Grotta Varone, Lago di Tenno und die Kunst des planlosen Vespa-Fahrens
Heute ist unser letzter voller Urlaubstag am Gardasee. Und wie so oft hatten wir schon beim Frühstück einen ziemlich genauen Plan. Heute sollte es zunächst nur ein paar Kilometer von Torbole entfernt zum Parco Grotta Cascata Varone gehen. Die erste Etappe quasi gleich um die Ecke – keine stundenlange Passstraße – dafür eines der bekanntesten Naturwunder der Region. Die Fahrt dauerte kaum zehn Minuten. Gerade lang genug, damit die Vespas warm wurden.
Vor dem Eingang standen allerdings bereits einige Menschen. Geöffnet hatte der Park noch nicht, also reihten wir uns brav in die kleine Warteschlange ein. Etwa zwanzig Minuten mussten wir warten. Normalerweise ist Warten ja nicht unbedingt unsere Lieblingsbeschäftigung. Aber bei strahlendem Sonnenschein und der Vorfreude auf das, was einen erwartet, verging die Wartezeit erstaunlich schnell.

Während wir so dastanden, fielen uns überall die Hinweise auf, dass man einen Besuch in der Hauptsaison – vor allem im August und teilweise sogar noch im September – möglichst vermeiden sollte. Da mussten wir beide kurz schlucken. Vor uns standen jetzt schon bestimmt zwanzig Leute, obwohl der Park noch nicht einmal geöffnet hatte. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie es hier aussieht, wenn mitten im August mehrere Reisebusse gleichzeitig ihre Türen öffnen und eine halbe Kleinstadt in Richtung Grotte marschiert.
Ganz ehrlich: Dann wäre das für uns vermutlich nichts mehr. So schön der Ort vermutlich ist – mit solchen Menschenmassen dürfte vom Naturerlebnis nicht mehr allzu viel übrig bleiben. Umso glücklicher waren wir, dass wir heute früh dran waren und wenigstens noch das Gefühl hatten, die Grotte nicht im Schichtbetrieb besichtigen zu müssen. Pünktlich öffneten sich schließlich die Tore.
Kaum waren die Tore geöffnet, liefen die meisten Besucher ziemlich zielstrebig in Richtung obere Grotte. Dort oben wartet schließlich das große Spektakel. Wir beschlossen allerdings, erst einmal genau das Gegenteil zu machen. Man muss ja nicht immer der Herde hinterherlaufen.

Zunächst führte der Weg durch den liebevoll angelegten Park. Überall blühte und grünte es, zwischen exotischen Pflanzen schwammen riesige Koi-Karpfen durch glasklares Wasser, und direkt neben den Wegen plätscherte bereits der Varone-Bach. Ehrlich gesagt hätten wir allein dort schon eine ganze Weile verbringen können. Der Park wirkt fast wie ein botanischer Garten – nur dass irgendwo im Hintergrund ständig das dumpfe Rauschen des Wasserfalls zu hören ist und einen neugierig macht.

Während sich ringsherum die ersten Besucher gewissenhaft in ihre knallgelben Regenponchos zwängten – ein Anblick irgendwo zwischen Müllabfuhr und Tatort-Spurensicherung –, machten wir erst einmal genau das Gegenteil. Warum sollte man schließlich freiwillig dorthin laufen, wo alle anderen hinrennen? Also bogen wir gemütlich zur unteren Grotte ab. Dort führt ein Steg tief in den Fels hinein, genau dorthin, wo der Wasserfall nach seinem rund hundert Meter tiefen Sturz schließlich ankommt. Und das Beste daran: Wir hatten den ganzen Bereich komplett für uns allein. Manchmal lohnt es sich eben doch, den Herdentrieb kurz auszuschalten.
Die Höhle selbst war mit farbigen LED-Strahlern illuminiert. Ehrlich gesagt hätte der verantwortliche Lichtdesigner ruhig einen Gang zurückschalten dürfen. Natur ist auch ohne lila, pink und blau ziemlich gut darin, Eindruck zu machen. Sofort musste ich an die Niagarafälle denken. Die haben wir einmal nachts besucht und wurden Zeuge, wie ein Weltwunder innerhalb weniger Sekunden in eine Mischung aus Disco, Kirmes und überdimensionalem Zuckerwatteberg verwandelt wurde. Ganz so weit ging man hier zum Glück nicht – aber ich hatte kurz die Befürchtung, dass gleich irgendwo Nebelmaschinen anspringen, Ricchi e Poveri “Sarà perché ti amo” aus den Lautsprechern schallt und jemand Glitzerkanonen zündet.
Die eigentliche Show war ohnehin nicht die Beleuchtung, sondern das Wasser. Mit einer unglaublichen Wucht schoss es aus der engen Felsspalte in das darunterliegende Becken. Das Donnern hallte durch die gesamte Höhle und für einen Moment verstand man sein eigenes Wort kaum noch. Gleichzeitig war es erstaunlich friedlich. Keine Menschenseele weit und breit. Nur wir, ein Wasserfall, der sich benahm, als hätte er schlechte Laune, und diese bizarre Felsenwelt, die aussah, als hätte sich Mutter Natur beim Schnitzen ein bisschen ausgetobt.
Das Angenehme an der unteren Grotte: Man blieb komplett trocken. Kein Tropfen auf der Kleidung, keine nassen Haare, nichts. Man konnte das Schauspiel ganz entspannt genießen und gleichzeitig den gelben Poncho-Trägern beim Aufstieg zusehen. Irgendetwas sagte uns allerdings, dass sie ihre modische Entscheidung nicht ohne Grund getroffen hatten. Da oben wartete offensichtlich noch der Teil der Grotte, bei dem aus einem kleinen Sprühnebel schnell eine kostenlose Ganzkörperdusche werden konnte. Und genau das wollten wir als Nächstes herausfinden.
Hinter der unteren Grotte führte der Weg durch einen wunderschön angelegten botanischen Garten langsam nach oben. Zwischen Palmen, riesigen Farnen, exotischen Pflanzen und unzähligen Blüten hätte man fast vergessen können, dass hier irgendwo ein Wasserfall mit voller Wucht durch den Fels donnert. Überall plätscherte Wasser, Koi-Karpfen zogen gemächlich ihre Bahnen und die ganze Anlage wirkte eher wie der Garten eines leicht größenwahnsinnigen Landschaftsarchitekten als wie der Eingang zu einer Schlucht.
Je weiter wir den Serpentinen nach oben folgten, desto lauter wurde allerdings das Rauschen. Irgendwann hörte man den Wasserfall nicht mehr nur – man spürte ihn. Denn dann kam der Moment, in dem wir schlagartig verstanden, warum am Eingang ausgerechnet Regenponchos verkauft werden.
Innerhalb weniger Sekunden wurden aus ein paar harmlosen Wassertropfen ein ausgewachsener Platzregen. Der Wasserfall schleuderte seine Gischt mit einer solchen Wucht durch die enge Schlucht, dass wir praktisch augenblicklich bis auf die Haut durchnässt waren. Nicht so ein bisschen feucht, wie wenn man versehentlich durch einen Rasensprenger läuft. Nein. Richtig nass. T-Shirt, Hose, Schuhe, Socken – alles. Unsere Kleidung hatte ungefähr den Feuchtigkeitsgehalt eines frisch gewaschenen Handtuchs. Und wisst ihr was? Es war uns völlig egal.
Bei über 30 Grad trocknet man am Gardasee schneller, als man “Handtuch” sagen kann. Außerdem war das Erlebnis einfach zu beeindruckend. Der Wasserfall donnerte direkt neben uns in die Tiefe, die Gischt wirbelte durch die enge Schlucht und immer wieder brachen sich die Sonnenstrahlen in den unzähligen Wassertröpfchen. Plötzlich erschien sogar ein perfekter kleiner Regenbogen mitten zwischen den Felsen – fast so, als wollte die Natur kurz zeigen, dass sie auch ohne lila LED-Strahler ziemlich gute Spezialeffekte beherrscht.
Als wir die Aussichtsplattform wieder verließen, sahen wir aus, als wären wir versehentlich komplett angezogen unter die Dusche gestiegen. Aber wenigstens liefen wir nicht in knallgelben Müllsäcken herum. Das war uns der nasse Hintern allemal wert.

Inzwischen waren unsere Klamotten vom Wasserfall längst wieder trocken und wir schwangen uns zurück auf die Vespas. Über die kurvenreiche Strada di San Zeno ging es weiter Richtung Canale di Tenno. Schon die Strecke dorthin war wieder so eine dieser Straßen, wegen denen man am Gardasee ständig den Drang verspürt, alle fünf Minuten anzuhalten. Hinter jeder Kurve wartete die nächste Aussicht auf Riva, den See und die Berge. Stefan verdrehte inzwischen schon leicht die Augen, wenn ich mal wieder rief: “Nur ganz kurz anhalten!”

In Canale di Tenno angekommen, begann erst einmal das traditionelle Urlaubsspiel “Wo zum Henker stellen wir jetzt die Vespas ab?” Nach einer kleinen Ehrenrunde fanden wir schließlich tatsächlich einen Parkplatz und liefen die letzten Meter zu Fuß. Und dann wurde es… seltsam.
Nicht unangenehm seltsam. Sondern richtig cool seltsam. Es fühlte sich an, als wären wir versehentlich durch eine Zeitmaschine gelaufen. Überall schmale Kopfsteinpflastergassen, uralte Natursteinhäuser, kleine Torbögen, verwinkelte Durchgänge und Treppen, die aussahen, als würden sie seit 700 Jahren genau dort stehen. Hinter jeder Ecke wartete schon die nächste Kulisse, bei der man automatisch die Kamera zückte. Das Faszinierendste war aber gar nicht die Architektur. Es waren die Menschen.
Aus einem Fenster unterhielt sich ein älterer Herr lautstark mit einer Nachbarin, die zwei Häuser weiter aus ihrem Fenster lehnte. Auf einem kleinen Platz begrüßten sich zwei Bewohner, als hätten sie alle Zeit der Welt. Irgendwo klapperte Geschirr, irgendwo anders ging eine Haustür auf und wieder zu. Alles wirkte völlig normal. Und genau das war das Merkwürdige. Ich hatte ständig das Gefühl, gleich kommt irgendwo ein Regisseur um die Ecke und ruft: “Schnitt! Das war gut, wir drehen die Szene noch einmal.” Es fühlte sich an, als wäre der ganze Ort ein riesiges Freilichtmuseum und die Bewohner wären engagierte Schauspieler, die den Alltag des Mittelalters möglichst authentisch nachspielen.
Nur waren sie eben keine Schauspieler. Sie wohnten tatsächlich hier. Und genau das machte den Charme aus. Canale di Tenno wirkte überhaupt nicht geschniegelt oder geschniegelt-touristisch. Es hatte eher den Eindruck, als hätten die Bewohner irgendwann beschlossen: “Wir lassen einfach alles so, wie es seit dem Mittelalter ist.” Und alle anderen sagten: “Ja. Gute Idee.”
Für mich war das tatsächlich eines der absoluten Highlights der ganzen Reise. Nicht, weil dort irgendeine spektakuläre Sehenswürdigkeit auf uns wartete. Sondern weil der Ort etwas geschafft hat, was nur ganz wenige schaffen: Nach fünf Minuten vergisst man komplett, in welchem Jahr man eigentlich gerade unterwegs ist.
Nach einer gefühlten Zeitreise ins Mittelalter stiegen wir wieder auf unsere Vespas. Eigentlich waren es nur ein paar Minuten bis zum Lago di Tenno, aber schon die Strecke dorthin machte wieder genau das, was Straßen am Gardasee ständig mit uns machen: Sie zwang uns zum Anhalten. Hinter einer Kurve öffnete sich plötzlich der Blick auf den See.
Ich weiß, Fotos im Internet übertreiben ja gerne mal. Filter hier, Sättigung dort, noch schnell den Regler für “Türkis” bis zum Anschlag. Aber diesmal war es genau andersherum. Der See sah in Wirklichkeit fast noch unwirklicher aus als auf den Bildern. Dieses Wasser hatte tatsächlich diese leuchtend türkise Farbe, für die der Lago di Tenno berühmt ist. Verantwortlich dafür sind übrigens die hellen Kalksteine am Grund und das extrem klare Wasser. Je nach Sonnenstand wechselt die Farbe zwischen Türkis und Smaragdgrün.

Natürlich blieb es nicht beim Aussichtspunkt. Ein paar Minuten später parkten wir die Vespas und liefen den kurzen Weg hinunter zum Ufer. Mit jedem Schritt wurde das Wasser klarer. Irgendwann standen wir direkt am See und mussten erst einmal kurz innehalten. Das Wasser war so durchsichtig, dass man jeden einzelnen Stein auf dem Grund erkennen konnte. Kleine Fische huschten zwischen den Kieseln hindurch, als wollten sie beweisen, dass hier wirklich nichts getrickst ist. Kein Sandstrand, keine Strandpromenade mit Souvenirläden, keine Tretboote mit Riesenrutsche. Einfach nur glasklares Wasser, weiße Kiesel und ringsherum bewaldete Berghänge.
Man sitzt dort automatisch erst einmal eine Weile und schaut einfach nur aufs Wasser. Ich musste unwillkürlich grinsen. Eben liefen wir noch durch ein mittelalterliches Dorf, in dem ich ständig auf einen Statisten mit Holzschubkarre wartete. Zehn Minuten später standen wir an einem See, der farblich irgendwo zwischen Karibik und Photoshop pendelte. Die Gegend um den Gardasee schafft es wirklich, einen ständig zu überraschen.
Am liebsten wäre ich direkt hineingesprungen. Das Wasser war zwar eher auf der Kategorie “erfrischend bis arktisch”, aber an diesem heißen Sommertag hätte mich das keine Sekunde gestört. Stattdessen begnügten wir uns damit, die Füße ins Wasser zu halten, den kleinen Fischen beim Herumschwimmen zuzusehen und diesen Ort einfach ein paar Minuten auf uns wirken zu lassen. Manchmal braucht es gar keine große Attraktion. Manchmal reicht ein See, dessen Farbe so aussieht, als hätte die Natur aus Versehen den Sättigungsregler zu weit nach rechts geschoben.
Zurück am Parkplatz wartete noch eine kleine Überraschung auf uns. Direkt nebenan hatte ein kleiner Bauernmarkt aufgebaut. Natürlich konnten wir da nicht einfach vorbeilaufen. Also wurde hier ein Stück Käse probiert, dort eine Wurst, dann noch irgendein Brotaufstrich, von dem wir vorher noch nie gehört hatten, und ehe wir uns versahen, hielten wir drei Gläser Marmelade in der Hand. Probieren ist eben ein gefährliches Hobby. Irgendetwas nimmt man am Ende immer mit nach Hause.
Danach passierte etwas, das bei uns im Urlaub fast schon Seltenheitswert hat. Wir hatten plötzlich keinen Plan mehr. Keine Sehenswürdigkeit, die “man unbedingt gesehen haben muss”. Keine Uhrzeit, die wir einhalten mussten. Kein Navi, das uns mit ernster Stimme erklärte, wo es jetzt als Nächstes hingeht. Also fuhren wir einfach los.
Mal ging es durch Tenno, dann wieder durch Cavaione oder Castello di Tenno. Irgendwann tauchte ein Ortsschild mit Fiavè auf, später Pranzo, dann wieder irgendein Dorf, dessen Namen ich spätestens beim nächsten Ortsschild schon wieder vergessen hatte. Ich hätte euch hinterher beim besten Willen nicht mehr sagen können, wo genau wir überall waren. Aber ehrlich gesagt war das auch völlig egal. Wir waren nicht auf der Suche nach dem nächsten Highlight. Wir waren einfach unterwegs.
Das Schöne an solchen Tagen ist: Man entwickelt irgendwann eine ganz eigene Urlaubslogik. “Oh, da vorne sieht’s hübsch aus.” Zehn Sekunden später standen beide Vespas am Straßenrand. Helme runter. Kamera raus. Fotos. “Okay, weiter.” Keine fünf Minuten später: “Oh… hier ist es ja NOCH schöner.” Also wieder rechts ran.
Ich glaube, Stefan hat irgendwann aufgehört zu fragen, warum wir schon wieder anhalten. Er bremste einfach automatisch mit. Vermutlich aus Erfahrung. Wobei “automatisch” relativ ist. Nach dem zwölften Fotostopp dürfte er sich innerlich schon gefragt haben, ob wir eigentlich eine Vespatour oder eine Wanderung zwischen Parkbuchten gebucht hatten. Dabei war es nie irgendeine weltberühmte Aussicht. Mal war es eine besonders schöne Kurve, mal eine kleine Kapelle, mal ein einzelner Baum, der zufällig genau richtig stand. Dinge, an denen wahrscheinlich 99 Prozent der Autofahrer einfach vorbeifahren. Und wir? Wir machten daraus einen Fotostopp.
Im Nachhinein bin ich ziemlich sicher, dass unsere Vespas an diesem Nachmittag mehr Zeit auf ihrem Seitenständer verbrachten als auf ihren Rädern. Aber genau das war wahrscheinlich der Plan. Oder zumindest unser fehlender Plan. 😄
Langsam meldete sich dann doch wieder der Hunger. Also machten wir auf dem Rückweg noch einen Stopp im Iper Poli in Riva – für uns inzwischen so etwas wie die inoffizielle Versorgungszentrale am nördlichen Gardasee. Gefühlt landet man dort früher oder später sowieso immer. In dem kleinen Einkaufszentrum gibt es eine Cafeteria. Keine Location, die einen Michelin-Stern an der Tür hängen hat. Muss sie aber auch gar nicht. Das Essen war überraschend ordentlich, die Preise angenehm günstig und nach so einem Tag schmeckt ohnehin fast alles. Also stärkten wir uns noch einmal, beobachteten das bunte Treiben zwischen Einkaufswagen, Rentnern mit Espresso und Touristen, die offenbar nur schnell “eine Kleinigkeit” kaufen wollten und mit einem Einkaufswagen für den halben Monat wieder herauskamen.
Danach rollten wir die letzten Kilometer ganz entspannt zurück zum Campingplatz. Die Vespas hatten an diesem Tag unzählige Kurven gesehen, wir noch mehr Fotostopps eingelegt und am Ende genau das gemacht, weshalb wir solche Urlaube lieben: einfach losfahren, ohne genau zu wissen, was hinter der nächsten Kurve wartet.
Eigentlich hätte der Tag damit beendet sein können. Hätte. Aber mich ließ dieser Käse vom Monte Baldo einfach nicht mehr los. Dieser unfassbar gute Käse aus der Berghütte spukte mir seit Tagen im Kopf herum. Ihr kennt das vielleicht: Man isst im Urlaub irgendetwas und plötzlich entwickelt das Gehirn einen Jagdtrieb. Von da an geht es nicht mehr um Vernunft, sondern nur noch um die Frage: Wo bekomme ich dieses geile Zeug her?
Also wurden die Vespas kurzerhand noch einmal gestartet. Ein bisschen Internet-Recherche später führte die Spur zur Cantina Frantoio in Riva del Garda. “Wenn den jemand hat”, dachte ich, “dann die.” Schon von außen wirkte das Ganze eher wie ein modernes Feinkost-Paradies als wie ein gewöhnlicher Hofladen. Drinnen wurde dieser Eindruck nur noch stärker. Auf rund 700 Quadratmetern stapelten sich regionale Spezialitäten, feinste Olivenöle, unzählige Weine, Grappa, Honig, Marmeladen, Pasta, Wurst, Käse und alles, was man braucht, um nach dem Urlaub mindestens fünf Kilo schwerer wieder nach Hause zu fahren.

Besonders faszinierend fanden wir die Wein-Zapfanlage. Statt Flaschen aus dem Regal zu nehmen, konnte man sich bestimmte Weine tatsächlich direkt aus Edelstahl-Zapfsäulen in die mitgebrachten Behälter füllen lassen. Irgendwie hatte das etwas von einer Tankstelle für Genießer. Nur dass man hier eben keinen Diesel zapfte, sondern Lugana oder Merlot.
Wir stöberten bestimmt eine halbe Stunde durch die Regale. Immer wieder entdeckten wir neue Köstlichkeiten und jedes Mal sagte einer von uns den gefährlichen Satz: “Ach komm… das probieren wir auch noch.” Genau so entstehen übrigens Urlaubsmitbringsel, von denen man zu Hause keine Ahnung mehr hat, warum sie plötzlich im Koffer lagen.
Den eigentlichen Grund unserer kleinen Expedition fanden wir allerdings nicht. Mein Monte-Baldo-Traumkäse blieb verschwunden. Wahrscheinlich wird der ausschließlich von glücklichen Kühen hergestellt, die irgendwo auf einer Alm italienische Opern hören und ausschließlich Alpenkräuter frühstücken. Ganz leer gingen wir natürlich trotzdem nicht nach Hause. Ein anderer regionaler Käse wanderte kurzerhand in unsere Einkaufstasche. Nicht derselbe wie auf dem Monte Baldo – aber ebenfalls richtig lecker.
Zufrieden rollten wir anschließend die letzten Kilometer zurück zum Campingplatz. Jetzt war der Urlaubstag wirklich zu Ende. Oder zumindest hatten wir uns das fest vorgenommen.
Zurück am Campingplatz wartete noch eine letzte kleine Aufgabe auf uns. Die Vespas mussten wieder auf den Anhänger. Erstaunlicherweise klappt das am letzten Urlaubstag immer deutlich routinierter als bei der Anreise. Jeder Handgriff sitzt, jeder weiß, was zu tun ist. Zum Abschied gönnten wir uns im Restaurant des Campingplatzes noch eine Kleinigkeit zum Abendessen. Kein großes Finale, kein festliches Drei-Gänge-Menü. Einfach noch einmal gemütlich zusammensitzen, den Tag Revue passieren lassen und langsam akzeptieren, dass der Urlaub tatsächlich zu Ende ging.
Am nächsten Morgen verlief dann alles erstaunlich unspektakulär. Nach dem Frühstück rollten wir vom Campingplatz, nahmen wieder Kurs auf den Brenner und machten uns auf den Heimweg. Keine langen Staus, keine Vollsperrungen, keine Überraschungen. Der Verkehr lief angenehm flüssig und so saßen wir tatsächlich pünktlich zum Abendessen wieder mit der ganzen Familie am Tisch.
Die größte Freude hatten natürlich Noah und Emilia, die uns nach einer Woche endlich wieder in die Arme schließen konnten. Aber ehrlich gesagt galt das genauso für uns. Und für Nadine und Oli vermutlich auch. Natürlich hatten wir nicht nur Geschichten im Gepäck, sondern auch jede Menge italienische Mitbringsel. Käse, Salami und andere Leckereien landeten sofort auf dem Tisch und wurden gemeinsam vernichtet. Schließlich wäre es egoistisch gewesen, all die Kalorien allein gegessen zu haben.
Kaum war der Camper ausgeräumt und die Wäsche sortiert, begann allerdings schon das, was nach jedem Urlaub zuverlässig passiert: die Vorfreude auf den nächsten. Und auf den mussten wir diesmal gar nicht lange warten.
Mitte September geht es schon wieder nach Italien. Wieder mit dem Camper. Wieder mit beiden Vespas. Diesmal allerdings an die Amalfi-Küste. Die haben wir im vergangenen Jahr bereits mit dem Mietwagen erkundet. Wunderschön war es damals schon. Aber irgendwo tief in uns war immer dieser Gedanke: “Eigentlich müsste man diese Straßen einmal mit der Vespa fahren.”
Genau das holen wir jetzt nach.
Fortsetzung folgt …










































