Sorrent – Zitronen, Gelato und andere gefährliche Versuchungen
Der Tag begann wieder mit Pasquale. Und damit eigentlich schon mal gut. Es gibt Gastgeber, die reichen einem morgens Kaffee. Und dann gibt es Pasquale, der einem mit einem Lächeln begegnet, als hätte man persönlich die Sonne über Kampanien bestellt und pünktlich geliefert. Ich wollte beim Frühstück nur schnell unseren zusätzlichen Mietwagen anmelden, den knallblauen Panda, der seit gestern Abend ebenfalls auf dem Gelände stand und vermutlich schon versuchte, sich zwischen Zitronenbäumen und Campern möglichst unauffällig zu verhalten. Also setzte ich zu meiner bewährten internationalen Verständigungsmethode an: ein bisschen Deutsch, ein bisschen Italienisch, ein paar englische Brocken und dazu ein Gesichtsausdruck, der sagen sollte: „Ich bin harmlos, ich brauche nur eine Information.“ Pasquale hörte mir freundlich zu, lächelte, schüttelte den Kopf und sagte mit entwaffnender Ehrlichkeit: „No capito.“ Das war nicht unhöflich. Das war eine Diagnose.
Also kam Google Translate zum Einsatz, unser kleiner UNO-Dolmetscher für Campingplatzdiplomatie. Pasquale sprach ins Handy, das Handy machte daraus irgendetwas, ich nickte begeistert, obwohl ich zeitweise nicht sicher war, ob wir über den Panda, das Parken oder den allgemeinen Zustand des Universums sprachen. Am Ende war die Botschaft aber klar: Alles gut. Der Panda darf bleiben. Kostet nichts. Kein Drama. Ich bekam wieder dieses typische Pasquale-Strahlen, das irgendwo zwischen „Willkommen bei uns“ und „Diese Deutschen sind schon putzig“ lag, und wir konnten uns dem widmen, was an italienischen Morgen wirklich zählt: Cappuccino, Croissant und der beruhigenden Erkenntnis, dass die Camperküche schon wieder arbeitslos war.
Nach dem Frühstück rollten wir Richtung Sorrent. Oder genauer gesagt: Wir tasteten uns erst einmal durch den Verkehr rund um Pompeji, der vermutlich nie wirklich fließt, sondern sich eher in Schüben bewegt, wie Lava mit Hupe. Der Panda machte seine Sache tapfer. Er ist kein schönes Auto, aber er hat dieses italienische Grundvertrauen in enge Situationen: Wird schon passen. Irgendwie. Durch Castellammare di Stabia fuhren wir mit der leisen Hoffnung, dort den angekündigten Straßenmarkt zu finden. Wir fanden Straßen. Wir fanden Verkehr. Wir fanden Menschen, Roller, Autos und dieses süditalienische Durcheinander, bei dem jeder gleichzeitig fährt, parkt, aussteigt, diskutiert und trotzdem niemand ernsthaft überrascht wirkt. Den Markt fanden wir nicht. Vielleicht war er schon vorbei. Vielleicht war er an einem anderen Tag. Vielleicht existierte er nur in der Fantasie irgendeiner Internetseite, die seit 2007 nicht mehr aktualisiert wurde. Aber gut, wir waren ja nicht wegen fehlender Marktstände beleidigt. Wir waren auf dem Weg nach Sorrent.

Und dann wurde die Strecke plötzlich großartig. Immer wieder öffnete sich zwischen Häusern, Mauern und Kurven der Blick aufs Meer, und jedes Mal war es, als würde jemand kurz den Vorhang aufziehen. Sorrent lag da unten, hell, elegant und selbstbewusst auf seinem Felsen, das Wasser glitzerte, die Küste zog sich geschwungen entlang der Bucht, und sogar der Panda wirkte für einen Moment weniger wie ein blauer Schuhkarton und mehr wie ein italienischer Filmkomparse mit Charakter. Wir hielten an, wann immer es ging, meistens an Stellen, an denen man offiziell wahrscheinlich nicht zum Staunen parkt, aber offenbar alle genau dafür kurz halten. Man steigt aus, schaut, sagt erst mal nichts und denkt dann: Ach ja. Deshalb fahren Menschen hierher. Nicht wegen der Straßen. Ganz sicher nicht wegen der Straßen. Wegen dieser Ausblicke.

In Sorrent fanden wir ein Parkhaus nahe der Piazza Tasso, was sich in Italien immer wie ein mittlerer Lottogewinn anfühlt. Auto abstellen, Tür zu, kurz prüfen, ob man noch alle Nerven hat, und dann hinein in die Stadt. Sorrent ist auf den ersten Blick das Gegenteil von Neapel. Neapel springt dir mit beiden Füßen in den Tag, wirft dir einen Espresso hinterher und hupt zur Begrüßung. Sorrent lächelt dich gepflegt an, riecht nach Zitrone, trägt ein gebügeltes Leinenhemd und weiß ganz genau, dass du spätestens im dritten Laden etwas kaufen wirst, das du nicht brauchst. Es ist schön. Fast verdächtig schön. So schön, dass man zwischendurch prüfen möchte, ob irgendwo eine Kulisse wackelt.
Wir schlenderten durch die Altstadt, und schon nach wenigen Metern war klar: Sorrent hat aus der Zitrone ein Geschäftsmodell, eine Religion und vermutlich auch eine kommunale Identität gemacht. Überall Zitronen. Auf Schürzen, Tellern, Flaschen, Seifen, Keksen, Bonbons, Taschen, Keramik, Tischdecken und Dingen, bei denen man nicht wusste, ob man sie essen, trinken, anzünden oder ins Bad stellen soll. Die Läden waren vollgestopft mit diesem sonnengelben Wahnsinn, und jeder einzelne sah aus, als hätte jemand einen Limoncello-Traum in Regale sortiert. Wir probierten hier ein Stückchen Keks, dort eine Praline, dann irgendeinen Likör, der so harmlos cremig daherkam, dass man kurz vergaß, dass er Alkohol enthält. Besonders gefährlich war der Pistaziencreme-Likör. Der schmeckte nicht wie ein Getränk, sondern wie eine Straftat in Samt.
Natürlich wurden wir schwach. In der Limonoro Fabbrica Liquori war es endgültig vorbei mit der Selbstbeherrschung. Wir kamen nicht hinein wie Kunden, sondern wie Leute, die schon verloren hatten. Am Ende wanderten Limoncello auf Pistaziencremebasis, Limoncello-Cioccolata, gefüllte Zitronenpralinen und ein winziges Glas Pistazien-Aufstrich in unsere Beute. Dieses Glas kostete 14,50 Euro und hatte ungefähr die Größe eines medizinischen Probenbehälters, aber geschmacklich spielte es in einer Liga, in der man nicht mehr fragt. Man bezahlt, nickt würdevoll und tut später so, als sei das eine völlig normale Ausgabe gewesen. Stefan guckte kurz. Ich guckte zurück. Thema erledigt.
Dann kam das Sorrento Special Gelato. Serviert in einer echten Zitrone, mit Zitrone, Orange und Limoncello, dazu diese Präsentation, bei der man sofort weiß: Das isst man nicht einfach. Das fotografiert man erst aus sechs Winkeln, während es einem unter italienischer Sonne davonläuft. Es war erfrischend, cremig, leicht beschwipst und so sehr Sorrent, dass man eigentlich Eintritt hätte zahlen müssen. Während wir mit klebrigen Fingern und sehr zufriedenen Gesichtern dastanden, wurde mir klar: Sorrent ist zwar deutlich ordentlicher als Neapel, aber nicht ungefährlicher. Neapel klaut dir das Herz mit Chaos. Sorrent klaut dir Geldbeutel und Kalorienkonto mit Zitronengeschmack.
Nach so viel süßem Gelb zog es uns ans Meer. Der Weg zur Marina Grande führte durch schmale, abfallende Gassen, vorbei an pastellfarbenen Häusern, flatternder Wäsche und kleinen Szenen, die aussahen, als hätte jemand „italienisches Fischerdorf, aber hübsch“ in einen Filmset-Generator eingegeben. Unten angekommen lag der kleine Hafen tatsächlich da wie eine Postkarte, die man früher aus dem Urlaub geschickt hätte, damit zu Hause alle neidisch werden. Bunte Boote schaukelten im Wasser, weiße Tischdecken warteten auf hungrige Gäste, Kellner wuselten herum, Möwen überwachten die Lage mit der Haltung erfahrener Restaurantkritiker. Es war wunderschön. Und sehr fischig.

Genau da lag unser Problem. Die Speisekarten waren eine einzige Liebeserklärung an alles, was schwimmt, krabbelt oder tentakelartig unterwegs ist. Calamari, Muscheln, Tintenfisch, Meeresfrüchte in allen Aggregatzuständen. Für Menschen vom Team Terra war das zwar malerisch, aber nicht unbedingt mittagstauglich. Also stiegen wir wieder hinauf in die Stadt, was nach Limoncello-Gelato und Zitronenproben eine sportliche Entscheidung war, aber Hunger macht erfinderisch. Irgendwann landeten wir auf der Corso Italia und fanden Frankie’s Pizza Bar. Rote London-Telefonzelle, überdachte Terrasse, freie Plätze – das sah nach Rettung aus.
Frankie’s war genau das, was wir in dem Moment brauchten. Kein großer kulinarischer Staatsakt, sondern gutes, ehrliches Essen mit freundlichem Service und Schatten. Wir bestellten Bruschetta, das so frisch schmeckte, als hätten Tomaten und Basilikum gerade beschlossen, gemeinsam Karriere zu machen. Stefan nahm Spaghetti mit hausgemachten Riesenfleischbällchen, eine Schüssel voller Tomatenglück und „endlich was Anständiges“-Gefühl. Ich entschied mich für einen Thunfischsalat mit gegrilltem Gemüse, knackigem Grün, Kürbiskernen und einem ordentlichen Spritzer Zitrone, weil man in Sorrent offenbar nicht einmal Salat essen darf, ohne dass irgendwo eine Zitrusfrucht ihren Auftritt bekommt. Danach waren wir wieder hergestellt. Nicht leichtfüßig, aber funktionsfähig.
Gegen 16 Uhr verließen wir Sorrent. Der Nachmittag lag golden über der Küste, der Panda rollte tapfer zurück Richtung Pompeji, und wir hatten ein klares Ziel: Getränkenachschub. Der Camper war wassertechnisch auf einem Niveau angekommen, bei dem selbst Kamele betreten weggeschaut hätten. Also suchten wir ein Einkaufszentrum und landeten in La Cartiera. Der Name klingt nach romantischer Papiermanufaktur, tatsächlich ist es ein modernes, angenehm klimatisiertes Shoppingcenter. Klimatisiert ist in Süditalien ein Wort, das man mit Ehrfurcht ausspricht. Wir wollten nur schnell Wasser, Saft und vielleicht ein paar Kleinigkeiten holen. Das ist ungefähr so glaubwürdig wie „Ich geh nur kurz in den Bastelladen und kaufe Kleber“.

Natürlich blieb es nicht dabei. Erst zogen uns die Läden hinein, dann ein Kinderkleidungsgeschäft, dann der Supermarkt. Innerhalb kurzer Zeit hatten wir coole Outfits für Noah und Emilia gefunden, außerdem Wasser, Saft, Oliven, Obst und einen Notfall-Käse. Notfall-Käse ist wichtig. Man weiß nie, wann man plötzlich irgendwo steht, Hunger hat und dringend ein Stück Italien aus dem Kühlschrank braucht. Inzwischen war der Panda beladen, wir eigentlich auch, aber dann sahen wir ihn: Roadhouse Grill. Wieder so ein Schild, das nicht fragt, ob man Hunger hat, sondern einfach behauptet, man hätte welchen.

Und dann stand da auch noch Chicken Wings Day. All you can eat. In Italien. In einem Land, in dem man theoretisch Pasta, Pizza, Meeresfrüchte, Tiramisu und Mozzarella essen könnte, entschieden wir uns also für Chicken Wings. Das klingt kulinarisch fragwürdig, fühlte sich aber in diesem Moment absolut richtig an. Manchmal braucht der Mensch keine handgerollten Tagliatelle, sondern Frittieröl mit Ansage. Für 20 Euro bekamen wir einen riesigen Korb Wings, außen knusprig, innen saftig, heiß, würzig und so gar nicht das, was man romantisch als mediterranes Abendessen verkaufen würde. Nach 20 Stück gaben wir auf. Nicht aus Schwäche. Aus Würde. Die All-you-can-eat-Option blieb theoretisch. Praktisch waren wir pappsatt und zufrieden.
Zurück am Camper war der Tag voll. Richtig voll. Sorrent hatte uns mit Zitronen beworfen, mit Ausblicken bestochen, mit Gelato verführt und mit einem Hafen überrascht, der schöner war als seine Speisekarten für uns passend. La Cartiera hatte den Vorrat gerettet, die Enkel-Garderobe erweitert und uns mit Chicken Wings aus der italienischen Feinkostspur gedrängt. Der Panda stand wieder brav auf dem Platz, der Camper war versorgt, wir waren satt, leicht erschlagen und ziemlich glücklich.
Sorrent, du bist ein bisschen zu hübsch, ein bisschen zu gelb, ein bisschen zu gefährlich für Menschen mit schwacher Probierdisziplin. Aber genau deshalb hat es funktioniert. Neapel hatte uns am Vortag komplett überfahren und wir haben es geliebt. Sorrent hat uns heute mit Zitronenduft, Meerblick und Shoppingtüten eingewickelt, bis wir freiwillig kapituliert haben.
Und morgen? Morgen wartet die Amalfitana. Mit dem Panda. Das kann ja heiter werden.





































