Salzwasser, Felsen und Stefans Dusch-Triumph
Wer behauptet, Reiseplanung sei entspannend, hat noch nie versucht, einen sardischen Wettergott zu überlisten. Nachdem uns der Wind letzte Woche die Bootsfahrt vermasselt hatte, stand heute endlich das groß angekündigte Finale auf dem Programm. Eigentlich wäre der Plan gewesen, gemütlich von Alghero nach Palau zu fahren und abends die Fähre nach Livorno zu entern. Aber wir sind ja flexibel wie eine sardische Bergstraße. Neuer Zeitplan: Erst mit dem Privatboot durch das La Maddalena Archipel, dann direkt rauf aufs große Schiff. Vom Boot zum Schiff – wir machen heute den kompletten maritimen Rundumschlag.

Guten Morgen, Porto Pozzo. Der Hafen empfing uns mit einem Sonnenaufgang, der so kitschig schön war, dass man ihn fast für eine Photoshop-Fälschung gehalten hätte – orangenes Leuchten über dem spiegelglatten Wasser, Silhouetten der Stege, ein einzelner Vogel auf einem Poller. Hätte jemand ein Foto davon gezeigt und behauptet, es sei eine Computergrafik, ich hätte genickt. Der Ort selbst lag allerdings im tiefsten Winterschlaf. Das Café unserer Wahl? Verrammelt. Porto Pozzo hatte kollektiv beschlossen, die Saison vielleicht nächste Woche zu eröffnen. Vielleicht auch nächsten Monat. Oder gar nicht.
Stefan, Noah und ich schwangen uns also in den Camper, um die Lage zu sondieren. Der Plan klang simpel: Wir finden den Parkplatz am Pier, schicken die Koordinaten per Knopfdruck an Camper 2 und sparen uns das synchrone Herumkurven durch das Dorf. Das Navi hatte allerdings andere Pläne und führte uns mit der Zielstrebigkeit eines wahnsinnigen Tourguides durch Sackgassen, Feldwege und Passagen, die nur dann als Straße durchgehen, weil irgendwann im letzten Jahrhundert mal jemand dort ein Rad verloren hat.
Nach einer kleinen Odyssee standen wir vor einer schmalen Gasse, die ich zuvor für eine private Hoteleinfahrt gehalten hätte. Das Navi schwieg dazu komplett. Mein Instinkt schaltete auf Alles-oder-Nichts: „Fahr da mal rein, Stefan.“ Er fuhr. Und tatsächlich – wie durch ein Wunder spuckte uns die Gasse direkt an den Anlegestellen aus. Punktlandung. Manchmal ist die Intuition das bessere Navi.
Auf dem Weg dorthin entdeckte ich Gian Paolo’s Bar. Das entscheidende Indiz: Echte Bauarbeiter stapften hinein. Wo Bauarbeiter frühstücken, gibt es starken Kaffee und frisches Gebäck – das ist ein Naturgesetz, das in ganz Italien gilt. Wir folgten den Bauarbeitern.
Was dann folgte, war der inzwischen vertraute Heuschrecken-Effekt. Wir aßen den Bestand an Cornettos leer. Die Dame an der Theke war so begeistert, dass sie nachlegte. Wir sicherten uns sechs weitere Schoko-Cornettos als Marschverpflegung, denn man weiß ja nie, wann auf hoher See die nächste Hungerattacke zuschlägt. Mit vollen Mägen und einem Berg Gebäck in der Tasche marschierten wir zum Anleger.
Am Hafen wartete bereits Fabrizio. Das Gespräch lief auf Englisch und war wunderbar pragmatisch: „Schon mal Boot gefahren?“ Stefan: „Nein.“ Fabrizio: „Kein Problem.“ Ein Mann mit tiefer Überzeugung in die Menschheit.
Während Fabrizio mit Stefan den Motor auf Beschädigungen checkte und dabei sorgfältig die Sollbruchstellen inventarisierte, gab es die technische Schnelleinführung. Die Wegbeschreibung klang wie ein Videospiel-Tutorial: Im Kanal immer exakt in der Mitte bleiben, sonst setzt man auf. Zwischen den Inseln Budelli, Razzoli und Santa Maria soll ständig jemand vorne am Bug stehen und ins glasklare Wasser starren – nach Felsen Ausschau halten, die das Boot als Souvenir behalten wollen. Um 13 Uhr den Bereich verlassen und Richtung Spargi schippern, da das Wasser dort oben „etwas rauer“ wird. „Eigentlich kein Problem, aber kleine Kinder und hohe Wellen…die haben dann vielleicht angst.“ Wir nickten alles professionell ab, verstauten die Cornetto-Reserve und machten uns bereit.

Das Boot selbst – ein schnittig weißer Italmar mit blauem Sonnendach und geradezu einladendem Cockpit – lag da wie ein Versprechen im türkisblauen Wasser des Hafens von Porto Pozzo. Stefan schwang sich mit der Lässigkeit eines alten Seebären hinters Steuer und manövrierte rückwärts aus dem Anleger, während Fabrizio am Steg stand und Anweisungen gab wie ein Fluglotse bei einem Großraumflugzeug. Wir kamen unfallfrei heraus. Erster Sieg des Tages.
Die Rollenverteilung an Bord war klar: Oli vorne am Bug als menschliches Radar, Ausschau nach allem haltend, was uns gefährlich werden könnte. Ich saß mit Noah vor Stefan. Nadine und Emilia bildeten hinten die Nachhut – Emilia fand die Situation so angenehm, dass sie sich auf Nadines Schoß einkuschelte, eingewickelt in eine Jacke wie das entspannteste Crew-Mitglied aller Zeiten.
Die Ausfahrt aus dem Kanal von Porto Pozzo erforderte volle Konzentration: Immer schön mittig, so wie Fabrizio es eingebläut hatte. Links und rechts lauerte das seichte Ende, und wir hatten wenig Lust, die Kaution schon nach fünf Minuten im Schlick zu versenken. Als wir das offene Wasser erreichten, nahmen wir Kurs Richtung Norden: Budelli, Razzoli und Santa Maria. Laut Fabrizio eine entspannte 45-Minuten-Fahrt.
„Ist das da drüben eigentlich schon Korsika?“, fragte jemand. Ein kurzer Blick auf den Horizont: Ja, das war es tatsächlich. Ich ermahnte Stefan direkt: „Verfahr dich bloß nicht! Wenn uns gleich jemand auf Französisch nach dem Weg fragt, wissen wir, dass wir die falsche Abzweigung genommen haben.“

Dann erreichten wir das La Maddalena Archipel. Und was soll ich sagen – unfassbar. Einfach nur unfassbar. Das Wasser hier ist so türkis und so glasklar, dass man fast vergisst, im Mittelmeer zu sitzen und nicht in der Karibik. Auf den Fotos ahnt man es, aber live macht es einen ehrlich gesagt ein bisschen sprachlos. Granit-Felsen die orangerot aus dem Wasser ragen. Inseln die aussehen als hätte jemand vergessen, sie zu bevölkern. Wasser in einem Blau, für das es keinen deutschen Namen gibt. Stefan am Steuer mit Hut und Sonnenbrille, Oli am Bug. Noah der sich nach vorne lehnt und schaut. Ich die fotografiere und denkt: Gut, dass wir das durchgezogen haben.
Was mich die ganze Zeit fasziniert hat: Ich hatte erwartet, dass hier auch im April ordentlich Betrieb herrscht. Pustekuchen. Wir waren fast durchgehend das einzige Boot weit und breit. Einmal tauchte in der Ferne ein Motorboot auf, später ein Segler am Horizont – ansonsten hatten wir das Paradies für uns allein. Absolute Stille, nur das Plätschern des Wassers und das gelegentliche Geschrei der Möwen. Andererseits: Um Hilfe rufen, wenn wir ein Problem hätten? Äh – nö.
Wir warfen den Anker in einer ersten Bucht die aussah wie aus einem Reisemagazin ausgeschnitten. Cornetto-Pause. Sofort erschien eine neugierige Möwen-Staffel, die ganz genau wusste, was bei uns auf dem Tisch liegt. Die Viecher hatten ein Qualitätsbewusstsein, das durchaus Respekt verdient.
Das glasklare Wasser hatte dabei seine Tücken: Man starrt nach unten und sieht jeden Stein, jede Pflanze, jeden Schatten auf dem Grund – aber man kann beim besten Willen nicht abschätzen, ob das jetzt zwei oder zehn Meter Tiefe sind. Das Auge wird vom türkisen Licht schlicht getäuscht. Wir hielten Ausschau und passten auf, dass unter uns kein fieser Felsen lauerte, der unser Boot anknuspern wollte. Nachdem wir die Cornettos vernichtet, die Möwen enttäuscht und genug Fotos gemacht hatten, lichteten wir den Anker wieder und schipperten ein Stück weiter. So soll es sein.
Oli übernahm das Steuer. Wir warfen erneut Anker – diesmal in einer anderen Bucht, wieder traumhaft schön, wieder dieses unfassbare Türkis ringsum. Rechts neben uns ragte ein markanter Felsen aus dem glitzernden Wasser. „Sehr weit rechts“, war die einhellige Meinung der gesamten Bordbesatzung. Wir machten es uns also gemütlich, knabberten an den Keksen, die Nadine vorausschauend eingepackt hatte, und schossen Fotos am laufenden Band. Es war die pure Idylle. Alle entspannt, alle happy, Kekse, Sonne, Türkis.

Bis dieser eine Moment kam.
„Sag mal“, warf ich in die Runde, während der Keks im Mundwinkel feststeckte – „war der Felsen da eben nicht noch viel weiter weg?“
Ein kollektiver Blick nach rechts bestätigte das Grauen. Der Felsen war nicht gewandert. Wir schon. Mit einer Zielstrebigkeit, die man sich beim Einparken im Hafen gewünscht hätte, trieb unser Boot auf das Gestein zu. Und das nicht langsam.
„Mist! Schnell! Motor an!“
Hektik. Kekskrümel in alle Richtungen. Oli hechtete ans Steuer, Zündschlüssel, Gas – und ein beherztes Manöver brachte uns weg, knapp bevor Fabrizio einen Anruf wegen Kaltverformung am Rumpf bekommen hätte. Verdammt knapp. Anker-Fail vom Feinsten.
Was war passiert? Kurz zur Erklärung für alle die das genauso wenig wussten wie wir: Ein Anker hält nicht wie ein Widerhaken – er gräbt sich durch Gewicht und Zug in den sandigen Boden ein, und die Kette auf dem Grund sorgt für den richtigen Winkel. Wenn der Wind dreht oder die Strömung das Boot in eine andere Richtung drückt, hebt sich die Kette, der Winkel stimmt nicht mehr, und der Anker „ploppt“ aus dem Sand wie ein lockerer Zahn. Genau das war uns passiert. Wir sind gedriftet, der Winkel hat nicht mehr gepasst, und schon wurde aus dem Anker ein nutzloses Stück Eisen, das über den Grund schleift. Um ihn wieder einzuholen, fährt man übrigens direkt über die Ankerstelle und zieht senkrecht nach oben – in diesem Winkel hat er keinen Halt mehr und lässt sich entspannt einkurbeln. Merke für die Zukunft: Wer Kekse isst, sollte trotzdem ab und zu mal einen festen Punkt an Land anpeilen. Wenn der wandert, ist es Zeit für den Zündschlüssel.
⚓️ Kleiner Exkurs: Warum der Anker kein „Widerhaken“ ist
Viele denken, man wirft das schwere Ding einfach über Bord, es verhakt sich an einem Felsen und fertig. Großer Irrtum! Wenn sich ein Anker wirklich unlösbar an einem Felsen verhakt, hast du ein Problem – dann brauchst du nämlich eine Flex oder ein Taucher-Team, um wieder wegzukommen.
Das Geheimnis des Ankerns funktioniert eigentlich über Gewicht und Winkel:
Das Eingraben: Der Anker (meist ein Pflugschar- oder M-Anker) ist so geformt, dass er sich durch den Zug des Bootes in den sandigen Boden eingräbt. Er funktioniert also eher wie ein Pflug auf dem Acker.
Die Kette ist der Boss: Das Wichtigste ist nicht der Anker selbst, sondern die Kette. Man gibt viel mehr Kette aus, als das Wasser tief ist (meist das 3- bis 5-fache). Das schwere Eisen liegt flach auf dem Grund. Dieses Gewicht sorgt dafür, dass der Anker waagerecht am Boden gezogen wird. Nur so bleibt er eingegraben.
Das Problem beim Treiben: Wenn der Wind dreht oder die Strömung (oder die Gezeiten) das Boot in eine andere Richtung drückt, hebt sich die Kette. Der Zug kommt plötzlich von oben statt von der Seite. Der Anker wird „ausgebrochen“ – er ploppt aus dem Sand wie ein lockerer Zahn. Genau das ist uns passiert! Wir sind gedriftet, der Winkel hat nicht mehr gepasst, und schon wurde aus dem Anker ein nutzloses Stück Eisen, das über den Grund schleift.
Das Einholen: Um den Anker wieder hochzubekommen, fährt man mit dem Boot direkt über die Stelle, wo der Anker liegt. Jetzt zieht man senkrecht nach oben. In diesem Winkel hat der Anker keinen Halt mehr im Sand und lässt sich ganz entspannt (oder mit der elektrischen Winde) einkurbeln.
Fazit für unsere Reise: Wer Kekse isst, sollte trotzdem ab und zu mal einen Fixpunkt an Land anpeilen. Wenn der wandert, ist es Zeit für den Zündschlüssel!
Mit ordentlich Adrenalin im Blut und dem festen Vorsatz, ab sofort alle fünf Sekunden einen Kontrollblick auf die Umgebung zu werfen, ließen wir den Felsen des Grauens hinter uns. Wir nahmen Kurs auf das Ostufer von Spargi. Fabrizio hatte extra eingeschärft, dass es ab 13 Uhr oben bei den kleineren Inseln rauer werden soll und wir deshalb zu dieser Zeit besser schon auf der Höhe von Spargi sein sollten. Der sardische Wind hatte dazu ganz offensichtlich seine eigenen Pläne.
Was uns dann erwartete, war jedenfalls weniger „ein bisschen Schaukeln im Schutz der Insel“ und mehr „Survival-Training für Anfänger mit feuchter Grundausrüstung.“
Etwa auf halber Höhe der Insel Spargi passierte es: Die Wellen wurden für unsere Landratten-Verhältnisse unheimlich hoch. Das Boot fing an zu hüpfen und zu tanzen wie ein Gummiball auf Speed. Die Sitzordnung hatte sich inzwischen auch unfreiwillig verschoben. Nadine und die Kinder vorne am Bug bekamen die volle Breitseite abbekamen. Stefan und Oli klammerten sich am Steuer fest und versuchten, den Kahn irgendwie auf Kurs zu halten. Emilia war mittlerweile kein bisschen mehr müde.
Und dann kam sie. Die Mutter aller Wellen. Watsch. Eine riesige Ladung Salzwasser klatschte über den Bug direkt ins Boot. Das Ergebnis: alle nass. Nicht „ein bisschen feucht“, sondern „als wären wir kollektiv hineingesprungen.“ Das Boot schlug hart auf dem Wasser auf, und die Männer starrten wie gebannt auf die Tankanzeige, die zwischen „Randvoll“ und „ganz, ganz leer“ hin und her schlug wie ein Metronom. In dem Moment fragst du dich kurz, ob du vielleicht doch lieber im OVS geblieben wärst.
Es war exakt 13 Uhr. Fabrizio meinte, die Wellen wären oben bei den anderen Inseln. Haben die Wellen das Memo nicht gelesen? Wissen die nicht, dass sie gefälligst woanders randalieren sollen?
„Komm, wir drehen um!“
Wir versuchten unser Glück westlich an Spargi vorbei. Es wurde ein klein wenig besser, aber von „ruhig“ konnte keine Rede sein. Es war immer noch eine verdammt wilde Fahrt. Während Nadine langsam die Farbe ihrer weißen Bluse annahm – sehr blass – und mit dem Blick einer Frau, die im Stillen bereits das Worst-Case-Szenario durchspielt, auf den Horizont starrte, brach bei den Kids die totale Begeisterung aus. Noah lachte sich schlapp, Emilia quietschte vor Vergnügen – für die beiden war das Ganze eine gigantische Achterbahnfahrt auf dem Ozean. „Woohoooo!“ schallte es über das Deck, während Stefan und Oli mit höchster Konzentration versuchten, das Boot unbeschadet nach Hause zu bringen. Ihr Blick klebte dabei abwechselnd auf dem Horizont und dieser wahnsinnig gewordenen Tankanzeige, die immer noch im Takt der Wellen Tango tanzte.
Nachdem wir uns erfolgreich westlich an Spargi vorbeigemogelt hatten und die gröbsten Wellen-Attacken überstanden waren, kehrte langsam wieder Ruhe in das Boot und in unsere Mägen ein. Sobald wir die schützenden Arme des Kanals von Porto Pozzo erreichten und das Wasser wieder glattgebügelt vor uns lag, war die Zeit für den würdevollen Führungswechsel gekommen. Oli und Stefan räumten den Platz am Steuer. Der wahre Profi der Crew übernahm endlich das Kommando: Noah.

Mit einer Lässigkeit, die man sonst nur von erfahrenen Yachtbesitzern kennt, griff er sich das Steuer. Während Stefan und Oli daneben standen und versuchten, so auszusehen, als hätten sie alles im Griff, manövrierte Noah uns zielsicher durch den Kanal. Man merkte sofort: Der Junge hat das im Blut. Wahrscheinlich hat er heimlich nachts am Simulator trainiert, während wir noch über Cornettos philosophiert haben.
Wie mit Fabrizio vereinbart, tippten wir kurz vor dem Ziel eine SMS: „Wir sind auf dem Rückweg!“ Wir wollten ja nicht, dass er denkt, wir hätten sein Boot nach Korsika entführt, nur weil die Tankanzeige vorhin so wild getanzt hat.
Die Route
Die GPS-Route, die wir auf der Karte festgehalten haben, sieht im Nachhinein fast professionell aus. Man erkennt deutlich den mutigen Vorstoß von Porto Pozzo hinein ins Herz des Archipels, die Inseln Razzoli und Santa Maria im Norden fast schon umzingelt, dann den Schlenker rüber nach Spargi. 
Auf der Karte sieht der Weg um Spargi herum so friedlich aus. Aber glaubt mir: Die Linien lügen. Da, wo die Kurve westlich an der Insel vorbeizieht, fand unsere persönliche Achterbahnfahrt statt. Ein stolzer Rundkurs, der uns am Ende wieder sicher in den schmalen Kanal zurückgeführt hat – natürlich dank Noahs ruhigem Händchen am Steuer.
Der Einzug in den Hafen war fast feierlich. Wir hatten das Boot nicht versenkt, keinen Felsen als Andenken mitgenommen und sogar die gesamte Crew war noch an Bord – wenn auch teilweise ziemlich eingesalzen. Fabrizio wartete bereits am Anleger, sah unser Grinsen und wusste sofort: Mission erfüllt. Die Bootabgabe verlief absolut reibungslos. Kurzer Blick auf den Motor, kurzes Nicken zur Tankanzeige, die sich im Stillstand Gott sei Dank wieder beruhigt hatte – und das war’s. Wir tauschten das Boot gegen festen Boden unter den Füßen, das leichte Schwanken im Kopf gab es als Gratis-Souvenir obendrauf. Fabrizio meinte, er würde sich freuen, wenn wir beim nächsten Sardinien-Trip wieder sein Boot mieten würden. Das nehmen wir als Kompliment. Wir haben seinen Kahn ohne einen einzigen Kratzer zurückgebracht. Das Felsen-Erlebnis bleibt unter uns.

Kurs auf Olbia. Da bis zur Fähre noch jede Menge Zeit auf der Uhr war, steuerten wir das Centro Commerciale Terranova an. Und was macht man, wenn man kurz davor ist, Italien zu verlassen? Richtig – man plündert. Der Supermarkt wurde im großen Stil gecrasht: bestes Olivenöl, Käse in allen Reifestufen, Pane Carasau, Salumi und alles, was uns auch zu Hause noch kulinarisch an diesen Urlaub erinnern soll, wanderte in den Einkaufswagen. Nachdem wir den Wagen voll und uns im Food Court satt gegessen hatten, stolperten wir noch über einen Pop-up-Store für Sportschuhe. Ihr erinnert euch an Noah, unseren absoluten Sportschuh-Freak? Der hat natürlich sofort Lunte gerochen und noch ein Paar abgestaubt – wir sind nun bei vier Paar Schuhe für Noah!
Die Preise waren so unschlagbar, dass wir am Ende fast alle mit neuer Beute dastanden. Ein Glück, dass es in dem Laden kein Katapult für Oli gab – der hätte sonst wahrscheinlich das gesamte Sortiment und sich selbst direkt nach Korsika geschossen.

Camper volltanken, Hafen, Fähre. Die Moby Fantasy empfing uns wie eine alte Bekannte. Pünktliche Abfahrt um 22 Uhr, danach ein spätes Abendessen, während die Kinder den Spielplatz unsicher machten. Oli und Nadine hatten wieder die luxuriöse Viererkabine ergattert, die wir freundlicherweise wieder mitbenutzen durften. Vielen Dank an die Crew!
Und genau hier, in der letzten Nacht auf See, nahm das Schicksal seinen Lauf.
Meine Haare waren vom Salzwasser der Spargi-Achterbahnfahrt so starr, dass ich sie als Helm hätte tragen können. Ich ging als Erste ins Bad, drehte den Duschregler – und das Wasser kam. Heiß. Sehr heiß. Gefühlt knapp unter dem Siedepunkt. Ich rüttelte, ich drückte, ich fluchte leise, aber der Regler ließ sich keinen Millimeter verstellen. Bevor ich mir Verbrühungen dritten Grades zuzog, kapitulierte ich. Waschbecken. Zahnputzbecher. Salzkrusten wegwaschen so gut es ging.
Dann Oli und Noah: dasselbe Fluchen aus dem Bad, dieselbe Vergeblichkeit. Ich atmete erleichtert auf – ich war also nicht einfach zu doof für eine Dusche auf einer Fähre. Nadine und Emilia – das Selbe: Wasserflasche, Zahnputzbecher, Würde bewahren. Die gesamte Crew dümpelte behelfsmäßig gereinigt und leicht lädiert im Bett.
Dann schlug Stefans Stunde.
Er schnappte sich sein Handtuch, verschwand im Bad, während wir draußen saßen und auf die Schreie wegen Verbrühungen warteten. Nichts. Stille. Nach ein paar Minuten kam Stefan heraus – entspannt, frisch geduscht, mit dem breiten Grinsen eines Mannes, der ganz genau weiß, was er gerade angerichtet hat. Er schaute in unsere fassungslosen Gesichter und sagte: „Was habt ihr denn alle? Ging doch super.“
In genau solchen Momenten – in genau solchen Momenten – könnte ich ihn hochkant und ohne Fallschirm von der Fähre werfen. Oder wahlweise mit dem Katapult aus Alghero direkt zurück nach Korsika schießen. Das hätte er sich redlich verdient.
Mit sauberem – oder zumindest behelfsmäßig gereinigtem – Kopf fielen wir schließlich alle in die Federn, während die Fähre uns sanft Richtung Livorno schaukelte. Was für ein Tag. Was für eine Reise.
Sardinien, du hast uns alles abverlangt – den Wettergott, den Felsen, die Wellen, das Salzwasser und eine untreue Dusche. Wir kommen trotzdem wieder.
Gute Nacht.

































