463 Stufen, Vasaris Hölle und ein Ausblick der alles vergessen lässt
Nach einem ausgiebigen Frühstück im Restaurant des Campingplatzes starteten wir entspannt in den Tag – zumindest bis zur ersten kleinen Schrecksekunde. Der Preis für das Buffet war seit unserem letzten Besuch im März von 8 auf 12 Euro geklettert, was uns zu einem kurzen, ungläubigen Blickwechsel veranlasste – dem, den man sich zuwirft, wenn man innerlich den Aufpreis einordnet und gleichzeitig zur Entscheidung kommt, ob man trotzdem bleibt. Wir blieben, und die Entscheidung erwies sich als absolut richtig. Das Angebot war schlicht zu verlockend: frisches Obst, eine Auswahl an knusprigen Brotsorten, Aufschnitt, Käse, warme Speisen wie Rührei und Würstchen – und dann erst das Gebäck. Der Duft von frisch gebackenen Croissants und Marmorkuchen war eine Einladung zum kulinarischen Kontrollverlust, der wir freudig folgten. Wir verließen den Frühstückssaal mehr als satt, bestens gelaunt und mit der stillen Gewissheit, dass die 12 Euro absolut vertretbar waren.

Mit dieser hervorragenden Grundlage machten wir uns voller Vorfreude auf den Weg in die Innenstadt. Der Shuttlebus des Campingplatzes brachte uns bequem ins Zentrum, und eigentlich hatten wir einen simplen Plan: ein kurzer Spaziergang direkt zum Dom. In der Realität wurde daraus eine fast 40-minütige Sightseeing-Odyssee, und die Schuldige ist schnell benannt: ich. Und die Morgensonne. Die tauchte die Altstadt nämlich in ein magisches Licht, das jede Gasse wie eine lebendig gewordene Renaissance-Postkarte wirken ließ, und ich konnte schlicht nicht anders. Kaum um eine Ecke gebogen, entdeckte ich das nächste Fotomotiv – die imposante Fassade der Santa Croce, die strahlend weiße Marmorfront des Palazzo Vecchio, die Fontana di Nettuno mit ihrer trotzigen Neptunpose. Mein Finger am Auslöser war mindestens so beschäftigt wie unsere Füße, und der „kurze“ Weg zum Dom verwandelte sich in eine ungeplante, aber absolut perfekte Erkundungstour durch das Herz von Florenz.
Gerade noch rechtzeitig standen wir um 9:45 Uhr vor dem Dom, bereit für unseren epischen Aufstieg. Bevor es losging, mussten wir noch schnell den Rucksack abgeben – und hier wartete eine erfreuliche Entdeckung: die Gepäckaufbewahrung befand sich direkt hinter dem Dom und war tatsächlich kostenlos. Ein kleines Wunder in einer Touristenhochburg, das man würdigen muss. Dann ein kurzer Kontrollblick auf die Tickets – diesmal direkt über die offizielle Website gebucht, kein überteuerter GetYourGuide-Umweg wie beim letzten Mal – und schon reihten wir uns entspannt in die Warteschlange ein.

Dann schlug die Stunde der Wahrheit: 463 Stufen, verteilt auf ein labyrinthartiges Treppensystem, das sich von anfangs durchaus gemütlich bis zu „welche antike Folterkammer hat das entworfen?“ entwickelte. Anfangs ging es noch entspannt los – breite Stufen, genug Platz, fast ein angenehmer Morgenspaziergang mit Kunstgeschichte an den Wänden. Doch dann wurden die Gänge enger, die Stufen steiler, die Luft stickiger, und das Treppensystem verwandelte sich in einen mittelalterlichen Fitness-Irrgarten, bei dem man nie ganz sicher war, wie weit der nächste Abschnitt noch vor einem lag. Wer mit Höhenangst, Platzangst oder einem Hang zu spontanen Panikattacken unterwegs war, hatte an diesem Ort den falschen Sightseeing-Ausflug gebucht.
Stefan stapfte voran, entschlossen diesen Aufstieg nicht zu kommentieren – und dabei trotzdem strahlend grinste, wie man auf den Fotos sieht, die zeigen, wie er durch die engen Durchgänge zwischen den beiden Kuppelschalen klettert. Die Gänge dort sind ein Erlebnis für sich: uralt, schmal, mit dem jahrhundertealten Steingeruch von Mörtel und Geschichte, und schief genug, dass man sich fragt, wie Brunelleschi das alles im Kopf hatte, während er seine Doppelschalenkuppel entwarf. Man läuft buchstäblich zwischen den Schalen der Kuppel hindurch – innen und außen zugleich, was sich anfühlt wie ein architektonisches Rätsel, das man mit den eigenen Beinen durchläuft.
Auf halber Höhe dann: Vasaris „Jüngstes Gericht“ in XXL, direkt über unseren Köpfen. Der absolute Albtraum in Deckenfreskoform. Man muss sagen, dass Vasari und seine Kollegen eine sehr lebhafte und detailreiche Vorstellung der Hölle hatten – brennende Seelen, garstigen Dämonen in die Arme gezwungen, besonders beliebte Methoden der höllischen Qual kunstvoll in die Kuppelwölbung gemalt. Die Kreaturen hatten krallenartige Finger, verzerrte Fratzen und den Blick von jemandem, der seit dem 16. Jahrhundert darauf wartet, dass man genau diesen Moment durch seine Mitte läuft. Wir betrachteten das Fresko mit wachsendem Staunen und der stillen Frage, was genau Vasari für Albträume hatte – und warum er sie so detailgetreu an die Decke gepinselt hat.

Doch genug Höllenvisionen – wir wollten jetzt endgültig Richtung Himmel. Ein paar letzte enge Stufen, noch einmal leicht gebückt durch die schmalen Gänge, vorbei an verschwitzten Gesichtern und diesem typischen Gemisch aus Ehrgeiz, Höhenangst und italienischer Sommerluft. Dann kam der letzte kleine Kraftakt. Die Beine meldeten inzwischen deutlichen Protest an, aber Aufgeben kurz vor dem Ziel wäre ungefähr so sinnvoll gewesen wie ein Italienurlaub ohne Gelato.
Und plötzlich öffnete sich die Tür. Frische Luft schlug uns entgegen. Sonnenlicht. Weite. Und dann standen wir oben auf der Kuppel des Doms.
Schon im Frühjahr waren wir hier oben. Damals hing Florenz allerdings unter einer dicken grauen Wolkendecke, die Stadt wirkte fast ein wenig melancholisch, und der Wind pfiff uns ordentlich um die Ohren. Schön war es trotzdem gewesen – aber eher Kategorie „dramatischer Historienfilm kurz vor der Schlacht“.
Heute dagegen: strahlend blauer Himmel über der gesamten Stadt. Die Sonne lag warm auf den roten Dächern, der Himmel wirkte fast unwirklich klar, und plötzlich sah alles genauso aus, wie man sich Florenz in seinen schönsten Tagträumen vorstellt.
Und da war dieses Foto: Ich von hinten. Die Hände locker am Geländer. Der Blick über Florenz gerichtet. Eigentlich braucht dieses Bild keinen Kommentar, weil es genau diesen Moment perfekt einfängt. Dieses kurze völlige Abschalten, wenn man einfach nur schaut und versucht zu begreifen, wie absurd schön diese Stadt eigentlich ist.

Unter uns lag Florenz wie ein lebendig gewordenes Renaissance-Gemälde. Die Terrakotta-Dächer der Altstadt zogen sich wie ein rotes Meer durch die Stadt, dazwischen enge Gassen, kleine Plätze und die Fassaden jahrhundertealter Palazzi. Der Arno schlängelte sich wie ein silbernes Band durch Florenz, und mitten darüber spannte sich die Ponte Vecchio mit ihren winzigen Geschäften, die von hier oben fast aussahen wie kleine Spielzeughäuschen. Direkt daneben ragte der Campanile di Giotto schlank und elegant in den Himmel, als wollte er dem Dom wenigstens ein kleines bisschen Konkurrenz machen.
Und hinter all dem lagen die sanften Hügel der Toskana in der Nachmittagssonne. Dieses typische Landschaftsbild, das aussieht, als hätte jemand bei der Gestaltung Italiens beschlossen, einfach überall noch ein bisschen mehr Schönheit draufzulegen.
Oben auf der Plattform herrschte dieses angenehme internationale Chaos aus Staunen, Fotografieren und leicht nervösem Festhalten am Geländer. Manche machten Selfies, andere standen einfach still da. Selbst die sonst so hektischen Menschen wurden hier oben plötzlich etwas ruhiger.
Wir hatten ungefähr zwanzig Minuten Zeit, die komplette Plattform zu umrunden und diesen 360-Grad-Blick in uns aufzusaugen. Natürlich vergeht genau so etwas immer viel zu schnell. Kaum hatte man sich halbwegs sattgesehen, kam schon der Moment, an dem die Aufsicht langsam Richtung Ausgang deutete.
Und trotzdem blieb dieses Gefühl hängen, noch lange nachdem wir die ersten Stufen wieder nach unten gingen: Genau für solche Momente nimmt man all die engen Treppen, das Schwitzen und die müden Beine völlig freiwillig in Kauf.
Tipps zum Aufstieg in der Dom Kuppel
Brunelleschis Kuppel – ein Muss in Florenz. Doch bevor ihr voller Tatendrang die 463 Stufen hinaufstürmt, lasst mich euch ein paar Dinge verraten, die ich auf die harte Tour gelernt habe.
1. Das ist kein Spaziergang – also zieht euch passend an
Egal, ob Sommer oder Winter – ihr werdet schwitzen. Ab Stufe 200 ist es vorbei mit der kühlen Brise. Die Treppen sind eng, die Luft steht, und wer in Jeans und Wintermantel kommt, wird jede Entscheidung seines Lebens hinterfragen. Leichte, bequeme Kleidung ist euer Freund.
2. Bleibt nicht mitten im Treppenhaus stehen
Der Aufstieg ist eng. Einmal drin, gibt es kein Zurück. Wenn ihr plötzlich merkt, dass ihr eine Pause braucht, drückt euch an die Wand – mitten auf der Treppe stehen zu bleiben, sorgt nur für unfreiwillige Bekanntschaften mit anderen Kletterern. Und falls ihr auch nur ansatzweise klaustrophobisch seid – bereitet euch vor. Manche Abschnitte fühlen sich an wie mittelalterliche Lüftungsschächte.
3. Vasaris Fresken – atemberaubend und verstörend
Auf halber Höhe erwartet euch eine Nahaufnahme von Giorgio Vasaris „Jüngstem Gericht“. Beeindruckend? Absolut. Beängstigend? Oh ja – einige dieser Dämonen könnten direkt aus einem Albtraum stammen. Doch bitte nicht stehen bleiben – ihr habt auf dem Rückweg noch einmal Zeit, um euch die Details genauer anzusehen.
4. Die Aussicht? Ein Renaissance-Meisterwerk
Sobald ihr auf die Terrasse der Kuppel tretet, breitet sich Florenz unter euch aus – wie eine Postkarte aus der Renaissance. Der Arno, der Palazzo Vecchio, sogar die toskanischen Hügel am Horizont. Und wenn ihr es zum Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang schafft? Noch besser.
5. Ohne Ticket? Keine Chance
Der Aufstieg ist im Brunelleschi Pass enthalten, der auch das Baptisterium und das Opera del Duomo Museum (völlig unterschätzt!) abdeckt. Bucht euer Ticket im Voraus, denn spontane Besuche sind nicht möglich. Früh morgens oder spät nachmittags sind die besten Zeiten, um den schlimmsten Andrang zu vermeiden. Und das Besten nur auf der offiziellen Webseite – da ist es am günstigsten!
6. Bonus-Tipp: Belohnt euch danach
Ihr habt eine architektonische Meisterleistung des 15. Jahrhunderts erklommen – das verdient eine Belohnung. Mein Favorit? Ein Cappuccino im Caffè Scudieri oder ein gigantisches Gelato bei La Carraia. Weil Balance so wichtig ist.
Fazit? Absolut lohnenswert. Solange ihr die richtigen Schuhe tragt, euer Tempo haltet und vor allem eure Kamera nicht vergesst.

Nach dem Abstieg – der, wie immer, deutlich schneller geht als der Aufstieg, weil die Schwerkraft das Meiste erledigt und die Beine plötzlich wieder wissen, was sie tun – führte uns der Weg direkt zur Ponte Vecchio. Wer hier eine gewöhnliche Flussüberquerung erwartet, hat weit gefehlt, denn diese Brücke ist eine eigene kleine Welt.
Schon beim ersten Schritt auf das historische Bauwerk wurden wir von einem quirligen Strom aus Menschen, Farben und Klängen mitgerissen. Touristen mit Kameras und staunenden Blicken schoben sich durch die Gasse, Einheimische navigierten mit beneidenswerter Nonchalance dazwischen, und dann die Geschäfte – winzige, urige Läden, die sich wie kleine Schatztruhen an die Brücke schmiegen, voller Gold- und Juwelierläden, die in der Sonne strahlten, als würden sie um die Wette glitzern. Ein Blick in die Auslagen genügte, um zu verstehen, warum die Ponte Vecchio seit Jahrhunderten das Zentrum des florentinischen Goldhandels ist. Wer hier einkauft, hat entweder einen besonders exklusiven Geschmack – oder ein besonders schmerzfreies Konto.
Stefan saß auf dem Mauervorsprung mit der Ponte Vecchio im Rücken, Harley-Davidson-Shirt, Sonnenbrille, Jeans – und dem Gesichtsausdruck von jemandem, der gerade nichts beweisen muss. Das Foto, das dabei entstand, war das ungeplanteste und gleichzeitig das charakteristischste des ganzen Tages: der Arno darunter, die Brücke dahinter, und Stefan mittendrin so entspannt, als würde er seit Jahren hier sitzen. Manchmal fotografiert man das Beste, wenn man es nicht inszeniert.

Doch die wahre Magie der Brücke lag nicht nur in ihren glänzenden Schaufenstern, sondern in ihrer einzigartigen Atmosphäre. Straßenkünstler präsentierten ihre Werke, Musiker ließen zarte Gitarrenklänge durch die Gassen schweben, und irgendwo in der Ferne spielte jemand auf einer Violine – ein Soundtrack, wie er für Florenz nicht passender hätte sein können.
Ja, manchmal wurde es eng, laut und wuselig, aber genau das machte den Charme der Ponte Vecchio aus. Hier verschmolzen Geschichte, Alltag und Kunst zu einem lebendigen Spektakel, das man nicht einfach nur überquert, sondern erlebt.
Ponte Vecchio – Die Brücke, die Geschichte und Gold verbindet
Die Ponte Vecchio, erbaut 1345, ist nicht einfach eine Flussüberquerung – sie ist eine schwebende Einkaufsstraße mit einer Geschichte, die geschwungen genug ist, um mehrere Bücher zu füllen. Ursprünglich waren hier Metzger und Gerber ansässig, doch die hatten einen entscheidenden Nachteil: Den Gestank. 1593 hatte Großherzog Ferdinando I. de‘ Medici genug vom Schlachtabfall, der in den Arno geworfen wurde, und verbannte die Metzger kurzerhand. Ihre Plätze übernahmen Goldschmiede und Juweliere, die bis heute das Bild der Brücke prägen.
Der Vasari-Korridor, 1565 erbaut, verbindet den Palazzo Vecchio mit dem Palazzo Pitti über die Brücke hinweg – ein privater, überdachter Gang, über den die Medici unerkannt durch die Stadt gelangen konnten, ohne sich unter das Volk mischen zu müssen. Macht hat immer ihre eigene Infrastruktur gehabt.
Während des Zweiten Weltkriegs zerstörten die deutschen Truppen beim Rückzug fast jede Brücke in Florenz – außer der Ponte Vecchio. Warum, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Respekt vor der historischen Bedeutung? Strategische Überlegung? Wie auch immer: Sie blieb erhalten, und dafür ist man bis heute dankbar.
Nachdem wir die Ponte Vecchio hinter uns gelassen hatten, folgte die unvermeidliche und absolut willkommene Eispause: La Carraia, eine der besten Eisdielen in Florenz, bewusst etwas abseits des Duomo-Trubels gelegen und genau deshalb ein Geheimtipp. Stefan entschied sich für Zitrone und Himbeere – frisch, fruchtig, ideal für den milden Oktobertag. Ich verfiel meinem üblichen Muster und landete bei Caffè, Stracciatella und Haselnuss in einem Becher, der eine cremige Offenbarung war. Wir setzten uns auf eine Bank, ließen die Sonne auf unsere Gesichter scheinen und genossen die ruhige Atmosphäre dieses weniger touristischen Viertels, bevor die nächste sportliche Unternehmung rief.

Nächster Stopp: Piazzale Michelangelo. Der Weg dorthin führte durch enge Gassen, die sich unaufhaltsam den Hügel hinaufwanden, und es wurde sehr bald klar, dass das hier kein Spaziergang war. Schon nach wenigen Minuten türmten sich Treppenstufen vor uns auf, als hätte die Stadt beschlossen, dass wir den Dom-Aufstieg noch nicht genug gespürt hatten. Der Dom-Aufstieg steckte uns noch in den Beinen, die Sonne schien uns ins Gesicht, und irgendwo im Hinterkopf formte sich die berechtigte Frage, warum wir uns das freiwillig antaten. Wir kannten die Antwort natürlich – aber die Beine stellten die Frage trotzdem. Schritt für Schritt kämpften wir uns nach oben, atmeten durch, motivierten uns gegenseitig mit dem Argument, das immer funktioniert: Die Aussicht rechtfertigt alles.

Je höher wir kommen, desto öfter bleiben wir automatisch stehen. Nicht offiziell wegen der Aussicht natürlich. Eher „ganz kurz zum Durchschnaufen“. Florenz hat nämlich offenbar beschlossen, dass man sich den berühmten Blick erst einmal ehrlich verdienen muss. Die letzten Treppen ziehen sich wie das Finale eines alten Rocky-Films – nur ohne Trainingsmusik und mit deutlich mehr Touristen in weißen Sneakern.
Dann stehen wir plötzlich oben auf der Piazzale Michelangelo.
Und da ist er. Dieser Blick, den man aus tausend Fotos kennt und der trotzdem komplett anders wirkt, wenn man wirklich dort steht. Der Arno zieht sich durch die Stadt, die Ponte Vecchio spannt sich wie aus einem Filmset über den Fluss, und mitten zwischen all den Terrakotta-Dächern ragt die gewaltige Kuppel des Doms empor, als hätte jemand beschlossen, mitten in Florenz einfach ein architektonisches Ausrufezeichen hinzustellen.

Auf dem Platz herrscht das übliche internationale Chaos. Menschen fotografieren sich gegenseitig in allen denkbaren Posen, Straßenmusiker liefern den Soundtrack dazu, irgendwo knallt eine Cola-Dose auf, und ein Verkäufer versucht mit stoischer Ruhe Selfie-Sticks unters Volk zu bringen. Trotzdem funktioniert dieser Ort. Vielleicht gerade deshalb. Weil alle für einen Moment einfach nur dastehen und auf diese Stadt schauen.
Selbst Stefan, der normalerweise eher Kategorie „ja schön, weiter?“ ist, bleibt erstaunlich lange am Geländer stehen. Direkt neben uns diskutiert eine amerikanische Familie lautstark darüber, welches Gebäude jetzt eigentlich der Vatikan sei. Florenz verzeiht offenbar vieles.
Wir laufen noch ein Stück weiter Richtung San Miniato al Monte. Dort oben wird es plötzlich ruhiger. Nur wenige Minuten entfernt verschwindet der Trubel der Piazzale fast komplett. Die alte Kirche liegt über der Stadt wie ein stiller Beobachter, und von hier wirkt Florenz noch einmal größer, weiter und irgendwie unwirklich schön.
Der Wind zieht angenehm über den Hügel, unten glitzert der Arno im Abendlicht, und irgendwo läuten Kirchenglocken. Einer dieser Momente, bei denen man automatisch denkt: Genau deshalb fährt man los. Nicht wegen irgendeiner Checkliste von Sehenswürdigkeiten, sondern wegen dieser Augenblicke zwischendrin.
Irgendwann machen wir uns wieder an den Abstieg. Was bergauf noch romantischer Florenz-Zauber war, entwickelt sich bergab leicht zur Belastungsprobe für Knie und Oberschenkel. Spätestens jetzt merken wir, dass „mal kurz hochlaufen“ in Italien offenbar eine andere Definition hat als bei uns zuhause.
Unten angekommen gönnen wir uns erst einmal etwas zu trinken und beobachten das Abendleben am Arno. Florenz wirkt jetzt noch lebendiger als tagsüber. Die Gassen füllen sich, überall sitzen Menschen mit Aperol oder Wein draußen, irgendwo klappert Geschirr, und aus kleinen Restaurants zieht dieser Duft nach Pizza, Pasta und Knoblauch durch die Straßen, gegen den man praktisch chancenlos ist.
Da wir unsere Beine für den restlichen Tag nicht noch weiter in den Streik treiben wollten, aber gleichzeitig auch noch viel zu aufgedreht waren, um einfach nur irgendwo herumzusitzen, fiel die Entscheidung auf einen Abstecher ins Barberino Designer Outlet. Eine hervorragende Mischung aus „wir machen noch was“ und „bitte keine weiteren Renaissance-Treppen mehr“.
Also erstmal mit dem Bus zurück Richtung Campingplatz. Schon die Rückfahrt hatte dieses angenehme Gefühl von „wir haben heute schon ordentlich was erlebt“. Die Füße müde, die Speicherkarte voll, der Kopf irgendwo zwischen Domkuppel, Ponte Vecchio und Gelato. Am Camper angekommen wurden kurz die Rucksäcke umsortiert, Wasser nachgeladen und dann ging’s wieder los. Florenz verabschiedete sich langsam im warmen Nachmittagslicht, während wir Richtung Barberino fuhren.

Das Outlet selbst wirkte wie eine kleine italienische Einkaufsstadt aus dem Bilderbuch. Keine sterile Betonwüste wie manche Shoppingcenter zuhause, sondern kleine Gassen, hübsche Fassaden, bepflanzte Wege, Arkaden und Plätze, auf denen Menschen mit Einkaufstüten und Espressobechern herumflanierten, als wäre Shopping hier ein offizieller Nationalsport. Wahrscheinlich ist es das auch.
Wir schlenderten gemütlich durch die Straßen zwischen den Geschäften, völlig ohne Zeitdruck. Genau das war nach diesem intensiven Florenz-Tag perfekt. Keine Tickets, keine Warteschlangen, keine Menschenmassen, die gleichzeitig ein Foto vom selben Fresko machen wollten. Stattdessen Schaufenster, Klimaanlagen und die leise Hoffnung, irgendwo vielleicht doch noch das ultimative Schnäppchen zu entdecken.
Natürlich blieb es nicht beim „nur mal schauen“. Das funktioniert in einem Outlet ungefähr so zuverlässig wie ein Vorsatz, in Italien „heute mal nichts Süßes“ zu essen. Hier ein kurzer Stopp bei den Schuhen, dort ein Blick auf Jacken, drüben noch schnell zu den Taschen. Stefan entwickelte plötzlich erstaunlich viel Geduld vor irgendwelchen Geschäften, solange irgendwo in Sichtweite eine Sitzbank stand. Männer können in Outlets innerhalb von Sekunden in eine Art Energiesparmodus wechseln. Fast beeindruckend.
Zwischendurch einfach dieses entspannte Bummeln. Menschen beobachten. Italienische Familien mit riesigen Einkaufstüten. Teenager auf Jagd nach Markenklamotten. Väter mit leerem Blick vor Umkleidekabinen. Und wir mittendrin, irgendwo zwischen Shoppingtour und langsam einsetzender Erschöpfung.
Um 17 Uhr meldete sich dann allerdings die wichtigste aller Prioritäten mit absoluter Konsequenz zurück: Hunger.
Das Il Torracchiore, ein gemütliches Restaurant direkt im Outlet, sah genau nach dem aus, was wir jetzt brauchten. Und es war genau das. Kein hektisches Fast Food zwischen Einkaufstüten, sondern richtig entspanntes italienisches Essen. Frisch zubereitet, angenehme Atmosphäre, endlich sitzen ohne direkt wieder irgendwo hinaufsteigen zu müssen – ein Konzept, das nach dem Piazzale Michelangelo plötzlich extrem attraktiv wirkte.
Während wir dort saßen, ließen wir den Tag noch einmal Revue passieren. Die kleine Foto-Odyssee am Morgen. Die engen Treppen hoch durch den Dom. Vasaris ziemlich drastische Vorstellungen der Hölle direkt unter der Kuppel. Der Blick über Florenz vom Piazzale Michelangelo. Stefan an der Ponte Vecchio, als würde er dort seit Jahren jeden Nachmittag herumstehen. Das Gelato. Die vielen Stufen. Die Hitze. Dieses ständige Staunen, das Florenz irgendwie an jeder Ecke auslöst.
Draußen wurde das Licht langsam weicher, die ersten Leute schleppten ihre Einkaufstüten Richtung Parkplatz, und wir saßen einfach nur zufrieden da. Genau dieses angenehme Gefühl nach einem richtig guten Urlaubstag. Nicht spektakulär im Hollywood-Sinne. Eher dieses ehrliche „heute war einfach alles rund“.
Irgendwann machten wir uns wieder auf den Rückweg zum Campingplatz. Müde, satt und ziemlich sicher mit deutlich mehr gelaufenen Kilometern als ursprünglich geplant.
Verdient hatten wir uns die Ruhe allemal.





























