Von leerer Piazza zu vollen Tüten
Unser Abstecher nach Salerno
Sonntag, 12. Oktober – der Himmel strahlt, wir auch. Zumindest noch. Nach einem gemütlichen Start in den Tag – inklusive gutem Frühstück, katzenfreundlicher Verabschiedung und einem letzten Blick auf unsere grüne Oase bei Villa Giulia – rollen wir gegen 9 Uhr in Richtung Salerno. Laut Internet wartet dort ein bunter Wochenmarkt auf der Piazza San Francesco, mitten im Zentrum. Schuhe, Schals, Geschirr – alles, was das Stöberherz begehrt. Perfekt für einen Sonntagvormittag. Wir kommen an. Finden den Platz. Finden Parkplätze. Finden den Platz erneut. Was wir nicht finden: den Markt.
Kein Stand, kein Duft nach Gewürzen, keine brüllenden Verkäufer. Nichts. Nada. Niente. Nur Tauben, die ratlos wirken. Wir googeln erneut. Ja, da steht es. Sonntags. Piazza San Francesco. Und genau hier stehen wir. Inklusive Stirnrunzeln und leichter Enttäuschung.
Aber noch ist nicht alles verloren. Für ein gemütliches Mittagessen in Salerno ist es eindeutig zu früh, der Magen hat sich noch nicht offiziell gemeldet – vermutlich schmollt er noch wegen des abgesagten Marktbummels. Doch unsere Unternehmungslust ist wach und will beschäftigt werden. Also zücken wir Plan B – besser gesagt: das Navi. Ziel: irgendwas Schönes, irgendwas mit Schatten, irgendwas, das die Laune hebt.
Und da geschieht das, was in Italien oft zur Rettung ganzer Tagespläne beiträgt: Das magische Wort „Outlet“ blinkt uns von der Karte entgegen wie eine Fata Morgana in der Mittagssonne. Cilento Outlet Village. Nur ein Katzensprung entfernt, sagt das Navi. Und in meinem Kopf beginnt es schon zu rascheln – nicht nur wegen der Plastiktüten. Stefan nickt. Ich sag nur: Andiamo!

Was folgt, ist ein Spaziergang wie aus dem Werbekatalog: Sonne satt, kaum Besucher, italienische Chartmusik aus diskreten Lautsprechern, Palmen im Hintergrund, Springbrunnen in der Mitte – und jede Menge Läden, die aussehen, als hätten sie auf uns gewartet. Die meisten dezent. Andere weniger. Und dann kommt er. Der Endgegner. Nike Clearance Store.
Nicht irgendein Nike Outlet Store – Clearance. Das bedeutet: Endzeitpreise. Longsleeves für 15 Euro. Sneaker für unter 20. Hoodies, die günstiger sind als ein Eisbecher in Positano. Ein kleiner Laden – aber strategisch so angelegt, dass man einmal rein, aber nie wieder rauskommt.

Ich eskaliere. Richtig. Ich. Eskaliere. Ein Paar Turnschuhe für mich. Zwei für die Enkel. T-Shirts, Jogginghosen, Langarmshirts. Größen? Egal. Irgendwer wird schon reinpassen. Stefan? Vage zu sehen, irgendwo im Nebel zwischen der Herrenabteilung und der Rückzugsstrategie. Ich? Im Tunnel. Nike-Schnäppchenmodus. Die Verkäuferin nickt mir anerkennend zu – vermutlich hat sie schon alles gesehen, aber das hier? Das ist olympiareif.
Am Ende rollen wir mit großen Tüten und einem breiten Grinsen zurück zum Camper. Und dem festen Entschluss: Wenn uns das Leben keinen Markt gibt – kaufen wir eben den Nike Store leer.
Cilento Outlet
Nach dem gescheiterten Marktbesuch und dem Shopping-Exzess im Nike-Outlet – bei dem sich übrigens nicht nur meine Kreditkarte, sondern auch der Kofferraum des kleinen Panda langsam verausgabt hat – machen wir uns gegen Nachmittag wieder auf den Weg zurück nach Salerno. Die Strecke führt uns quer durch Cilento, zurück an die Küste. Während die Straße sich kurvig durch die Hügellandschaft schlängelt, glitzert unten schon das Meer. Über uns thront das Castello di Arechi, als wolle es sagen: „Na, doch noch Lust auf Kultur, was?“

Und ja, haben wir – aber mehr so von Weitem. Die alte Festung sieht richtig imposant aus – eine Mischung aus Burgruine, Adlernest und Game-of-Thrones-Kulisse. Wir parken schließlich beim Piazza della Libertà, der so großzügig dimensioniert ist, dass man dort problemlos ein kleines Festival abhalten könnte. Nur dass heute kein Festival ist – sondern einfach perfektes Sonntagswetter.
Also erstmal runter zum Lungomare. Palmen, Parkbänke, flanierende Familien mit Eisbechern in der Hand, Kinder auf Rollern, alte Herren in Anzügen, die über Politik diskutieren – ein typisch italienischer Sonntagnachmittag. Und wir mittendrin. Links von uns das tiefblaue Meer, rechts die hübsch gepflegte Promenade mit schattigen Alleen, Kiosken und Cafés.
Der Spaziergang ist wie ein Postkartenmotiv zum Durchlaufen – Palmen werfen lange Schatten, Möwen kreisen über dem Wasser, und irgendwo spielt jemand Gitarre. Kurz überlegen wir, ob wir nicht einfach hier bleiben sollen. Für immer. Aber der Magen meldet sich. Zeit, ein Restaurant zu finden.
Nach unserem Spaziergang am Lungomare bogen wir irgendwann ein in die Altstadt von Salerno – das „Centro Storico“. Und zack, die Atmosphäre änderte sich schlagartig. Die weite Promenade wich plötzlich engen Gassen, gelben Fassaden und wackeligen Balkonen, von denen bunte Wäsche wie italienische Girlanden baumelte. Willkommen im Bilderbuch-Italien, Kapitel „verwinkelte Altstadt mit Überraschungseffekt“.

Wir ließen uns treiben. Von einer Seitengasse in die nächste, vorbei an alten Holztüren, kleinen Cafés, Hauskatzen auf Fensterbänken und… Lichterketten! Über unseren Köpfen spannte sich ein ganzes Netz aus verschiedensten Lichtinstallationen – als hätte jemand das Centro Storico mit einem Festival verwechselt.
Hier eine silberne Lichtwelle, dort leuchtende Quallen-Laternen, dann wieder bunte Stoffbahnen, Sterne, Zweige – jede Gasse hatte ihre eigene kleine Show vorbereitet. Tagsüber wirkte das alles schon ziemlich besonders. Aber wir stellten uns sofort vor, wie das hier bei Dunkelheit aussieht: ein einziges, magisches Lichtermeer. Leider mussten wir rechtzeitig zurück nach Pompei – Dunkelheitsidylle auf italienischem Kopfsteinpflaster verschoben auf nächstes Mal.
Centro Storico di Salerno
Während wir uns noch durch die Straßen treiben ließen, passierte das Unvermeidliche: wir standen plötzlich vor einer Filiale der „Pizzeria da Michele“. Kein Scherz. Wie in Neapel, nur ohne Massenauflauf und stundenlange Wartezeiten. Ein kurzer Blick – ein kurzes Nicken. Natürlich gehen wir rein! Wir bekamen ein kleines Plastik-Nümmerchen (italienische Lotterie des guten Geschmacks), mussten aber keine fünf Minuten warten.
Drinnen bestellten wir uns natürlich wieder unsere geliebte Pizza Marinara – ganz schlicht, ohne Käse, aber mit ordentlich Knoblauch. Und was soll man sagen? Auch hier war sie ein Gedicht. Knuspriger Rand, aromatische Tomatensauce, dieser würzige Knoblauch – der volle Geschmack mit minimalen Zutaten. Es war wie ein Déjà-vu, nur mit weniger Touristenlärm.

Gut gestärkt spazierten wir anschließend noch ein kleines Stück am Lungomare entlang, ließen den Blick über die Bucht schweifen, sammelten Sonnenstrahlen wie Souvenirs und machten uns dann gegen späten Nachmittag langsam auf den Rückweg zum Auto. Denn wie wir ja gelernt hatten: In den engen Gassen rund um den Campingplatz von Pompei will man nicht erst im Dunkeln ankommen – zumindest nicht, wenn man seinen Außenspiegel liebt.
Um 17:30 Uhr rollen wir müde, aber zufrieden wieder auf unseren Campingplatz. Noch bevor wir richtig zum Stehen kommen, passiert das Unvermeidliche: die Katze ist zur Stelle. Und nicht etwa auf leisen Samtpfoten wie ein scheues Tier – nein, sie steht da wie der Empfangschef im Grand Hotel und prüft kritisch unsere Rückkehr. Wir steigen aus, sie steigt ein – direkt in unser Auto, auf den Fahrersitz, mit diesem unverkennbaren Blick in Stefans Richtung: “Na, warst du nett shoppen? Ich hab hier den ganzen Tag gewartet, falls es dich interessiert.” Stefan schaut zurück. Die Katze schaut strenger. Eine Art wortloses Duell zwischen Mann und Mietze, das sie wie immer gewinnt.

Das Übliche folgt: Duschen. Diese heilige Zeremonie nach einem staubigen Roadtrip. Kurz davor nochmal ein prüfender Blick zur Katze – die liegt jetzt demonstrativ ausgestreckt auf Stefans Stuhl, als wolle sie sagen: “Hier wohne ich jetzt.”
Frisch geduscht, mit nassen Haaren und einem gesunden Gefühl der Erschöpfung, schnappen wir uns etwas aus unserem Vorrat – nichts Großes, eher das kulinarische Pendant zu Jogginghosen: ein bisschen Brot, Mortadella, ein Stück Käse. Mehr braucht es nicht.
Ich verziehe mich mit Laptop in den Camper, Füße hoch, Fenster auf, die Tasten klappern. Endlich Blogzeit. Und draußen? Draußen sitzt Stefan wie der Chef im eigenen Garten: Campingstuhl leicht zurückgelehnt, die Kapuze locker über den Nacken gerutscht, ein Glas Balvenie in der einen Hand, die andere ruht auf dem Tisch – mit Katze. Die sitzt jetzt auf seinem Schoß, hoch erhobenen Hauptes, als hätte sie sich ebenfalls einen Drink verdient.
Er erzählt ihr vermutlich gerade, was für ein Schnäppchen diese Kinderturnschuhe waren und dass sie mit ihren weißen Pfoten bestimmt auch in Größe 27 passen würde. Die Katze schweigt. Nur ihr Blick sagt: “Mach ruhig weiter, ich hör dir zu – aber ich entscheide, wann du aufhörst.” Ein perfekter Tagesausklang in Schwarz-Weiß: Stefan, die Katze und ein Schluck Whisky.























