Stachelige Teddys, 150 Kilometer extra und ein Steak mit Erklärungsbedarf
Am nächsten Morgen verlassen wir unser angenehm gekühltes Zimmer in Indio und stellen fest, dass die Wüste draußen über Nacht keineswegs zur Vernunft gekommen ist. Die Temperaturen steigen schon wieder, und wir sind offenbar die Einzigen, die freiwillig noch tiefer hineinfahren möchten. Heute steht der Joshua Tree National Park auf dem Programm. Nach unserer gestrigen Einführung in die Themen Hitze und warmes Badewasser fühlen wir uns zumindest theoretisch vorbereitet. Praktisch sind wir vor allem froh über die Klimaanlage im Jeep.
Wir steuern den Südeingang an und lassen die Stadt hinter uns. Die Landschaft wird weiter, die Bebauung verschwindet, und irgendwann liegt vor uns vor allem sehr viel Gegend. Trockene Hänge, vereinzelte Sträucher, Berge in der Ferne und darüber ein Himmel, der hier offenbar grundsätzlich ohne Platzbeschränkung geliefert wird. Ich schaue aus dem Fenster und bin sofort wieder begeistert. Dass eine Landschaft mit so wenig Grün so schön sein kann, hätte ich früher vermutlich bezweifelt. Mein bisheriges Verständnis von üppiger Natur bekommt gerade eine gründliche Überarbeitung.

Am Cottonwood Visitor Center halten wir an und versorgen uns mit Karten, Broschüren und Tipps. Anschließend verfügen wir über ausreichend Papier, um auch bei einem Totalausfall sämtlicher Straßenschilder noch eine Weile beschäftigt zu sein. Ein Blick auf die Parkkarte zeigt allerdings, dass wir uns etwas beschränken müssen. Hier lässt sich nicht einfach alles ansehen, nur weil man morgens rechtzeitig losgefahren ist. Nach unserem Besichtigungsmarathon in Los Angeles eine bedauerliche Erkenntnis, aber wir wollen es wenigstens ordentlich versuchen.
Am Kassenhäuschen sitzt niemand. Wir schauen uns kurz um, als könnte der zuständige Ranger gerade hinter einem Busch stehen, doch ein Schild erklärt, dass wir die Gebühr später bezahlen können. Das ist erfreulich unkompliziert. Wir dürfen schon einmal hinein und kümmern uns anschließend um die Rechnung. Ein Verfahren, das am Rodeo Drive vermutlich nicht ganz so begeistert aufgenommen würde.
Die Straße führt uns tiefer in den Park. Zunächst wirkt vieles karg, aber je länger ich hinschaue, desto mehr entdecke ich: unterschiedliche Sträucher, trockene Grasbüschel, Felsen in wechselnden Farben und Formen. Die Wüste macht es einem eben nicht ganz so einfach wie ein Blumenbeet. Man muss ein bisschen genauer hinsehen, bekommt dafür aber auch keine Geranien.

Nach ungefähr 20 Meilen erreichen wir den Cholla Cactus Garden. Schon vom Parkplatz aus sieht es aus, als hätte jemand eine ganze Gesellschaft kleiner, goldgelber Plüschgestalten in die Landschaft gesetzt. Im Sonnenlicht leuchten die dicht mit Dornen besetzten Triebe geradezu. „Teddy Bear“ klingt ja zunächst nach Kinderzimmer, Kuscheldecke und einem freundlichen Gesicht. Hier hat sich bei der Namensgebung offenbar jemand einen ziemlich boshaften Scherz erlaubt.
Aus der Nähe wird schnell deutlich, dass diese Teddys keinerlei Interesse an Zärtlichkeiten haben. Wir bewegen uns vorsichtig auf dem Weg zwischen ihnen hindurch und achten darauf, wo wir hintreten. Die müssen uns gar nicht hinterherspringen, auch wenn ihr Spitzname das nahelegt. Es reicht völlig, ihnen versehentlich zu nahe zu kommen. Ich betrachte die Dornen und beschließe, dass unsere Bekanntschaft rein optisch bleiben wird.
Für ein Foto stelle ich mich neben ein besonders stattliches Exemplar. Mit Abstand natürlich, auch wenn der Kaktus auf dem Bild vermutlich harmloser aussieht als ich nach einer Nacht mit zu wenig Schlaf. Ringsherum stehen unzählige weitere Chollas, dahinter kahle Berge und blauer Himmel. Es ist eine eigenartige, wunderschöne kleine Welt. Man möchte alles genauer ansehen und gleichzeitig darauf achten, mit keinem Körperteil ungeplant zur Dekoration beizutragen.
Cholla Cactus / Jumping Teddy Bear Cactus
Die Cholla-Kakteen, insbesondere die Sorte Cylindropuntia bigelovii, die im Cholla Cactus Garden des Joshua Tree National Parks zu finden ist, gehören zu den faszinierendsten, aber auch tückischsten Bewohnern der Wüstenlandschaft. Diese Kakteen sind für ihre ungewöhnliche Erscheinung bekannt: Ihre dichten, goldgelben Stacheln lassen sie im Sonnenlicht fast leuchten, was ihnen aus der Ferne ein fast einladendes, kuscheliges Aussehen verleiht – daher der Spitzname „Jumping Teddy Bear Cactus“. Doch der Name ist irreführend: Nichts an diesen Kakteen ist weich oder kuschelig.
Die „Springen“-Legende basiert darauf, wie leicht sich die Stacheln bei der kleinsten Berührung lösen und an Kleidung, Haut oder sogar Tieren haften bleiben. Das liegt an den kleinen Widerhaken an den Spitzen der Stacheln, die wie Miniatur-Angeln wirken. Selbst ein Windstoß oder eine leichte Erschütterung des Bodens kann dazu führen, dass die Stacheln auf scheinbar magische Weise „springen“ und sich in ihre Umgebung verankern.
Diese Abwehrstrategie schützt die Cholla-Kakteen vor Fressfeinden und sorgt gleichzeitig dafür, dass Teile der Pflanze transportiert werden – eine clevere Methode der Fortpflanzung. Denn die abgebrochenen Teile können an einem neuen Ort Wurzeln schlagen und zu eigenständigen Pflanzen heranwachsen. Diese Fähigkeit macht die Cholla-Kakteen zu überlebensfähigen Bewohnern der Wüste, wo Ressourcen knapp und Bedingungen oft extrem sind.
Neben ihrer beeindruckenden Anpassungsfähigkeit bieten sie auch einen Lebensraum für verschiedene Wüstenbewohner. Zwischen ihren stacheligen Armen suchen kleine Vögel Schutz vor Raubtieren, und Insekten nutzen sie als Unterschlupf. Trotz ihrer scheinbar gefährlichen Erscheinung spielen die Cholla-Kakteen also eine wichtige Rolle im Ökosystem der Wüste – ein Paradebeispiel für die faszinierende Balance der Natur, selbst in den unwirtlichsten Gegenden.
Wieder im Jeep fahren wir weiter hinauf in den höher gelegenen Teil des Parks. Die Landschaft verändert sich, und nun begegnen uns auch die namensgebenden Joshua Trees. Was für Gestalten! Knorrige Stämme, wild abgewinkelte Äste und oben stachelige Blattschöpfe, als hätte jemand einen Baum gezeichnet, dabei mehrfach die Richtung gewechselt und am Ende beschlossen, dass das schon so passt. Ich finde sie auf Anhieb großartig. Keiner sieht aus, als hätte er sich jemals um eine ordentliche Baumkrone bemüht.
Dann entdecken wir die Abzweigung zur Geology Tour Road. Eine unbefestigte Strecke durch die Landschaft – das klingt nach einer passenden Aufgabe für unseren Grand Cherokee. Bisher hat er uns vor allem komfortabel von Aussicht zu Aussicht getragen, jetzt bekommt er etwas Staub unter die Räder. Wir schauen auf die Karte und biegen ab. Unsere Vorstellung von Abenteuer umfasst heute eine holprige Piste mit der Möglichkeit, anschließend wieder im klimatisierten Auto zu sitzen. Man muss sich seine Kräfte schließlich einteilen.

Schon nach kurzer Zeit rumpelt es ordentlich. Der Jeep schaukelt über Unebenheiten, und wir werden daran erinnert, dass ein Sitzpolster nicht jede geologische Besonderheit vollständig ausgleichen kann. Stefan fährt konzentriert, während ich zwischen Landschaft und Fahrspur hin- und herschaue. Die Straße heißt schließlich Geology Tour Road – da darf man erwarten, dass einem der Untergrund auch persönlich vorgestellt wird.
Ringsherum stehen Joshua Trees zwischen niedrigen Sträuchern, dahinter erheben sich gewaltige Felsformationen. Manche Blöcke sehen aus, als wären sie nur kurz irgendwo abgelegt worden, andere bilden ganze Türme und Wände. Dazu diese Weite. Sobald wir anhalten und den Motor abstellen, ist es erstaunlich still. Wir steigen aus und bleiben erst einmal neben dem Wagen stehen. Kein Stimmengewirr, keine Musik, kein Verkehrslärm. Nur gelegentlich der Wind und wir beide mitten in dieser Landschaft.

Ich gehe ein paar Schritte und schaue zurück zum Jeep. Plötzlich wirkt selbst unser großzügig bemessenes Auto ziemlich klein. Das ist vermutlich eine der besonderen Fähigkeiten der Wüste: Sie braucht nicht viel zu tun, um einem die eigenen Größenverhältnisse zu erklären. Ich fühle mich dabei keineswegs verloren, eher angenehm zurechtgerückt. Wobei ich sehr froh bin, dass unser fahrbarer Rückzugsort in Sichtweite steht.
Wir überlegen, wie Menschen früher hier unterwegs gewesen sind, lange bevor ihnen ein Navi den nächsten Abzweig angesagt hat. Allein die Vorstellung, diese Gegend ohne klimatisiertes Auto zu durchqueren, nötigt mir erheblichen Respekt ab. Wir finden unsere Fahrt bereits ausgesprochen abenteuerlich, weil gelegentlich die Kamera auf meinem Schoß hüpft. Der Maßstab ist also durchaus ausbaufähig.
Nach weiteren holprigen Abschnitten und mehreren Stopps kommen wir wieder auf die befestigte Straße. Der Jeep hat sich bewährt und trägt inzwischen ein wenig Wüstenstaub, was ihm ausgesprochen gut steht. Er sieht jetzt weniger nach frisch übernommener Autovermietung und mehr nach Reisegefährte aus. Wir selbst fühlen uns ebenfalls deutlich erfahrener. Ein paar Meilen Schotter, und schon sitzt man ein bisschen selbstbewusster im Geländewagen.
Bei der weiteren Routenplanung beugen wir uns erneut über die Karte. Letztlich möchten wir den Park nach Westen verlassen, aber vorher gibt es noch einiges zu sehen. Vor allem die großen Felsformationen haben es uns angetan. Schon gestern waren wir von kahlen Bergen begeistert, heute bleiben wir offenbar bei jedem besonders gelungenen Steinhaufen stehen. Unsere Interessen entwickeln sich in eine erfreulich kostengünstige Richtung.
Bei den Jumbo Rocks hat die Natur jedenfalls nicht gekleckert. Riesige, rundliche Felsblöcke liegen übereinander, nebeneinander und gelegentlich in Positionen, bei denen ich unwillkürlich hoffe, dass sie sich ihre Lage gut überlegt haben. Manche sehen weich und glatt aus, beinahe wie überdimensionale Brote. Beim Anfassen stellt sich allerdings sofort heraus, dass dieser Eindruck täuscht. Hier ist alles sehr eindeutig Stein.
Wir parken und gehen zwischen den Formationen herum. Aus der Nähe sind sie noch beeindruckender, weil man plötzlich direkt vor einer Wand steht, die vom Auto aus wie ein handlicher Felsen gewirkt hat. Ein paar Meter klettern wir vorsichtig hinauf. Gerade weit genug, um uns abenteuerlustig zu fühlen, ohne anschließend eine ernsthafte Besprechung über den Rückweg führen zu müssen. Hoch geht es schließlich oft erstaunlich leicht. Beim Hinuntersehen meldet sich dann gern eine bislang unbeteiligte Stimme im Kopf.

Zwischen den Felsen entdecken wir immer neue Formen. Einer sieht mit seinen Vertiefungen tatsächlich wie ein großer Schädel aus, der aus dem Boden schaut. Die Wüste hat offenbar auch Sinn für etwas makabre Dekoration. Ich mache ein Foto und bin gespannt, ob man das später genauso erkennt oder ob ich wieder danebenstehen und ausführlich erklären muss, wo genau die Augen sind.
Von einer etwas erhöhten Stelle schauen wir über die Landschaft. Joshua Trees, niedrige Büsche, heller Boden und immer wieder diese mächtigen Felsen. Ich hatte mir Wüste früher wesentlich leerer vorgestellt. Hier weiß ich kaum, wo ich zuerst hinsehen soll. Es gibt nur keine schattige Bank mit Blumenkübel daneben, die einem die Entscheidung abnimmt.
Weiter im Queen Valley stehen schließlich so viele Joshua Trees, dass wir uns mitten in einer Versammlung sonderbarer Charaktere wiederfinden. Der eine streckt beide Arme nach oben, der nächste beugt sich zur Seite, ein dritter scheint gerade etwas sehr Nachdrückliches erklären zu wollen. Keiner hält sich an dieselbe Form. Wenn Bäume Persönlichkeiten haben, dann sitzen hier eindeutig die eigenwilligen Verwandten zusammen.
Natürlich möchte ich jeden besonders schönen fotografieren. Das Problem ist nur, dass der nächste oft noch ein bisschen schiefer, verzweigter oder eindrucksvoller aussieht. Stefan hält geduldig an, und ich sammle Baumporträts. Für das Fotoalbum zeichnet sich eine ausführliche botanische Abteilung ab. Nadine und Bianca werden später vermutlich irgendwann fragen, ob wir auch noch etwas anderes gesehen haben. Selbstverständlich: Steine. Sehr viele schöne Steine.

Trotz aller Fotos gibt es zwischendurch Momente, in denen ich die Kamera einfach sinken lasse. Das Licht, die Stille und die Weite passen sowieso nicht vollständig aufs Bild. Wir stehen da und schauen, ohne gleich weiterzumüssen. Noch vor wenigen Tagen bestand unsere Amerika-Erfahrung vor allem aus Florida, Ferienhaus und Papas Kenntnissen. Jetzt sind wir allein hier unterwegs und entdecken eine Landschaft, die sich völlig anders anfühlt. Dass wir uns das zugetraut haben, freut mich gerade ganz besonders.
Schließlich erreichen wir den Westeingang, der für uns heute der Ausgang ist. Hier ist das Häuschen besetzt, und wir können endlich unseren Nationalparkpass kaufen. Unsere aufgeschobene Zahlungsbereitschaft findet also doch noch einen Abnehmer. Mit dem Jahrespass in der Hand fühlen wir uns gleich ein wenig mehr wie richtige Rundreisende. Schließlich stehen noch weitere Nationalparks auf unserem Programm, und nun haben wir bereits die passende Eintrittskarte dazu.
Ich verstaue den Pass sorgfältig. Er gehört ab jetzt zu den Dingen, bei denen ich unterwegs regelmäßig überprüfen werde, ob sie noch da sind, obwohl sie ihren Platz gar nicht verlassen haben. Ein letzter Blick zurück auf die Joshua Trees und die Felsen, dann fahren wir aus dem Park. Dieser erste Besuch hat uns ordentlich beeindruckt – und unsere Vorstellung davon, wie viel es in einer Wüste zu sehen gibt, gründlich korrigiert.

Joshua Tree National Park
Der Joshua Tree National Park ist ein faszinierendes Stück Natur, das sich über eine riesige Fläche von fast 3.200 Quadratkilometern erstreckt und zwei der berühmtesten Wüsten Nordamerikas vereint: die Mojave und die Colorado-Wüste. Dieses besondere Zusammenwirken verschiedener Wüstenökosysteme schafft eine einzigartige Landschaft voller Kontraste. Besonders beeindruckend sind die namensgebenden Joshua Trees – eine Art der Yucca-Palme, die mit ihren krummen Ästen und spitzen Blättern wie eine skurrile Mischung aus Baum und Kaktus wirkt. Die Mormonen benannten diese Bäume nach dem biblischen Joshua, da ihre Äste an ausgebreitete Arme erinnern, die in den Himmel weisen.
Ein Besuch im Joshua Tree National Park ist wie eine Reise in eine andere Welt. Die Mischung aus rauen Felsformationen, scheinbar endlosen Kakteenfeldern und den stacheligen Joshua Trees verleiht der Landschaft eine surreale Atmosphäre. Besonders faszinierend sind die massiven Granitfelsen, die vor Millionen von Jahren entstanden und heute wie zufällig in die Landschaft gestreut wirken. Sie locken nicht nur Kletterer, sondern auch Fotografen und Naturliebhaber an, die hier die stille Schönheit und die außergewöhnliche Formenvielfalt genießen.
Der Park beherbergt außerdem eine erstaunliche Artenvielfalt, die trotz der extremen Bedingungen hier lebt und gedeiht. Neben den berühmten Cholla-Kakteen gibt es hier auch das seltene und vom Aussterben bedrohte California Desert Tortoise, Klapperschlangen, Kojoten und verschiedene Arten von Eidechsen. Der Joshua Tree National Park ist damit ein Paradies für Tierbeobachtungen, vor allem in den frühen Morgenstunden und gegen Abend, wenn die Tiere aktiver sind.
Der Joshua Tree National Park vereint Naturwunder, raues Wüstenklima und stille Schönheit zu einem einzigartigen Erlebnis. Von der wilden Landschaft bis hin zum atemberaubenden Nachthimmel bietet der Park ein unvergleichliches Abenteuer, das die rohe Schönheit der Wüste in all ihren Facetten präsentiert.

Jetzt geht es weiter nach Twentynine Palms. Nach all den eigenwilligen Joshua Trees klingt eine Stadt mit neunundzwanzig Palmen beinahe übersichtlich. Ich hoffe nur, dass niemand von mir erwartet, sie zur Kontrolle durchzuzählen. Für heute habe ich bereits genug Pflanzen einzeln gewürdigt.
Nach Twentynine Palms liegt unser nächstes Ziel eigentlich ganz klar vor uns: Laughlin in Nevada. Dort haben wir bereits von zu Hause aus ein Zimmer im Golden Nugget gebucht. Heute entfällt also die abendliche Suche nach einer Unterkunft, was nach unseren Erfahrungen in Indio ausgesprochen beruhigend ist. Wir müssen nur noch hinfahren. Eine überschaubare Aufgabe, sollte man meinen.
Zunächst läuft auch alles bestens. Der Highway 62 führt uns durch die sonnenüberflutete Wüste, links und rechts breitet sich die Landschaft aus, und wir rollen zufrieden dahin. Nach den vielen Stopps im Nationalpark genießen wir es, einfach Strecke zu machen. Stefan fährt, ich schaue, das Navi weiß Bescheid. Ein gut eingespieltes Team, dessen Zusammenarbeit wenig später von einem einzigen Schild beendet wird: „Road Closed“.
Wir betrachten die Aufschrift mit jener stillen Hoffnung, dass sie vielleicht etwas anderes bedeuten könnte, wenn man nur lange genug hinsieht. Tut sie nicht. Die Straße ist gesperrt, unser direkter Weg nach Laughlin damit ebenfalls. Das Navi dürfte diese Entwicklung ähnlich unpassend finden wie wir, hat allerdings den Vorteil, seine Gefühle auf sachliche Neuberechnungen beschränken zu können. Uns fallen spontan noch andere Formulierungen ein.
Die Umleitung schickt uns auf den Highway 177. Also gut, dann eben dort entlang. Wir wollten schließlich die amerikanische Weite kennenlernen, und offenbar hat jemand beschlossen, dass wir bisher noch nicht genug davon hatten. Nach ungefähr 25 Meilen erreichen wir die Interstate 10. Weitere rund 50 Meilen später geht es auf den Highway 95. Unsere Fahrt bekommt allmählich etwas von einer groß angelegten Besichtigung verschiedener Straßennummern.
Die Landschaft bleibt beeindruckend, daran besteht kein Zweifel. Allerdings schaue ich inzwischen gelegentlich auf die Karte und stelle fest, dass eine schöne Aussicht deutlich schöner ist, wenn sie ungefähr in der Richtung liegt, in die man möchte. „Das gehört eben zum Roadtrip“, sagen wir mit zunehmender Überzeugung. Ein sehr nützlicher Satz. Er bedeutet im Grunde: Ändern können wir es sowieso nicht, also bemühen wir uns wenigstens um eine passende Haltung.
Am Ende kommen ungefähr 150 zusätzliche Kilometer zusammen. Dafür haben wir Wüstenabschnitte gesehen, die in unserer ursprünglichen Planung überhaupt nicht vorkamen und vermutlich auch nichts dagegen gehabt hätten, wenn es dabei geblieben wäre. Wir nehmen es mit Humor. Schließlich wartet in Laughlin ein gebuchtes Zimmer auf uns, und wir müssen unterwegs keine Grundsatzentscheidung mehr darüber treffen, wo wir heute Nacht wohnen. Das verleiht selbst einer ausgedehnten Umleitung einen gewissen Rest an Gemütlichkeit.

Als wir am späten Nachmittag über Bullhead City zur Brücke über den Colorado River kommen, ist die Freude entsprechend groß. Wasser! Nach all dem Sand, den Felsen und den trockenen Hängen wirkt der Fluss beinahe verschwenderisch. Auf der anderen Seite liegt Laughlin, direkt am Ufer eine Reihe von Casinohotels. Wir fahren über die Brücke nach Nevada und sind sofort wieder deutlich versöhnlicher gestimmt. Die Wüste hat uns also doch noch freigegeben.
Laughlin macht schon bei der Ankunft klar, womit man hier seine Zeit verbringen kann. Hotels, Casinos und dazwischen der Colorado, der völlig unbeeindruckt von den menschlichen Gewinnabsichten vorbeifließt. Uns genügt fürs Erste, dass wir unser Hotel problemlos finden. Das Golden Nugget ist schnell erreicht, und als wir die klimatisierte Lobby betreten, verbessert sich meine Laune noch einmal spürbar. Langsam entwickelt sich diese Reise zu einer sehr persönlichen Würdigung der Kältetechnik.
Das Einchecken geht zügig, das Zimmer wartet bereits, und wir könnten jetzt einfach vernünftig sein. Koffer abstellen, etwas trinken, ausruhen. Stattdessen erinnern wir uns an das Einkaufszentrum, das wir auf dem Weg gesehen haben. Das ist doch gar nicht so weit weg. Da könnten wir doch noch kurz hinlaufen.
Draußen sind es 47 Grad. Ich halte es für wichtig, diese Zahl zu erwähnen, bevor wir uns gleich selbst als zurechnungsfähige Erwachsene darstellen. Wir gehen also tatsächlich zu Fuß los. Nach dem vielen Sitzen im Auto klingt Bewegung zunächst nach einer ausgezeichneten Idee. Dieser Eindruck hält ungefähr bis zu dem Moment, in dem die Hoteltür hinter uns zufällt. Dann stehen wir in einer Hitze, die keine weiteren Erklärungen benötigt. Die vier zusätzlichen Grad gegenüber gestern scheinen persönlich dafür angereist zu sein, uns zu zeigen, dass noch Luft nach oben ist.

Über dem Asphalt flimmert die Luft, und jeder noch so kleine Windstoß fühlt sich an, als würde jemand mit einem Industrieföhn nachhelfen. Ich hatte Wind bisher grundsätzlich zu den angenehmen Begleiterscheinungen eines heißen Tages gezählt. Auch diese Vorstellung muss ich korrigieren. Hier bewegt sich lediglich dieselbe heiße Luft etwas entschlossener gegen uns.
Wir marschieren weiter, das Einkaufszentrum fest im Blick. Von einem entspannten Bummel kann keine Rede mehr sein. Es ist erstaunlich, wie schnell sich ein freiwilliger Ausflug in eine zielgerichtete Suche nach einer automatischen Schiebetür verwandelt. Über die Schaufenster machen wir uns vorerst keine Gedanken. Wir möchten hinein, ganz egal, was dort verkauft wird. Im Moment könnte man mich selbst mit einem Fachgeschäft für Druckerpatronen begeistern, sofern es ausreichend gekühlt ist.
Endlich sind wir da. Die Tür öffnet sich, kalte Luft kommt uns entgegen, und ich könnte vor Dankbarkeit kurz stehen bleiben. Was ich vermutlich auch tue. Hinter uns liegt ein Fußmarsch, dessen Länge in keinem vernünftigen Verhältnis zu seiner gefühlten Dauer steht. Vor uns liegen Geschäfte, kühle Gänge und die beruhigende Gewissheit, dass wir hier erst einmal nicht wieder hinausmüssen.
Nach einem kalten Getränk gewinnen wir unsere normale Betriebstemperatur zurück und beginnen tatsächlich zu bummeln. Wir schauen in die Läden, stöbern ein bisschen und finden auch ein paar Kleinigkeiten. Das Einkaufszentrum ist überschaubar, aber nach unserem Anmarsch hat es für mich ohnehin bereits Weltformat. Es muss jetzt keine außergewöhnlichen Waren mehr vorweisen. Die Luft allein rechtfertigt den Besuch.
Irgendwann haben wir allerdings alles gesehen, und damit stellt sich eine Frage, die wir beim Hereinkommen großzügig verdrängt haben: Wie kommen wir zurück? Natürlich auf demselben Weg. Draußen hat sich inzwischen bedauerlicherweise niemand um eine grundlegende Wetteränderung gekümmert. Die Hitze wartet zuverlässig an der Tür, offenbar mit ausreichend Zeit und keinerlei anderen Verpflichtungen.
Also zurück zum Golden Nugget. Diesmal sind wir wenigstens frei von der Illusion, es könnte ein gemütlicher Spaziergang werden. Wir gehen zügig, soweit das unter diesen Bedingungen noch nach einer guten Idee klingt, und freuen uns mit jedem Schritt mehr auf unser Zimmer. Unser Jeep steht währenddessen ungenutzt am Hotel. Ein Fahrzeug mit Klimaanlage, das wir eigens gemietet haben, um uns durch Amerika zu bewegen. Darüber möchte ich jetzt nicht ausführlicher nachdenken.
Wieder im Zimmer lassen wir uns erst einmal aufs Bett fallen. Die Klimaanlage läuft, wir atmen durch, und für eine Weile besteht unser Abendprogramm darin, möglichst wenig zu tun. Das ist nach der Wüste, der Umleitung und unserer kleinen Fußgängerstudie auch völlig angemessen. Wir haben heute ausreichend Erfahrungen gesammelt. Einige davon hätten sich durch einen kurzen Blick aufs Thermometer vermeiden lassen.
Lange hält die Ruhe allerdings nicht an, denn nun meldet sich der Hunger. Nach diesem Tag möchte ich etwas Ordentliches essen, am liebsten ein Steak. Wir blättern durch die Hotelinformationen und machen eine Entdeckung, die uns sofort begeistert: Im Golden Nugget gibt es ein Saltgrass Steakhouse. Wir müssen dafür das Gebäude nicht verlassen.
Ich finde, dieser Vorteil gehört ganz oben auf die Speisekarte. Noch vor die Fleischsorten und Beilagen sollte dort stehen: „Vollständig unter klimatisierten Bedingungen erreichbar.“ Wir wären augenblicklich überzeugt. Nach unserem Einkaufsbummel fehlt uns jede Neigung, draußen noch vergleichende Restaurantforschung zu betreiben.

Also machen wir uns frisch und fertig fürs Abendessen. Die Aussicht auf ein gutes Steak hebt die Stimmung, und diesmal ist der Weg erfreulich überschaubar. Für heute haben wir genug Umleitungen genommen. Zwischen uns und dem Abendessen liegt glücklicherweise keine gesperrte Straße mehr – und vor allem kein glühender Gehweg.
Im Saltgrass Steakhouse nehmen wir mit einer sehr klaren Vorstellung Platz: Wir möchten ein Steak. Schön gegrillt, saftig, mit ordentlichen Röstaromen. Dazu etwas auf dem Teller, das die Zeit zwischen zwei Bissen Fleisch überbrückt, und anschließend einen zufriedenen Abend. Nach Wüste, Umleitung und unserem fragwürdigen Spaziergang bei 47 Grad halte ich das für einen angemessenen Wunsch. Das Restaurant sieht allerdings zunächst einen Bildungsauftrag.
Ein Kellner erscheint mit einer großen Zeichnung vom Rind und beginnt, uns die verschiedenen Fleischstücke zu erklären. Er zeigt auf Körperregionen und erläutert mit großer Begeisterung, was woher kommt. Ich nicke interessiert. Jedenfalls hoffe ich, dass es interessiert aussieht. Innerlich bin ich bereits am Grill und frage mich, ob wir die Herkunft meines Abendessens nicht auch nach dessen Ankunft besprechen könnten. Die Kuh auf dem Papier ist ausgesprochen aufschlussreich, aber leider nicht essbar.

Stefan hört ebenfalls aufmerksam zu, während mein Magen erste Zwischenfragen stellt. Natürlich ist es nett, dass man sich hier so viel Mühe gibt. Wir möchten nur ein Steak bestellen und bekommen dazu beinahe eine berufliche Neuorientierung im Metzgereigewerbe. Als der Vortrag endlich endet, bin ich bereit. Jetzt weiß ich zwar nicht mehr genau, welche Bezeichnung zu welchem Teil gehört, aber ich bin hoch motiviert, eines davon zu essen.
Doch zunächst übernimmt ein zweiter Kellner. Offenbar folgt auf die Anatomie nun der sprachliche Teil der Prüfung. Strip Steak, Sirloin, Filet Mignon – die Begriffe ziehen an mir vorbei, und mit jedem weiteren Detail wird meine ursprüngliche Vorstellung von einem schlichten Steak etwas undeutlicher. Ich lächle weiterhin höflich. Das ist schließlich eine meiner Fähigkeiten: äußerlich interessiert wirken, während innerlich bereits sämtliche verfügbaren Kräfte auf Nahrungsaufnahme drängen.
Dann fällt das Wort „Prime Rib“. Rib! Das kenne ich. Ribeye schmeckt mir, Prime klingt hervorragend, und der Rest wird schon ungefähr dasselbe sein. Ohne weitere Rückfragen entscheide ich für uns beide: „That’s it – that’s our choice!“ Der Kellner ist zufrieden, ich bin erleichtert, und Stefan darf darauf vertrauen, dass ich aus diesem ausführlichen Unterricht eine fundierte Schlussfolgerung gezogen habe. Ein Vertrauen, das sich gleich als recht großzügig erweisen wird.
Als die Teller kommen, schaue ich zunächst auf mein Essen und dann zu Stefan. Vor mir liegt eine mächtige Scheibe Fleisch auf amerikanischem Weißbrot. Was fehlt, ist genau das, worauf ich mich gefreut habe: die kräftig gegrillte Oberfläche. Das Ganze erinnert deutlich mehr an eine Scheibe Braten als an das Ribeye, das in meiner Vorstellung bereits seit einer halben Stunde verführerisch vor sich hin brutzelt. Nach zwei Kellnern und einer beschrifteten Kuh haben wir offenbar trotzdem aneinander vorbeibestellt.
Ich probiere vorsichtig. Das Fleisch ist unglaublich zart. Daran gibt es überhaupt nichts auszusetzen; das Messer könnte wahrscheinlich früher Feierabend machen. Geschmacklich vermisse ich allerdings das Herzhafte, Geröstete, dieses eindeutige „Ich war auf einem sehr heißen Grill“. Mein Stück Fleisch scheint mit Hitze eher eine diplomatische Einigung erzielt zu haben. Alles ganz sanft, ohne Streit und ohne die von mir erhofften Folgen.
Stefan und ich tauschen einen Blick aus. Wir müssen nichts sagen, wir sind uns offenbar einig: Das ist durchaus gutes Fleisch, aber nicht das Abendessen, das wir bestellt zu haben glauben. Der Irrtum liegt vermutlich weniger in der Küche als in meiner spontanen Überzeugung, dass ähnliche Wörter automatisch ähnliche Gerichte ergeben. Eine Theorie, mit der man beim Essen im Ausland offenbar nicht unbegrenzt weiterkommt.

Wir essen und werden satt, während ich meine Entscheidung noch einmal gedanklich überprüfe. Eigentlich hätte es Hinweise gegeben. Ungefähr einen ganzen Vortrag lang. Aber ich war hungrig, das Wort „Rib“ kam mir bekannt vor, und irgendwann möchte man eine Bestellung auch einfach zu einem Ende bringen. Nun haben wir immerhin eine sehr anschauliche Merkhilfe auf dem Teller. Prime Rib und Ribeye werden von mir vorerst nicht mehr in denselben gedanklichen Topf geworfen.
„Interessant“, stellen wir anschließend fest. Ein vielseitiges Wort, das von ehrlicher Begeisterung bis zu „Das hatte ich mir anders vorgestellt“ erstaunlich viel abdeckt. Wir müssen selbst lachen. Da fahren wir durch die Wüste, finden trotz Straßensperrung unser Hotel und scheitern am Ende an der Feinabstimmung zwischen zwei Rindfleischbezeichnungen. Immerhin findet dieser Teil des Abenteuers im Sitzen und bei angenehmer Temperatur statt.
Zurück im Zimmer sind wir satt, aber noch nicht müde genug, um den Tag zu beenden. Draußen leuchten die Casinos, und die schlimmste Hitze hat inzwischen nachgelassen. Wir beschließen, noch einmal auf die andere Seite des Colorado zu fahren und uns Laughlin von Bullhead City aus anzusehen. Diesmal nehmen wir selbstverständlich den Jeep. Unser Bedarf an freiwilligen Fußmärschen ist für heute vollständig gedeckt.
Drüben angekommen, bietet sich uns ein wirklich schöner Blick. Die beleuchteten Hotels und Casinos stehen am gegenüberliegenden Ufer, darunter ziehen sich ihre Spiegelungen durch das dunkle Wasser. Das Riverside leuchtet weithin sichtbar, und je nachdem, wie sich die Oberfläche bewegt, werden aus den geraden Lichtlinien lange, zitternde Streifen. Nach den stillen Felsen und den knorrigen Joshua Trees vom Vormittag könnte der Unterschied kaum größer sein. Heute Morgen hat die Natur Eindruck gemacht, jetzt übernimmt die Elektrizität.
Auch die Colorado Belle mit ihrer Flussdampferkulisse und die bunten Lichter des Aquarius bekommen ihren Platz auf unserer Kamera. In Laughlin hält offenbar niemand viel davon, abends dezent auf die eigene Anwesenheit hinzuweisen. Hier wird geleuchtet, bis auch der letzte Besucher verstanden hat, wo er sein Geld hintragen könnte. Wir begnügen uns vorerst mit dem Anschauen. Unser persönliches Glücksspiel haben wir heute bereits auf der Speisekarte betrieben.
Natürlich brauchen die Nachtaufnahmen etwas Geduld. Ich versuche, die Kamera ruhig zu halten, kontrolliere das Ergebnis und mache vorsichtshalber noch ein Bild. Die Lichter sollen schließlich als Lichter erkennbar sein und nicht aussehen, als hätte jemand mit bunten Stiften über das Foto gekritzelt. Zwischendurch lasse ich die Kamera sinken und schaue einfach über den Fluss. Das Wasser macht aus dem ganzen Glitzerbetrieb etwas erstaunlich Ruhiges.
Wir bleiben noch eine Weile stehen und genießen den Anblick. Nach all den Kilometern, der Hitze und den vielen Eindrücken tut es gut, nirgendwo mehr hinzumüssen. Unser Zimmer wartet auf der anderen Seite, und die einzige noch offene Entscheidung lautet, wann wir ins Bett gehen. Darauf können wir uns erfreulicherweise ohne Karte, Umleitung oder ausführliche Beratung einigen.
Zurück im Golden Nugget ist dann auch meine letzte Unternehmungslust aufgebraucht. Wir legen die Kamera weg und fallen zufrieden in die Kissen. Der Joshua Tree National Park, die zusätzliche Wüstenrunde und Laughlins Lichter haben uns reichlich Stoff für Erinnerungen geliefert. Und falls morgen wieder ein Steak auf dem Programm steht, werde ich sehr genau zuhören. Zumindest nehme ich mir das jetzt fest vor.





















