Mit John Travolta im Rückspiegel
Born to Be Wild in Madrid

7:30 Uhr. Koffer rein, Kaffee rein, alles andere erstmal egal. Wir verabschieden uns vom Best Western und rollen los – heute mit einem klaren inneren Soundtrack: Motoren, Freiheit und sehr viel Wild Hogs – Born to Be Wild. Genau genommen ist das der Grund, warum wir diesen Tag überhaupt so geplant haben. Nicht wegen Reiseführern. Nicht wegen „muss man gesehen haben“. Sondern wegen eines Films, den wir mögen. Punkt.

Erster Pflichtstopp: das New Mexico State Capitol. Kurz anhalten, aussteigen, Foto machen. Demokratie zum Mitnehmen, einmal bitte. Kein großes Drama, aber gehört dazu. Danach wird es deutlich besser.

New Mexico State Capitol

Wir verlassen Santa Fe und fahren südwärts auf dem Turquoise Trail – einer dieser Straßen, bei denen man automatisch langsamer fährt, obwohl es keinen rationalen Grund gibt. Weite Landschaft, sanfte Hügel, diese besondere Mischung aus Staub, Himmel und „Hier könnte jederzeit ein Film gedreht werden“. Spoiler: Wurde er auch.

Torquise Trail

Noch bevor wir unser eigentliches Ziel erreichen, legen wir einen kurzen Stopp in Cerrillos ein. Ein Ort, der wirkt, als hätte jemand mitten im letzten Jahrhundert auf Pause gedrückt. Verfallene Gebäude, bröckelnde Fassaden, sehr viel Vergangenheit und sehr wenig Gegenwart. Wir laufen ein bisschen herum, machen Fotos, sagen Sätze wie: „Hier würde nichts auffallen, wenn gleich ein Biker durchs Bild fährt.“ Wild-Hogs-Gedanke Nummer eins des Tages.

Dann geht es weiter nach Madrid. Der eigentliche Star unserer Route. Früher Gold- und Kohlegräberstadt, später Geisterstadt, dann – wie durch Zauberhand – Künstlerdorf. Heute ganze 149 Einwohner, dafür aber gefühlt doppelt so viel Charakter. Madrid ist bunt, schräg, ein bisschen durchgeknallt und genau deshalb perfekt.

Und ja: 2007 wurde der Ort durch Wild Hogs wieder berühmt. John Travolta, Tim Allen, Martin Lawrence, William C. Marcy – sie waren hier. Wir jetzt auch. Der Kreis schließt sich. Man erkennt Ecken, Straßenzüge, Fassaden. Nicht alles eins zu eins, aber genug, um ständig zu denken: Moment… hier!

Wir setzen uns ins Java Junction. Kaffee. Muffins. Genau die richtige Entscheidung. Die Atmosphäre ist entspannt, niemand hat es eilig, und wir beobachten einfach das Dorfleben. Motorräder rollen durch, Menschen grüßen sich, irgendwer lacht laut. Es fühlt sich weniger wie ein Ausflugsziel an und mehr wie ein sehr offenes Wohnzimmer.

Maggies Diner

Natürlich warten wir danach noch geduldig vor Maggie’s Diner – nicht wegen des Essens, sondern wegen des Souvenirshops daneben. Wenn man schon wegen eines Films hier ist, dann fährt man nicht ohne T-Shirt weiter. Prinzipien sind wichtig.

Madrid liefert. Voll und ganz. Und während wir später wieder ins Auto steigen, ist klar: Ohne Wild Hogs wären wir vermutlich nie hierhergekommen. Und das wäre wirklich schade gewesen.

Der Tag ist noch lang.
Und der Film läuft innerlich weiter.

Wild Hogs – Born to be wild


Kurzfassung:
Vier Freunde, vier Motorräder, eine Midlife-Crisis auf zwei Rädern – und sehr viel Asphalt. Wild Hogs ist kein tiefgründiges Kino, aber ein verdammt unterhaltsamer Roadmovie mit genau der richtigen Mischung aus Humor, Freiheitspathos und Selbstironie.

Die Wild Hogs:
John Travolta als Woody – der Anführer mit Lederjacke und Ego
Tim Allen als Doug – Zahnarzt mit Abenteuerdefizit
Martin Lawrence als Bobby – Klemptner mit großen Träumen
William H. Macy als Dudley – der Unsichere mit dem größten Entwicklungssprung

Warum Madrid, New Mexico?
Madrid wurde für den Film bewusst gewählt, weil der Ort aussieht, als wäre er für eine Roadmovie-Kulisse gebaut worden: bunte Fassaden, verlassene Ecken, genau die richtige Mischung aus „lebendig“ und „fast vergessen“. Viele Szenen im Film spielen direkt hier – kein Studio, keine Kulisse, echtes Dorf.

Fun Facts:
– Der Film spielte weltweit über 250 Millionen Dollar ein – deutlich mehr als erwartet
– Madrid war vor dem Film schon Künstlerdorf, wurde danach aber endgültig zum Pilgerort für Wild-Hogs-Fans
– Einige Einwohner wirkten als Statisten mit
– Die Motorräder im Film wurden speziell für die Dreharbeiten angepasst – Komfort vor Authentizität 😉

Noch ein Fun Fact für Filmfans:
Das heute so beliebte Maggie’s Diner gab es vor dem Dreh nicht. Das Gebäude wurde 2007 eigens für den Film errichtet – als reine Filmkulisse. Nach den Dreharbeiten blieb es einfach stehen. Statt es wieder abzubauen, wurde es Teil des Ortes und ist heute eines der bekanntesten Fotomotive in Madrid.
Kurz gesagt: Hollywood kam, baute ein Diner – und ließ es da.

Warum wir hier sind:
Ganz einfach: Weil wir den Film mögen.
Und weil es etwas Großartiges hat, Orte zu besuchen, die man aus Filmen kennt – selbst dann (oder gerade dann), wenn man weiß, dass Hollywood ein bisschen mogelt.

Fazit:
Wild Hogs ist kein Meisterwerk.
Aber ein perfekter Grund, den Turquoise Trail zu fahren, in Madrid Kaffee zu trinken und sich kurz wie Teil eines sehr entspannten Roadmovies zu fühlen.

Unsere Entdeckerlust ist natürlich noch lange nicht gestillt. Im Souvenirshop bekommen wir einen dieser Tipps, bei denen man sofort merkt: Entweder großartig – oder komplette Zeitverschwendung. Spoiler: großartig. Also sitzen wir wieder im Auto und nehmen Kurs auf den Sandia Crest Scenic Highway.

Wir folgen weiter der Route 14, lassen Madrid hinter uns und biegen nach etwa 35 Kilometern auf die Route 536 ab. Ab hier wird es langsam ernst. Die Straße windet sich nach oben, die Landschaft verändert sich spürbar, die Luft wird dünner – und der Gedanke „Ganz schön weit oben“ kommt nicht ganz unbegründet auf.

Oben angekommen stehen wir auf rund 3.200 Metern Höhe. Und ja: Der Ausblick ist genau so, wie man ihn sich erhofft. Tief unter uns breitet sich Albuquerque aus, fast schon unwirklich flach, mit den Antennen der Kirtland Air Force Base wie kleine Stecknadeln in der Landschaft. Weit, offen, riesig. Einer dieser Blicke, bei denen man automatisch still wird.

Sandia Peak

Unser nächstes Ziel klingt erstmal harmlos, fast niedlich: Tinkertown Museum. Was wir bekommen, ist allerdings eine kontrollierte Reizüberflutung – und zwar auf die bestmögliche Art.

Tinkertown ist kein Museum im klassischen Sinn. Es ist eher das Ergebnis davon, wenn jemand jahrzehntelang sagt: „Das heb ich auf, das könnte man noch brauchen.“ Und dann alles davon verbaut. Überall stehen animierte Miniatur-Westernstädte, Salons mit winzigen Cowboys, die sich bewegen, Eisenbahnen, die durch Landschaften rattern, und ein komplett animierter Zirkus, der aussieht, als hätte jemand eine Puppenstube mit sehr viel Zeit, Geduld und leichtem Wahnsinn gebaut.

Tinkertown Museum

Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Und genau das ist das Konzept. Jede Ecke ist vollgestopft mit Details, Zahnrädern, Figuren, Kuriositäten, Alltagsgegenständen, die plötzlich Kunst sind – oder zumindest so tun, als wären sie es. Stillstehen funktioniert hier nicht. Man wird automatisch zum Kind, das überall noch „Oh, guck mal!“ ruft.

Dann die Wände. Sie bestehen aus tausenden Glasflaschen, sorgfältig in Beton gegossen. Grün, klar, braun – ein bisschen wie ein Recyclingprojekt mit künstlerischem Ehrgeiz. Und als wäre das nicht genug, ist das gesamte Gelände von einem Zaun aus 48.000 Flaschen umgeben. Kein Tippfehler. Achtundvierzigtausend. Jemand hat das gezählt. Hoffentlich.

Ist das kitschig? Absolut.
Ist das Krimskrams? Zu hundert Prozent.
Ist es großartig? Leider ja.

Tinkertown nimmt sich selbst nicht ernst – und genau deshalb funktioniert es so gut. Man geht lachend durch die Gänge, bleibt hängen, schüttelt den Kopf, macht Fotos und denkt die ganze Zeit: Wie kommt man auf sowas? Die Antwort ist egal. Wichtig ist nur, dass jemand es gemacht hat.

Worte reichen hier tatsächlich nicht aus.
Die Bilder erklären alles.
Oder noch besser: selbst hingehen.

Nach all den weiten Landschaften, Felsen, Höhenmetern und Aussichtspunkten ist Tinkertown der perfekte Kontrast. Ein Ort, der nichts will – außer, dass man stehen bleibt und sich wundert.

Zurück im Auto rollen wir schließlich hinein in Albuquerque – und landen ziemlich treffsicher mitten im Geschehen. Großstadtmodus an, Aufmerksamkeit hoch, denn hier lauert gleich das erste Abenteuer: Parken.

Torquise Trail

Und zwar nicht irgendeins. Albuquerque serviert uns ein Parkplatz-Bezahlsystem, das wirkt, als hätte es die Digitalisierung bewusst ignoriert. Ein großer Metallkasten, viele nummerierte Schlitze, und man steckt tatsächlich einen Dollar mit einem Metallstift in genau den Schlitz, der zur Parkplatznummer gehört. Kein Display, kein Piepen. Nur Mechanik und Vertrauen. Wir stehen davor wie Archäologen vor einem neu entdeckten Artefakt und hoffen inständig, alles richtig gemacht zu haben – denn das Wort “STRICTLY ENFORCED” ist hier kein Deko-Element.

Albuquerque

Danach schlendern wir entspannt weiter zur Albuquerque Plaza. Wer Santa Fe kennt, fühlt sich sofort heimisch: Adobe-Bauten, schattige Arkaden, Souvenirshops mit genau der richtigen Mischung aus Kunsthandwerk und Dingen, von denen man nicht wusste, dass man sie braucht. Man könnte fast meinen, die Plaza sei die Zwillingsschwester der Santa-Fe-Plaza, nur minimal größer und ein kleines bisschen lauter.

Wir bummeln durch die Gassen, schauen hier, stöbern dort und landen schließlich vor der San Felipe de Neri Church. Massiv, ehrwürdig, ruhig. Drinnen angenehm kühl, draußen knallige Sonne. Einer dieser Orte, die man automatisch langsamer betritt und ein paar Sekunden länger anschaut, ohne genau zu wissen warum.

Albuquerque gefällt uns. Nicht aufdringlich, nicht geschniegelt, sondern angenehm bodenständig. Groß genug, um lebendig zu sein, entspannt genug, um nicht zu stressen. Nach einer Weile reicht es dann aber auch – wir haben noch Strecke vor uns.

Also zurück zum Auto, dann geht es weiter. Gallup wartet.

Auf dem Weg nach Gallup nehmen wir natürlich nicht die langweilige Direktverbindung. Stattdessen entscheiden wir uns für die landschaftlich deutlich bessere Variante und fahren südlich entlang des El Malpais National Monument und des El Morro National Monument. Große Wanderungen lassen wir heute bleiben, aber selbst unsere kurzen Fotostopps fühlen sich an, als hätte jemand die Kulisse eines Monument-Valley-Westerns mit Lavafeldern und Sandsteinwänden gekreuzt. Weit, rau, spektakulär – New Mexico liefert wieder zuverlässig ab.

Am Nachmittag rollen wir schließlich in Gallup ein und checken im legendären El Rancho Hotel ein. Dieses Haus ist kein Hotel, das ist ein wandelndes Hollywood-Fotoalbum. Eröffnet 1936, war es in den 30er- bis 50er-Jahren die bevorzugte Schlafstätte für Westernstars, die tagsüber staubige Revolverhelden spielten und abends geschniegelt durch die Lobby schlenderten. Viele Zimmer tragen bis heute die Namen ihrer berühmten Gäste – John Wayne, Katharine Hepburn, Errol Flynn, Kirk Douglas, Gregory Peck, Humphrey Bogart – kurz gesagt: Wenn Wände reden könnten, würden sie vermutlich „Action!“ rufen.

Gallup selbst liegt direkt an der Historic Route 66, die hier gleichzeitig ganz unbescheiden als Hauptstraße dient. Rund 20.000 Einwohner, ordentlich Studentenleben durch die University of New Mexico – und sobald es dunkel wird, passiert das, was Gallup richtig gut kann: Neon. Schilder flackern, Farben explodieren, und plötzlich fühlt sich alles ein bisschen nach Roadmovie-Abspann an.

Und jetzt!? Hunger. Richtiger Hunger.

Also kein langes Überlegen, keine kulinarischen Experimente – wir landen schnurstracks bei Applebee’s. Bewährte Kette, verlässliche Portionen, null Risiko. Genau das, was man nach einem langen Roadtrip-Tag braucht.

Bei uns landen Burger und Chicken Wings auf dem Tisch. Kein Fine Dining, kein ChiChi – dafür heiß, deftig und genau richtig. Die Burger saftig, die Wings schön klebrig, Serviettenverbrauch im zweistelligen Bereich. Mission erfüllt.

Draußen flackert schon die Neonwelt der Route 66, drinnen sind wir satt und zufrieden. Mehr braucht es an diesem Abend nicht.

Applebee’s Gallup

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