Abschied mit Pancakes
und Zeitreise in Philadelphia
Der Morgen beginnt mit einem leisen Abschied. Unser letztes Frühstück im Bed & Breakfast auf Staten Island steht an, und es fühlt sich ein bisschen so an, als würde man eine gute Freundin verlassen – mit dem festen Vorsatz, bald wiederzukommen. Danuta ist wie immer schon früh auf den Beinen. Die Küche duftet nach Kaffee, Pancakes und diesem ganz speziellen „Hier-ist-man-zuhause“-Gefühl, das sie mühelos erzeugt. Wir sitzen ein letztes Mal am Tisch, erzählen noch ein bisschen von unseren Plänen, von Philadelphia, von der Weiterreise. Danuta hört aufmerksam zu, lächelt, nickt – und wir wissen alle: Das hier ist kein Abschied für immer. Wir werden sie vermissen. Aber wir kommen wieder. Ganz sicher.
Dann heißt es Koffer packen, noch eine Umarmung, ein letzter Blick zurück – und ab ins Auto. Ziel: Philadelphia.
Schon bei der Ankunft wird klar: Diese Stadt trägt Geschichte nicht nur im Herzen, sie trägt sie offen vor sich her. Philadelphia fühlt sich an wie ein lebendiges Geschichtsbuch, bei dem jede Straßenecke ein neues Kapitel aufschlägt. Hier wurde die Unabhängigkeitserklärung verfasst, hier entstand die Verfassung der Vereinigten Staaten, hier wurde über Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung diskutiert – und zwar lange bevor das Ganze selbstverständlich war. Über 200 Jahre sind seitdem vergangen, aber erstaunlicherweise wirkt nichts davon verstaubt. Die Geschichte ist präsent, greifbar, fast aufdringlich lebendig.
Natürlich wollen wir genau dort hin, wo all das seinen Anfang nahm. Praktischerweise liegen die wichtigsten historischen Sehenswürdigkeiten dicht beieinander, zusammengefasst im Independence National Historic Park. Perfekt für einen intensiven, aber gut machbaren Tagesbesuch.
Ein kleiner, aber wichtiger Tipp: Tickets für die Independence Hall sollte man vorab online reservieren. Spart Zeit – auch wenn man sie im Visitor Center trotzdem noch in echte Eintrittskarten umtauschen muss. Bürokratie kennt eben auch hier keine Gnade.
Nach einem kurzen Sicherheitscheck stehen wir schließlich vor der Independence Hall. Ein unscheinbar wirkendes Backsteingebäude – und doch einer der bedeutendsten Orte der amerikanischen Geschichte. Unsere Parkrangerin sammelt die Gruppe ein, und dann beginnt eine kleine Zeitreise.
Zuerst betreten wir den Assembly Room. Allein dieser Raum hat mehr Geschichte erlebt als so mancher Kontinent. Das Gebäude wurde bereits 1741 als Pennsylvania State House fertiggestellt und diente ursprünglich als Regierungssitz der Kolonie Pennsylvania. Doch dann nahm alles Fahrt auf: 1775 wurde hier George Washington zum Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee ernannt. Am 4. Juli 1776 verabschiedete man in genau diesem Raum die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten. Und als wäre das nicht genug, wurde hier 1787 auch noch die Verfassung ausgearbeitet. Nebenbei entwarf man gleich die US-Flagge. Multitasking auf historisch höchstem Niveau.
Was besonders beeindruckt: Alles wirkt so, als hätten die damaligen Herren den Raum nur kurz verlassen. Die Möbel, die Anordnung, die Atmosphäre – nichts schreit Museum, alles fühlt sich überraschend real an.
Weiter geht es durch die Gänge der Independence Hall, vorbei an weiteren Räumen, die Geschichte geschrieben haben. Diese amerikanische Art, historische Gebäude nicht nur zu konservieren, sondern sie beinahe einzufrieren, fasziniert mich jedes Mal aufs Neue.
Direkt in der Nähe besuchen wir die Congress Hall und die Old City Hall. Beide Gebäude liegen praktisch nebeneinander und gehören fest zum historischen Ensemble.
Die Congress Hall war bis 1800 das Kapitol der Vereinigten Staaten, bevor die Regierung nach Washington D.C. umzog. Wir setzen uns im ehemaligen Plenarsaal im Erdgeschoss. Schlichte Mahagoni-Tische, Lederstühle, wenig Prunk – hier zählte offenbar mehr das Wort als die Dekoration. 106 Abgeordnete aus 16 Staaten nahmen hier Platz: die 13 Gründungsstaaten sowie Vermont, Kentucky und Tennessee.
Im ersten Stock, dem ehemaligen Senat, wirkt alles etwas feiner. Schwere rote Vorhänge, elegantere Einrichtung – fast schon ein Hauch von Würde und Macht. Besonders erstaunlich: Viele der Schreibtische sind noch original. Man sitzt also quasi mitten in der Geschichte.
Direkt gegenüber wartet das Liberty Bell Center. Hier hängt sie: die originale Liberty Bell. Kein Nachbau, kein Symbol – das echte Stück. Sie wurde am 8. Juli 1776 geläutet, als die Unabhängigkeitserklärung erstmals öffentlich verlesen wurde. Die Glocke selbst stammt aus London, gegossen 1752, aufgehängt 1753. Ironischerweise hatte sie schon vor ihrer ersten großen Karriere einen Riss. Zwei Handwerker aus Philadelphia, John Stow und John Pass, gossen sie neu – allerdings nicht ganz ohne spätere Folgen.
Ihre Inschrift ist bis heute kraftvoll:
„Proclaim Liberty throughout all the land unto all the inhabitants thereof“
Verkünde Freiheit im ganzen Land für alle seine Bewohner.
Große Worte. Damals wie heute.
Nach so viel Geschichte lassen wir es etwas ruhiger angehen und machen einen entspannten Stadtbummel. Wir schlendern die 5th Street entlang, von Penn’s Landing bis zur City Hall. Unterwegs begegnen uns Kneipen, kleine Läden, ganz normales Stadtleben. Genau diese Mischung macht Philadelphia so sympathisch: Geschichte ohne Pathos, Alltag ohne Hektik.
Natürlich darf auch ein kurzer Stopp im Hard Rock Cafe nicht fehlen – T-Shirts müssen schließlich sein. Anschließend geht es über die Chestnut Street zurück Richtung Independence Hall, die uns am Ende des Rundgangs noch einmal empfängt.
Philadelphia hat uns beeindruckt. Eine Stadt, die Geschichte nicht erklärt, sondern zeigt. Und dabei trotzdem modern, lebendig und angenehm unaufgeregt bleibt.
Am späten Nachmittag machen wir uns schließlich auf den Weg zu unserem Hotel in King of Prussia. Wir haben ein echtes Schnäppchen gemacht: ein Angebot im Hyatt, für unter 100 Euro. Dafür bekommen wir eine geräumige Suite, ein riesiges Kingsize-Bett und ein ausziehbares Schlafsofa für Nadine. Nach diesem Tag fühlt sich das an wie purer Luxus.
Geschichte, Stadt, Komfort – ein perfekter Abschluss für einen weiteren intensiven Reisetag.