600 Meter bis zum Markusplatz – und nur vier Stunden dafür gebraucht
Venedig also.
Ich war noch nie dort – wenn man mal vom Venetian Hotel & Casino in Las Vegas absieht. Dort gibt es schließlich auch eine Rialto-Brücke, einen Markusplatz und sogar einen Canale Grande, inklusive singender Gondoliere, die auf Zuruf „O Sole Mio“ schmettern. Der einzige Unterschied? Das Wasser riecht nach Chlor statt nach Lagune, und es gibt deutlich weniger Tauben, die einem auf den Kopf zielen.
Ich hatte gehört, dass Las Vegas das „schönere Venedig“ sei – weniger Geruch, weniger Touristen, mehr Klimaanlage. Meine Erwartungen an das echte Venedig waren also, sagen wir mal, vorsichtig optimistisch.
Stefan hingegen hatte ganz andere Erinnerungen. Er war vor vielen Jahren schon einmal in Venedig gewesen – und hatte es nicht unbedingt in bester Erinnerung behalten. Übel riechende Kanäle. Schwindelerregende Preise. Eine Touristenabzocke nach der anderen. Seine Begeisterung hielt sich, vorsichtig ausgedrückt, in engen venezianischen Grenzen. „Lass uns einfach hingehen“, sagte ich. „Und schauen, ob sich die Stadt inzwischen gebessert hat.“ Stefan nickte mit der Zurückhaltung von jemandem, der sich nicht zu früh festlegen will.
Also: Auf nach Venedig.
8 Uhr morgens. Noch leicht verschlafen, aber voller Tatendrang. Parkplatz vorab gebucht – nicht in der Stadt selbst, das wäre ja Unsinn, Venedig hat keine Straßen für Autos –, sondern außerhalb, mit Shuttleboot-Verbindung. Logistics, wie die Profis sie nennen. Wir nannten es: gut vorbereitet.
Anderthalb Stunden später: Parkplatz Marive. Was uns dort erwartete, war mehr als nur ein Abstellplatz. Der gesamte Umschlagbereich war ein riesiger, hochorganisierter Warenverteilungspunkt – Lebensmittel, Pakete, Baumaterial. Alles, was eine autofreie Stadt braucht und was man sich normalerweise nicht vorstellt, wenn man an Venedig denkt. Die Logistik hinter der Romantik. Während wir noch staunend die geschäftige Szenerie beobachteten, legte unser Shuttleboot pünktlich um 10 Uhr ab.
Und dann begann das Abenteuer auf dem Wasser-Highway.
Unzählige Boote schoben sich in Reih und Glied durch die Lagune – eine Art Autobahn, nur flüssig. Links ein Frachtschiff mit Getränkelieferung, rechts eine motorisierte Barke voller Gemüsekisten, dahinter ein Boot mit Baumaterial. Venedig funktioniert eben ein bisschen anders als jede andere Stadt der Welt. Es hat seine eigene Logistik, seinen eigenen Rhythmus, seinen eigenen Sound. Und der klingt nach Bootsmotoren, Wellengeräuschen und dem leisen Staunen von Menschen, die das zum ersten Mal sehen.
Und dann – aus der Lagune auftauchend, langsam größer werdend – die ersten Kirchtürme. Die ersten Palazzi. Die ersten Gondeln. Venedig rückte näher, und mit jedem Meter wuchs die Vorfreude auf etwas, das man eigentlich kennt – aus Filmen, aus Fotos, aus Reiseberichten –, das man aber trotzdem noch nie wirklich gesehen hat.
Dann legte das Boot an. Und es gab kein Zurück mehr.

„600 Meter bis zum Markusplatz.“
Handy-Navi raus, Plan gemacht, losgelaufen. Nach etwa drei Metern: erste Erkenntnis. Venedig hat eine ganz eigene Meinung darüber, was „geradeaus“ bedeutet. Es bedeutet: gar nichts. Weil es keine geraden Wege gibt. Nur Kurven, Kehren, Gassen, die sich in Wände auflösen, Brücken, die in Hauseingänge führen, und Kreuzungen, an denen das Navi kurz überlegt und dann eine Richtung vorschlägt, die mit der Realität nur entfernt verwandt ist.
Manche Gassen waren so eng, dass ich mit ausgestreckten Armen beide Wände gleichzeitig berühren konnte. Stefan warf mir einen vorsorglich mahnenden Blick zu, als ich eine der Brücken betrat, die direkt in einen Privateingang zu führen schien. „Du klingelst da jetzt nicht an.“ Gut. Gut.
Wir liefen im Kreis. Wir landeten in Sackgassen. Wir bogen mehrfach falsch ab. Und genau das – genau dieser wunderbare, leicht frustrierende, vollkommen charmante Orientierungsverlust – war der Charme. Venedig ist kein Ort für schnurgerade Wege. Es ist ein Ort, an dem man sich treiben lässt. Und wer sich treiben lässt, entdeckt die schönsten Ecken.
Die Boote auf den Kanälen! Sie schwebten regelrecht lautlos vorbei – mal Lieferboote, mal winzige Privatboote die aussahen als hätte jemand einen Holztisch ins Wasser gesetzt, mal die eleganten schwarzen Gondeln mit ihren kunstvoll verzierten Bögen und einem Gondoliere, der wahlweise lässig am Ruder lehnte oder ins Handy diskutierte. Es war ruhig. Es war friedlich.
Und – große Überraschung, Stefan – es stank nicht. Kein Abwasser, keine Kanalgestank, keine unangenehmen Gerüche. Venedig roch nach Stadt, nach Wasser, nach Geschichte. Der Mann, der zwanzig Jahre lang schlechte Erinnerungen mit sich getragen hatte, wurde gerade still. Auf die richtige Art still.

Irgendwann, eher aus Versehen als nach Plan, öffneten sich die Gassen. Schmal, enger, noch enger – und dann plötzlich: weit. Weit und golden und belebt: Der Piazza San Marco.
Man kennt ihn. Man hat ihn hundertmal auf Fotos gesehen. Man glaubt zu wissen, was einen erwartet. Und dann steht man davor und merkt: Nein. Das wusste man nicht. Das kann man nicht wissen, bevor man es erlebt.
Der Campanile di San Marco, 99 Meter hoch, ragt in den blauen Septemberhimmel als hätte er das schon immer getan und hätte vor, es noch eine Weile so zu halten. Die Basilika San Marco dahinter: goldene Mosaiken, filigrane Verzierungen, eine Fassade, die so reich verziert ist, dass man sich irgendwo zwischen ehrfürchtig und überwältigt einpendelt. Das geschäftige Treiben auf dem Platz, Tauben, die über Touristen-Köpfe hinwegfliegen, Straßenmusiker, Kellner in weißen Schürzen, die mit professioneller Gleichgültigkeit an uns vorbeischlendern.
„Wusstest du, dass der Campanile mal eingestürzt ist?“ fragte ich Stefan, während wir direkt darunter standen.
„Nein. Danke, jetzt weiß ich es – und stehe direkt drunter.“
Venedig
Die schwimmende Legende auf Millionen von Holzpfählen
Venedig ist nicht einfach eine Stadt. Es ist ein Experiment, das eigentlich nicht funktionieren dürfte – und seit über tausend Jahren funktioniert.
Die Stadt steht auf Millionen von Holzpfählen, die tief in den Meeresschlamm der Lagune gerammt wurden. Holz, das normalerweise unter Wasser verfault. Hier nicht – weil es von Sauerstoff abgeschnitten ist und auf natürliche Weise steinhart wird. Venedig hätte es nie geben dürfen. Und doch steht es da.
118 kleine Inseln, verbunden durch über 400 Brücken, durchzogen von 177 Kanälen – und mittendrin der Canal Grande, der sich wie eine träge Schlange durch das Herz der Stadt windet, flankiert von Palazzi, die ihre besten Zeiten vielleicht hinter sich haben, aber gerade deshalb diesen unverwechselbaren morbiden Charme versprühen.
Die Gondeln – einst bunt und prunkvoll, seit 1562 per Gesetz schwarz – sind nicht nur romantisches Touristensymbol, sondern ein über 900 Jahre altes Handwerk. Jede Gondel wird von einem einzigen Handwerker gefertigt und ist leicht asymmetrisch gebaut, damit der einseitige Ruderschlag des Gondoliere sie geradeaus hält. Das steckt mehr Ingenieurskunst drin als in manchem modernen Fahrzeug.
Der Karneval von Venedig: Die Masken, die man überall in den Schaufenstern sieht – sie hatten einst eine handfeste gesellschaftliche Funktion. Hinter einer Maske konnte ein Bettler zum Adeligen werden. Soziale Unterschiede verschwanden. Anonymität war Macht. Und ein wenig davon spürt man noch heute, wenn man eine dieser kunstvollen Masken in den Händen hält.
Das älteste Casino der Welt: 1638 im Palazzo Dandolo eröffnet, war das Casino di Venezia der Ort, an dem Adel, Kaufleute und Abenteurer spielten, spekulierten und hinter Masken Geheimnisse tauschten. Venedig hat also schon immer gewusst, wie man ein gutes Angebot macht.
Und die Zukunft: Der Meeresspiegel steigt. Die Hochwasser – der berühmte „Acqua Alta“ – werden häufiger, höher, bedrohlicher. Die Stadt kämpft mit dem Projekt MOSE gegen die Fluten. Ob es reicht, weiß niemand sicher. Was sicher ist: Jeder Besuch in Venedig könnte irgendwann der letzte in dieser Form sein. Das macht ihn wertvoller.
Nach einer Weile verließen wir den Markusplatz – und steuerten direkt auf einen der wichtigsten Pflichttermine dieser Reise zu.
Das Hard Rock Café.
Nicht weil wir Hilfe gebraucht hätten. Nicht weil wir Hunger hatten. Sondern weil das so ist. Keine Stadt ohne Hard Rock Café. Das ist bei uns unverrückbares Gesetz, und Venedig machte keine Ausnahme. Ein paar verwinkelte Gassen später tauchte es auf – klein, aber fein, mit der gewohnten Mischung aus Musikmemorabilia und Souvenirstapeln. Die Souvenir-Gitarre: schnell gefunden, sofort mitgenommen.
Stefan beäugte sie mit sachkundigem Blick. „Okay, jetzt können wir Venedig wirklich abhaken.“
„Na, ganz so schnell nun auch nicht“, sagte ich. Schließlich gab es noch die Rialto-Brücke, das Teatro La Fenice, einen Palazzo mit Schneckentreppe und das beste Tiramisu der Welt. Aber zuerst: Gassen.

Auf dem Weg zur Ponte di Rialto verwandelte sich Venedig in einen einzigen großen Souvenirmarkt – und zwar in der besten Art. Venezianische Masken in allen erdenklichen Farben und Formen funkelten in den Schaufenstern. Hier möchte ich kurz bei den Masken verweilen, denn sie sind mehr als Souvenir – sie sind das Gesicht Venedigs, buchstäblich.
Wir standen vor einem Laden, in dem ein Handwerker geduldig mit feinstem Blattgold eine Maske vollendete – ruhig, konzentriert, als hätte er alle Zeit der Welt, und als würde er das schon sein ganzes Leben so machen. Was er vermutlich tat. Wir schauten zu. Kauften. Natürlich kauften wir. Zwei wunderschöne venezianische Masken – eine rot-weiß mit Schellen, eine schwarz-gold mit Löwendetail – die jetzt unser bestes Venedig-Souvenir sind.
Dann: die Ponte di Rialto.
Schon von Weitem sichtbar, ihre weißen Steinbögen über den Canal Grande gespannt, die Treppenstufen von Menschen bevölkert, die hinauf- und hinunterschlendern wie auf einem höfischen Basar. Und das ist sie eigentlich auch – links und rechts Läden in den Arkaden, eingebaut als hätten sie sich dort festgesetzt seit dem Mittelalter. Goldschmuck, Lederwaren, Miniatur-Gondeln aus Glas. Stefan zog eine Augenbraue hoch, als ich innehielt. „Du brauchst wirklich keine Mini-Gondel.“ Ich seufzte. „Aber sie ist so… venezianisch.“
Der Blick von der Brücke selbst: Der Canal Grande, ausgebreitet in beide Richtungen, Palazzi links und rechts, die sich im grünen Wasser spiegelten, Gondeln lautlos darunter hindurchgleitend, ein Vaporetto in der Ferne, irgendwo ein Gondoliere der etwas rief, das sich je nach Stimmung nach Romantik oder nach Preisliste anhörte.
Stefan schaute. Schwieg. Dann: „Gut, haben wir das auch gesehen. Weiter?“
Tja. So unterschiedlich kann man das größte Highlight Venedigs betrachten.

Und dann – weil Venedig offenbar der einzige Ort der Welt ist, der zwei Hard Rock Cafés rechtfertigt – direkt bei der Rialto-Brücke: Hard Rock Café Venedig, zweites Exemplar.
Stefan sah mich an. „Haben wir nicht schon ein Hard Rock Venedig T-Shirt?“
„Ja“, sagte ich. „Aber nicht dieses.“
Er nickte. Mit der milden Resignation eines Mannes, der weiß, dass dieser Satz alle Diskussionen beendet. Das T-Shirt wanderte in die Tasche.
Nach unserem Spaziergang über die Rialto-Brücke meldete sich ein anderes, sehr bestimmtes Bedürfnis: Hunger. All die Eindrücke hatten uns hungrig gemacht, und es war höchste Zeit, nach einem guten Restaurant Ausschau zu halten. Natürlich wollten wir nicht in eines dieser „perfekt auf Touristen zugeschnittenen“ Lokale, die direkt an den Hauptplätzen mit laminierten Speisekarten winkten. Also tauchten wir wieder tiefer in das Labyrinth von Venedig ein,auf der Suche nach einer kleinen, authentischen Trattoria.
Es dauerte eine Weile – und ein paar unfreiwillige Extra-Kilometer – doch dann fanden wir sie: eine kleine Trattoria, versteckt in einer Seitengasse, abseits des großen Trubels. Keine aufdringlichen Kellner, die einen in drei Sprachen hineinwinken wollten, keine endlosen Touristentische – einfach nur ein paar urige Holztische, ein paar Venezianer, die ihr Mittagessen genossen, und eine Speisekarte, die nicht übersetzt werden musste, um authentisch zu wirken.
Und das Essen? Gut! Einfach gut. Die ersten Teller landeten vor uns: knusprige Bruschetta, belegt mit saftigen, sonnengeküssten Tomaten und aromatischem Basilikum. Gefolgt von einer Pizza, so dünn und knusprig, dass man sie fast mit den Fingern hätte essen können. Doch dann – der Höhepunkt: Spaghetti alla Carbonara. Perfekt al dente, keine Sahne (natürlich nicht!), sondern genau so, wie sie sein müssen – cremig, herzhaft, mit einer wunderbaren Pecorino-Note. Während wir das Essen genossen, beobachteten wir das ruhige Treiben der Einheimischen, die in aller Seelenruhe ihren Kaffee schlürften oder über ihre Zeitungen hinweg plauderten. Ein echter Glücksgriff.
Nächstes Ziel: der Palazzo Contarini del Bovolo. Der berühmte Palazzo mit der Schneckentreppe – einem der verstecktesten Juwelen Venedigs, das sich hartnäckig weigert, leicht zu finden zu sein.
Das ist natürlich kein Zufall. Venedig hat einen sehr eigenen Humor, was das Verstecken von Sehenswürdigkeiten betrifft. Man tippt die Adresse ins Navi, das Navi denkt kurz nach, schlägt dann eine Route vor – und man landet trotzdem irgendwo anders. Nicht weil das Navi falsch liegt. Sondern weil Venedig aus Gassen besteht, die auf keiner digitalen Karte der Welt vollständig erfasst sind. Es gibt Wege, die auf dem Handy als Straße erscheinen und in Wirklichkeit Haustüren sind. Es gibt Brücken, die laut Navi existieren und in Wirklichkeit nur im 18. Jahrhundert existiert haben.
Wir liefen im Kreis. Bog zweimal falsch ab. Landete in einer Sackgasse, aus der man fast nur rückwärts wieder rauskommt. Stefan murmelte irgendwann: „Gibt es hier irgendwo ein Navi speziell für venezianische Abenteurer?“ – „Ja“, sagte ich. „Es heißt Instinkt. Und meiner sagt: links.“ Stefan zweifelte. Zu Recht, wie sich herausstellte, denn links war eine Wand.
Aber dann – als wir den Palazzo eigentlich schon halb aufgegeben hatten und überlegten, ob man ihn vielleicht einfach aus dem Internet kannte und es dabei beließ – da war er. Versteckt hinter hohen Mauern. Durch einen unscheinbaren Torbogen zu erreichen, der einem beim Hineinblicken das Gefühl gab, in einen anderen Jahrhundert-zu treten.
Und dann: die Wendeltreppe. Elegante Bögen, die sich spiralförmig nach oben schrauben, Etage für Etage, Bogen für Bogen – als hätte sich ein Architekt des 15. Jahrhunderts dazu entschlossen, eine Antwort auf die Frage zu bauen: Wie macht man eine Treppe zum Kunstwerk? Die Antwort: So. Genau so.
8 Euro Eintritt. Vollkommen gerechtfertigt. Kein Diskussionsbedarf.
Der Aufstieg war steil. Eng. Jede Windung der Treppe öffnete eine neue Perspektive durch die kleinen Bogenfenster – mal ein Kanal, mal ein Innenhof, mal ein Dach mit einem einzelnen Blumentopf auf der Brüstung. Mit jeder Etage wurde der Blick weiter und der Atem ein bisschen kürzer – was sowohl an der Steigung als auch an der Schönheit lag.
Oben angekommen: Wow.
Ein rotes Ziegeldachmeer, das sich in alle Richtungen erstreckte. Kirchtürme, die aus dem Häusermeer ragten wie Ausrufezeichen. Versteckte Innenhöfe, von denen man vom Boden aus nie ahnt, dass sie existieren. Die schmalen Gassen, durch die wir uns vorhin verirrt hatten – von hier oben eine logische Struktur, die unten vollkommen fehlt. Und in der Ferne, unübersehbar, selbstbewusst, groß: der Campanile di San Marco, der uns daran erinnerte, wie vollständig diese Stadt ist und wie klein man sich in ihr fühlt.
Wir lehnten uns über die Brüstung und schwiegen. Manchmal reicht das einfach.

Dann: der Weg zum Teatro La Fenice.
Natürlich wieder ein Abenteuer. Weil es in Venedig kein anderes gibt. Schmale Gassen, kleine Brücken, die übliche Frage: „Sind wir hier eigentlich richtig?“ – und die übliche Antwort: vielleicht, schauen wir mal. Doch diesmal hatten die Irrwege eine besondere Qualität. Denn jedes Mal, wenn wir falsch abbogen, entdeckten wir etwas Neues.
Eine versteckte Piazza, auf der ein älterer Herr mit Baskenmütze Tauben fütterte – mit der Gelassenheit von jemandem, der das schon sein ganzes Leben tut und vorhat, es noch viele Jahre weiterzutun. Eine winzige Kirche mit offener Tür, durch die wir einen kurzen Blick auf kunstvolle Fresken erhaschen konnten. Einen besonders schönen Balkon, bewachsen mit wilden Blumen, die in der Nachmittagssonne leuchteten. Venedig spielte mit uns – und wir ließen es geschehen, weil jede Ablenkung ihren eigenen kleinen Wert hatte.
Dann standen wir davor: La Fenice.
Von außen: überraschend unscheinbar. Keine goldverzierten Fassaden, keine pompöse Eingangsfront – als würde sich das Opernhaus bescheiden in die Stadt einfügen, ohne mit seinem Ruhm zu prahlen. Eine falsche Fährte. Ein Meisterstück der Zurückhaltung, das genau weiß, was drinnen auf einen wartet.

Wir betraten den Innenraum. Und dann – da war es wieder, dieser Moment, in dem einem die Sprache wegbleibt.
Reinste Opulenz. Goldverzierte Balkone, kunstvolle Deckenbemalungen in Tiefrot und Gold, schwere Samtvorhänge, die dem Raum eine königliche Schwere verliehen. Der Kronleuchter thronte wie eine strahlende Sonne über den Rängen. Und dann die Spiegel – diese prunkvollen, goldgerahmten Spiegel mit Ranken, Löwen, Muscheln und allem, was das venezianische Dekorationshandwerk des 18. Jahrhunderts aufzubieten hatte. In einem davon: unsere Spiegelung. Gabi und Stefan, mitten in diesem Zeugnis europäischer Opernkultur. Das Selfie war keine Frage des Ob. Es war eine Frage des richtigen Winkels.
Die Self-Guided Tour führte uns durch Foyers, Kulissengänge, Proberäume, Garderoben. Überall die Geschichte dieses Hauses: Verdi, Rossini, Bellini – sie alle hatten hier ihre Werke uraufgeführt. Und dann die zwei verheerenden Brände. Und der Wiederaufbau – dieser hartnäckig venezianische Wille, sich nicht zu ergeben, sondern schöner zurückzukommen als vorher.
Die Bühne: gigantisch. Ich konnte förmlich sehen, wie sich hier Sopranistinnen mit dramatischem Ausdruck auf die Brust schlugen, während Tenöre ihre letzten Töne mit schmerzverzerrtem Gesicht in den Saal schleuderten. Der Kronleuchter als Zeuge. Die Samtvorhänge als Kulisse.
Stefan ließ den Blick durch den Saal schweifen. „Nicht schlecht.“
„NICHT SCHLECHT?!“ Ich sah ihn entsetzt an.
Er nickte anerkennend. „Gut, dann eben: ziemlich beeindruckend.“
Das akzeptiere ich. Von Stefan ist das ein Triumphzug.

Der Nachmittag neigte sich. Es war Zeit, Abschied zu nehmen – aber Venedig ließ einen nicht einfach gehen. Es hielt einen fest mit seinen Gassen, lockte mit jeder neuen Biegung, bot um jede Ecke herum noch einen Grund zu bleiben. Wir navigierten – oder versuchten es – zurück zum Bootsanleger, was natürlich bedeutete: noch ein paar Ehrenrunden mehr, noch ein paar falsche Abbiegungen, noch einmal der kurze Gedanke „Waren wir hier nicht schon?“
Und dann die Rettung: eine Gelateria, halb versteckt in einer der schmalsten Gassen, mit einer Theke, die keinen Zweifel ließ, dass hier hausgemachtes Gelato verkauft wurde. Stefan: Zitrone und Himbeere. Ich: Stracciatella. Kühl, schokoladig, mit den kleinen knackigen Schokosplittern, die das Leben einfach besser machen.
Mit Eisbechern in der Hand setzten wir unseren Weg fort. Venedig verabschiedete sich mit dem besten letzten Eindruck, den eine Stadt einem mitgeben kann.
Dann: der Anleger. Das Boot. Und eine Rückfahrt, die fast zu schön war. Das Wasser glitzerte im warmen Abendlicht. Venedig leuchtete hinter uns in Gold. Die Stadt, die Stefan mit schlechten Erinnerungen betreten hatte, verschwand langsam in der Ferne – und er schaute ihr nach. Schweigend. Auf die richtige Art.
Das Navigieren durch die engen Gassen wurde mit jedem Schritt kniffliger. Links, rechts, wieder links – oder doch geradeaus? Venedig hatte uns bis zum Schluss fest im Griff und machte den Abschied nicht gerade leicht. Doch irgendwann, nach ein paar zusätzlichen Ehrenrunden und einer kurzen Diskussion darüber, ob wir uns jetzt wirklich noch einmal verlaufen hatten oder das einfach „die romantische Art des Abschieds“ war, erreichten wir den vertrauten Bootsanleger.
Ein wenig verschwitzt, aber zufrieden, ließen wir uns auf eine Bank plumpsen, holten noch einmal tief Luft und genossen den letzten Blick auf Venedig, bevor unser Boot uns wieder hinaus aufs Wasser brachte. Die Rückfahrt? Ein Traum. Das Wasser glitzerte im warmen Abendlicht, die Stadt leuchtete hinter uns in weichem Gold, und der Wind wehte uns sanft ins Gesicht. Vorbei an kleinen Inseln und Fischerbooten, die ruhig auf den sanften Wellen schaukelten, zog Venedig langsam in der Ferne vorbei – fast wie eine Filmszene, die sich in Zeitlupe abspielte. Und wir mittendrin, ein bisschen müde, aber vor allem völlig verzaubert.

Die anschließende Autofahrt zum Campingplatz? Unaufgeregt und entspannt. Kein Stau, kein Stress, einfach nur eine ruhige Fahrt durch die langsam dämmernde Landschaft. Um Punkt 19 Uhr rollten wir auf den Platz, müde, aber glücklich – und mit einem Kopf voller Eindrücke, die noch lange nachklingen würden.
Venedig hatte uns in seinen Bann gezogen. Mehr als erwartet. Dieses Labyrinth aus Gassen, verwinkelten Brücken und versteckten Ecken – jede davon ein kleines Abenteuer. Selbst das ständige Verlaufen gehörte dazu, denn genau das machte den Reiz dieser Stadt aus. Und als wir schließlich vor unserem Camper standen, war uns beiden klar: Das war nicht unser letzter Besuch. Wir werden wiederkommen. Vielleicht schon bald. Vielleicht mit einer ganz neuen Route. Und wer weiß – vielleicht wird es dann sogar eine Gondelfahrt. Ich bin jedenfalls dafür. Und mit Stefans bewährtem Lebensmotto „Happy wife – happy life“ dürfte das wohl keine große Diskussion geben.
Am Campingplatz: direkt weiter zur Pirata Stube Pacengo, die wir am Vortag bei unserer Fahrradtour entdeckt und sofort auf die „dort essen wir“-Liste gesetzt hatten. Nur ein paar Meter vom Campground entfernt, Terrasse mit Seeblick, der Himmel über dem Gardasee in Flammen. Der letzte Sonnenstrahl, bevor die Berge ihn schluckten, malte das Wasser in Kupfer und Orange.
Die Spaghetti: perfekt al dente. Das Steak: saftig, auf den Punkt, eine echte Überraschung für ein Restaurant so nah am See. Und dann – der krönende Abschluss: Tiramisu. Nicht irgendein Tiramisu. Das Tiramisu. Jede Schicht ein Gedicht, luftig, cremig, mit genau der richtigen Menge Kaffee und Kakao, mit einem Geschmack, der einen kurz innehalten lässt, weil man sichergehen möchte, dass das wirklich so gut ist, wie es schmeckt. War es.
Stefan prostete mir zu. Bella vita. Wirklich.






























































