Vom Sternengucken zum Weichkochen – durch die Berge in die Wüste
Am nächsten Morgen sind wir wieder früh auf den Beinen. Offenbar hält unser Körper weiterhin an seinem deutschen Arbeitsvertrag fest und sieht keinen Anlass, sich den kalifornischen Verhältnissen anzupassen. Heute kommt uns das allerdings gelegen, denn wir verlassen Los Angeles. Die Koffer werden geschlossen, das Zimmer wird auf vergessene Kleinigkeiten kontrolliert, und ich werfe noch einen letzten Blick aus dem Fenster. An diese Aussicht hätte ich mich durchaus gewöhnen können. An die tägliche Parkgebühr eher weniger.
Ab heute haben wir jeden Abend eine neue Umgebung vor uns – und vorerst noch keine Ahnung, wo genau wir schlafen werden. Über die Palomar Mountains soll es in Richtung Joshua Tree National Park gehen. Alles Weitere wird sich ergeben. Das klingt ausgesprochen abenteuerlustig, solange man morgens frisch angezogen neben seinen ordentlich gepackten Koffern steht. Wie gelassen wir das später bei Dunkelheit und knurrendem Magen sehen, bleibt abzuwarten. Im Moment finden wir uns jedenfalls herrlich unabhängig.
Bevor wir losfahren, muss das Bonaventure noch von draußen fotografiert werden. Die Türme, der Eingang, noch ein anderer Blickwinkel – schließlich möchten wir später belegen können, wo unser großes Abenteuer angefangen hat. Stefan wartet geduldig, während ich versuche, ein sehr hohes Hotel auf ein vergleichsweise kleines Foto zu bekommen. Die Architekten haben bei der Planung offensichtlich andere Schwerpunkte gesetzt als meine Kameraperspektive.

Dann sitzen wir endlich im Jeep und rollen auf die Interstate 5. Los Angeles zieht an uns vorbei, wobei „vorbei“ bei dieser Stadt ein dehnbarer Begriff ist. Man verabschiedet sich innerlich bereits feierlich, und eine ganze Weile später ist immer noch reichlich Stadt vorhanden. Bei Anaheim denken wir kurz über Disneyland nach. Allerdings nur kurz. Die Vorstellung, heute in Warteschlangen zu stehen, während draußen Berge und offene Straßen auf uns warten, überzeugt uns nicht. Mickey muss ohne uns zurechtkommen. Er hat vermutlich ohnehin genug Besuch.
Über den Highway 91 geht es an Corona vorbei und schließlich weiter Richtung Highway 76. Allmählich wird die Bebauung lockerer, die Landschaft offener, und irgendwann haben wir tatsächlich das Gefühl, aus dem großen Häusermeer herauszufahren. Ich merke, wie sehr ich mich auf diesen Teil der Reise freue. Los Angeles war aufregend, aber jetzt beginnt das Amerika, das wir bisher nur aus Reiseberichten und unserer eigenen Vorstellung kennen: mit weiten Blicken, kurvigen Straßen und der Möglichkeit, einfach irgendwo anzuhalten, weil es schön ist.

Die Strecke führt uns in die Palomar Mountains, und unser Jeep bekommt endlich eine Landschaft, die zu seinem selbstbewussten Äußeren passt. Bisher hat er vor allem Stadtverkehr und Hotelvorfahrten gesehen, nun darf er sich bergauf bewegen. Die Straße wird kurviger, Bäume rücken näher, dazwischen öffnen sich immer wieder Blicke über die Hügel. Wir lassen die Fenster herunter, frische Luft kommt herein, und für eine Weile ist tatsächlich kaum ein anderes Auto zu sehen. Nach dem gestrigen Verkehr erscheint mir das beinahe verdächtig. Hat man die Strecke für uns freigehalten? Dann hätte ich heute Morgen vielleicht etwas feierlicher einsteigen sollen.
Für den etwa 50 Meilen langen Abschnitt haben wir zwei bis drei Stunden vorgesehen. Das müsste reichen, sofern ich mich bei den Fotostopps einigermaßen zusammennehme. Eine Bedingung, die sich schon nach kurzer Zeit als wenig belastbar erweist. Kaum öffnet sich irgendwo ein schöner Ausblick, möchte ich anhalten. Schließlich können wir nicht einfach an Kalifornien vorbeifahren, nachdem wir extra deshalb hergekommen sind.

An einem kleinen Aussichtspunkt steigen wir aus. Hügelketten liegen vor uns, dazwischen Bäume, trockene Flächen und weiter hinten noch mehr Berge. Die Luft riecht nach Wald, und vor allem ist es still. Kein Straßenkünstler, kein hupendes Auto, keine Filmcrew, die einen demolierten Wagen für die nächste Aufnahme herrichtet. Nur Wind und gelegentlich das Zirpen von Insekten. Wir stehen eine Weile nebeneinander und schauen. Gestern haben wir noch versucht, möglichst viel Stadt in einen Tag hineinzubekommen, heute reicht uns zunächst dieser eine Blick.
Wieder unterwegs, wechseln sich bewaldete Abschnitte mit offeneren Hängen ab. Mal wirkt alles grün und beinahe vertraut, dann tauchen trockene, felsige Hügel auf, die uns zuverlässig daran erinnern, dass wir gerade nicht im Schwarzwald spazieren fahren. Hinter jeder Kurve sieht es ein wenig anders aus. Stefan hat die Straße im Blick, ich übernehme den Rest der Landschaft. Diese Arbeitsteilung bewährt sich hervorragend, auch wenn mein gelegentliches „Oh, schau mal!“ für den Fahrer vermutlich nur eingeschränkt hilfreich ist.

Nach ungefähr 25 Meilen nehmen wir die Abzweigung auf die S7 und fahren weiter hinauf. Die Straße wird enger, die Kurven verlangen mehr Aufmerksamkeit, und ich bin sehr froh, dass Stefan am Steuer sitzt. So kann ich mich voll auf die Aussicht konzentrieren und muss nicht gleichzeitig entscheiden, welcher Teil des Asphalts uns gehört. Unser nächstes Ziel ist das Palomar Observatory. Nach den Hollywoodstars von gestern kümmern wir uns heute also um diejenigen, die auch ohne Presseabteilung leuchten.
Weiter oben wird es waldiger, und schließlich taucht die helle Kuppel des Observatoriums zwischen den Bäumen auf. Ein erstaunlicher Anblick: Man fährt durch diese Berglandschaft, rechnet mit Wald, Felsen und vielleicht einer Picknickbank, und plötzlich steht da ein Gebäude, in dem Menschen beruflich ins Universum schauen. Die große weiße Kuppel wirkt vor dem blauen Himmel fast ein bisschen unwirklich. Als hätte jemand beschlossen, mitten in die Natur ein ausgesprochen ehrgeiziges Forschungsgerät zu stellen und ihm einen anständigen Hut aufzusetzen.

Wir parken unterhalb des Observatoriums und gehen das letzte Stück zu Fuß. Von wegen, wir fahren nur gemütlich durch die Berge: Der kurze Anstieg bringt uns durchaus ins Schwitzen. Offenbar besteht ein Unterschied zwischen „Wir sind gestern viel gelaufen“ und „Wir sind jetzt sportlich“. Ich beschließe, das auf die Höhe zu schieben. Die Donuts können sich schließlich nicht mehr verteidigen.
Am Gebäude angekommen, stellen wir erfreut fest, dass wir die einzigen Besucher sind. Nach dem Gedränge am Hollywood Boulevard ist das beinahe luxuriös. Niemand läuft durchs Bild, niemand steht vor einer Informationstafel, die wir gerade lesen möchten, und keiner wartet darauf, dass wir endlich weitergehen. Wir können uns in aller Ruhe umschauen. Dabei sprechen wir automatisch etwas leiser, als könnte man durch übermäßige Lautstärke versehentlich einen Astronomen bei einer wichtigen Erkenntnis stören.

Die Tafeln erzählen von der Geschichte des Observatoriums und seinem berühmten Teleskop, das hier seit den späten Vierzigerjahren steht. Ich finde schon den Gedanken beeindruckend, wie man damals ein derartiges Projekt geplant und umgesetzt hat. Wir sind heute stolz darauf, mithilfe eines Navis den richtigen Parkplatz zu finden, und andere haben hier vor Jahrzehnten ein Instrument auf den Berg gestellt, mit dem sie ferne Galaxien untersuchen. Es gibt durchaus unterschiedliche Maßstäbe für einen gelungenen Arbeitstag.
Durch eine große Glasscheibe können wir das Hale-Teleskop sehen. Wobei „Teleskop“ in meinem Kopf bisher eher ein längliches Gerät auf einem Stativ bezeichnet hat. Das hier ist eine gewaltige Konstruktion, bei der ich zunächst sortieren muss, was eigentlich wohin gehört. Riesige Bauteile, eine beeindruckende Halterung und mittendrin die Technik, mit der das Licht aus dem All eingefangen wird. Der große Spiegel ist das Herzstück. Mit dem kleinen Fernrohr, das man sich zu Hause ans Fenster stellen könnte, hat dieser Anblick ungefähr so viel gemeinsam wie unser Jeep mit einem Einkaufswagen.
Wir stehen vor der Scheibe und staunen. Allein die Vorstellung, diese Masse so genau bewegen zu können, dass sie auf einen winzigen Bereich am Himmel ausgerichtet bleibt, beschäftigt mich eine ganze Weile. Ich brauche manchmal mehrere Versuche, bis auf einem Urlaubsfoto der Horizont gerade ist. Hier muss die Genauigkeit offenbar etwas höheren Ansprüchen genügen.
Durchschauen können wir natürlich nicht. Es ist Tag, wir stehen im Besucherbereich, und ohnehin sieht nichts danach aus, als dürfte man sich das Gerät mit den Worten „Lass mich auch mal!“ kurz zurechtrücken. Trotzdem ist es eindrucksvoll, so nah davorzustehen. Gestern habe ich meine Hände in Arnolds Abdrücke gelegt, heute bestaune ich ein Teleskop. Unser Besichtigungsprogramm ist bislang angenehm frei von jeder Spezialisierung.
Beim Lesen und Schauen versuche ich, mir die Entfernungen vorzustellen, um die es hier geht. Das gelingt ungefähr bis zu dem Punkt, an dem mein Kopf beschließt, dass „unfassbar weit weg“ für den Hausgebrauch ausreichen muss. Schon Los Angeles hat gestern mein räumliches Vorstellungsvermögen ordentlich beansprucht. Jetzt auch noch das Universum zu verstehen, wäre für den zweiten Urlaubstag vielleicht etwas ehrgeizig.
Auf dem Rückweg nach draußen überlegen wir, wie es wohl wäre, nachts hier oben zu arbeiten. Über einem der Sternenhimmel, vor einem dieses riesige Instrument, und mit etwas Glück entdeckt man etwas, das vorher noch niemand gesehen hat. Ich könnte mir das durchaus spannend vorstellen. Allerdings müsste jemand anderes die Berechnungen übernehmen. Ich würde schauen, staunen und bei einer Entdeckung zuverlässig für die angemessene Begeisterung sorgen.

Schließlich gehen wir zurück zum Parkplatz. Der Jeep wartet geduldig, und vor uns liegt noch ein gutes Stück Fahrt. Ich schaue noch einmal zur weißen Kuppel hinüber, dann steigen wir ein. Für heute überlassen wir die Erforschung des Universums wieder den Fachleuten. Wir sollten uns erst einmal darum kümmern, bis zum Abend einen geeigneten Schlafplatz auf diesem Planeten zu finden.
So ganz kommen wir allerdings noch nicht vom Parkplatz weg. Wir entdecken ein paar Tische und Bänke und beschließen, unsere Weiterfahrt zunächst im Sitzen vorzubereiten. Schließlich haben wir eben gelernt, mit welcher Präzision hier oben ins Weltall geschaut wird. Da sollten wir wenigstens ungefähr wissen, in welche Richtung wir als Nächstes fahren. Also breiten wir unsere Straßenkarte auf dem Tisch aus. Das Navi darf später wieder Anweisungen geben, jetzt möchten wir erst einmal das große Ganze sehen, ohne dass eine freundliche Stimme sofort verlangt, bei nächster Gelegenheit zu wenden.
Wir verfolgen Straßen mit dem Finger, vergleichen Abzweigungen und überlegen, welche Strecke besonders schön sein könnte. Auf der Karte sehen die kurvigen Linien ausgesprochen harmlos aus. Ein bisschen hin und her, dann ist man schon da. Dass sich hinter einem daumengroßen Abschnitt eine längere Beschäftigung für Stefan und das Lenkrad verbirgt, wissen wir inzwischen. Trotzdem entscheiden wir uns begeistert für die landschaftlich reizvolle Variante. Geradeaus kann schließlich jeder.
Dann verstauen wir die Karte wieder, wobei sie sich erwartungsgemäß weigert, ihre ursprüngliche Form anzunehmen. Es ist erstaunlich: Menschen können riesige Teleskope bauen, aber eine einmal vollständig entfaltete Straßenkarte bleibt eine Herausforderung für die gesamte Zivilisation. Schließlich liegt sie irgendwie zusammengelegt im Auto, und wir rollen zurück auf die Bergstraße.
Die Fahrt hinunter bietet noch einmal reichlich Kurven, Wald und Ausblicke. Zwischen den Bäumen blitzt die Landschaft auf, dann verschwindet sie wieder, bis sich hinter der nächsten Biegung ein neuer Blick öffnet. Ich bin weiterhin für die begeisterten Kommentare zuständig, Stefan für die sachgerechte Bewältigung der Serpentinen. Wir haben beide gut zu tun.

Zurück auf dem Highway 76 taucht der Lake Henshaw vor uns auf. Nach all den Bäumen und Bergen liegt da plötzlich diese große blaue Wasserfläche zwischen sanften Hügeln. Flache Uferzonen ziehen sich weit in den See hinein, dahinter steigen die dunkleren Berghänge an. Wir halten an und schauen. Es ist wieder einer dieser Anblicke, für die man bei der Reiseplanung keinen eigenen Programmpunkt vorgesehen hat und die dann einfach so am Straßenrand herumliegen. Sehr aufmerksam von Kalifornien.
Natürlich wird fotografiert. Der See, die Hügel, noch einmal der See mit etwas mehr Vordergrund. Ich möchte später schließlich eine Auswahl haben, auch wenn Stefan vermutlich findet, dass sich die Unterschiede zwischen manchen Aufnahmen eher im wissenschaftlich messbaren Bereich bewegen. Anschließend geht es über den Highway 79 weiter nach Norden und schließlich zum Highway 74. Die Landschaft wechselt unterwegs immer wieder ihr Gesicht: offene Flächen, bewaldete Hänge, Felsen und weite Blicke. An Langeweile ist nicht zu denken, und unsere geplante Fahrzeit entwickelt sich zunehmend zu einer unverbindlichen Empfehlung.
Auf dem „Pines to Palms Highway“ wird der Name zum Programm. Nach und nach lassen wir die Bäume hinter uns, und die Berge werden kahler. Zwischen Felsen und trockenem Gestrüpp stehen Pflanzen, bei denen man schon vom Hinsehen weiß, dass man sie besser nicht versehentlich umarmt. Kakteen und spitze Blattrosetten scheinen sich hier auf einen gemeinsamen Grundsatz verständigt zu haben: Wasser sparen und Besucher auf Abstand halten.

Die Straße windet sich in engen Bögen bergab. Von den Aussichtspunkten können wir sehen, wie sie sich unter uns durch die hellen Hänge schlängelt. Ich fotografiere die Kurven mit großer Begeisterung, während Stefan sie anschließend fahren darf. Auch der Jeep kommt mit aufs Bild. Er steht vor der felsigen Kulisse und sieht endlich so aus, als würde er tatsächlich für einen Autoprospekt gebraucht. Dass in seinem Inneren eine widerspenstige Straßenkarte und unser Reisegepäck liegen, muss später ja niemand wissen.
Vor uns öffnet sich die Ebene, weit und trocken, mit Bergen am Horizont, die im Dunst immer blasser werden. Die Farben reichen von Sandgelb bis Braun, dazwischen graue Felsen und vereinzeltes Grün. Es ist eine Landschaft, in der schon ein etwas größerer Strauch als bemerkenswerte gärtnerische Leistung durchgehen würde. Ich finde sie wunderschön. Diese Weite hat etwas, das ich am liebsten vollständig mitnehmen möchte, aber die Kamera bleibt bei ihrem begrenzten Zuständigkeitsbereich.
Mit jedem Stück bergab wird es wärmer. Irgendwann ist das offene Fenster keine besonders gute Idee mehr, und wir übertragen die Verantwortung für unser Wohlbefinden der Klimaanlage. Als wir in Palm Desert ankommen, zeigt die Außentemperaturanzeige 43 Grad. Ich schaue sicherheitshalber noch einmal hin. Vielleicht steht da ja die Nummer des nächsten Highways. Leider nein.
Beim Aussteigen bekommen wir die Bestätigung umgehend ins Gesicht. Es fühlt sich an, als hätte jemand eine Backofentür geöffnet und vergessen, sie wieder zu schließen. In Florida kennen wir Hitze, aber diese trockene Wüstenluft ist noch einmal eine ganz eigene Erfahrung. Man hört ja gern den beruhigenden Satz, trockene Hitze sei viel angenehmer. Vermutlich stimmt das. Ein Umluftherd ist schließlich auch etwas anderes als ein Dampfgarer, hineinsetzen möchte ich mich trotzdem in keinen von beiden.
Palm Desert präsentiert sich dabei ausgesprochen gepflegt. Palmen stehen ordentlich aufgereiht an breiten Straßen, dazwischen Grünanlagen und Gebäude, denen man ansieht, dass hier nicht nur mit dem Nötigsten gerechnet wird. Nach den kargen Berghängen wirkt das beinahe verschwenderisch. Wir bewundern es vorwiegend durch die Scheiben unseres angenehm gekühlten Autos. Man muss eine Landschaft ja nicht immer am eigenen Körper überprüfen.
Langsam wird es Zeit, eine Unterkunft zu suchen. Der Joshua Tree National Park bekommt seinen Auftritt morgen, und wir fahren weiter nach Indio, wo wir für die Nacht bleiben möchten. Unser morgendliches „Wir schauen einfach mal, wo wir landen“ klingt weiterhin frei und unabhängig, bekommt inzwischen allerdings einen leicht dringlichen Unterton. Ein Bett wäre schön. Eine Klimaanlage wäre wichtiger.
Die Suche gestaltet sich zäher als gedacht. Mal passt der Preis nicht, mal ist nichts frei, mal finden wir gar nicht erst das, wonach wir suchen. Wir fahren durch die Straßen und stellen fest, dass spontane Hotelwahl vor allem so lange romantisch ist, bis man sie tatsächlich betreibt. Meine Ansprüche werden dabei zunehmend übersichtlich: sauber, bezahlbar, mit Klimaanlage.
Dann taucht ein Best Western auf. Pool und kostenloses WLAN gibt es auch. Das klingt bereits sehr vernünftig, aber bevor wir uns zu früh freuen, gehen wir zur Rezeption. Dort begrüßt uns ein ausgesprochen freundlicher Mitarbeiter, der begeistert reagiert, als er erfährt, dass wir aus Deutschland kommen. Er hat deutsche Verwandte und nutzt die Gelegenheit, seine Sprachkenntnisse auszuprobieren. Wir wiederum freuen uns über jeden Satz, der auf ein verfügbares Zimmer hinausläuft.

Sein Deutsch ist nicht ganz flüssig, seine Herzlichkeit dafür umso überzeugender. Und dann gibt es sogar noch einen Preisnachlass. Offenbar sind wir heute genau mit der richtigen Herkunft angereist. Nach der bisherigen Sucherei möchte ich dem Mann am liebsten versichern, dass wir seine deutschen Verwandten bei Gelegenheit persönlich grüßen würden, sofern das nicht zu einem größeren Umweg führt.
Mit dem Schlüssel zu Zimmer 158 machen wir uns auf den Weg. Drinnen ist es geräumig, sauber und herrlich kühl. Ich trete ein und weiß sofort: Hier möchte ich sein. Andere Menschen verlieben sich in Marmorbäder oder Himmelbetten, ich entwickle gerade tiefe Gefühle für eine funktionierende Klimaanlage. Die Koffer werden abgestellt, und wir genießen einen Moment lang den erstaunlichen Luxus, einfach nur herumzustehen, ohne dabei weiterzugaren.
Dann fällt uns der Pool wieder ein. Natürlich! Genau das brauchen wir jetzt. Wir ziehen die Badesachen an und gehen voller Vorfreude nach draußen. Das Wasser sieht ausgesprochen einladend aus, und da wir ganz allein sind, wirkt die Sache beinahe wie eine private Belohnung für unsere erfolgreiche Zimmersuche.
Die Ernüchterung folgt beim Hineingehen. Das Wasser ist warm. Sehr warm. Ich hatte auf Erfrischung gehofft und stehe nun gefühlt in einer Badewanne, bei der jemand das kalte Wasser vergessen hat. Es kommt mir beinahe wärmer vor als die Luft, was angesichts der Außentemperatur eine beachtliche Leistung wäre. Vielleicht sollen wir hier nicht schwimmen, sondern langsam gar ziehen.
Wir versuchen kurz, uns mit der Situation anzufreunden. Immerhin ist es ein Pool, wir sind im Urlaub, und man möchte nicht gleich undankbar sein. Aber Abkühlung sieht anders aus. Dass außer uns niemand hier ist, erscheint plötzlich weniger exklusiv als vor fünf Minuten. Die übrigen Gäste haben offenbar bereits eigene Forschungsergebnisse gesammelt.
Also beenden wir unsere Wärmebehandlung und kehren ins Zimmer zurück. Die Dusche erledigt anschließend genau das, was wir uns vom Pool versprochen haben. Danach sitzen wir frisch und zufrieden in der kühlen Luft und finden, dass man im Urlaub durchaus flexibel reagieren muss. Manchmal besteht das Abenteuer eben darin, eine brauchbare Wassertemperatur zu finden.
Nun fehlt noch etwas Ordentliches zu essen. Wir fahren zurück Richtung Palm Desert und landen bei Tony Roma’s. Nach einem Tag voller Kurven, Aussichtspunkte und wechselnder Klimazonen erscheint mir eine Speisekarte als angenehm überschaubare Aufgabe. Wir bestellen Steak mit Beilagen und stellen schon nach den ersten Bissen fest, dass diese Entscheidung keiner weiteren Überarbeitung bedarf.
Das Fleisch schmeckt, die Beilagen ebenfalls, und mit jedem Bissen wächst meine Zufriedenheit mit der Welt. Die Hotelsuche ist vergessen, der Pool wird bereits zur lustigen Geschichte, und unser Tag besteht rückblickend vor allem aus schöner Landschaft und guten Entscheidungen. Ein ordentliches Abendessen kann bei der Bearbeitung von Reiseerinnerungen erstaunlich hilfreich sein.

Draußen ist es inzwischen dunkel. Wir könnten jetzt vernünftig zurück nach Indio fahren, aber Palm Springs liegt uns noch im Kopf. Wenn wir schon in der Gegend sind, können wir doch wenigstens noch kurz hinfahren. Dieser Satz dürfte für einen beträchtlichen Teil unserer Urlaubskilometer verantwortlich sein. Stefan startet den Jeep, und wir machen uns auf den Weg.
Unsere abendliche Besichtigung verläuft allerdings weniger spektakulär als erhofft. Wir fahren durch erstaunlich ruhige Straßen, biegen hier ab, drehen dort noch eine Runde und haben keine besonders klare Vorstellung davon, wonach wir eigentlich suchen. Offenbar erwarten wir, dass Palm Springs unsere Ankunft bemerkt und selbstständig sein Unterhaltungsprogramm einschaltet. Das geschieht nicht.
Vielleicht sind wir an der falschen Stelle, vielleicht zur falschen Zeit, vielleicht auch einfach langsam müde. Jedenfalls bleibt die große Begeisterung aus. Nach ein paar weiteren Runden einigen wir uns darauf, dass wir dieser Stadt bei einer anderen Gelegenheit mit etwas mehr Vorbereitung begegnen sollten. Für heute haben wir vor allem festgestellt, dass es hier auch nach Sonnenuntergang Straßen gibt.
Zurück in Indio empfängt uns Zimmer 158 mit genau der Temperatur, die ich inzwischen als seine wichtigste Charaktereigenschaft betrachte. Wir lassen uns müde aufs Bett fallen. Heute Morgen schauen wir noch aus dem Bonaventure über Los Angeles, danach stehen wir vor einem riesigen Teleskop, fahren durch Wälder und kahle Berge, bewundern einen See und enden schließlich in der Wüste. Dazwischen haben wir gelernt, dass ein Pool bei 43 Grad nicht zwingend eine Lösung ist.
Morgen geht es in den Joshua Tree National Park. Darauf freue ich mich sehr, aber für heute habe ich genug gesehen, gefahren und geschwitzt. Stefan liegt neben mir, die Klimaanlage summt, und unsere Unterkunft ist ausnahmsweise keine offene Frage mehr. Das genügt vollkommen. Die Wüste darf draußen bleiben.












