Vespa Nummer Zwei. Weiß. Klein. Und der Anhänger-Plan lebt wieder.
Wer den letzten Beitrag hier gelesen hat – und wer ihn nicht gelesen hat, sollte das jetzt nachholen, denn sonst fehlt die Vorgeschichte, die nötige Dramatik und das Verständnis dafür, was hier gerade passiert – der weiß: Wir haben vor genau einem Jahr, am 3. Mai 2025, spontan eine knallrote Vespa GTS 310 gekauft. An einem Samstagvormittag. Mit Kaffee. Ohne Plan. (→ Den ganzen Bericht gibt es hier: Bye bye Harley, hallo Vespa – WROARR war gestern]
Damals haben wir drei Szenarien aufgestellt.
Option A: Vespa steht traurig in der Garage wie einst die Harleys.
Option B: Wir kaufen eine zweite.
Option C: Wir teilen friedlich. Wenn wir zusammen fahren, sitze ich hinten.
Heute ist der 30. Mai 2026. Wir haben heute eine Vespa Primavera 125 gekauft.
Schneeweiß. Klein. Hübsch wie ein Cappuccino auf einer sonnigen Piazza. Und noch in zwei Wochen beim Händler, weil man sowas nicht einfach direkt mitnimmt – man lässt es ein bisschen ziehen, wie einen guten Rotwein. Oder weil das Nummernschild noch nicht da ist. Eines von beidem.
Jedenfalls: Option B ist eingetreten. Exakt ein Jahr nach der ausdrücklichen Option-B-Warnung. Wir waren also entweder sehr konsequent oder vollständig beratungsresistent. Ich tendiere zu Letzterem. Damit stellt sich natürlich die naheliegendste Frage überhaupt, die sich seit dem Moment stellt, in dem die Primavera im Showroom stand und wir beide gleichzeitig auf sie zugingen:
Wer fährt die Kleine? Und wer die Große?
Das klingt einfach. Das ist es nicht.
Die GTS 310 ist objektiv die überlegene Maschine. Mehr Hubraum, mehr Leistung, mehr Autobahntauglichkeit, mehr Vespa. Sie ist die Erwachsene im Raum. Souverän. Selbstbewusst. Die, bei der man beim Losfahren kurz durchatmet und denkt: Ja. Das ist es.
Aber die Primavera 125? Die ist so kompakt und so elegant und so unverschämt leicht zu fahren, dass man sie sofort haben will – ohne genau erklären zu können warum. Sie passt in jede Lücke, die kleiner ist als ein Kinderwagen. Sie sieht aus wie das offizielle Fortbewegungsmittel von jemandem, der durch Florenz fährt, dabei Eis isst und trotzdem stylish aussieht. Sie ist die, bei der man sagt: „Die ist ja gaaanz klein“ – und das eindeutig als Kompliment meint.
Kurzum: Beide wollen die Kleine. Beide behaupten, die Große sei natürlich auch schön. Stefan schaut die Primavera an mit dem Blick von jemandem, der bereits eine Entscheidung getroffen hat, sie aber noch nicht kommuniziert. Ich auch. Wir schauen uns kurz an. Dann schauen wir beide wieder die Primavera an.
Das klären wir in zwei Wochen. Bei der Abholung. Wer zuerst aufspringt, fährt.
Und jetzt kommt der Teil, der erklärt, warum das alles eigentlich Sinn ergibt und nicht einfach nur maßloser Vespa-Konsum ist:
Der Anhänger-Plan lebt.
Wer den alten Beitrag gelesen hat, erinnert sich: Als die Harleys noch in der Garage standen und der Camper gerade neu war, hatten wir mal kurz die Idee, einen Anhänger an den Camper zu hängen und die Motorräder einfach mitzunehmen. Damals haben wir den Plan nicht weiterverfolgt, weil eine Harley auf einem Anhänger hinter einem Camper zwar großartig klingt, in der Praxis aber eine logistische Herausforderung darstellt, die wir nicht bereit waren einzugehen.
Zwei kompakte Vespas auf einem kleinen Anhänger hingegen? Das ist ein anderes Kapitel. Das ist machbar. Das ist sogar sehr machbar. Eine GTS 310 und eine Primavera 125, nebeneinander auf einem Anhänger, Camper vorne, Vespas hinten – und dann durch Italien. Gardasee mit Vespa-Ausflügen nach Sirmione. Toskana mit Vespa durch die Zypressenalleen. Die Amalfitana, wo man sowieso nur mit kleinen Fahrzeugen weiterkommt.
Und damit das keine Idee bleibt, die in einem Jahr wieder in der Schublade liegt: Der Termin für den Einbau der Anhängerkupplung am Camper steht bereits. 16. Juni. Läuft!
Der Anhänger-Plan, der beim ersten Mal an der Realität scheiterte, bekommt mit zwei kleinen Vespas plötzlich eine völlig neue Plausibilität. Und einen fixen Termin. Und damit ist er kein Plan mehr. Er ist ein Vorhaben. Mit Datum.

In zwei Wochen wird die Primavera abgeholt. Dann stehen sie nebeneinander vorm Haus – Rot und Weiß, Groß und Klein, GTS und Primavera. Und dann klären wir endgültig, wer fährt die Kleine? Wer fährt die Große? Fortsetzung folgt.
Und hier noch das kurze Update zu neune drei Szenarien. Wie damals – für alle, die mitgezählt haben:
Option A – Das Rotationssystem: Wir fahren abwechselnd. Montags die Große, dienstags die Kleine, mittwochs ist Camper-Tag, donnerstags wieder tauschen, freitags entscheiden wir spontan – was natürlich jedes Mal in einer Diskussion endet, die länger dauert als die eigentliche Ausfahrt. Ein ausgeklügeltes Excel-Dokument mit Farbkodierung wird erstellt, einmal benutzt und dann nie wieder geöffnet. Irgendwann fahren wir einfach beide dieselbe, weil wir vergessen haben, wer heute dran war.
Option B – Die demokratische Lösung: Wir entscheiden per Schere-Stein-Papier. Klingt fair. Ist es nicht. Denn Stefan hat in zwanzig Jahren Ehe noch nie Schere-Stein-Papier mit mir gespielt – was bedeutet, dass wir jetzt, in diesem entscheidenden Moment, zum ersten Mal in unserem gemeinsamen Leben dieses Spiel bestreiten würden. Ohne Übung. Ohne Strategie. Ohne jegliche Erfahrung mit dem gegnerischen Spielmuster. Stefan überlegt kurz. Ich überlege kurz. Wir strecken gleichzeitig die Fäuste aus. Drei. Zwei. Eins. Ich zeige Stein. Stefan zeigt Stein. Unentschieden. Nochmal. Ich zeige Stein. Stefan zeigt Stein. Nochmal. Ich zeige Stein. Stefan – und hier weiche ich erstmals vom Muster ab, weil ich merke, dass er nicht wechselt – zeige Schere. Stefan zeigt Stein. Ich verliere. Ich fechte das Ergebnis sofort an. Wir spielen best of five. Dann best of seven. Dann entscheiden wir, dass Schere-Stein-Papier als Entscheidungsmethode für Fahrzeugzuständigkeiten grundsätzlich ungeeignet ist und eigentlich verboten gehören sollte. Die Frage, wer welche fährt, ist weiterhin offen.
Option C – Die wissenschaftliche Methode: Wer kleiner ist, fährt die Kleine. Wer größer ist, fährt die Große. Das klingt logisch, wasserdicht und vollkommen objektiv – bis man feststellt, dass wir uns in der Körpergröße um genau drei Zentimeter unterscheiden, was die Frage aufwirft, ob drei Zentimeter ausreichen, um die Entscheidung zu rechtfertigen, oder ob wir einen unabhängigen Gutachter brauchen. Wir einigen uns auf einen Kompromiss: Ich bin eindeutig kleiner. Also fahre ich die Kleine. Stefan fährt die Große. Beide sind zufrieden. Bis Stefan die Primavera sieht und sagt: „Die ist ja eigentlich auch für mich gut.“ Und das Spiel beginnt von vorne.
