Der Ducato darf raus – und wir auch
Man stelle sich vor: Ein nagelneuer Camper steht seit Dezember brav vor der Haustür. Er hat neue Reifen bekommen. Ein Soundsystem, das problemlos ein Open-Air-Konzert beschallen könnte. Gadgets, Extras und Zubehör, bei dem selbst Stefan irgendwann aufgehört hat zu zählen. Kurz gesagt: Er ist fertig. Vollständig ausgerüstet. Kampfbereit. Und er steht. Auf dem Parkplatz. Und wartet.
Ich weiß, wie er sich fühlt.
Aber das war am 17. März 2024 vorbei. An diesem Sonntagmorgen öffnete Stefan die Fahrertür, setzte sich rein, legte die Hände ans Lenkrad – und grinste. Das Grinsen von jemandem, der genau weiß, dass gleich etwas beginnt, das eine Weile andauern wird. In die USA sind wir jahrzehntelang geflogen. Dreißig Mal. Highways, Nationalparks, Wüsten, Gletscher, Motels, Diners. Die USA können wir. Aber Europa? Mit einem eigenen Camper? Das war neu. Das war unser erstes Mal.
Und ehrlich gesagt war das mit dem Camper auch ein bisschen typisch für uns. Wir wollten mal eine Tischdecke kaufen – und kamen mit einem kompletten Esszimmer nach Hause. So ist das bei Böhms. Der Funke springt über, die Entscheidung fällt, und drei Tage später fragt man sich, warum man das eigentlich nicht schon früher gemacht hat. Den Ducato haben wir im Dezember gekauft. Im März, nach Monaten des Aufmotzen, Einrichtens und Planens, saßen wir zum ersten Mal wirklich drin. Mit Ziel. Mit Gepäck. Mit Bella Italia als erster Bewährungsprobe.
Bella Italia. Wir kommen.
Die Straßen an diesem Sonntagmorgen waren so leer, dass man kurz das Gefühl bekam, halb Europa sei noch nicht aufgestanden. Für uns: perfekt. Keine Staus, keine überfüllten Raststätten, kein nervöses Bremsen im Stop-and-Go. Einfach die Straße, der Camper, die Alpen am Horizont, und Stefan fährt. Unser erstes Ziel: Innsbruck. Zwischenstopp mit Auftrag.
Der Auftrag kam von Nadine. Klar und unmissverständlich: Drumsticks aus dem Hard Rock Café. Für ihre Sammlung. Wir sind ja pflichtbewusste Menschen.
Gegen halb eins begrüßte uns Innsbruck. Die Stadt hatte an diesem Sonntag noch das entspannte Gesicht einer Metropole, die sich keine Mühe gibt, touristisch zu wirken – und gerade deshalb charmant ist. Das Goldene Dachl funkelte in der Frühlingssonne, als hätte jemand extra poliert. Und wir hatten tatsächlich Glück mit dem Parken – was bei einem Fahrzeug, das eher an einen kleinen Linienbus als an einen normalen PKW erinnert, nicht selbstverständlich ist. Innsbruck bietet an Sonn- und Feiertagen kostenloses Parken. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, überhaupt einen Platz zu finden, der groß genug ist, damit man hinterher auch wieder rauskommt. Wir fanden einen. Es war ein bisschen knapp. Es hat gereicht.
Also: raus aus dem Camper, rein in die Altstadt. Kopfsteinpflaster, bunte Fassaden, die Nordkette mit Schnee auf den Gipfeln als Bühnenbild dahinter. Es ist ein bisschen wie eine Postkarte – aber eine echte, nicht retuschierte. Wir schlenderten durch die Gassen, ich fotografierte was das Zeug hielt.
Dann: das Goldene Dachl. Dieses Ding. Es ist kleiner als man denkt – und gleichzeitig genau so beeindruckend wie auf den Fotos. Herzog Friedrich IV. ließ es im frühen 15. Jahrhundert bauen, 2.657 feuervergoldete Kupferschindeln, als fürstliche Loggia mit freiem Blick aufs Stadtgetümmel. Im Grunde der VIP-Bereich des Mittelalters. Heutzutage stehen darunter Touristen mit Kameras statt Adliger mit Hofstaat, aber die Grundidee ist dieselbe: Schauen, staunen, gesehen werden. Wir schauten. Wir staunten.

Danach: Mission Drumsticks. Hard Rock Café Innsbruck. Erledigt, ohne Zwischenfälle. Weil wir aber schon mal da waren und der Magen inzwischen lautstark Einspruch erhob, blieben wir gleich zum Mittagessen. Und jetzt muss ich kurz erklären, was St. Patrick’s Day mit einem Burger zu tun hat.
Das Hard Rock Café hatte zum Anlass des irischen Feiertags ein Tagesangebot aufgelegt, das mich bereits beim Lesen zum Zögern brachte. Und beim Blick auf den Tischaufsteller auf dem Tisch zum Staunen. Der Burger kam mit einem Brötchen in leuchtendem Smaragdgrün. Nicht ein bisschen grün. Nicht angedeutet grün. Wirklich, aggressiv, vollständig grün. Stefan bestellte klassisch, ohne Farbakzent. Ich bestellte das Grüne.

Dann sah ich nochmal genauer auf den Tischaufsteller. Eine Kooperation mit Dunkin‘ Donuts. Ich las das zweimal. Ich schaute auf das Bild. Die werden doch nicht das Hackfleischpatty auf einen Donut legen?! Dann kam der Burger. Sie taten es wirklich: Das Brötchen war ein echter Donut. Mit grünem Zuckerguss. Mit einem Rindfleisch-Patty mit Käse und Salat. Ein Donut-Burger. In Grün. Zu St. Patrick’s Day. Im Hard Rock Café. In Innsbruck.
Man kann über viele Dinge sagen: „Das war keine gute Idee.“ Hier nicht. Es schmeckte – und zwar verblüffend gut. Süß, salzig, saftig, surreal. Stefan probierte. Stefan schwieg. Stefan aß seinen klassischen Burger weiter. Das war Antwort genug.

Gestärkt von dieser kulinarischen Grenzerfahrung und mit erfülltem Drumstick-Auftrag im Gepäck machten wir uns auf den Weg zurück zum Camper. Noch ein letzter Blick auf das Goldene Dachl, noch ein Foto durch einen der Bögen der Altstadt – und dann: Zündschlüssel rein, Richtung Süden.
Die Grenze nach Italien begrüßt uns so, wie Italien immer begrüßt: mit einem Hupkonzert. Das berühmte Verkehrschaos ließ keine Minute auf sich warten. Kreisverkehre, Spurwechsel, Roller die sich durch Lücken fädeln die eigentlich keine sind, Autofahrer die sich per Gedankenübertragung koordinieren – und mittendrin wir, mit unserem Ducato, der in diesem Kontext ungefähr so manövrierfähig wirkt wie ein freundliches Landschiff. Aber wir kamen durch. Das zählt.
Vorbei an sanften toskanischen Hügeln, uralten Zypressenalleen die in die Landschaft eingestreut sind als hätte jemand mit einem Pinsel die Postkarte gemalt, und den ersten verheißungsvollen Silhouetten von Florenz am Horizont. Gegen 19 Uhr erreichten wir unser Ziel: einen idyllisch gelegenen Campingplatz, nur einen angemessenen Spaziergang von der Altstadt entfernt. Draußen warm. Pininenduft. Das Gefühl, angekommen zu sein.

Der Campingplatz-Pizzeria war unsere erste offizielle kulinarische Handlung auf italienischem Boden. Hauchdünner Boden, knusprig bis zum letzten Bissen, frische Zutaten, ein eiskaltes Bier dazu. Man muss das nicht kommentieren. Man muss nur essen.
Wir stießen an. Der Ducato stand draußen, der erste große Test bestanden, kein Murren, keine Zicke, kein einziger Hinweis darauf, dass er das nicht wollte. Natürlich nicht. Er hatte seit Dezember darauf gewartet.
Morgen: Florenz. Die Stadt der Medici, der Renaissance, des Gelatos und der Kunst die man nicht an einem Tag sehen kann. Ich kann es kaum erwarten.
Buona notte, Firenze. Ci vediamo domani.




