Amalfitana: Mehr Aussicht geht eigentlich nicht
Der Tag begann wieder mit Pasquale. Also eigentlich mit Cappuccino, Cornetti und diesem Lächeln, das vermutlich sogar einen italienischen Strafzettel freundlicher wirken lassen würde. Ich war vorbereitet und hatte ein neues italienisches Wort im Gepäck. Nichts Weltbewegendes, keine Opernarie, aber genug, um Pasquale zum Strahlen zu bringen. „Brava!“, sagte er, und ich fühlte mich kurz wie die Musterschülerin im VHS-Kurs „Italienisch für mutige Camper“. Während Stefan zufrieden sein Frühstück verputzte, übte ich innerlich schon weiter. Man weiß ja nie, ob man später noch erklären muss, warum man zwei Zitronen in der Größe von Bowlingkugeln gekauft hat.
Nach dem Frühstück rollten wir los. Pompeji blieb hinter uns, der kleine blaue Panda durfte zeigen, warum er überhaupt erfunden wurde, und wir schraubten uns über kurvige Straßen Richtung Küste. Mit jedem Höhenmeter wurde der Blick dramatischer. Erst Häuser, dann Hügel, dann plötzlich Meer. Dieses Blau, das in echt völlig übertrieben wirkt. Die Straße schlängelte sich über den Bergrücken, und irgendwann war klar: Jetzt sind wir auf der Amalfitana. Dieser Straße, die auf Fotos aussieht wie Sehnsucht und in echt wie eine Fahrprüfung für Menschen mit starkem Nervenkostüm.

Schon nach den ersten Kilometern wussten wir: Der Panda war nicht einfach ein Mietwagen. Er war ein Überlebenskonzept. Links Fels, rechts Abgrund, vorne Reisebus, hinten Roller, irgendwo dazwischen wir. Die Amalfitana ist keine Straße, sie ist ein Charaktertest mit Meerblick. Im Sommer gibt es hier sogar Fahrregeln nach geraden und ungeraden Kennzeichen, und nach zehn Minuten versteht man auch warum. Wenn sich zwei Busse begegnen, hält die ganze Küste kurz den Atem an. Wir auch. Mehrfach.

Dazwischen immer wieder diese kleinen Straßenstände, die aussehen, als hätte Italien persönlich beschlossen, eine Werbekampagne für Zitronen zu drehen. Granatäpfel, Chili, Orangen und Zitronen, die so groß waren, dass man ihnen wahrscheinlich einen eigenen Sitzplatz im Auto anbieten müsste. Natürlich wurde ich schwach. Ein uriger Verkäufer mit antiker Balkenwaage wog meine Beute mit der Würde eines Goldhändlers ab, und kurz darauf saß ich wieder im Panda, zwei Riesen-Zitronen im Arm, als hätte ich gerade einen Pokal gewonnen. Stefan sagte nichts. Dieses Schweigen kenne ich. Es bedeutet: „Ich frage lieber nicht.“

Und dann tauchte Positano auf.
Nicht plötzlich, sondern langsam. Erst ein paar helle Häuser in der Ferne. Dann noch ein paar mehr. Und irgendwann hing die komplette Stadt vor uns am Steilhang, als hätte jemand beschlossen, Architektur künftig nur noch senkrecht zu bauen. Weiße Fassaden, rosafarbene Häuser, ockerfarbene Dächer, dazwischen Palmen, Bougainvillea und unzählige Terrassen, die alle behaupten, den schönsten Meerblick der Welt zu besitzen. Vermutlich haben sie sogar recht.
Je näher wir kamen, desto langsamer wurde der Verkehr. Nicht nur wegen der vielen Autos. Sondern weil jeder zweite Fahrer versuchte, gleichzeitig zu lenken, zu fotografieren und den Mund wieder zuzuklappen. Positano ist keine Stadt. Positano ist eine Filmkulisse. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass George Clooney aus einem Café kommt, eine Vespa startet und irgendwo italienische Musik einsetzt.
Mit unserem kleinen Panda rollten wir mitten hinein in dieses Gewusel. Rechts Designer-Boutiquen, links kleine Keramikläden, dazwischen Leinenkleider, handbemalte Teller, Sandalen, Zitronenseife, Limoncello, Schmuck, Kunstgalerien und Restaurants, die alle behaupten, die beste Aussicht der Küste zu haben. Es ist ein einziges Schaufenster der Versuchung.
Die Amalfitana schien anschließend noch einmal beweisen zu wollen, dass sie ihren legendären Ruf völlig zurecht trägt. Die Straße klebte förmlich am Felsen, links ging es steil hinunter zum Meer, rechts ragten meterhohe Felswände auf. Zwischen beiden blieb gerade genug Platz für zwei Fahrzeuge – theoretisch jedenfalls. Praktisch sah das etwas anders aus.
Immer dann, wenn uns ein Reisebus entgegenkam, wurde aus einer ganz normalen Begegnung ein hochpräzises Rangiermanöver. Beide Fahrer falteten ihre Außenspiegel ein, Zentimeter wurden plötzlich zur offiziellen Maßeinheit und sämtliche Mitfahrer hielten unbewusst die Luft an. Danach fuhr jeder weiter, als wäre überhaupt nichts passiert. Wahrscheinlich gehört das hier einfach zum Alltag. Dafür entschädigte die Aussicht im Sekundentakt.
Hinter jeder Kurve wartete das nächste Postkartenmotiv. Kleine Buchten mit türkisfarbenem Wasser. Fischerboote, die aussahen wie Spielzeug. Weiße Villen hoch oben auf den Klippen. Zitronenhaine. Felsen, die senkrecht ins Meer stürzen. Und ständig dieses intensive Blau, das so unwirklich wirkt, dass man automatisch prüft, ob jemand heimlich einen Instagram-Filter über die Windschutzscheibe gelegt hat.
Als wir schließlich Amalfi erreichten und tatsächlich einen Parkplatz am Piazzale dei Protontini fanden, fühlte sich das ungefähr so an, als hätten wir im Lotto gewonnen. Nach Positano rechnet man mit vielem – aber nicht mit einem freien Parkplatz.
Schon die ersten Schritte durch Amalfi machten klar, warum dieser Ort zu den schönsten Städten Italiens zählt. Die Gassen sind schmal, verwinkelt und voller Leben. Hinter jeder Ecke wartet etwas Neues. Ein kleiner Innenhof mit Blumen. Eine steile Treppe, die scheinbar direkt auf den Himmel zuführt. Winzige Läden, deren Regale unter Zitronenprodukten fast zusammenbrechen. Überall riecht es nach Espresso, frischem Gebäck und Limoncello.
Natürlich dreht sich hier fast alles um Zitronen. Zitronen auf Tellern. Zitronen auf Schürzen. Zitronen auf Seife. Zitronen auf Geschirrtüchern. Zitronen auf Kühlschrankmagneten. Wenn irgendjemand irgendwann einmal ein Zitronen-Toilettenpapier mit Amalfi-Aufdruck erfinden sollte – ich wäre nicht einmal überrascht.
Wir ließen uns einfach treiben. Genau das ist ohnehin die beste Art, Amalfi zu entdecken. Keine Route, kein Zeitplan. Einfach dort abbiegen, wo es hübsch aussieht. Und das war praktisch überall. Mal führte eine kleine Treppe zwischen uralten Häusern hindurch, dann standen wir plötzlich wieder auf einer sonnigen Piazza. Ein paar Meter weiter flatterte Wäsche über unseren Köpfen zwischen den Häusern, während darunter Touristen versuchten, gleichzeitig Eis zu essen, Fotos zu machen und nicht über das Kopfsteinpflaster zu stolpern.
Irgendwann fiel uns auf, dass auffallend viele Menschen riesige Panini in den Händen hielten. Nicht einfach belegte Brote. Eher belegte Kunstwerke. Dick belegt mit Mozzarella di Bufala, sonnengereiften Tomaten und hauchdünnem Prosciutto. Es gibt Situationen, in denen man keine Speisekarte mehr braucht. Man folgt einfach den Menschen, die glücklich aussehen. Genau das machten wir.
Amalfi kann laut und bunt, aber auch still und verwinkelt. Trotzdem zog uns die Piazza wieder zurück wie ein Magnet, und dort stand sie: die Kathedrale di Sant’Andrea. Mächtig, schön, dramatisch, mit einer Treppe davor, auf der sich halb Europa für das perfekte Urlaubsfoto inszenierte. Wir hatten allerdings ein bodenständigeres Ziel: Toilette. Und weil öffentliche Toiletten offenbar nicht Teil des Gesamtkunstwerks waren, entschieden wir uns für die klassische Lösung: Espresso mit Nebenleistung.
Das Café direkt gegenüber dem Dom hatte freie Plätze und den perfekten Blick. Wir bestellten zwei Espresso, genossen die Aussicht, den Campanile, das Gewusel und diesen kleinen Moment von „Ach, ist das schön hier“. Dann kam die Rechnung. Drei Euro pro Espresso – geschenkt, Touristengebiet. Aber 3,50 Euro Coperto pro Person für das Privileg, auf einem Stuhl mit Dom-Blick zu sitzen, war schon eine kleine finanzielle Ohrfeige mit Zitronenduft. Immerhin: Die Toilette war damit quasi vergoldet.

Dann ein spontaner Technologiemoment: Facetime nach Hause. Mitten aus dem Amalfi-Postkartenidyll. Oli, Nadine, Noah und Emilia erscheinen lachend auf dem Bildschirm und staunen mit uns über die Aussicht. Es ist ein bisschen so, als wären sie dabei – nur ohne das Risiko, ins Hafenbecken zu stolpern.
Eigentlich wollten wir danach zurück zum Auto, denn die Parkuhr tickte innerlich schon mit. Aber am Hafen sah ich ein Schild: Grotta dello Smeraldo. Bootsfahrt. Zwanzig Euro. Ich dachte zuerst an Capri und war kurz verwirrt, aber nein – die Amalfiküste hat ihre eigene Grotte. Weniger weltberühmt, dafür direkt vor unserer Nase. Die Frau am Schalter sagte, das Boot lege in drei Minuten ab. Drei Minuten sind bei uns offenbar genug Zeit für eine Grundsatzentscheidung. Tickets gekauft, zum Steg gesprintet, Parkuhr verdrängt.

Schon die Bootsfahrt war ein Volltreffer, und zwar einer von der Sorte, bei der man nach drei Minuten denkt: Gut, dass wir nicht vernünftig waren. Amalfi vom Wasser aus ist noch einmal eine ganz andere Nummer. Von der Promenade wirkt die Stadt schon schön, aber vom Boot aus sieht sie aus, als hätte jemand sie mit Absicht dramatisch an den Felsen geklebt. Häuser stapeln sich übereinander, Terrassen hängen über dem Meer, kleine Boote schaukeln im Wasser, und die Küste zieht an einem vorbei wie eine Filmkulisse, nur ohne Kulissenbauer und mit deutlich besserem Licht.
Das Meer glitzerte in Farben, die man zu Hause höchstens auf Farbkarten im Baumarkt findet, wenn man gerade „Mediterranes Bad“ plant und am Ende doch wieder Weiß nimmt. Türkis, Blau, Grün, alles gleichzeitig. Dazu die steilen Felsen, vereinzelte Villen, die so lässig am Hang klebten, als hätten sie keine Statik, sondern Selbstvertrauen. Wir saßen also da, Wind im Gesicht, Kamera im Anschlag und diesem breiten Grinsen, das man bekommt, wenn ein spontaner Einfall sich gerade als ziemlich genial herausstellt.
Irgendwann legten wir an einem kleinen Felsvorsprung an, dort, wo die Küste plötzlich so tut, als hätte sie nebenbei noch einen geheimen Eingang eingebaut. Aussteigen, kurz sortieren, und dann kam die nächste italienische Überraschung: Der Bootsausflug war bezahlt, aber für das kleine Boot in die Grotte wurde noch einmal kassiert. Italien liebt gestaffelte Dramaturgie. Erst Köder, dann Zusatzkapitel. Aber gut, wir waren längst im Modus „Jetzt erst recht“ und stiegen in dieses kleine Boot um, das uns zusammen mit ein paar anderen Neugierigen in die Grotta dello Smeraldo bringen sollte.
Am Anfang war es eher unspektakulär. Dunkel, eng, felsig, ein bisschen feucht – also ungefähr so, wie man sich eine Grotte vorstellt, bevor sie beschließt, Theater zu machen. Und dann glitten wir ein Stück weiter hinein, der Blick öffnete sich, und plötzlich leuchtete das Wasser unter uns in Smaragdgrün, Türkis und Blau. Nicht so ein bisschen hübsch. Sondern richtig unwirklich. Als hätte jemand unter der Wasseroberfläche eine geheime Lichtanlage installiert und vergessen, sie auszuschalten. Kein Foto bekommt das wirklich hin. Man fotografiert trotzdem wie ein aufgescheuchtes Eichhörnchen, weil das Gehirn sagt: Das muss doch irgendwie festzuhalten sein. Spoiler: Ist es nicht. Man muss es gesehen haben.
Unser Bootsmann war dabei bester Laune und führte uns durch diese Unterwasser-Bühne mit einer Mischung aus Höhlenführer, Comedian und Onkel beim Familienfest, der nach dem dritten Bier zur Hochform aufläuft. Er deutete auf Felsformationen und erklärte uns, was wir sehen sollten: hier eine Schildkröte, dort eine Meerjungfrau, da ein schlafender Hund. Manchmal brauchte man ein wenig Fantasie, manchmal sehr viel guten Willen, aber in so einer Grotte macht man automatisch mit. Wenn ein Italiener in einem Boot sagt, dass dieser Tropfstein aussieht wie ein Hund, dann ist das eben ein Hund. Basta!
Und dann kam der Moment mit der Unterwasser-Krippe. Unten auf dem Grund lag tatsächlich eine komplette Krippenszene: Maria, Josef, das Jesuskind, Hirten, Tiere – alles im klaren Wasser, leicht schimmernd, völlig surreal. Das ist eigentlich so eine Idee, bei der man in Deutschland erst drei Genehmigungen, vier Sicherheitskonzepte und einen Arbeitskreis „Krippe im Nassbereich“ bräuchte. In Amalfi liegt sie einfach da. Natürlich. Warum auch nicht. Es war kitschig, keine Frage. Aber auf diese ganz eigene italienische Art, bei der man nicht die Augen verdreht, sondern plötzlich still wird. Zwischen Smaragdlicht, Felswänden und diesem kleinen Boot hatte das etwas Berührendes. Ein bisschen verrückt, ein bisschen heilig, ein bisschen „wer kommt bitte auf sowas?“ – also genau richtig.

Die Unterwasser-Krippe der Grotta dello Smeraldo, die Presepe sommerso
Wer glaubt, er hätte in der Grotta dello Smeraldo schon alles gesehen, der sollte mal genauer hinschauen – oder besser: hinunter.
Auf dem Grund der Grotte liegt eine lebensgroße Krippe. Kein Scherz. Maria, Josef, das Jesuskind, ein paar Hirten und Tiere – alle versenkt, dauerhaft unter Wasser.
Seit 1956 gehört dieses etwas andere Krippenspiel fest zur Geschichte der Grotte. Damals wurde sie vom Tauchclub Amalfi hinabgelassen, und seither ist sie nicht nur Touristenattraktion, sondern auch Teil einer ungewöhnlichen Weihnachtstradition: Jedes Jahr am 25. Dezember tauchen Mitglieder des Clubs mit Blumen hinab zur Krippe, während oben Musik gespielt wird und Zuschauer andächtig am Grotteneingang stehen.
Die Figuren ruhen in etwa drei bis vier Metern Tiefe, das Wasser ist so klar, dass man sie vom Boot aus gut erkennen kann – vorausgesetzt, man erwischt das Licht im richtigen Winkel. Wer ein Foto machen will, schaltet am besten in den Videomodus oder leuchtet mit der Taschenlampe nach – das gibt der Szenerie diesen mystisch-schimmernden Unterwasser-Glanz, der fast ein wenig sakral wirkt.
Die Krippe selbst ist übrigens nicht nur hübsch anzusehen, sondern auch ein Symbol: für Frieden, für stille Tradition – und für den ganz eigenen Zauber, den diese Grotte selbst in 4 Metern Tiefe noch entfalten kann.
Als wir wieder aus der Grotte hinausglitten, war die Welt draußen fast zu hell. Das Meer, die Sonne, die Felsen – alles wieder normal und gleichzeitig nicht mehr ganz. Auf der Rückfahrt wurde unser Bootsführer dann endgültig zum People-Magazin mit Steuerrad. Er zeigte nach oben zu einer Villa: Sophia Loren. Dann auf ein Luxushotel, in dem angeblich Stars ein- und ausgehen, vermutlich mit Sonnenbrille, Leinenhemd und sehr kleinen Hunden. Und dann kam der Felsbogen im Meer: „Two elephants kissing“, sagte er mit einem Grinsen. Und ja, tatsächlich – mit etwas Fantasie sahen die Felsen aus wie zwei Elefanten, die sich einen steinernen Rüsselkuss geben. Amalfi kann offenbar sogar Zoologie in Fels.
Wir fotografierten, staunten, ließen uns den Wind um die Nase wehen und hatten dieses seltene Gefühl, genau im richtigen Moment Ja gesagt zu haben. Das war nicht geplant gewesen. Kein sauberer Programmpunkt, kein Haken auf der Liste, keine vorher recherchierte Pflichtnummer. Einfach ein Schild am Hafen, drei Minuten bis zur Abfahrt und eine spontane Entscheidung. Und genau deshalb war es großartig.

Zurück an Land fanden wir unseren kleinen blauen Panda tatsächlich unversehrt wieder. Irgendwie wartete er dort zwischen all den anderen Autos, als hätte er den Nachmittag genauso genossen wie wir. Noch einmal ging es über die Amalfitana zurück Richtung Pompeji. Dieselben engen Kurven, dieselben spektakulären Ausblicke und dieselben Begegnungen mit Reisebussen, bei denen man automatisch die Luft anhält. Doch jetzt lag die Landschaft im warmen Abendlicht. Die Sonne tauchte die Felsen in Gold, das Meer schimmerte ruhig unter uns, und selbst die etwas ruppigere Passstraße wirkte plötzlich beinahe romantisch. Manche Strecken fühlen sich auf der Rückfahrt völlig anders an als auf dem Hinweg. Man kennt die Kurven schon ein bisschen, schaut dafür aber viel entspannter nach links und rechts und entdeckt plötzlich Dinge, die einem morgens komplett entgangen sind.
Zurück in Pompeji parkten wir ganz entspannt per EasyPark direkt an der Straße. Kein Münzgeld suchen, kein Parkschein hinter die Windschutzscheibe klemmen – manchmal besteht moderner Luxus einfach aus einer funktionierenden App. Von dort liefen wir gemütlich durch die Fußgängerzone. Pompeji überraschte uns wieder einmal. Nach den antiken Ausgrabungen erwartet man automatisch eine verschlafene Touristenstadt, stattdessen herrschte hier richtig Leben. Familien schlenderten über den breiten Boulevard, Kinder flitzten mit Eis in der Hand zwischen den Erwachsenen hindurch, aus den Cafés klirrten Espressotassen und irgendwo spielte Straßenmusik. Die Schaufenster wechselten sich zwischen eleganten Boutiquen, kleinen Feinkostläden und Konditoreien ab, aus denen der Duft von frischem Gebäck bis auf die Straße zog. Es war einer dieser lauen italienischen Abende, an denen scheinbar niemand nach Hause möchte. Man flaniert einfach. Ohne Ziel. Ohne Eile. Und genau das machten wir auch.

Mitten auf dieser Flaniermeile erhebt sich die Santuario della Beata Vergine del Rosario di Pompei. Schon von außen beeindruckt sie mit ihrer hellen Fassade, den mächtigen Säulen und dem hohen Glockenturm. Drinnen wurde es dann noch eine Nummer größer. Goldene Ornamente, riesige Deckengemälde, kunstvolle Marmorarbeiten und ein Kronleuchter, der vermutlich mehr wiegt als unser Panda. Es ist eine dieser Kirchen, in denen man automatisch leiser spricht, selbst wenn gar niemand etwas sagt. Draußen trubeliges Italien, drinnen plötzlich Ruhe. Ein schöner Kontrast nach diesem ereignisreichen Tag.
Langsam meldete sich inzwischen der Hunger. Eigentlich hatten wir über den Tag verteilt ständig irgendetwas gegessen – Panini in Amalfi, Espresso, spontane Leckereien. Aber irgendwie macht frische Meeresluft aus einem gut gefüllten Magen erstaunlich schnell wieder einen leeren. Also suchten wir uns ein Restaurant und landeten im Mercato Pompeiano.
Stefan blieb der italienischen Tradition treu und bestellte eine klassische Margherita DOP – Tomatensauce, Mozzarella, Basilikum und gutes Olivenöl. Mehr braucht eine wirklich gute Pizza eigentlich nicht. Ich entschied mich für die Margherita Gialla mit gelben Tomaten, cremigem Mozzarella und feinen Parmigiano-Reggiano-Spänen. Zwei Pizzen, die auf den ersten Blick fast unspektakulär wirkten und dann beim ersten Bissen zeigten, warum Italien bei Pizza einfach in einer eigenen Liga spielt. Nach Neapel und Amalfi denkt man irgendwann, man hätte nun wirklich jede gute Pizza gegessen. Falsch gedacht. Offenbar gibt es hier überall Menschen, die morgens aufstehen und beschließen, den perfekten Pizzateig zu backen.
Eigentlich hätten wir danach direkt zum Camper zurückgehen können. Eigentlich. Doch auf dem Weg fiel uns wieder die De Vivo auf. Schon den ganzen Abend stand dort eine lange Schlange vor der Tür. Menschen warteten geduldig auf Eis, Gebäck oder irgendeine andere süße Versuchung. Und mal ehrlich: Wenn Italiener freiwillig Schlange stehen, dann muss da etwas Besonderes dahinterstecken. Unsere Neugier war sofort geweckt. Wahrscheinlich kennt jeder dieses Phänomen. Man ist eigentlich pappsatt, aber sobald viele Leute irgendwo anstehen, denkt das Gehirn automatisch: Das brauchen wir auch.

Also reihten wir uns ein. Langsam rückten wir Richtung Theke vor und hatten dabei genügend Zeit, die prall gefüllten Vitrinen zu bestaunen. Törtchen, Cannoli, Gebäck, Pralinen und natürlich Eis in allen erdenklichen Sorten. Allein das Zuschauen machte schon wieder Appetit. Als wir endlich an der Reihe waren, blieb ich bei Pistazie – inzwischen fast schon ein Urlaubsritual – während Stefan zur Zitronensorte griff. Die ersten Löffel bestätigten sofort den guten Ruf des Hauses. Cremig, intensiv und genau die richtige Mischung aus Süße und Geschmack. Für ein paar Sekunden schauten wir uns grinsend an und mussten beide lachen. Eben noch hatten wir behauptet, keinen Bissen mehr herunterzubekommen.
Aber Gelato zählt in Italien ohnehin nicht als Nachtisch. Gelato füllt keinen Magen. Gelato schließt einen Urlaubstag würdevoll ab. Und genau dafür war es an diesem Abend einfach perfekt.

Zurück auf dem Campingplatz klang der Tag dann endlich aus. Ich sortierte Bilder, Stefan machte es sich mit einem Glas Whiskey im Campingstuhl gemütlich und sah aus wie jemand, der gerade beschlossen hatte, mit der Welt Frieden zu schließen. Und genau in diesem Moment betrat eine kleine schwarz-weiße Katze die Bühne. Sie sah Stefan an, prüfte die Lage, sprang auf seinen Schoß und rollte sich zusammen, als sei das seit Monaten so vereinbart. Stefan bewegte sich nicht. Jeder weiß: Wenn eine Katze dich adoptiert, unterschreibt man stillschweigend.
Später ging er duschen. Die Katze folgte. Wartete vor der Tür. Begleitete ihn zurück. Loyaler als manches Navigationsgerät und deutlich niedlicher. Vielleicht hielt sie ihn für eine besonders ruhige, große Katze. Vielleicht mochte sie auch einfach Whiskey-Aura und Campingstuhl-Romantik. Jedenfalls hatten wir an diesem Abend nicht nur Amalfi, die Smaragdgrotte, Pompeji und Pizza erlebt, sondern Stefan wurde auch noch offiziell von einer italienischen Katze übernommen.
Und damit endete dieser Tag. Mit Salz in den Haaren, Zitronen im Auto, Pizza im Bauch und einer Katze. Morgen konnte kommen.

















































