David, ein schiefer Turm und ein Friedhof als Umweg – Pisa & Monterosso
Bevor wir Florenz endgültig den Rücken kehren, gibt es noch ein letztes Pflichtprogramm: den Piazzale Michelangelo. Ein Abschied ohne diesen legendären Aussichtspunkt? Kommt nicht in Frage. Man verlässt Florenz nicht so einfach. Man verabschiedet sich ordentlich, mit Blick auf die Dächer und einem letzten „Mamma mia“ auf den Lippen.
Also verstauen wir unsere Sachen im Camper und fahren nach oben. Die Strecke hinauf? Entspannt. Keine halsbrecherischen Serpentinen, keine unfreiwilligen Überraschungen. Vor allem: keine 463 Stufen. Das ist nach gestern nicht selbstverständlich, und wir schätzen es ausdrücklich.
Oben angekommen breitet sich Florenz in voller Pracht vor uns aus. Der Himmel ist noch immer ein bisschen mürrisch – er hatte eindeutig noch nicht ausgeschlafen – aber Florenz lässt sich davon nicht beirren. Diese Stadt weiß, was sie hat, und zeigt es. Die roten Dächer, die mächtige Kuppel des Doms, der Arno, der sich wie ein silbernes Band durch die Stadt windet – als hätte jemand eine Postkarte auf Panorama-Modus gestellt und dabei vergessen, wieder auf Normal zurückzuschalten.

In der Mitte des Platzes thront David. Oder besser: eine bronzene Nachbildung von Michelangelos Meisterwerk. Majestätisch, muskulös, mit diesem leicht überheblichen „Ich-bin-die-Renaissance“-Blick, der einem sagt: Ich habe schon mehr Touristen gesehen als du Espressos getrunken hast. Er scheint über Florenz zu wachen – oder zumindest den Touristenstrom zu beobachten, der sich um ihn herumtummelt. Souvenirhändler haben ihre Stände aufgebaut und bieten alles an, was das Touristenherz begehrt: Mini-Davids in Dutzend Größen, Postkarten, Magneten und natürlich das unvermeidliche Repertoire an Pinocchio-Figuren. Wahrscheinlich hätte Collodi nicht gedacht, dass sein kleiner Holzjunge irgendwann als Schlüsselanhänger-König von Florenz regieren würde. Er hätte es vermutlich trotzdem gut gefunden.

Straßenmusiker liefern den Soundtrack des Abschieds: sanfte Klänge italienischer Melodien, die sich mit dem Duft von frischem Kaffee aus den nahegelegenen Bars mischen. Man könnte meinen, sie hätten sich mit den Wolken abgesprochen, um dem ganzen Moment einen Hauch von Melancholie zu verpassen. Wir stehen da, schauen, atmen, fotografieren. „Warte, eins noch!“ – das kennen wir. Und ja, es bleibt nie bei einem. Irgendwann geben wir uns geschlagen, die Speicherkarte ist voll, der Moment ist festgehalten. Wir werfen noch einen letzten Blick auf David, der uns weiterhin mit steinerner Ungerührtheit anschaut, und machen uns auf den Weg.
Nächster Stopp: Pisa. Der Turm. Die Legende. Die berühmteste Bau-Panne der Weltgeschichte.
Die Fahrt nach Pisa vergeht wie im Flug. Die Straße schlängelt sich durch die toskanische Bilderbuchlandschaft – sanfte Hügel, endlose Weinberge, kleine Dörfer die aussehen als hätte sie jemand direkt aus einem Reisekatalog ausgeschnitten. Ein Panorama, das jeden Italo-Film alt aussehen lässt. Und dann, je näher wir Pisa kommen, desto freundlicher wird der Himmel. Das Grau weicht einem strahlenden Blau, die Sonne scheint uns direkt ins Gesicht. „Perfektes Wetter für den schiefen Turm!“, rufe ich begeistert. Stefan nickt – sichtlich erleichtert, dass wir diesmal nicht im Regen durch die Stadt radeln müssen.
In Pisa lassen wir nichts anbrennen. Der Camper bekommt einen sicheren Parkplatz außerhalb des Stadtzentrums – Area Comunale, Via di Pratale 78. Wir haben gelesen, dass Camper in der Nähe des Domplatzes gerne mal unfreiwilligen Besitzerwechsel erleben, und diese Art von Überraschung braucht wirklich niemand. Der Parkplatz ist ruhig, ordentlich, und unser rollendes Zuhause wirkt dort so zufrieden.
Auf zwei Rädern düsen wir Richtung Zentrum. Die Sonne im Rücken, den Fahrtwind im Gesicht, Straßenmusiker rechts, Espresso links. Pisa ist in Aufbruchstimmung, und wir sind mittendrin.

Dann erreichen wir die Piazza dei Miracoli – und der Anblick ist schlicht atemberaubend. Wirklich. Kein Foto, keine Postkarte und kein noch so kitschiger Pisa-Schlüsselanhänger können diesem Moment gerecht werden. Der schiefe Turm von Pisa ragt vor uns in die Höhe – oder besser gesagt, er neigt sich elegant zur Seite, als hätte er die ganze Nacht einen Schluck zu viel Vino getrunken, und schämte sich noch ein kleines bisschen dafür.
Flankiert von strahlend weißen Marmor-Gebäuden, hebt er sich beeindruckend vor dem azurblauen Himmel ab. Ein Postkartenmotiv in Echtzeit, nur echter. Zum Glück hatten wir unsere Tickets bereits im Voraus gebucht – Punkt zwölf geht’s hinauf. Noch ein paar Minuten, um die Atmosphäre aufzusaugen und die wildesten Touristenposen zu beobachten. Alle strecken ihre Hände aus, als würden sie den Turm stützen. Hunderte Touristen auf einer Wiese, alle mit identischer Geste. Als hätte jemand ein riesiges Ballett choreografiert, nur mit mehr Selfie-Sticks.
Der Schiefe Turm von Pisa
Die berühmteste Panne der Architekturgeschichte
Der Schiefe Turm von Pisa ist wohl das bekannteste Bauwerk der Welt, das durch einen Baufehler berühmt wurde. Seit Jahrhunderten neigt sich das ikonische Bauwerk zur Seite, als hätte es beim Bau ein Glas zu viel Vino getrunken. Und genau das macht seinen Charme aus.
Die Grundsteinlegung erfolgte 1173, als Pisa noch eine mächtige Seerepublik war. Doch schon während der Bauarbeiten begann der Turm langsam, aber sicher zu kippen. Der Grund? Weicher, sandiger Untergrund, der für das massive Gewicht der Marmorstruktur schlicht ungeeignet war. Die Bauarbeiten wurden immer wieder unterbrochen – teils durch Kriege, teils weil man schlichtweg keine Ahnung hatte, wie man das Problem lösen sollte. Das dauerte knapp 200 Jahre. Wer sich also über langsame Bauprojekte in der heutigen Zeit beschwert, sollte erst einmal nach Pisa schauen und dann schweigen.
Doch nicht nur der Turm hat eine Schieflage – auch die Kathedrale und das Baptisterium auf der Piazza dei Miracoli stehen leicht schräg. Pisa hat sich also nicht nur ein Wahrzeichen gebaut, sondern gleich eine ganze Sammlung von Konstruktionspannen. Man könnte fast sagen: ein Gesamtkunstwerk des Missgeschicks.
Nach Jahrhunderten der Schräglage wurde es irgendwann wirklich gefährlich: 1990 war die Neigung so bedrohlich, dass der Turm für Besucher gesperrt werden musste. Es folgten aufwendige Rettungsmaßnahmen, bei denen unter anderem Erde entfernt und das Fundament stabilisiert wurde. Seit 2001 ist er wieder zugänglich – nun mit einer stabilen Neigung von rund vier Grad. Angeblich soll er jetzt für mindestens 200 Jahre sicher stehen. Danach? Nun, Pisa hat ja Erfahrung mit langen Bauprojekten.
Heute zieht der 56 Meter hohe Turm jährlich Millionen Besucher an, die sich vor ihm in der wohl berühmtesten Touristenpose der Welt fotografieren lassen – Hände ausgestreckt, als würde man ihn vor dem Umfallen bewahren. Als hätten sie alle eine stille Abmachung getroffen. Wer sich der Herausforderung stellt und die 251 Stufen zur Spitze erklimmt, merkt schnell: Man spürt die Schieflage mit jedem Schritt. Der Körper will nach links, dann nach rechts – als würde man auf einem leicht betrunkenen Schiff laufen. Aber oben angekommen wird man mit einem fantastischen Blick über Pisa und die toskanische Landschaft belohnt. Und der Beweis: Es steht wirklich schief. Man bildet es sich nicht ein.
Punkt zwölf Uhr ist es soweit. Mit einem leichten Kribbeln im Bauch passieren wir die Sicherheitskontrolle und betreten den schiefen Turm durch die berühmte Eingangstür. Die Schieflage merkt man sofort. Schon der erste Schritt bringt uns leicht ins Wanken – als hätte der Boden beschlossen, uns freundlich darauf hinzuweisen, dass hier keine einzige Fläche gerade ist, und das bitte sofort zu akzeptieren.
Während wir uns die Treppen hinaufarbeiten, wird das Gefühl intensiver. Es ist, als hätte der Turm eine unsichtbare Hand, die uns immer ein kleines Stückchen zur Seite zieht. Schwankendes Schiff? Schiefe Geisterbahn? Renaissance-Architektur mit eingebautem Schwindel-Effekt? Irgendwas dazwischen. Die Wände in warmen Gelbtönen, das spärliche Licht, das durch kleine Fensteröffnungen fällt – eine fast geheimnisvolle Atmosphäre. Man könnte meinen, wir wären in einer Schatzkammer aus einem Indiana-Jones-Film – nur eben mit Treppen, ohne tödliche Fallen und leider auch ohne Harrison Ford.
251 Stufen insgesamt – die es in sich haben. Die Wendeltreppen sind eng, die Luft wird dünner, und die Schräglage bringt uns ordentlich ins Schwitzen. Aber jetzt umdrehen? Niemals. Da oben wartet das ultimative Pisa-Panorama, und das lassen wir uns nicht nehmen.
Noch zwölf extra Stufen bis zur Glockenkammer. Die Glocken hängen da wie selbstvergessene Riesen aus Bronze, so nah, dass man sie fast berühren könnte – und gleichzeitig mit einer Schwere, die einen kurz innehalten lässt. Sie hängen hier seit Jahrhunderten, haben Kriege und Restaurierungen und Millionen von Besuchern überstanden, und wirken trotzdem vollkommen ruhig. Die Fotos zeigen diese riesigen Bronzeglocken aus der Nähe, die geschwungenen Wendeltreppen, den Blick durch die Rundbogen auf die Piazza tief unten – eine Perspektive, die man vergisst wieder hinunterschauen zu müssen.
Und dann stehen wir ganz oben. Der Blick? Grandios. Pisa liegt zu Füßen, die roten Dächer leuchten in der Sonne, die Berge rahmen das Panorama perfekt ein, und die Piazza dei Miracoli wirkt von hier aus wie eine kunstvoll arrangierte Miniaturwelt – Dom, Baptisterium, Campanile, alles von oben, alles schräg, alles wunderbar. Eine Windböe kommt, und erinnert uns sanft daran: Nein, nein. Der Turm steht wirklich schief. Kein Irrtum. Volle Absicht der Natur.
Nach der Schräglagen-Akrobatik wieder unten angekommen, ist unser Gleichgewichtssinn auf Normalmodus zurückgekehrt – und unser Interesse an der Kathedrale Santa Maria Assunta voll entflammt. Man munkelt, sie sei mindestens genauso beeindruckend wie der Turm selbst. Die Gerüchte stimmen.
Schon beim Betreten trifft uns die Atmosphäre mit voller Wucht. Die gigantischen Decken, die kunstvollen Fresken, die Marmorsäulen die sich mit einer fast überirdischen Eleganz in die Höhe recken – ein Ort, der sofort Respekt einflößt. Wie haben die das alles vor Jahrhunderten ohne Kran, ohne Baggermaschine, ohne YouTube-Tutorial hingekriegt? Die Frage stellt man sich, den Kopf im Nacken, und findet keine vernünftige Antwort. Die goldverzierte Kassettendecke ist ein absolutes Highlight. Wenn das Licht durch die bunten Glasfenster fällt, taucht es den ganzen Raum in ein warmes, fast himmlisches Leuchten – und selbst der nüchternste Besucher bleibt kurz stehen und atmet langsam.
Der eigentliche Star des Doms aber ist die Kanzel von Giovanni Pisano. Sie ist nicht einfach nur eine Kanzel – sie ist eine vollständige Renaissance-Soap-Opera aus Stein. Jede Figur, jede Szene ist so detailreich und lebendig, dass man fast erwartet, sie würden sich gleich bewegen und ihre Geschichte erzählen. Man könnte hier Stunden verbringen. Wäre da nicht der nächste Besucher, der schon ungeduldig wartet. Also: weitergehen, noch einen letzten Blick über die Schulter, und raus.
Zurück auf den Rädern, gleiten wir entspannt durch Pisa. Die Sonne wärmt das Gesicht, eine leichte Brise sorgt für das perfekte „Ich-bin-im-Urlaub“-Gefühl – und dann taucht es auf: ein kleines, einladendes Restaurant mit gemütlichen Außenplätzen. Der Duft von frisch gebackenem Teig und würzigem Käse liegt in der Luft. Keine Diskussion nötig. Hier bleiben wir.
Fahrräder geparkt, Plätze gesichert, Speisekarte aufgeschlagen. Die Entscheidung fällt in der Zeit, die man braucht um „Pizza“ zu sagen: Pizza. Denn in Italien eine Pizza abzulehnen fühlt sich ungefähr so falsch an wie in Frankreich keine Croissant zu essen. Es gibt Dinge, die macht man einfach nicht.
Was dann kommt: ein Meisterwerk auf knusprigem Boden. Frische Zutaten, goldbraune Kruste, der Duft von geschmolzenem Käse und italienischen Kräutern. Wir essen, beobachten die vorbeiziehenden Menschen, lauschen dem Gemurmel der Gespräche um uns herum und lassen das Dolce Vita auf uns wirken. Das Leben könnte schlechter sein. Das Leben ist gerade sehr gut.
Frisch gestärkt treten wir den Rückweg zum Camper an. Pisa verabschiedet sich von uns mit dem letzten Hauch seiner entspannten Leichtigkeit. Im Gepäck: eine Schieflage-Erfahrung, ein grandioser Dom, frische Pizza und die Gewissheit, dass dieser Zwischenstopp absolut die richtige Entscheidung war.
Nächster Halt: Deiva Marina. Die Strecke dorthin hält Wort, was die Landschaft betrifft. Sanfte grüne Hügel, malerische Dörfer die für Postkarten posieren, und dann – hinter jeder Kurve – das glitzernde Blau der Ligurischen Küste, die sich uns offenbart als hätte die Natur kurz die Sonnenbrille abgesetzt und gesagt: „Na, gefällt’s euch?“ Es gefällt. Sehr.
Der Campingplatz in Deiva Marina empfängt uns mit einer Überraschung: Die Dame an der Rezeption spricht perfekt Deutsch. Nicht „ein bisschen“, nicht „gebrochen“ – fließend. Wir schauen uns kurz an und fragen uns, ob wir versehentlich eine Grenze übersehen haben. Mit warmem Lächeln und ordentlicher Portion Hilfsbereitschaft zeigt sie uns die letzten beiden freien Stellplätze. Strategisch klug gewählt: direkt bei den Duschen und nahe am Eingang. Alles läuft reibungslos. Ein guter Ort.
Cinque Terre – Italiens bunte Dörfer zwischen Himmel und Meer
Die Cinque Terre sind eine der spektakulärsten Küstenlandschaften Italiens – fünf malerische Dörfer, die sich an die steilen Klippen der ligurischen Riviera klammern, als hätten sie Angst, ins Meer zu stürzen. Riomaggiore, Manarola, Corniglia, Vernazza und Monterosso al Mare – jedes dieser Dörfer hat seinen ganz eigenen Charme, aber alle haben eines gemeinsam: Pastellfarbene Häuser, enge Gassen und eine Aussicht, für die Fotografen ihr letztes Objektiv verkaufen würden.
Die Cinque Terre waren lange Zeit fast völlig isoliert – keine Straßen, kaum Verbindungen zur Außenwelt. Bis ins 20. Jahrhundert konnte man sie nur per Boot oder zu Fuß erreichen. Und genau diese Abgeschiedenheit hat den Dörfern bis heute ihre Ursprünglichkeit bewahrt. Mittlerweile gibt es eine Bahnlinie, die die Orte verbindet. Autos? Fehlanzeige. Wer mit dem Auto anreist, lässt es am besten in La Spezia oder Levanto stehen und wechselt auf die Regionalbahn oder die berühmten Wanderwege.
Der Sentiero Azzurro – der Blaue Weg – ist der berühmteste Wanderpfad der Region. Über steile Treppen und durch duftende Zitronenhaine führt er von Dorf zu Dorf, mit einem Blick aufs Meer, der atemberaubend ist. Der Cinque Terre Express verbindet alle fünf Orte in wenigen Minuten – perfekt für alle, die nicht mit Schweißperlen die Klippen hochklettern wollen. Dazu Pesto, fangfrische Meeresfrüchte, das beste Focaccia nördlich von Genua – und Monterosso al Mare mit seinem schönen Sandstrand, der nach dem Wandern mit dem Versprechen einer Abkühlung wartet.
Die Cinque Terre sind atemberaubend schön – aber kein Geheimtipp mehr. In der Hochsaison wird es eng in den verwinkelten Gassen. Wer ruhige Fischerdorf-Atmosphäre möchte, kommt am besten im Frühling oder Herbst. Wir kamen im März. Es war perfekt.
16:30 Uhr – viel zu früh, um einfach herumzusitzen. Wir hatten gerade den Camper eingeparkt, da kam die nette Dame von der Rezeption mit einem Vorschlag, der zu verlockend war um abgelehnt zu werden: „Warum warten? Ihr könntet doch jetzt schon nach Monterosso fahren!“
Eigentlich stand die Erkundung der Cinque Terre erst morgen auf dem Plan. Aber wer sagt schon Nein zu einer spontanen Extra-Portion Italien? Noch besser: Sie bot an, uns zum Bahnhof zu fahren. Der 17-Uhr-Zug. Um 19:30 Uhr zurück. Und sie würde uns auch wieder abholen. Service-Level: außerordentlich grandios.
Gesagt, getan. Wenig später saßen wir im Zug nach Monterosso, während draußen die atemberaubende Küstenlandschaft an uns vorbeizog – schroffe Felsen, kleine Dörfer die sich mutig an die Hügel klammern, das Meer in immer neuen Blautönen.
Und hier muss ich kurz erklären, wie wir eigentlich auf die Idee gekommen sind, uns ausgerechnet die Cinque Terre anzusehen. Ganz einfach: Disney-Magie. Kennt ihr den Film „Luca“? Dieser bezaubernde Pixar-Film hat uns nach Italien gebracht. Kaum hatte ich herausgefunden, dass die malerischen Dörfer der Cinque Terre als Inspiration für die Kulisse des Films dienten, war der Fall klar: Ich muss da hin. Die bunten Häuser, das Meer, die engen Gassen voller kleiner Abenteuer – ich wollte das Original sehen.
Und keine Sorge wegen der Seeungeheuer. Ich weiß ja jetzt, dass sie eigentlich ganz lieb sind und höchstens Lust auf ein Gelato haben. Vielleicht begegne ich beim Schlendern durch die schmalen Gassen ja einem – oder treffe Ercole Visconti, wie er auf seiner knallroten Vespa durch die Straßen zischt. Den Mann mit dem legendären Wels-Bärtchen, der so unfassbar selbstverliebt und gemein ist, dass es schon wieder komisch wird. So gemein, dass ich ihn mir tatsächlich dauerhaft auf den Arm tätowieren ließ. Ja. Ein Bösewicht-Tattoo. Ich bereue nichts. Wer Luca gesehen hat, versteht es sofort. Und wer ihn noch nicht gesehen hat – nun, vielleicht erklärt das Tattoo warum ich so dringend nach Monterosso musste.

Kaum aus dem Zug gestiegen, fühlten wir uns sofort mitten in eine Filmszene versetzt. Das charmante Küstenstädtchen empfing uns mit offenen Armen: bunte Häuser, verwinkelte Gassen, diese ganz besondere Magie, die man kaum in Worte fassen kann. Die warme Abendluft war erfüllt vom Duft nach Salz, Zitronen und frischem Basilikum. Ich sah mich kurz um – nur für den Fall, dass irgendwo eine Vespa mit sehr arroganter Fahrweise um die Ecke kam. Nichts. Nur Postkartenstimmung.
Wir machten uns auf zur Uferpromenade. Der breite Sandstrand erstreckte sich vor uns, das Meer glitzerte in der Abendsonne, als würde es uns mit einem letzten goldenen Funkeln begrüßen. Mutige Schwimmer im Wasser – wahrscheinlich mit einer deutlich besseren Kälteresistenz als wir. Andere saßen längst entspannt in Strandbars, Aperol Spritz in der Hand, mit dem beneidenswert friedlichen Gesicht von Leuten, die wissen dass sie alles richtig gemacht haben.
„Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal unsere Badesachen mitnehmen“, meinte Stefan. Ich überlegte kurz. Baden im Mittelmeer, Sonne sinkt langsam. Klingt verlockend. Zwei Probleme: Erstens – keine Badesachen dabei. Zweitens – das Wasser hatte zu dieser Jahreszeit eher den Charme einer erfrischend kalten Erkenntnis als einer wohlig-warmen Badewanne. Also beschlossen wir, das Meer heute nur aus sicherer Entfernung zu bewundern. Beim nächsten Mal vielleicht.

Dann passierte das, was eigentlich immer passiert, wenn man denkt man weiß wo man hingeht: Wir gingen woanders hin.
Wir dachten, wir würden den Weg zur Burg einschlagen. Und stattdessen standen wir auf einem Friedhof.
Dem Cimitero di Monterosso.
Nun gut. Umwege gehören zum Abenteuer. Und wenn man schon mal da ist – dann richtig. Was uns erwartete, war kein gewöhnlicher Ort. Zwischen alten Grabsteinen und kunstvollen Mausoleen lag eine friedvolle Stille, die fast greifbar war. Marmorengel und Statuen wirkten, als würden sie über das Meer wachen. Bunte Blumen zwischen den Gräbern verliehen dem Ort eine unerwartete Lebendigkeit. Und dann bemerkten wir es: Von hier oben hatten wir eine atemberaubende Aussicht auf das tiefblaue Meer und das malerische Dorf unter uns.
Die Sonne brach durch die Wolken, tauchte alles in warmes goldenes Licht, und wir standen einfach da – staunend, still, vollkommen verzaubert. Manchmal führt ein vermeintlicher Irrweg zu einem der schönsten Augenblicke des Tages. Burg? Später. Dieser Moment hier war perfekt.
Als wir unseren Weg fortsetzten, stolperten wir – diesmal bewusst – über die Statue von San Francesco d’Assisi, die hoch oben auf dem Hügel steht und auf das glitzernde Meer hinabblickt. Er stand da mit einer Haltung, die sagte: „Keine Sorge, ich passe auf dieses kleine Küstendorf auf.“ Und tatsächlich: Er hatte definitiv den besten Aussichtspunkt der ganzen Stadt. Ohne Ticket, ohne Warteschlange, ohne 251 Stufen. Der Mann wusste was er tat.

Von hier fanden wir schließlich, etwas kurvenreich aber zielstrebig, den Weg zurück in die Altstadt. Manchmal führen die ungeplanten Abzweigungen eben zu den schönsten Entdeckungen. Ein bisschen Irren gehört dazu – und wenn man dabei noch atemberaubende Panoramen und einen Heiligen mit Meeresblick trifft, dann hat sich der Umweg mehr als gelohnt.
Die Altstadt zog uns magisch an. Enge Gassen, kleine verwinkelte Läden, charmante Trattorien – alles wirkte wie eine perfekt inszenierte Filmkulisse, nur in echt. Boutiquen mit handgefertigtem Schmuck, Geschäfte voller duftender Seifen nach Lavendel und Zitrone, und dann dieser Geruch: frisch gebackene Pizza aus einer kleinen Trattoria, die einem schon von weitem hinterherzieht wie ein sehr überzeugender Freund.
Ein Straßenmusiker saß in einer Ecke und spielte auf seiner Gitarre eine sanfte Melodie – die Art von Musik, bei der man sofort das Gefühl bekommt, dass das Leben gerade in Slow Motion läuft. Wir blieben stehen, lauschten, atmeten. Die Sonne begann langsam unterzugehen. Die Boote im Hafen schaukelten sanft auf den Wellen, die wie Millionen kleiner Diamanten glitzerten. Alles war in dieses besondere goldene Abendlicht getaucht, das jeden Moment magisch erscheinen lässt. Ich drehte mich zu Stefan: „Das ist doch wie im Film.“ Und für einen Moment – und nicht nur einen – fühlte es sich exakt so an. Nur besser. Weil wir mittendrin waren.
Natürlich konnten wir nicht ohne Gelato gehen. Eine italienische Altstadt ohne Gelato ist wie ein Film ohne Abspann: man wartet, und es fehlt etwas. Ich entschied mich für Haselnuss und Stracciatella – Stefan nahm irgendwas mit Schokolade, aber meine Aufmerksamkeit galt längst meinem eigenen Becher. Cremig, nussig, perfekt. „Ach, wie lecker!“, schwärmte ich, während wir durch die langsam dämmrig werdenden Gassen schlenderten. Italien, du kannst einfach Eis.
Mit einem letzten Blick auf das malerische Monterosso verabschiedeten wir uns. Aber es war kein endgültiger Abschied. Morgen kommen wir wieder – und dann erkunden wir alle fünf Dörfer. Mehr Gelato, mehr Meer, mehr vom schönsten Stück Küste Italiens.














































