu hüpfen und zu tanzen, als hätte jemand ihm einen Espresso zu viel gegeben. Vorne am Bug bekamen Nadine und die Kinder die volle Breitseite ab. Stefan und Oli klammerten sich an Steuer und Situation fest und versuchten, den Kahn irgendwie auf Kurs zu halten.
Emilia war mittlerweile kein bisschen mehr müde. Dann kam sie. Die Mutter aller Wellen: Watsch. Eine riesige Ladung Salzwasser klatschte über den Bug direkt ins Boot. Das Ergebnis: alle nass. Nicht „ein bisschen Spritzwasser“, nicht „ach, das trocknet gleich“, sondern eher „sind wir gerade kollektiv ins Meer gefallen und haben es nicht gemerkt.“
Das Boot schlug hart aufs Wasser, Nadine wurde deutlich blasser, und die Tankanzeige spielte plötzlich Verrückte. Mal randvoll, mal beinahe leer, im Takt der Wellen. Ein kleines Instrument mit großem Talent für psychologische Kriegsführung. In solchen Momenten fragt man sich kurz, ob man nicht doch lieber im OVS geblieben wäre. Da ist die größte Gefahr normalerweise eine zu kleine Umkleidekabine.
Es war exakt 13 Uhr. Fabrizio hatte gesagt, die Wellen wären oben bei den anderen Inseln. Offenbar hatten die Wellen das Memo nicht gelesen. Oder sie konnten kein Italienisch. Jedenfalls randalierten sie genau dort, wo wir gerade waren. „Komm, wir drehen um.“
Wir versuchten unser Glück westlich an Spargi vorbei. Es wurde ein kleines bisschen besser, aber von ruhig konnte keine Rede sein. Es war immer noch eine verdammt wilde Fahrt. Während Nadine auf den Horizont starrte und innerlich vermutlich bereits sämtliche Seenot-Szenarien durchging, brach bei den Kindern die totale Begeisterung aus. Noah lachte sich schlapp. Emilia quietschte vor Vergnügen.
Für die beiden war das Ganze eine gigantische Achterbahn auf dem Meer. „Woohoooo!“ schallte es über das Boot, während die Erwachsenen versuchten, gleichzeitig nicht umzufallen, nicht zu kentern, nicht die Tankanzeige anzuschreien und dabei so zu wirken, als gehöre das alles zum gebuchten Ausflug.
Stefan und Oli waren hochkonzentriert. Blick auf die Wellen, Blick auf den Horizont, Blick auf die Tankanzeige, wieder auf die Wellen. Ich glaube, beide hätten in diesem Moment lieber einen unübersichtlichen italienischen Kreisverkehr mit Anhänger genommen als diese schwimmende Hüpfburg mit Wellengang.
Nachdem wir uns westlich an Spargi vorbeigemogelt hatten und die gröbsten Wellen-Attacken überstanden waren, kehrte langsam wieder Ruhe ins Boot und in unsere Mägen ein. Der Kanal von Porto Pozzo lag irgendwann vor uns, das Wasser wurde glatter, die Schultern senkten sich, und alle atmeten ein bisschen tiefer durch.
Jetzt war die Zeit für einen würdevollen Führungswechsel gekommen. Oli und Stefan räumten den Platz am Steuer. Der wahre Profi der Crew übernahm: Noah.
Mit einer Lässigkeit, die man sonst nur von erfahrenen Yachtbesitzern kennt, griff er sich das Steuer. Während Stefan und Oli danebenstanden und versuchten, so auszusehen, als hätten sie die Sache jederzeit vollständig im Griff gehabt, manövrierte Noah uns zielsicher durch den Kanal. Man merkte sofort: Der Junge hat das im Blut. Wahrscheinlich hat er heimlich nachts am Simulator trainiert, während wir noch über Cornettos philosophierten.

Die Route
Die GPS-Route, die wir auf der Karte festgehalten haben, sieht im Nachhinein fast professionell aus. Man erkennt deutlich den mutigen Vorstoß von Porto Pozzo hinein ins Herz des Archipels, die Inseln Razzoli und Santa Maria im Norden fast schon umzingelt, dann den Schlenker rüber nach Spargi. 
Auf der Karte sieht der Weg um Spargi herum so friedlich aus. Aber glaubt mir: Die Linien lügen. Da, wo die Kurve westlich an der Insel vorbeizieht, fand unsere persönliche Achterbahnfahrt statt. Ein stolzer Rundkurs, der uns am Ende wieder sicher in den schmalen Kanal zurückgeführt hat – natürlich dank Noahs ruhigem Händchen am Steuer.
Wie mit Fabrizio vereinbart, tippten wir kurz vor dem Ziel eine Nachricht: Wir sind auf dem Rückweg. Nicht, dass er denkt, wir hätten sein Boot nach Korsika entführt oder würden inzwischen mit französischer Flagge weiterfahren.
Der Einzug in den Hafen fühlte sich fast feierlich an. Wir hatten das Boot nicht versenkt, keinen Felsen als Andenken mitgenommen, keine Kaution in sardischem Granit angelegt und sogar die komplette Crew war noch an Bord. Teilweise eingesalzen, aber vollzählig.
Fabrizio wartete am Anleger, sah unser Grinsen und wusste vermutlich sofort, dass wir etwas erlebt hatten. Die Bootabgabe verlief absolut reibungslos. Kurzer Blick auf den Motor, kurzer Blick auf den Rumpf, kurzes Nicken. Die Tankanzeige hatte sich im Stillstand Gott sei Dank wieder beruhigt und tat so, als wäre nie etwas gewesen. Sehr unsympathisch, dieses Instrument.
Wir tauschten das Boot gegen festen Boden unter den Füßen. Das leichte Schwanken im Kopf gab es gratis dazu. Fabrizio meinte, er würde sich freuen, wenn wir beim nächsten Sardinien-Trip wieder sein Boot mieten würden. Das nehmen wir als Kompliment. Wir hatten seinen Kahn schließlich ohne Kratzer zurückgebracht. Die Sache mit dem Felsen bleibt unter uns.

Danach hieß es: Kurs auf Olbia. Bis zur Fähre war noch reichlich Zeit, also steuerten wir das Centro Commerciale Terranova an. Und was macht man, wenn man kurz davor ist, Italien zu verlassen? Richtig. Man plündert den Supermarkt.
Bestes Olivenöl, Käse in allen Reifestufen, Pane Carasau, Salumi und alles, was zu Hause später beim Öffnen der Vorratsschublade leise „Sardinien“ sagen sollte, wanderte in den Einkaufswagen. Nach einem Urlaub in Italien fährt man nicht einfach heim. Man exportiert Lebensmittel in haushaltsnaher Menge. Das ist kein Einkauf, das ist eine emotionale Zollabfertigung.
Nachdem der Wagen voll und wir im Food Court satt waren, stolperten wir noch über einen Pop-up-Store für Sportschuhe. Und wer Noah kennt, weiß: Sportschuhe sind bei ihm keine Nebensache. Sportschuhe sind ein Lebensbereich. Der Junge roch den Laden wahrscheinlich schon, bevor wir ihn gesehen hatten. Natürlich wurde er fündig. Damit waren wir inzwischen bei vier Paar Schuhen für Noah. Vier. Auf einer Reise. Andere Kinder sammeln Muscheln, Noah sammelt Turnschuhe. Immerhin sind sie leichter zu reinigen.
Die Preise waren allerdings so gut, dass am Ende fast alle mit neuer Beute dastanden. Ein Glück, dass es in dem Laden kein Katapult für Oli gab. Nach dem Alghero-Erlebnis hätte es sich sonst vermutlich samt Sportschuhkarton direkt nach Korsika geschossen.

Dann: Camper volltanken, Hafen, Fähre. Die Moby Fantasy empfing uns wie eine alte Bekannte. Um 22 Uhr legte sie pünktlich ab. Danach gab es ein spätes Abendessen, während die Kinder noch den Spielplatz unsicher machten. Oli und Nadine hatten wieder die luxuriöse Viererkabine ergattert, die wir freundlicherweise mitbenutzen durften. Vielen Dank an dieser Stelle an die Crew.
Und genau hier, in der letzten Nacht auf See, kam das finale Drama dieser Reise. Die Dusche. Meine Haare waren nach der Spargi-Achterbahnfahrt so salzverkrustet, dass ich sie notfalls als Fahrradhelm hätte verwenden können. Also ging ich als Erste ins Bad, drehte den Duschregler auf – und Wasser kam. Heiß. Sehr heiß.
Nicht angenehm heiß. Nicht „oh, schöne warme Dusche“-heiß. Sondern knapp unterhalb der Temperatur, bei der man Nudeln hineingeben könnte. Ich rüttelte am Regler, drückte, zog, fluchte leise und versuchte herauszufinden, ob dieses System vielleicht italienische Ironie beinhaltete. Nichts. Der Regler bewegte sich keinen Millimeter. Bevor ich mir Verbrühungen dritten Grades zuzog, kapitulierte ich. Waschbecken. Zahnputzbecher. Salzkrusten entfernen in Etappen. Würde bewahren, soweit möglich.
Dann Oli und Noah. Dasselbe Fluchen aus dem Bad. Dieselbe Vergeblichkeit. Ich war erleichtert. Nicht, weil sie ebenfalls litten. Also vielleicht ein bisschen. Aber hauptsächlich, weil klar war: Ich war nicht einfach zu doof für eine Dusche auf einer Fähre. Dann Nadine und Emilia. Wasserflasche. Zahnputzbecher. Improvisation. Die gesamte Crew dümpelte irgendwann behelfsmäßig gereinigt und leicht lädiert in Richtung Bett.
Dann kam Stefan. Er schnappte sich sein Handtuch, verschwand im Bad, und wir warteten draußen auf die bekannten Geräusche. Fluchen. Rütteln. Resignation. Vielleicht ein kurzer Schrei bei Kontakt mit Hochtemperaturwasser. Nichts. Stille.
Nach ein paar Minuten kam Stefan heraus. Frisch geduscht. Entspannt. Mit diesem breiten Grinsen, das Männer nur dann haben, wenn sie gleich etwas sagen, das die gesamte Raumtemperatur verändert. „Was habt ihr denn alle? Ging doch super.“
In genau solchen Momenten könnte ich ihn hochkant und ohne Fallschirm von der Fähre werfen. Oder wahlweise mit dem Katapult aus Alghero direkt nach Korsika schießen. Das hätte er sich redlich verdient. Sauber geduscht, wohlgemerkt. Während der Rest von uns aussah, als hätte er sich mit einem Zahnputzbecher durch eine maritime Naturkatastrophe gearbeitet.
Mit sauberem – oder zumindest behelfsmäßig entsalztem – Kopf fielen wir schließlich in die Federn, während die Fähre uns sanft Richtung Livorno schaukelte. Was für ein Tag. Was für eine Reise.
Sardinien hatte uns zum Abschied noch einmal alles geliefert: Wettergott, Felsen, Wellen, Salzwasser, Supermarkt-Eskalation, Sportschuhe und eine Dusche mit Charakterproblemen. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – war klar: Wir kommen wieder.
Gute Nacht, Sardinien. Du hast uns ordentlich durchgeschüttelt. Aber schön war’s trotzdem.

































